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  • Andrea Clemens
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  • 10.08.2004

Sexueller Missbrauch von Kindern

52.099 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung wurden im Jahr 2000 vom Bundeskriminalamt erfasst, davon 15.581 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern, 2 % mehr als im Vorjahr. Sexueller Missbrauch liegt dann vor, wenn ein Erwachsener oder Jugendlicher gezielt ein Kind für seine eigene sexuelle Befriedigung benutzt, zu Handlungen, die das Kind aufgrund seines Entwicklungsstandes nicht verstehen kann und zu denen es auch kein Einverständnis geben kann.

Formen sexuellen Kindesmissbrauchs sind u.a.: Zungenküsse, das Berühren des Kindes an den Geschlechtsteilen, Aufforderung zu Handlungen am Täter/ an der Täterin, am eigenen Körper, an anderen Kindern, oraler, vaginaler oder analer Geschlechtsverkehr, Einführen von Fingern oder Gegenständen. Das Kind kann aber auch sexuell missbraucht werden, ohne es zu berühren - durch sexualisierte Bemerkungen, Exhibitionismus, Vorführung oder Herstellung pornographischer Bilder und Filme.

Dennoch geht es bei all diesen Taten in erster Linie um das Ausleben von Macht- und Dominanzgefühlen. Sexueller Missbrauch ist nicht nur körperliche Gewalt, sondern schwerste seelische Gewalt.

1050 Fälle von Beischlaf mit Kindern wurden 2000 erfasst, 28% mehr als noch 1999. Die Aufklärungsquote war mit 96% zwar sehr gut, jedoch darf nicht vergessen werden, dass die Dunkelziffer der nicht rechtlich erfassten Fälle von Missbrauch um ein vielfaches höher liegen als die tatsächlich gemeldeten Fälle.

92% der Opfer von sexuellem Missbrauch sind weiblich. 58% stehen mit dem Täter in verwandtschaftlicher oder enger bekanntschaftlicher Beziehung. Ein Drittel der Opfer hatte keine Vorbeziehung zum Täter oder diese blieb ungeklärt (7,9%)

Auch Jungen werden Opfer

Weitaus mehr Jungen als bisher angenommen, werden in ihrer Kindheit Opfer sexueller Übergriffe.
Hier sind die Täter meist Bezugspersonen aus dem sog. außerfamiliären Nahraum (Bekannte, Nachbarn, Trainer, Betreuer etc.). Selten sind es Fremde. Aber auch bei Jungen kommt der Täter auch aus der eigenen Familie (Cousins/Cousinen, Großeltern etc.). Aber auch Väter und Mütter müssen als Täter/innen genannt werden.
Bei der Frau, v.a. der Mutter, als Täterin ist die Dunkelziffer wegen der besonderen Tabuisierung besonders hoch. Sehr oft sind die Täter selbst noch Jugendliche oder junge Erwachsene. Häufig missbrauchen die Täter mehrere Kinder parallel, ohne dass die Opfer voneinander wissen.
Das anerzogene männliche Rollenbild vermittelt Jungen, dass Schmerzen und Gefühle unmännlich sind und nicht gezeigt werden dürfen. Deshalb verdrängen männliche Opfer ihre Gewalterfahrungen in ganz besonderem Maße und können sich sehr selten jemandem anvertrauen. Oft ist auch der Täter einer der wenigen, wenn nicht gar der einzige Mann, der sich intensiv um den Jungen kümmert. Der Täter sucht sich meistens einen "ausgehungerten" Jungen und benutzt dessen Suche nach Zuwendung für seine eigenen Zwecke, um ihn zu missbrauchen.
Das männliche Opfer leidet oft unter starken Schuldgefühlen: Schließlich ist der Junge ja freiwillig mit dem Täter mitgegangen, hat ihn vielleicht sogar aufgesucht. Der Täter ist meist ein heterosexueller Mann, nicht, wie vielfach angenommen, homosexuell. Dennoch haben viele Opfer große Angst, als "schwul" betrachtet zu werden. Schließlich wird diese sexuelle Orientierung oft negativ bewertet. Sexuelle Ausbeutung durch eine Frau schätzen männliche Opfer selbst häufig zunächst als weniger traumatisierend ein als die durch einen Mann. Das ist allerdings ein Trugschluss!!!

