• Glosse
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  • Rüdiger Wohlfahrt
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  • 19.03.2009

Mein erster Nachtdienst

Der erste Nachtdienst auf der Intensivstation. Schon Tage vorher konnte der junge Assistenzarzt Rüdiger Wohlfahrt (Name von der Redaktion geändert) vor Aufregung nicht gut schlafen. War er der Aufgabe gewachsen? Lest hier von seiner turbulenten ersten Nacht alleine auf Station.

Schon allein die hochsommerlichen Temperaturen am Nachmittag bringen mich fürchterlich zum Schwitzen. Um Viertel vor 5 beginnt der Nachtdienst mit der Übergabe auf der Intensivstation. Zu jedem Patienten mache ich mir einen kleinen Vermerk mit seinen Erkrankungen sowie was ich tun müsste, wenn irgendeine vorhersehbare Komplikation einträte. Und schon piepst der Notfunk - ein Marcumarwert ist einzustellen. Also laufe ich in den dritten Stock, sehe mir die Quickwerte der letzten drei Tage an und lege und die Anzahl an Marcumartabletten für heute fest.

"Ach übrigens", meinen da die Schwestern nebenbei, "Patient XY hat Fieber bekommen. 39.5°C, die Temperatur war schon den ganzen Tag so hoch." Nur hat keiner die Stationsärztin informiert. Oh Gott, was jetzt? Zwei Schwestern schauen mich an und erwarten eine sofortige Anweisung von mir. Ich hole meine Karten raus und schaue schnell nach. Zum Glück habe ich mir etwas zu Fieber aufgeschrieben: Viel Flüssigkeit, Paracetamol, Novalgin. Bei Pneumonie Augmentan 3 x 1.2 g iv., bei Harnwegsinfekt 2 x 250 mg Ciprobay po. Ich frage, ob schon ein Thoraxbild und ein Urinstatus gemacht wurden. Na klar, beides liegt schon vor. Auf dem Thoraxbild sehe ich keine Verschattungen, im Urinbefund ist Nitrit und Blut positiv. Der Patient hat also einen Harnwegsinfekt. Aber der iv-Zugang für die Flüssigkeit fehlt. Also muss ich ihm schnell eine Vygo legen, währenddessen piepst mich schon der nächste Notfall an. Und Mist, es gibt keine großen Handschuhe, die Stationsärztin benutzt entweder gar keine oder nur die kleinen. Handschuhe suchen, stauen, Vygo schieben, Vene platzt, andere Seite stauen, Zugang klappt diesmal, aber ich habe kein Pflaster, um den ersten missglückten Versuch zuzukleben. Es tropft aufs Bett und auf meinen Kittel. Ich hoffe, dass die Schwestern nachsichtig mit mir sind.

 

Der nächste Patient - ein Notfall in der Ambulanz

Schnell haste ich zurück zum Schwesternzimmer, schnappe mir das Telefon und rufe den letzten Piepser zurück. Diesmal ist es das Aufnahmezimmer, ein Patient wird gerade vom Notarzt gebracht. Ich renne die drei Etagen über die Treppe runter, der Aufzug dauert mir zu lange und ist um diese Zeit noch mit fröhlichen Besuchern voll. Wie können sich die nur freuen, während ich vor Panik weiterschwitze!

In den Nächten vor dem ersten Dienst habe ich besonders schlecht geschlafen und permanent gegrübelt, was ich wohl in welcher Situation als erstes tun müsste. Natürlich gibt es immer einen Oberarzt, der Hintergrunddienst hat und den man zuhause anrufen kann; aber im Prinzip wollte ich schon versuchen, die wesentlichen Dinge selbst zu erledigen. Zur Vorsicht habe ich mir aber alle wichtigen Telefonnummern auf eine Karte für die Kitteltasche geschrieben - angefangen von den Nummern der Oberärzte, von allen Stationen sowie die Funknummern der diensthabenden Chirurgen und Anästhesisten. Aber zurück zu meinem nächsten Patienten:

Der 75-Jährige habe etwas Atemnot und einen leichten linksthorakalen Druck, erklärt mir der Notarzt, aber bisher seien noch keine kardialen Erkrankungen bekannt. Eigentlich werden die Patienten von den Notärzten vorher telefonisch angekündigt, damit man sich im Krankenhaus darauf einrichten kann, aber das hat dieses Mal nicht geklappt. Die Schwestern im Aufnahmezimmer rühren keinen Finger. Ich denke, in den drei Minuten, die ich bis unten gebraucht habe, hätten sie den Patienten ruhig schon mal von der Trage in ein Bett legen oder ein EKG machen können.

