• Interview
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  • Ines Elsenhans
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  • 18.11.2013
  • Junior Doc Rike Schlingloff - Foto: ZDF

    Junior Doc Rike Schlingloff - Foto: ZDF

     
  • Rike Schlingloff - Foto: ZDF

    Rike Schlingloff - Foto: ZDF

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"Die Herzchirurgie ist meine Leidenschaft"

Friederike Schlingloff (29) ist Assistenzärztin in der Herzchirurgie an der Asklepios Klinik St. Georg in Hamburg. Für die ZDFneo Dokumentation "Junior Docs" ließ sie sich mit einer Kamera bei der Arbeit begleiten. Im Interview erzählt sie, wie die Dreharbeiten waren und warum ihr die Doku am Herzen liegt.

> Wie kam es zu dem Wunsch, ein Medizinstudium zu beginnen?

Ursprünglich wollte ich Französisch und Geschichte studieren, weil ich die beiden Fächer in der Schule als Leistungskurs hatte. An ein Medizinstudium dachte ich damals überhaupt nicht. Obwohl mich die Medizin immer interessiert hat, weil mein Vater Radiologe ist. Für das Medizinstudium hatte ich mich dann nur just for fun beworben. Als ich angenommen wurde, entschied ich mich, einfach mal mit dem Studium zu beginnen und zu schauen, ob das was für mich ist. Der Anatomie-Kurs im ersten Semester hat mich dann so begeistert, dass ich dabei blieb.

 

> Warum möchtest du Herzchirurgin werden?

Ich wusste schon früh, dass ich in die Chirurgie will. Das hat mir immer am meisten Spaß gemacht. Als ich während meines Studiums für Famulaturen, das PJ und die Doktorarbeit in Afrika war, durfte ich in der Chirurgie ganz viel mitanpacken. Ich lernte, wie man Wunden näht und durfte sogar einen Kaiserschnitt selber machen. Während dem Studium konnte ich ein Trimester in einem Wahlfach absolvieren und ging damals in die Herzchirurgie. Während dieser Zeit hatte ich zum ersten Mal ein schlagendes Herz in der Hand. Da wusste ich, wenn ich dort einen Platz bekomme, dann mache ich das auf jeden Fall. Die Herzchirurgie ist einfach meine Leidenschaft.

 

> Du bist Teil der ZDFneo Doku „Junior Docs“. Wie kam es dazu?

Das ZDF drehte letztes Jahr schon eine erste Staffel der Junior Docs und begleitete junge Assistenzärzte aus unserem Krankenhaus. Als nun die Anfrage für die zweite Staffel kam, fragte mich mein Chefarzt, ob ich nicht Lust dazu hätte. Daraufhin habe ich mich ganz spontan bei einem Casting vorgestellt.

 

> Wie lief das Casting ab?

Ich wurde etwa 45 Minuten lang vor einer Kamera interviewt. Dabei ging es um meinen Lebenslauf und warum mir die Herzchirurgie so gut gefällt. Das ZDF hat dann entschieden, wer bei der zweiten Staffel dabei ist und ich hatte Glück.

 

> Warum liegt dir das Projekt am Herzen?

Einmal finde ich wichtig, dass die Menschen sehen, was wir für eine Arbeit machen und wie ernst wir das nehmen. Außerdem war es für mich natürlich schön, meiner Familie zu zeigen, was ich tagtäglich tue. Nun verstehen sie mich besser, wenn ich von 6 Stunden OPs berichte und können nachvollziehen wie das ist. Gerade mein Vater war begeistert, dass wirklich alles realistisch war. Er selbst hatte seine Doktorarbeit in der Herzchirurgie gemacht.

 

> Wie kann man sich die Dreharbeiten vorstellen?