Jungen lernen schon sehr früh, Ängste und Frustrationen in nach außen gerichtete Aggressionen umzuwandeln. Für einen Teil der Jungen, die keine Hilfe bei der Bewältigung ihrer schlimmen Erlebnisse bekommen, besteht so die Gefahr, vom Opfer zum Täter zu werden, die erlittene unerlöste Qual an andere weiterzugeben. Wenige Erwachsene können mit ängstlichen kleinen Jungen umgehen und so werden betroffenen Jungen ganz häufig alle Wege, um auf ihre Not aufmerksam zu machen, verschlossen. Wut, Aggression und grenzüberschreitendes Verhalten sind dann verständlicherweise oft die Folge. Andere Jungen ziehen sich völlig zurück und verstummen.

Die Folgen

Die Folgen des Missbrauchs sind für beide Geschlechter verheerend. Jedes Kind entwickelt eine Überlebens-Strategie, um mit der seelischen Erschütterung fertig zu werden. Dies ist ein Schutzmechanismus der Seele. Die wichtigsten Strategien werden im folgenden aufgeführt:

Selbstverletzendes Verhalten: Ein Verhalten, dass eine physische Verletzung des eigenen Körpers schafft. Die Schädigungen umfassen alle Verletzungsgrade, können durchaus lebensgefährlich sein. Es tritt als Reaktion der wirklichen oder auch nur scheinbar drohenden Minderung der eigenen Macht in Erscheinung (Selbsthass, Selbstschädigung, Selbstmord, Masochismus). Viele Opfer erklären ihr selbstverletzendes Verhalten "Wenn mein Blut fließt, lässt der innere Druck nach", "Wenn ich mein Blut sehe, weiß ich, dass ich noch lebe" u.a.. Selbstzerstörung hat viele Gesichter, nicht nur blutige. Süchte aller Art dienen genauso der Selbstzerstörung wie gewalttätige Beziehungen, in der man sich prügeln und verletzen lässt.

Bagatellisierung: Diese Verharmlosung bedeutet, sich selbst und anderen vorzumachen, was dem Kind angetan wurde, sei "eigentlich gar nicht so schlimm gewesen". Das Geschehen wird heruntergespielt, ein Selbstbetrug, um die erlittene Qual nicht in ihrem ganzen Ausmaß fassen zu müssen.

Projektion: Darunter versteht man das unbewusste Verlegen der innerlichen Vorgänge nach außen. Hier werden eigene Wünsche, Fehler, Schuld oder ähnliche Gefühle auf andere Personen, Situationen oder auch Gegenstände verlagert. Diese (fälschliche) Wahrnehmung hilft in der Regel, die innen erlebte Angst zu verringern.

Rationalisierung: Verstandesmäßige Rechtfertigung eines Verhaltens, innere Ausrede. Wahre, aber nicht eingestandene (verbotene) Dinge werden durch unwahre, aber erlaubte ersetzt. Hier werden Vernunftgründe gesucht, die das Geschehene "begreiflich" und damit erträglicher machen sollen. Das Unfassbare wird "weg-erklärt" und der Täter oder die Täterin i.d.R. entschuldigt: "Meine Mutter war ja auch nie zuhause, wenn "ER" sie brauchte", "Er/sie hat mir doch auch gar nicht wehgetan, wollte sicher nur lieb sein".

Verdrängung: Eine leise Ahnung bohrt sich irgendwann aus dem Unterbewusstsein nach oben, ein komisches Gefühl oder irgendein "Schlüsselerlebnis", ein Gesicht, ein Geruch, vielleicht nur ein bestimmtes Wort, erinnert plötzlich, wie aus heiterem Himmel, an etwas aus längst vergangener Zeit, und nach und nach tauchen die Bilder und Gefühle wieder auf. Und das Opfer zweifelt an seinem Verstand "So etwas schlimmes kann man doch nicht einfach vergessen!" Doch - gerade weil es so schlimm war!

Vergessen ist ein Schutzmechanismus der kindlichen Seele, mit dem Kinder ganz häufig auf sexuellen Missbrauch reagieren. Das Erlittene wird nicht wirklich vergessen, sondern nur im Unterbewussten verdeckt, manchmal Jahrzehntelang.
Weitere, häufige Folgeerscheinungen sind Promiskuität, Sucht, Essstörungen, Prostitution.

Merke: Jede psychische Erkrankung/Auffälligkeit kann Ausdruck bzw. Folge von sexuellem Missbrauch sein!!!