Jetzt meldet sich die Pforte. Der Pförtner verbindet mich mit einem externen Anrufer, es ist wieder ein Notarzt, der einen Patienten mit Verdacht auf einen Schlaganfall bringt. So in 10 Minuten will er da sein. Das wird eine lustige Nacht, denke ich, während ich bei dem Patienten mit der Atemnot einen Zugang lege. Die Schwestern leiten ein EKG ab. Außer einem unregelmäßigen Rhythmus und einer leichten Tachykardie fällt mir nichts auf. Was für eine Arrhythmie das sein könnte, ist mir im Augenblick nicht klar. Wieder piepst es und wieder ist es ein Quickwert, den ich einstellen soll. Ich sage hastig, dass es jetzt nicht geht und schreibe mir auf einer weiteren Karte die Station auf, zu der ich dann später gehen muss.

 

Wettlauf mit der Zeit

Ein Nachtdienst ist immer ein Wettlauf mit der Zeit. Ich habe gehört, dass es Nächte geben soll, in denen man einen oder zwei Briefe diktieren kann. Das ist aber eher die Ausnahme. Meistens wird man von einer Station auf die andere gelotst, um die Versäumnisse des Tages auszubügeln oder seltener, um echte Notfälle zu behandeln.

Viele Patienten, die zur stationären Aufnahme kommen, kommen nachts oder am Wochenende. Dann freut sich der Diensthabende besonders, wenn ein Patient ihm erzählt, dass er schon seit zwei Wochen unter Schwindelgefühlen leide und sich heute Nacht dazu entschlossen habe, nun doch ins Krankenhaus zu gehen.

Zur Tachykardie fällt mir jetzt ein, dass das doch auch bei Herzinfarkt vorkommt. Also schnell einen Trop-Test machen, dafür gibt es extra grüne Röhrchen zum Blutabnehmen. Nur, im Aufnahmezimmer sehe ich keine. Ich fage die Schwester, ob sie mir ein Röhrchen irgendwo besorgen kann. Kann sie, währenddessen telefoniere ich eine Station nach der anderen ab und frage, wie viele Betten frei sind, um meinen Patienten unterzubringen. Schließlich finde ich ein Bett für ihn auf meiner eigenen Station im Erdgeschoss am Ende des Ganges. Ich frage ihn noch, welche Medikamente er nimmt, höre mir Herz und Lunge an, taste den Bauch ab und überprüfe die Reflexe - alles unauffällig. Vorsichtshalber halte ich den Venenzugang mit einer NaCl-Infusion offen.

 

Der nächste Patient - mit einem Schlaganfall

Schon steht der nächste Patient mit dem Schlaganfall vor dem Aufnahmezimmer, zusammen mit einem Notarzt und zwei kräftigen Sanitätern, alle in beruhigend rot-weißen Anzügen. Nur das Blaulicht sieht man hier innen nicht. Ich hole wieder meine Karten raus und suche nach Apoplex: da steht es ja: Zuerst ein Schädel-CT anweisen und einen Zugang legen. Fieber, Blutdruck und Blutzucker senken, aber nicht zu viel. Also Röntgenschein raus, Schädel-CT angekreuzt. Ich ziehe meine Taschenlampe aus der Kitteltasche, um die Pupillenreaktion des Patienten überprüfen zu können.

