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  • 19.06.2007

Der Klinikalltag aus Frauensicht

Was sind die wirklich relevanten Dinge im Leben einer Ärztin? Wo sind ihre Gedanken wenn sie morgens durch die Klinik geht? Was denkt sie bei der nachmittäglichen Kurvenvisite? Welchen Situationen begegnet sie tagtäglich und wie reagiert sie darauf? Und was machen die männlichen Kollegen?

Die Autoren Pease machten uns bereits klar, warum Frauen immer shoppen gehen müssen und massenweise Schuhe im Schrank haben, während die Männer lediglich bei Nennung des aktuellen Kontostands nach dem Shopping in der Lage sind ihnen zuzuhören, jedoch nicht verstehen, warum es das vierte anprobierte Kleid sein musste und auf keinen Fall das dritte. Worauf Frauen bei Männern oder bei ihren Kolleginnen achten, hat die Presse und Literatur bereits in großer Vielfältigkeit kundgetan. Ich kann dazu nur sagen: Es ist in der Klinik nicht viel anders als außerhalb.

 

Guten Morgen, Herr Kollege

Bereits morgens beim Betreten der Klinik läuft unterbewusst all das ab, was die Natur uns mitgegeben hat. Da werden die Kollegen einem Scan unterzogen – aha, der Müller von der Vier hat wieder Ringe unter den Augen, da hat wohl das Kind die ganze Nacht geschrien und Schmitt von der Sechs ist heute mit einer Duftwolke unterwegs, als wenn er damit wieder auf der Jagd nach neuen Abenteuern ist und hoppla, wer ist das? Oh, der Neue von der Zwei, hatte wohl Dienst und noch keine Zeit, sich zu rasieren, steht ihm eigentlich auch. Tja, so fängt es morgens an und setzt sich wenige Minuten später fort, wenn es beim Umziehen um die Kleiderordnung geht.

Lektion Nr. 1: Ärztinnen sind auch nur Frauen.

 

Kleider machen Leute

Was die Anzahl der Schuhe angeht: In der Klinik findet sich selten mehr als ein Paar Schuhe, das ihr gehört. Bei genauerer Nachforschung wird der Leser feststellen: Frauen bevorzugen die Kombination aus Bequemlichkeit und Mode, Männern dagegen reicht die Bequemlichkeit. Das geht sogar soweit, dass die bedingungslose Liebe eines Arztes zu seinen "Birkies" ihn diese auch tragen lässt, wenn der Kork aus der Sohle bröckelt und seine Fußsohle vom Klinikfußboden gerade noch durch einen Hauch von Baumwolle seiner Socken getrennt wird.

 

Öko-Latschen oder Sportschuhe?

So weit würde es frau nie kommen lassen. Ihr stellt sich eher die Frage nach der farblichen Kompatibilität der Schuhe, Socken und Klinikkleidung. Da die Klinikkleidung in den meisten Fällen schlicht weiß ist, empfiehlt ihr modisches Bewusstsein farblich passende Fußmode. Nun ist aber eine Tatsache unumstößlich: Es gibt in der Farbe weiß entweder Birkenstock-Schuhe oder aber die Kategorie Seniorentreter. Also entscheidet sie sich entweder für die Öko-Latschen oder aber wagt den Sprung hin zu den Kontrasten und setzt farbliche Akzente ohne den Arbeitsschutzrichtlinien zu widersprechen.
Hier haben sich in der letzten Zeit Sportschuhe langsam in die Kliniken eingeschlichen und sind salonfähig geworden. Ein gewisses Markenbewusstsein hat sich auch hier etabliert, dennoch ist die Entscheidung für Streifen, Swoosh, springende Großkatze oder andere Hersteller noch nicht vordergründig geworden. Der interessantere Punkt für sie ist an dieser Stelle die Möglichkeit, durch dieses Ausdrücken von Sportlichkeit zu neuen Kontakten innerhalb des Kollegenkreises zu kommen und demnächst nicht mehr alleine zu joggen oder aber mit dem Joggen anzufangen.

 

Kleiderordnung: Begegnung in Blau

Die Kleiderordnung ist ein Punkt, der sie zum Nachdenken bringt. Spätestens seit es neben weißer auch noch grüne und blaue Klinikkleidung gibt, die nur für bestimmte Bereiche zugelassen ist, fragt sie in weiß sich, ob ihr nicht grün viel besser stehen würde oder aber findet das blau einfach schöner statt des ewigen Einheitsweißes. Was außerdem festzustellen ist: Männlichen Kollegen stehen die Farben oftmals auch besser als das weiß. Aus einem weißen Allerweltskollegen ist bei einer Begegnung in Blau gelegentlich schon mal ein verdammt attraktiver Mann geworden, nach dem sie sich umdrehte.

 

Frauen in der Klinik = Schwestern

Was unterscheidet Ärztinnen optisch von Schwestern? Richtig, der Kittel. Die Entscheidung Kittel offen tragen oder geschlossen haben die Kolleginnen aus meiner Klinik mehrheitlich für offenes Tragen getroffen. Es ist sowieso vollkommen egal, ob frau mit "Kittel zu" oder "Kittel auf" morgens zum Blutabnehmen in ein Patientenzimmer kommt. Es wird ihr alle paar Tage passieren, dass ein Patient sie mit den Worten begrüßt: "Gestern war aber eine andere Schwester hier zum Blutabnehmen!" Es nützt bei einigen Älteren herzlich wenig, sie freundlich darauf hinzuweisen, dass sie eine Ärztin vor sich haben. "Ja, oh das tut mir leid. Ääh, Schwester, können Sie dann das Geschirr gleich mit rausnehmen?" Frauen in der Klinik = Schwestern, Männer = Ärzte. Dass der Zivi unheimlich stolz ist, wenn er mit Herr Doktor angesprochen wird, mag ja für ihn ganz nett sein. Frauen sind aber zuweilen nachtragend. Wie lange mag der kleine dürre Zivi mit seiner guten Laune und stolz geschwellter Brust wohl anschließend brauchen, um den 150–Kilo-Patienten im Sitzwagen in die Röntgenabteilung zu bringen?