Die Arbeit war total interessant. Ich fand es echt spannend, weil ich auch jemand bin, der gern Filme und Dokus schaut und ich mich immer fragte, wie das eigentlich gedreht wird. Ich hatte richtiges Glück mit meinem Kamerateam, das mich drei Monate begleitet hat. Wir haben uns gut verstanden und uns schnell enger kennengelernt. Das Team bestand in der Regel aus vier Leuten. Da ist der Kameramann, ein Tonmann, eine Realisateurin und ein Set-Runner. Die Realisateurin ist diejenige, die mir im Interview immer die Fragen stellt. Mit ihr hatte ich schon vor den Dreharbeiten Kontakt, weil sie mich näher kennenlernen musste. Und der Set-Runner holt alle Zustimmungen ein von den Leuten, die in der Klinik gefilmt wurden. Denn jeder der im Bild ist, muss aufgeklärt werden und sein Einverständnis geben.

 

> Hat die Realisateurin dir auch Anweisungen für bestimmte Szenen gegeben?

Nein, die Doku hat sich niemand ausgedacht und alles ist echt. Die Realisateurin hat nie gesagt, ‚so jetzt mach mal das‘ oder ‚so wäre schön und jetzt sag doch mal jenes‘. Das Team ist einfach hinter mir hergelaufen und hat gefilmt was da so passiert ist. Da ist nichts verändert oder gestellt worden. Die waren total angenehm von der Art und sehr zurückhaltend. Es gab keine Situation, in der sich das Team aufgedrängt hat. Wenn es einem Patienten nicht gut ging oder es hektisch in der Notaufnahme wurde, haben sie sich einfach zurückgezogen. Mit der Zeit hat sich eine echte Freundschaft zwischen uns entwickelt. Wir treffen uns immer noch privat, weil das ganz liebe und interessante Leute sind.

 

> Kannst du einen Drehtag beschreiben?

Meist haben wir uns 20 Minuten vor meinem Arbeitsbeginn getroffen, damit noch Zeit war mir das Mikro anzustecken und zu filmen, wie ich morgens in der Klinik ankomme. Und dann ist das Team einfach mitgekommen: morgens in die Frühbesprechung, dann in den OP, in die Notaufnahme. Sie sind mir eben immer gefolgt. Einmal waren sie auch bei einer Wochenendschicht dabei und einem Nachtdienst. Dazu gab es ein paar Privatdrehs zum Beispiel beim Trainieren für einen Marathon. Meine Kollegin Marieke und ich sind da an der Alster gejoggt und ich weiß gar nicht, wie oft wir da gelaufen sind. An vier verschiedenen Stellen, hin und her, auf und ab, vor und zurück. Und dann waren die ja auch tatsächlich beim Marathon dabei. Das war richtig klasse. Das Team hat sich tatsächlich ein großes Dreirad gemietet und sind die ganze Zeit neben mir hergefahren. Erst hatten wir Angst, das das die Leute doof finden. Aber die haben sich total gefreut und haben gewunken. Das war total witzig! Auch beim Reiten waren sie dabei. Da gab es erst noch voll die Probleme, weil mein Pferd sich nicht an das Mikrophon und den langen Stab gewöhnen konnte. Wir dachten schon, wir müssten den Dreh abbrechen, aber dann haben wir es doch noch hinbekommen.

 

> Hat es dich behindert, bei der Arbeit immer gefilmt zu werden?

Nein, ich hatte nach fünf Minuten vergessen, dass die Kamera überhaupt da ist. Ich gewöhnte mich schnell daran, vor allem auch, weil ich mich mit dem Team so gut verstand. Die merkten ganz genau, wenn ich gestresst war oder eine blöde Situation war und haben sich dann einfach zurückgezogen. Ganz oft standen sie ein Stück von mir weg und sind nur hinter mir hergelaufen. Klar, manchmal war es anstrengend, weil man natürlich mit den Patienten vorher immer reden musste. Wenn wir einen Patienten tatsächlich filmen wollten, dann musste ich vorher einmal ohne Kamerateam reingehen und sagen, dass da ein Kamerateam von ZDF Neo da ist, das mich filmen möchte und sie dann eben auch im Bild sind. Das war natürlich zusätzliche Arbeit und ich war in der Drehzeit vielleicht ein bisschen langsamer in meiner Arbeit. Da mussten die anderen vielleicht einen Patienten mehr behandeln als ich. Aber grundsätzlich gestört haben mich die Dreharbeiten nicht.