In den 28 Tagen, die mir von der ersten Ankündigung bis zum meinem ersten Dienst geblieben waren, habe ich die wichtigsten Notfallsituationen aus meinen Büchern rekapituliert: Koma, Apoplex, Myokardinfarkt, Lungenödem, Anaphylaxie, Asthma, hypovolämischer Schock, Sepsis, Reanimation, Herzrhythmusstörungen, gastrointestinale Blutung, Pankreatitis, Nierenkolik, akutes Abdomen und tiefe Beinvenenthrombose mit Lungenembolie. Da in den letzten Stunden vor meinem ersten Einsatz mein Kopf wie leergepustet war, habe ich mir zu diesen Notfallsituationen je einen Spickzettel gemacht. Zum Beispiel zum Lungenödem: Oberkörper hoch, 4 Liter O2, Lasix iv, Nitroperfusor, CPAP-Maske. Eine weitere Karte enthält eine Liste mit den wichtigsten Medikamenten, die hier in diesem Krankenhaus in den Notfallsituationen verwenden werden. Auf diese Merkhilfen greife ich nun zurück.

Wie gesagt, ich zücke die Taschenlampe - aber es kommt, wie es kommen musste: Die Batterien sind bereits so schwach, dass ich damit keine Pupillenreaktion hervorzaubern kann. Beide Pupillen sind gleich weit. Wo habe ich nur die Batterien hingesteckt, die ich mir extra von zuhause mitgebracht habe? Als ich die grobe Kraft prüfen möchte, versteht der Patient nicht, dass er mir die Hände drücken soll. Um schneller voranzukommen, lasse ich doch zuerst ein CT anfertigen.

Währenddessen piepst mich die Intensivstation an: bei einem Patienten ist das Kalium auf 3.1, was sie denn jetzt machen sollen. Ich sage, dass ich später vorbeikomme. Kurz darauf meldet sich das Labor und teilt mir die Werte von dem Patienten mit der Tachykardie mit: der Trop-I ist auf über 8. Ich überlege, was das bedeutet: er hat wohl doch einen Herzinfarkt. Ich rufe auf der Intensivstation an, und frage, ob sie den Patienten von der Normalstation holen können, um ihn a den Monitor anzuschließen. Auf meiner Station gebe ich ebenfalls Bescheid, dass der gerade gekommene Patient doch auf Intensiv muss. Bei den Pflegern dort bricht nun gute Stimmung aus ... Jaja, schon gut, kann jedem mal passieren. Aber bitte, wer einen akuten Infarkt hat, kann nicht auf der Normalstation bleiben.

Ich haste auf die Intensivstation und die Schwester fragt mich, was denn nun mit dem Kalium von 3.1 mmol/l passieren soll. Kann der Patient schlucken? Ja, gut, dann soll er Kalium-Brausetabletten bekommen. Wie viele und wie oft? Die Fragen nehmen an Häufigkeit und Schwierigkeit zu, Antworten finde ich nur langsam. Rote Liste her, Kalium rausgesucht. Ich ordne je eine Tablette morgens und abends an.

 

Viel schwieriger als jede mündliche Prüfung

Ich sinniere über den Sinn des Nachtdienstes weiter. Momentan bleibt gar keine Zeit, um den Oberarzt anzurufen. Es ist aber nicht nur ein Wettlauf gegen die Zeit, auch gegen die Müdigkeit und vor allem gegen das Nichtwissen und Schon-wieder-vergessen-haben bzw. das wollte-ich-doch-neulich-nachlesen. Viel schwieriger als jede mündliche Prüfung. Was man falsch macht, endet nicht mit einer schlechten Note, sondern im Extremfall mit einem sterbenden Patienten. Dazu kommt noch das Problem, dass man oft mehrere Menschen gleichzeitig versorgen muss und sich die Neuaufnahmen manchmal "stapeln". Irgendwie wird dann auch noch erwartet, dass man freundlich und gutgelaunt sein soll ...

Der Patient mit dem Infarkt kommt auf der Intensivstation an. Wieder hole ich meine Kärtchen heraus und schaue nach. Unter Angina pectoris hatte ich aufgeschrieben: 2 Hub Nitro, Morphin, Diazepam, Antra und Aspisol iv, Heparin 5000 Einheiten als Bolus, dann Perfusor, Nitroperfusor. Weshalb Morphin denke ich, der Patient hat doch gar keine Schmerzen und unruhig ist er auch nicht, also auch kein Valium.