Das erwachsen gewordene Opfer

"Vergiss es doch einfach" oder "Das ist doch alles schon so lange her" sind Sätze, die Betroffene so oft zu hören bekommen. Doch das sind keine guten Ratschläge. Beim Kindesmissbrauch gilt nicht die altbekannte Weisheit, Zeit heile alle Wunden.
Jede Traumatisierung eines Menschen bedeutet eine Grenzüberschreitung von außen nach innen. Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Frauen ist ein häufiges, in der gesamten Bevölkerung verbreitetes Phänomen mit einer außergewöhnlich hohen Dunkelziffer. Sexuelle Gewalt findet hauptsächlich im sozialen Nahraum statt. Dabei nutzt der Erwachsene die ungleichen Machtverhältnisse aus,. Um das Kind zur Kooperation zu zwingen. Die Verpflichtung zur Geheimhaltung ist ein zentrales Problem. Dadurch wird das Kind zur Sprachlosigkeit, Wehrlosigkeit und Hilflosigkeit verurteilt, so dass selten Hilfe von außen gesucht wird.
Die Auswirkungen und Folgen sind je nach Lebensalter und Persönlichkeit unterschiedlich. Sie sind umso gravierender:

  • je größer der Altersabstand zwischen Täter und Opfer ist
  • je größer die verwandtschaftliche Nähe ist
  • je länger die sexuelle Traumatisierung andauert
  • je jünger das Kind bei Beginn der Traumatisierung war
  • je mehr Gewalt angedroht oder angewendet wird
  • je vollständiger die Geheimhaltung ist
  • je weniger schützende Vertrauensbeziehungen zu anderen Personen bestehen.

Trauma-Erfahrungen sind mit Ereignissen verbunden, die außerhalb des Rahmens normaler menschlicher Verarbeitungsmöglichkeiten liegen und die für jeden Menschen seelisch extrem belastend sind. Die Betroffenen erleben sich selbst als Opfer schrecklicher, unfassbarer Ereignisse, denen sie hilflos ausgeliefert sind. Handeln hat keinen Sinn mehr, denn weder Widerstand noch Flucht sind möglich. Das Selbstverteidigungssystem ist überfordert, es kommt zum Zusammenbruch und zur temporären oder dauerhaften Zerstörung des Selbstschutzsystems.
Die Schwierigkeiten der Affektregulierung, die Bewusstseinsveränderungen, die veränderte Selbstwahrnehmung und die veränderte Wahrnehmung von Objekten führen fast unweigerlich zu Beziehungsproblemen in sämtlichen Bereichen, ausgeprägtem Misstrauen und Veränderungen des Wertesystems. Die in der Kindheit entwickelten Abwehrstrategien erweisen sich im Erwachsenleben nicht nur nutzlos, sondern hinderlich und destruktiv.

Partner als Mitbetroffene

Die Partner oder Partnerinnen sind massiv mit betroffen, denn auch sie müssen mit den schwerwiegenden Folgen des Missbrauchs leben. In Liebesbeziehungen ersehnen sich wohl alle Menschen Vertrauen, Nähe, Intimität, Erotik und eine tiefe seelische Verbundenheit. Gerade hier, aber auch in engen Freundschaften, die keine sexuelle Intimität beinhaltet(!!!) wird der erlebte Schmerz und der Verlust, den missbrauchte Menschen erlitten haben, besonders deutlich. All diese liebesnotwendigen Fähigkeiten wurden ja durch den Missbrauch im Keim erstickt. So fehlen logischerweise die wichtigsten Voraussetzungen für den gesunden Aufbau einer Liebesbeziehung oder auch engen Freundschaft.
"Angst vor Nähe" steht in allen Fachbüchern unter "Folgeerscheinungen", ist auch leicht daher gesagt, aber wer sie je gefühlt hat, weiß, wie weh sie tut, diese Angst vor der unbekannten und doch so sehr ersehnten Nähe und der wahren Liebe. Hinter Panikattacken, Herzrasen, Übelkeit, Schweißausbrüche u.ä. maskiert sich diese Angst, wenn man lieben und geliebt werden möchte und doch so eine Angst davor hat. Wie sollen das aber Partner begreifen können, bei denen Nähe nun doch so ganz andere wohlige Gefühle auslöst? Der geliebte Mensch hat in der Regel Schwierigkeiten mit Vertrauen, Verbindlichkeit, Berührung, Nähe und Sexualität und das wirkt sich natürlich erheblich auf die Beziehung aus. "Wie kann ich nun helfen, unterstützen, ohne selbst zu verhungern?" fragen sich viele, die frustriert und einsam einen verzweifelten Kampf gegen einen meist ziemlich "unbekannten Feind" kämpfen, nämlich den Missbrauch des Menschen an ihrer Seite. Aber wie?
Nun, zunächst ist es wichtig, den Feind überhaupt einmal zu kennen. Der betroffene Mensch redet aber meistens ungern, wenig oder gar nicht über das Thema. Dann gibt es durchaus Möglichkeiten, sich an anderen Stellen über den Missbrauch und seine Auswirkungen zu erkundigen und so manches wird dann verständlicher.
Allein ist der "Kampf" kaum zu schaffen. Die Partner stehen oft hilflos und verwirrt in einem Chaos der Gefühle, werden mitgeschleift durch Höhen und Tiefen und wissen nicht wieso. Und so ist es verständlich, dass auch die Partner von Betroffenen Hilfe von außen brauchen. Das können Freunde oder Freundinnen sein, Selbsthilfegruppen oder auch Psychotherapeuten. Gute Hilfestellung bietet das Buch "Verbündete", ein Handbuch für Partner/innen sexuell missbrauchter Menschen von Laura Davis aus dem Orlanda Frauenverlag.
Ein Patentrezept gibt es leider nicht. Die Heilung eines Missbrauchsopfers ist ein sehr langer und mühsamer Weg, und die Begleitung auch. Ohne Einfühlungsvermögen, Selbstbewusstsein, Geduld und Humor und v.a. ohne die Kenntnis der eigenen Grenzen hat der Partner wenig Chancen, ihn zu unterstützen, ohne sich dabei selbst zu verleugnen.

