• Blog
  • |
  • Falk Stirkat
  • |
  • 23.01.2017

Einsatz 18

Falks heutiger Rettungseinsatz fordert ihn weniger medizinisch, sondern viel mehr menschlich.

Hallo liebe Leser,

nach länger kreativer Pause, in der ich es nun endlich geschafft habe mein neues Buch zu beenden, möchte ich mich mal wieder von der notfallmedizinischen Front melden. Ich habe mir vorgenommen, euch von einem Einsatz zu berichten, der mich vor ein paar Wochen ziemlich gefordert hat – und das nicht auf die medizinische Tour.

Wie ihr vielleicht wisst, sind mein Team und ich für einen relativ großen Autobahnabschnitt verantwortlich. Und da erlebt man so einiges. Verkehrsunfälle, Panikattacken, ja sogar spontane Geburten auf dem Weg in den Urlaub sind absolute Routine. Keine Routine sind allerdings gestrandete Gefangenentransporte. Ja, ihr habt richtig gehört – Gefangenentransporte. Denn von Zeit zu Zeit werden Straftäter, denen der Richter ein paar Jährchen Bed and Breakfast auf Staatskosten spendiert hat, von einem Ort zum andern verlegt – warum auch immer.

Im Rahmen einer solchen Ausfahrt kam es vor kurzem bei einem der Insassen zu einem ziemlich unschönen Krampfanfall – und das mitten in meinem Verantwortungsbereich. Also wurden mein Team und ich auf die Autobahn geschickt, um uns dort um entsprechenden Patienten zu kümmern. Der Mann lag bewusstlos auf dem Boden des ziemlich interessant eingerichteten Gefangenenbusses. Schnell erhielt ich die Info, er habe in einer Videozelle gesessen, sei plötzlich vom Stuhl gekippt und hätte ganz wild angefangen zu krampfen.

Nach einer Untersuchung des Patienten war eines klar – ein epileptischer Anfall im klassischen Sinne lag nicht vor! Vielmehr sprachen alle Anzeichen eine sehr deutliche Sprache. Unser Gefangener hatte einen psychogenen Krampfanfall erlitten. Und tatsächlich. Es dauerte keine zwei Minuten, da unternahm der Typ einen halbherzigen Fluchtversuch, der natürlich sofort von den zuständigen Beamten vereitelt wurde. Völlig überraschend schloss sich dem kurzen Aufbäumen ein weiterer „Krampfanfall“ unmittelbar an. Jetzt ist man als Notarzt in der dummen Situation, lediglich eine klinische Diagnose stellen zu können. Bestimmte Laborparameter, die diese, wenn auch sehr naheliegende Diagnose untermauern oder gar die Möglichkeit der Bildgebung, haben wir leider nicht. Außerdem erfordert auch ein psychogener Krampfanfall die Konsultation eines Facharztes (allerdings ist hier kein Neurologe, sondern ein Psychiater von Nöten).

Insofern blieb mir keine Wahl als auf die Krankenhauseinweisung des störrischen Gefangenen zu bestehen - was von den Justizvollzugsbeamten mit absoluter Begeisterung vernommen wurde. Die befanden sich nämlich mitten in der Mitte ihrer Strecke und hatten noch ein paar hundert Kilometer vor sich. Weil es sich aber um einen verurteilten Straftäter handelte, mussten ein paar (die Jungs reisen genau für solche Fälle immer mit großzügiger Besatzung) JVA-Mitarbeiter beim Patienten bleiben, um ihn zu bewachen. Feierabend ade. Außerdem mussten neue Kollegen organisiert werden, damit die beiden Unglückseeligen irgendwann dann doch mal Feierabend machen konnten. Die Begeisterung war riesig. Die dezente Frage, ob denn eine Krankenhauseinweisung auch wirklich nötig war, musste ich leider bejahen.

Und so kam es, wie es kommen musste. Auch die Mitarbeiter der Notaufnahme konnten ihre Begeisterung über einen bewachten Straftäter im Hause kaum zurückhalten. Aber so ist das eben. Es sind nicht immer die großen medizinischen Fragestellungen, die uns vor große Herausforderungen stellen. Manchmal sind es eher die medizinisch völlig unbedeutenden, jedoch menschlich und organisatorisch doch sehr problematischen Dinge, die uns ein Übermaß an Kreativität und manchmal auch Geduld abverlangen.

In diesem Sinne bis bald.
Euer Falk

Mehr zum Thema

Blog: Einsatz 17

Blog: Einsatz 16

Blog: Einsatz 15

  • Falk Stirkat - Foto: Emotion in Frames

    Falk Stirkat ist Notarzt und erzählt in seinem Blog von besonderen Einsätzen.