Die Schwester sagt mir, dass ich bei einer anderen Patientin aus dem Nebenzimmer noch Blut abnehmen müsse. Es ist bereits 20.00 Uhr. Hier fließt das Blut erst nach dem dritten Anlauf in das Röhrchen - cool bleiben, jetzt kann ich keinen Kollegen holen, der mir beim Blutabnehmen hilft. Die Schwester, die mich mit Argusaugen beobachtet hat, offenbart mir plötzlich: "Schau mal, die Patientin ist gerade umgesprungen." Wie bitte? Ich muss wohl so dämlich geschaut haben, dass sie mir erklärt: "Ja, sie hatte doch eine absolute tachykarde Arrhythmie mit Vorhofflimmern, aber jetzt ist sie wieder im Sinusrhythmus."

Ich schaue zum EKG-Monitor hinauf und kann tatsächlich die regelmäßigen p-Wellen vor dem QRS-Komplex erkennen. Ja ist doch prima! "Manchmal", sagt mir die Schwester dann, "genügt ein Vagusreiz zum Umspringen, oft auch eine Angstreaktion, wie die beim wiederholten Stechen." Sehr witzig, darüber lache ich vielleicht morgen. Das war aber kein Witz, wie ich viel später erfahre, diese Situation kommt tatsächlich vor.

Das CT von dem Patient mit dem Apoplex ist fertig. Ich sehe auf dem Bild nur "die übliche Atrophie", wie es in der Röntgenbesprechung heißt. Wie sieht noch einmal eine Blutung aus, geht es mir durch den Kopf? Hypodens oder hyperdens? Wieder Fragen über Fragen. Um die Zeit zu überbrücken sage ich, schiebt ihn doch bitte auf die Stroke-Unit und hängt ihn an den Monitor. Doch dort sind alle Betten belegt. Können wir nicht einen Patienten verlegen? Doch, einen 89-Jährigen, der nur einen alten, nicht mehr frischen, Apoplex hat. Wieder muss ich mehrere Stationen anrufen, bis jemand diesen "Pflegefall" akzeptiert. Dann komme ich ins Grübeln: Was macht man denn nun beim Apoplex? Der Blutdruck ist bei 190/95, den brauche ich nicht zu senken. Die Temperatur ist mit 38° auch nicht exzessiv hoch. Der Blutzucker liegt bei 95 mg/dl, also ebenfalls in Ordnung. Ach ja, ein Ausgleichschema muss ich doch aufschreiben: bei BZ 150-200 mg/dl 2 Einheiten Actrapid sc, bei 200-250 md/dl 4 Einheiten usw. Das Schema steht zum Glück auch auf meinen Karten.

 

Impfnebenwirkung - ein harmloser Fall

Jetzt komme eine ambulante Patientin herein, sagt mir die Schwester vom Aufnahmezimmer am Telefon durch. Ich eile hin und dort steht eine andere Krankenschwester, die ich aber noch nie gesehen habe. Sie ist von der Chirurgie und wurde heute morgen gegen Hepatitis geimpft. Jetzt tut ihr der Arm ein bisschen weh. Ich beruhige sie und mache einen kleinen Verband mit etwas kaltem Gel drauf.

 

Ein Patient mit akutem Bauch

Während ich noch die Heparintube zuschraube, kommt ein etwa 35-jähriger Patient mit Bauchschmerzen herein. Eigentlich ist er in Begleitung seiner Freundin oder Frau, jedenfalls zu Fuß. Ich taste seinen Bauch kurz ab. Dieser scheint mir ziemlich empfindlich und etwas verhärtet. Akutes Abdomen, denke ich und rufe in der chirurgischen Ambulanz an. Wie denn die Blutwerte sind, ob ich schon ein Sono und eine Abdomenübersicht gemacht habe? Mist denke ich wieder, woher soll ich das wissen, ich bin doch kein Chirurg. Zum Glück ist die chirurgische Kollegin sehr nett und als ich ihr sage, dass das mein erster Dienst ist, meint sie, ich solle doch mit der Abdomenübersicht hoch zur chirurgischen Ambulanz kommen, dann macht sie die sonografische Untersuchung dort.

