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  • 30.05.2016

Einsatz 11

Hi miteinander,

nachdem die letzten Wochen vollgepackt waren mit Fachwissen und der einen oder anderen Diskussion zum Thema Allergie, möchte ich heute einfach ganz entspannt von einem Einsatz erzählen, der mein Team und mich diese Woche stark beschäftigt hat.


Alles war ruhig und wir frönten mal wieder dem aktiven Fifaspiel, bei dem ich regelmäßig Prügel einsteckte. Gerade als die Diskussion in Richtung Abendessenplanung "abdriftete", meldete sich die Rettungsleitstelle über den Funkmelder und schickte uns ein paar Kilometer weiter auf eine Landstraße. Unsere Begeisterung hielt sich in Grenzen, denn draußen schüttete es aus Eimern. Keine dreißig Sekunden später saßen wir im NEF (Notarzteinsatzfahrzeug), hinter uns der RTW (Rettungswagen), und düsten mit Vollgas zu einer verunfallten Fahrerin.

Das Szenario, was sich uns bot, war nicht besonders schön. Der Unfall war in einer Kurve passiert. Ganz offensichtlich war der Kleinwagen wegen des nassen Wetters von der Straße abgekommen. Dem Zustand des Autos nach war der Fahrer ordentlich schnell unterwegs gewesen, denn von der Karosserie war nicht mehr all zu viel übrig. Gleich bei unserer Ankunft wurden wir von einem völlig blutüberströmten jungen Mann dazu aufgefordert, uns um seine Frau zu kümmern. Der Wagen hätte sich überschlagen und sie sei dabei aus dem Fahrzeug geschleudert worden. Immer wieder deutete er mit wilden Gesten in Richtung des kleinen Wäldchens, zu dessen Bäumen auch der gehörte, der die wilde Fahrt des Pärchens beendet hatte.

Mir schwante Übles. Ein Mensch, der bei einem Unfall aus dem Auto geschleudert wird, hat kaum eine Überlebenschance. Denn der Körper bewegt sich ja weiter in der Geschwindigkeit des Autos und wird dann ganz plötzlich von der Straße oder der Leitplanke oder sonst was gebremst. Das ist so, wie wenn man einen Körper einfach mit hundert Sachen gegen die Wand knallen würde. Da ist nicht mehr viel zu machen.

Die Patientin fanden wir dann ungefähr dreißig Meter vom Unfallauto entfernt auf dem Waldboden liegen. Sie hatte auf ihrem Flug vom Auto zum Auffindungsort ungefähr fünfzehn Bäume passiert, die sie alle an unterschiedlichen Körperteilen – also Kopf, Beine, Rumpf und so weiter – abgebremst haben mussten. Im besten Fall war der Körper also noch als solcher zu identifizieren. Mehr erwartete ich nicht.

Was uns erwartete?
Die Frau war völlig unversehrt. Sie war an allen Bäumen vorbeigeflogen ohne sie zu berühren und dann vom weichen Waldboden abgebremst worden. Die Frau hätte tot sein müssen. Dabei ging es ihr ausgezeichnet. Natürlich nicht seelisch, denn der Ernst der Situation war unserer jungen Patienten durchaus bewusst. Wir versorgten sie und brachten sie so behutsam wie möglich ins nächste Akutkrankenhaus. Auch dem Mann ging es den Umständen entsprechend gut. Das viele Blut, das uns anfänglich aufgefallen war, rührte von einer Platzwunde am Hinterkopf, die zwar genäht werden musste, alles in allem aber kein großes Problem darstellte.


Was aber der Frau an diesem Tag widerfahren war, grenzt an ein Wunder, obwohl ich an so etwas eigentlich nicht glaube. Trotzdem – hätte nur ein Baum ein paar Zentimeter weiter in der Flugbahn gestanden, hätte der Zusammenprall ihren Schädel zertrümmert.
Manche Dinge kann man einfach kaum glauben.

Bis nächste Woche,
euer Falk.

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    Falk Stirkat ist Notarzt und erzählt in seinem Blog von besonderen Einsätzen.