Hilfe

Grundlegende Hilfe kann nur eine professionelle Psychotherapie bringen. Je länger es dauert, bis die Therapie beginnt, desto schwieriger ist es, zum Kernproblem durchzuringen.

Gesprächstherapie

Hier wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch danach strebt, sein eigenes, ihm innewohnendes, seelisches Wachstumspotential zu entfalten und dass dabei eine therapeutische Beziehung, die sich durch Akzeptanz, Empathie und Kongruenz seitens des Therapeuten auszeichnet. Bedingung ist Selbstannahme, Selbstaktualisierung. Im Mittelpunkt steht das gegenwärtige Erleben des Hilfesuchenden, der ermuntert wird, Probleme und Gefühle in Worte zu fassen. Der Therapeut unternimmt keine Versuche der Interpretation und Überredung, sondern dem Patienten wird sein Verhalten vor Augen geführt. Wirksame Faktoren dürfte die Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen und vermehrte Einsicht in das eigene Funktionieren.

Verhaltenstherapie

Leitfaden der Verhaltenstherapie war ursprünglich nur das beobachtbare Verhalten, das es "abzuändern", nicht unbedingt zu verstehen gab. Doch es zeigte sich bald, dass Menschen und ihre Probleme nicht auf reines Verhalten reduziert werden können, dass ihr Erleben, Träume, Vorstellungen etc. nicht unwesentlich sind. In der Verhaltenstherapie ist eine große Anzahl einzelner Therapietechniken entwickelt worden., wie z.B. das Modell-Lernen, die systematische Desensibilisierung, das Biofeedback. Hier geht es um eine Funktionseinheit zwischen Bewusstsein und Handlung.
Weitere häufige Therapieformen sind Gestalttherapie, Hypnose-Therapie, Kunsttherapie.

Was tun bei Verdacht?

Greifen Sie zum Schutz des Kindes ein, aber nicht überstürzt oder voreilig! Das könnte fatale Folgen haben. Ermitteln Sie nicht selbst, sondern schalten sie Fachleute von Beratungsstellen, Kinderschutzdiensten oder Jugendämtern ein, notfalls auch vorerst anonym. Dort ist man nicht zur Anzeige verpflichtet.
Die Polizei allerdings muss handeln. Eine Mittelung an die Polizei schließt aber natürlich die Hilfe anderer Einrichtungen nicht aus und gewährleistet offizielle, professionelle und in der Regel einfühlsame Ermittlungen. Auch hier gibt es Spezialist/Innen (Jugendbeauftragte u.ä.), die sie beraten.
Und wenn ein Missbrauch an einem Kind aufgedeckt wurde, lassen Sie das Kind nicht "allein im Regen stehen", auch wenn Sie sich jetzt sehr ohnmächtig fühlen. Mehr als alles andere braucht das Kind jetzt Geborgenheit und ganz viel Liebe und einen Platz, an dem es jederzeit reden kann, wenn es möchte, aber nicht reden muss!

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