Gesagt getan, ein paar Minuten später bin ich oben und wir schauen zusammen auf das Sonogerät. Sonografieren kann ich doch noch nicht, in drei Monaten habe ich mich für einen Kurs angemeldet. Momentan bin ich froh, wenn ich beide Nieren finde, pathologische Varianten der Oberbauchorgane zu erkennen ist aber noch weit von meinem Erfahrungsschatz entfernt.

 

Keine kurze Pause ist drin!

Obwohl die Ultraschallbilder nichts Genaues zeigen, behält sie den Patienten wegen seiner Abwehrspannung oben in der Chirurgie. Glück gehabt, denke ich auf dem Weg ins Arztzimmer und suche die Tüte mit den belegten Toastbroten, die ich mir von zuhause für die Nacht mitgebracht habe. Ich kann sie aber nicht finden. Wahrscheinlich habe ich sie in der Aufregung zu Hause liegengelassen.

Da funkt mich das Aufnahmezimmer wieder an. Ich gehe gar nicht erst ans Telefon, sondern direkt dorthin, schließlich bin ich schon auf der richtigen Etage. Jetzt ist eine Krankenschwesterschülerin dort, diesmal mit Ohrenschmerzen. Ich suche einen Ohrenspiegel, und kann zunächst den Plastikadapter nicht aufschrauben. Irgendwie muss es verschiedene Größen geben, obwohl nur ein Ohrenspiegel da ist. Nach etwas Fummelei kann ich dann in die Ohren sehen, eine Seite ist rot, die andere nicht. Ich diagnostiziere eine Mittelohrentzündung. Oh ja, das habe sie auch schon vermutet.

Für HNO-Krankheiten und überhaupt für ambulante, leichtere Fälle, habe ich mir nichts aufgeschrieben, da muss jetzt improvisiert werden. Ich gehe zum Medikamentenschrank um ein Antibiotikum zu holen. Zunächst finde ich den Schlüssel nicht. Die Schwester vom Aufnahmezimmer ist auch nicht da. Da entdecke ich die Dose mit den Schlüsseln und probiere alle der Reihe nach durch. Hoffentlich merkt keiner, dass ich mich hier noch überhaupt nicht auskenne. Endlich, der letzte Schlüssel passt, aber in diesem Schrank sind nur Ampullen für die iv-Anwendung. Ach ja, Tabletten sind im anderen Schrank. Also suche ich verzweifelt weiter. Das erste Antibiotikum, das ich vom Namen her kenne und welches das Erregerspektrum einer Mittelohrentzündung abdeckt, gebe ich ihr. Als die Patientin weg ist, fällt mir ein, dass ich sie eigentlich hätte fragen müssen, ob sie schwanger ist und ob bei ihr Allergien gegen ein bestimmtes Antibiotikum bekannt sind. Zu spät. Von Gewissensbissen geplagt schaue ich in der Roten Liste nach: wenigstens ist während der Frühschwangerschaft eine Gabe bei dringender Indikation möglich. In meinem geistigen Auge sehe ich mich im Kunstfehlerprozess.

 

Anruf beim Oberarzt

Wieder funkt mich eine Station an, ich rufe zurück: Ob ich denn die Marcumareinstellung vergessen hätte. Nein, natürlich nicht. Ich lasse mir die letzten Werte am Telefon vorlesen. Mein Magen knurrt, ich habe Durst und eigentlich müsste ich auch einmal auf die Toilette gehen. Die Müdigkeit spüre ich gar nicht - dazu fehlt mir die Zeit. Es ist schon nach 23.00 Uhr. Ich rufe den Oberarzt an und berichte ihm über die Neuzugänge bisher, wie das an diesem Krankenhaus üblich ist. Ob ich dem Patienten mit dem Apoplex schon eine Flasche Aspisol angehängt habe, orales Aspirin wirke zu langsam. Hm, das wusste ich bis dahin nicht. Und wie der Blutdruck bei dem Infarktpatienten mit dem Nitroperfusor sei. Gute Frage - wenn der Druck unter 100 mmHg sinke, solle ich den Perfusor abstellen.