 

> Wie haben die Patienten reagiert?

Die Reaktionen waren gespalten. Die einen haben gesagt, dass sie kein Problem damit haben, gefilmt zu werden, die anderen wollten es auf keinen Fall. Aber wir haben da natürlich nie jemanden bedrängt, das wäre mir total unangenehm gewesen. Mit einem Patienten, dem Patienten aus der allerersten Folge, bei dem ich die Brust aufmache, habe ich sogar danach noch Kontakt gehabt. Seine Frau schreibt mir immer noch Mails wie schön sie die Sendung findet und wie toll es doch sei, dass ich meinen Job so ernst nehme.

 

> Wie haben die Kollegen auf das Kamerateam reagiert?

Das war auch geteilt. Es gab viele Kollegen, die das ganz toll fanden und sich von der Kamera nicht gestört gefühlt haben. Und klar, es gab auch welche, die das unangenehm fanden. Oder die irgendwie das Gefühl hatten, ich dränge mich in den Vordergrund.

 

> Hattest du nie Angst, bei einem Fehler gefilmt zu werden?

Nein, in der Chirurgie ist man sowieso nie alleine und immer unter Beobachtung. Da steht eine OP Schwester neben einem, wenn man gerade was macht, der Anästhesist ist am Kopftuch, da ist ein Springer im Saal und meistens ist der Oberarzt oder ein anderer Assistenzarzt ja auch am Tisch. Damit, dass andere einen beobachten, wenn man was zum ersten Mal macht oder auch wie man einen Fehler macht, damit muss man in unserem Job leben. Und wenn mich dann eine Kamera dabei filmt, dass ich was falsch gemacht habe, dann mein Gott. Hauptsache ich mache es hinterher richtig. Ich finde es sowieso wichtig, dass man zu seinen Fehler steht, das ist unabdingbar in unserem Job.

 

> Gibt es eine besondere Situation von den Dreharbeiten, an die du dich gerne erinnerst?

Es war einfach nett mit dem Kamerateam, die ja Nichtmediziner sind. Je länger die da waren, desto mehr haben die verstanden, worum es geht und desto öfter haben die hinterher zu mir gesagt ‚oje, das ist ja schlimm, was machst du denn jetzt mit dem Patienten, was gibt es da für eine Lösung?‘. Und am Ende waren die immer diejenigen, die ihre Hände schon fast häufiger gewaschen haben als ich. Natürlich hatten auch alle immer Herzschmerzen oder einen AV Block. Alles was sie so aufgeschnappt hatten, hatten sie dann hinterher in ihrer Freizeit.

 

> Du hast einen stressigen Job, läufst Marathon, hast ein Pferd, Familie, Freunde. Wie bekommt du das alles unter einen Hut?

Ich bin total durchorganisiert. Das geht auch gar nicht anders. Ich plane den Tag schon durch im Viertelstundentakt. Aber mir macht das Spaß. Es gibt so viele Bereiche in meinem Leben, die mir wichtig sind. Die Arbeit macht mich total glücklich und ich habe jetzt auch meine ersten Veröffentlichungen. Auch meine Hobbies liebe ich und möchte nicht darauf verzichten. Irgendwie muss ich das alles unterbringen. Nur mein Freund, der kommt manchmal zu kurz, der ist schon ein bisschen traurig. Er ist kein Mediziner und ich glaube, ihm kommt das schon manchmal ein bisschen komisch vor, das wir Mediziner unsere Arbeit immer so in den Vordergrund stellen. Ich glaube, die Herzchirurgie muss man einfach lieben. Das ist kein Job, den man mal so machen kann. Da kann man nicht um vier Uhr die Arbeit liegen lassen und dann nach Hause gehen. 

 

Alle Infos zu den Junior Docs, Sendetermine, Einzelinterviews und alle Folgen online gibt's hier:

ZDFneo Junior Docs

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