Nach dem Gespräch gehe, um nicht zu sagen renne ich zur Intensivstation weiter. Dort haben die Schwestern und Pfleger den Nitroperfusor bei einem RR von 105 mmHg systolisch bereits auf 0.5 ml reduziert, ich brauche also nichts weiter zu machen. Wunderbar, mit ihrer oft langjährigen Erfahrung beherrschen die Intensivpflegerinnen und -pfleger die Einstellung von Infusionen und Perfusoren perfekt.

Ich verabschiede mich flüchtig und gehe weiter zur Stroke-Unit, um die Ampulle mit dem Aspisol anzuhängen. Meine Blase quillt fast über und die Beine tun mir weh.

 

Notruf auf der Toilette

Auf der Toilette funkt mich wieder die Pforte an - hört das denn überhaupt nicht mehr auf? Diesmal bringt eine Notärztin eine Patientin im diabetischen Koma. Sie hatte anfangs einen BZ von 900, der nach 5 Einheiten Insulin-Actrapid intravenös bereits auf 500 gesunken ist. Ich hole ein Buch heraus, und schlage nach: Coma diabeticum - viel Flüssigkeit und Kalium substituieren, finde ich heraus, bevor die Patientin eintrifft. Ich hänge ihr also einen Liter NaCl an die Vygo, die zum Glück schon liegt und spritze noch 20 ml KCl 7.4% in die Infusionsflasche.

Im Nachtdienst kommt es darauf an, unter den gegebenen Umständen so schnell wie möglich den Anamnesebogen auszufüllen, die körperliche Untersuchung zu machen und alles Weitere so weit im Cardex anzuordnen, dass der Patient die Nacht übersteht, ohne dass man zehnmal hintereinander angefunkt wird. Für den nächsten Tag kann man sich Pluspunkte beim Oberarzt holen, wenn man die Anamnese möglichst gründlich aufschreibt. Während mir diese Gedanken durch den Sinn kommen, überlege ich mir, weshalb bei der Patientin der Diabetes so stark entglitten ist.

Aha: sie hat Fieber, möglicherweise einen Infekt. Der Hausarzt hat die Patientin schon mit Cotrimoxazol anbehandelt, erfahre ich von der Notärztin, bei Verdacht auf einen Harnwegsinfekt.

 

Hoffnung auf ein wenig Ruhe

Endlich mache ich die letzte Runde auf der Intensivstation, ändere hier und da noch etwas an den Medikamenten, die ich kenne, schaue mir die Laborwerte an, die mich allerdings wenig beunruhigen und verabschiede mich dann. In der Etage unter der Intensivstation ist ein Zimmer für den Diensthabenden reserviert. Hier gibt es eine Dusche, ein Handtuch, ein Bett und ... natürlich ein Telefon. Ich dusche so schnell wie es geht und ziehe mich um. Ohne Kittel, aber sonst in voller Montur lege ich mich ins Bett und kann nicht einschlafen. Hoffentlich funkt mich jetzt keiner an.

In diesem Augenblick meldet sich die Schwester von der Privatstation. Ein Patient hat einen Blutdruck von 190/95, was sie bloß tun solle? Ich frage, was denn der Patient habe, ob es ihm schlecht gehe, Kopfschmerzen, Lähmungen, Fieber? Nein, der Patient schlafe friedlich. Grmhmgrrrrr! Sie hat diesen Wert bei ihrem Rundgang gemessen, weil in der Kurve stand "öfter RR kontrollieren". Nun, dann lasst doch den armen Patienten schlafen. Ich murmle noch etwas davon, dass man den Blutdruck in den nächsten Tagen, vielleicht Wochen langsam senken wird, aber dass man dieses Problem doch nicht jetzt in der Nacht lösen müsse. Ruhig bleiben, nicht brüllen, nicht die Schwester anmeckern. Jaja, besser einmal zuviel Bescheid gesagt, als einmal zu wenig. Ich lege mich wieder hin und schließe die Augen.

 

Im Schlaf dreht sich alles

Die Patienten, Schwestern, Infusionen, Vygos, Medikamente, Gesichter, der Geruch von Urin und Kot, und das Piepsen des Funkers mischen sich zu einem Alptraum. Alles dreht sich und irgendwie komme ich nicht zur Ruhe. Was habe ich gerade geträumt, das Piepsen des Funkers?

Ja, das Piepsen des Funkers, das Piepsen! Mensch, schnell aufwachen, Gehirn und Licht anschalten, und zum Telefon greifen. Ich sehe aus dem Augenwinkel, dass es gerade Viertel nach drei Uhr morgens ist. Der Pförtner sagt mit seiner monotonen gleichgültigen Stimme, ein Patient sei ins Aufnahmezimmer gekommen. Ich ziehe mir den Kittel an, packe mein Stethoskop und die Karten mit meinen Notizen wieder an die richtige Stelle, wanke die Treppe zur Intensivstation hoch. Hier lächelt man mir müde zu, na wieder ein Zugang? Viel Vergnügen und tschüss bis später. Ja, ihr habt gut lachen.

Der Mann im Aufnahmezimmer ist etwa 30 Jahre alt und völlig betrunken. Aus den morgendlichen Berichten meiner Kollegen weiß ich, dass fast jede Nacht ein Betrunkener kommt. Dieser junge Mann ist in Begleitung einer Frau, seiner Cousine. Sie erzählt mir, er habe sie vor einer halben Stunde angerufen, weil es ihm so schlecht geworden sei. Er habe zwei Kinder und sei verheiratet, aber gestern Abend - oder sollte ich sagen heute Morgen - also vor Kurzem habe er Streit gehabt mit seiner Frau. Da fällt mir auf, dass der Patient knallrot ist, der Kopf, die Arme und nachdem er langsam sein Hemd auszieht, auch der ganze Oberkörper. Ich will wissen, was denn passiert ist. Er habe vor lauter Verzweiflung nicht mehr leben wollen und habe etwa 10 Tabletten Aspirin geschluckt.

Aber jetzt bittet er mich: "Helfen Sie mir Doktor, ich werde nie mehr so etwas tun." Es juckt ihn fürchterlich am ganzen Leib und schrecklich müde ist er auch. Anaphylaktische Reaktion auf Aspirin, denke ich und sehe heimlich auf meine Karte. iv-Zugang legen, 250mg Solu-Decortin, eine Ampulle Fenistil und eine Rantitidin und dann viel Flüssigkeit. Vorsichtshalber gehe ich zur Intensivstation und erkundige mich nach der Telefonnummer der nächsten Giftzentrale. In Mainz sagt man mir, die letale Dosis läge viel höher bei aspirinhaltigen Medikamenten, keine Gefahr also. Ich sehe mir den Mann noch einmal an, er kommt mir wie ein Häufchen Elend vor. Ich lasse ihn seinen Rausch auf dem Flur ausschlafen, nachdem seine sonstigen Blutwerte alle in Ordnung sind und die Hautrötung bereits nachgelassen hat. Er bekommt noch eine Flasche Glucose 5% und ich quäle mich die Treppe hinunter zum Schlafraum.

 

Sechs Uhr morgens

Ich wache auf, weil es mir ziemlich kalt wird. Die Fenster stehen offen und die ersten Sonnenstrahlen kitzeln mich an der Nase. Hatschi, mein eigener Heuschnupfen meldet sich. 6 Uhr. Ich denke, heute brauchst du nicht so früh aufzustehen, die Fahrerei und der Stau zum Krankenhaus fällt aus. Ich drehe mich auf die andere Seite und genieße es, ein bisschen länger liegen bleiben zu können. Nachdem ich aufgestanden bin, merke ich, dass sich meine Stimme so heiser anhört, als hätte ich die Nacht durchgesoffen.

Später erfahre ich vom Oberarzt der Intensivstation, dass man der Patientin mit dem diabetischen Koma eigentlich einen zentralen Venenkatheter hätte legen sollen, um den zentralvenösen Druck zu messen. Sonst komme es schnell zur Überwässerung und zum Lungenödem. Zudem würden die peripheren Venen bei viel Kalium auch schnell gereizt. Oha, nächstes Mal kriegt sie ihren ZVK, denke ich und habe wieder etwas gelernt. Immerhin, die Patientin spricht wieder - allerdings nur Italienisch - und das fließend, sie hat also das Gröbste überstanden. Ich auch. Der Dienst ist vorbei. Ich lebe, und die Patienten auch! Keiner ist in der Nacht verstorben. Jetzt heißt es nur noch, zurück auf die eigene Station zu gehen, Blut abzunehmen und dann zur Patientenvorstellung beim Chefarzt.

 

Bericht beim Chefarzt

Auf die übliche Frage: "Wer durfte denn heute?" melde ich mich und beginne: Zuerst kam ein 75-jähriger Patient mit Dyspnoe und linksthorakalem Schmerz. Nachdem der Trop-Test positiv war, habe ich ihn auf die Intensivstation gelegt...

 

Anhang: Epikrise

Wen es interessiert, so lautete die Epikrise dieses Patienten:

Herr X wurde am X.X.XXXX stationär bei Belastungs-Angina pectoris und Dyspnoe aufgenommen. Auf unserer Intensivstation stellten wir einen akuten Inferolateralinfarkt mit positivem Trop-Test und ST-Senkungen in II, III, aVF, sowie V5/V5 bei intermittierender Tachykardie fest. In der Echokardiographie fiel ein vergrößerter linker Vorhof mit Vorhofflimmern auf. Bei intermittierender Tachykardie mit bradykarden Phasen (bis 38/min) und Pausen bis 2.5 Sekunden sowie einzelnen Couplets und Bigeminus stellten wir aufgrund des SSS-Syndroms mit SA-Block und AV-Ersatzrhythmus die Indikation für einen DDDR-Herzschrittmacher, den Herr X am X.X.XXXX erhielt. Mit Digimerck und niedrigdosiertem Metoprolol versuchten wir die Herzfrequenz soweit zu senken, dass die Schrittmacherimpulse den Rhythmus vorgaben.

Da weiterhin trotz intensivierter konservativer Therapie Beschwerden und im EKG zusätzlich leichte ST-Hebungen in aVR auftraten, verlegten wir Herrn X am X.X.XXXX zur Koronarangiographie und PTCA nach YYYY, wo eine koronare 2-Gefäßerkrankung diagnostiziert wurde. Der Pat. lehnte eine PTCA dort ab. Am X.X.XXXX erlitt Herr X eine Synkope beim Spaziergang vor dem Krankenhaus. Bei Kontrolle war die Schrittmacherfunktion regelrecht. Da Herr X weiterhin tachykard war, leiteten wir eine Marcumar-Therapie ein und erhöhten die Betablocker auf 100mg Metoprolol ret. tgl. Anschließend zeigten sich im EKG regelmäßige Schrittmacheraktionen. Wir rieten dem Pat. vom weiteren Führen eines KFZ aufgrund seiner teilweisen örtlichen und zeitlichen Desorientierung ab und haben den Pat. dementsprechend aufgeklärt. Bei Wiederauftreten von pectanginösen Beschwerden empfehlen wir eine erneute Durchführung der Koronarangiographie mit PTCA und bitten sowohl um weitere Marcumarkontrolle wie auch Überprüfung der Herzfrequenz. Ein ambulanter Termin zur Schrittmacherkontrolle in unserem Haus wurde mit dem Pat. vereinbart.

 

Wichtiger Hinweis

Für Angaben über Dosierungsanweisungen und Applikationsform kann Via medici online und der Verlag keine Gewähr übernehmen. Jeder Leser ist angehalten, durch sorgfältige Prüfung der Beipackzettel der verwendeten Präparate und gegebenenfalls nach Konsultation eines Spezielisten festzustellen, ob die dort gegebene Empfehlung für Dosierungen oder die Beachtung von Kontraindikationen gegenüber der Angabe in diesem Artikel abweicht. Jede Dosierung oder Applikation erfolgt auf eigene Gefahr des Benutzers.

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