Lektion Nr. 2: Eine Arztaura entsteht nicht nur durch den Studienabschluss und das eigene Auftreten.

Das Gegenüber muss sich dessen auch bewusst sein. Renitente "Schwester, können Sie mal…"-Rufer, bei denen auch der dritte Hinweis nichts nützt, sollte man einer eingehenderen neurologischen Diagnostik unterziehen.

 

Tag, ich bin neu hier

Spannend sind auch immer die Situationen, wenn eine neue Kollegin in der Klinik anfängt. Interessant sind sowohl für männliche als auch für weibliche Kollegen dann zwei Punkte: Alter und Familienstand.

  • Gut ist: verheiratet und älter als 40. So hat sie wenige Schwierigkeiten.
  • Schlecht ist: ledig und unter 30.

Sie wird von allen ebenfalls ledigen Kolleginnen unter 30 als Konkurrenz betrachtet (und erst recht von denen über 30) und von den ledigen männlichen Kollegen erstmal ins Visier genommen. Es ist wie ein Kollege einmal sagte: Wenn du erst im Job bist, dann wird die Klinik zum Heiratsmarkt. So verwunderte es mich nicht, als ich bereits an meinem allerersten Tag gefragt wurde, ob ich in festen Händen sei. Nein, der Notstand war nicht ausgebrochen wie ich zuerst annahm. Ich wurde lediglich einklassifiziert. Aber das muss frau einmal erleben und dann weiß sie, wie es läuft.

Lektion Nr. 3: Die Klinikmitarbeiter unterliegen auch nur den Gesetzen der Natur.

 

Männer sind die größeren Plaudertaschen

Klatsch und Tratsch sind die Dinge, die eine Klinik am Leben erhalten. Frauen verbindet damit eine Art Hassliebe. Sie lieben Kommunikation und beteiligen sich oft auch gerne daran. Allerdings nur so lange, wie sie selbst nicht das Gesprächsthema sind. Wer jetzt denkt, dass diese Kommunikationsform nur von Frauen betrieben oder am Leben gehalten wird, der irrt gewaltig. Im wahren Klinikleben entpuppen sich die Männer als die größeren Klatschtanten bzw. – onkel. Es scheint für sie eine ideale Plattform zu sein: Sie können sich profilieren oder Informationen über eine Zielperson beschaffen ohne sich groß anstrengen zu müssen. Diejenigen, die sich prinzipiell aus diesem Nachrichtensystem heraushalten wollen, machen sich sofort in jeder Hinsicht verdächtig und müssen sich damit zufrieden geben, immer als letzte zu erfahren, wer wessen Auto beim Einparken verbeult hat und wer denn nun mit wem und wer nicht!

Lektion Nr. 4: Eine Klinik ist umweltfreundlich und braucht keine eigene Hauszeitung drucken. Die Nachrichtenübermittlung wird nach wie vor durch Buschfunk sichergestellt.

 

Let’s talk about: Die Kaffeerunden

Richtig wichtig sind die Kaffee- oder Mittagsrunden. Je nach Bedarf werden diese rein männlich, rein weiblich oder mixed abgehalten. Was bei den rein männlichen Runden so geredet wird, ist uns Frauen klar. Aber auch über Forschungsgelder, Vorträge oder die Klinikentwicklung wird gesprochen. Nehme ich jedenfalls an. Bei den Mixed-Runden dreht es sich meistens um die Station, Chefs, die Klinik, die Familie oder um Freizeitaktivitäten. Und in den rein weiblichen Runden? - "Guck Dir an, wie viele Ehen es zwischen Schwestern und Ärzten gibt. Und wen kriegen die Ärztinnen ab?" "Die Ärzte, die keine Schwester mehr haben will!"

Lektion Nr. 5: In einer Klinik sind Männer Männer und Frauen Frauen. Nur manche Männer sind wie Frauen und genauso zickig. Und andere Männer sind einfach Machos.

 

Verhaltensforschung in freier Wildbahn

Abteilungsbesprechungen sind noch so ein Tagesordnungspunkt in Kliniken, den es überall gibt. Sofern Mann oder Frau die Probleme, die er/sie ohne die Klinik nie gehabt hätte, dort vortragen möchte, bekommt er/sie hier die Chance. Für alle anderen ist das die Zeit, den eigenen Gedanken nachzuhängen. Was Männer denken, blieb mir bis jetzt verborgen, aber interessieren würde es mich schon. Meine neuesten Beobachtungen ergaben, dass es da zwei Typen gibt:

  • Der Introvertierte schaut auf seine Finger oder die Tischplatte oder einen Punkt an der Wand und was in seinem Kopf vorgeht, wird mir ewig ein Rätsel bleiben.
  • Der Extrovertierte knüpft auf nonverbaler Ebene Kontakte zu Kollegen. Er schaut herum und wenn er jemanden gefunden hat, der seinen Blick erwidert, beginnt die Kommunikation.

Das Folgende wird umso interessanter für die weibliche Beobachterin. Eine inter-männliche Kommunikation ist kurz und es kommt einem vor, als würde ein Witz nur auf nonverbaler Ebene erzählt. Am Ende grinsen beide und schauen sehr wissend drein. Es kann aber auch zu einer männlich-weiblichen Kommunikation kommen. Je nach Sympathie kann dies schon mal länger dauern. Die beiden sollten dann aufpassen, denn das alles bleibt den anderen Anwesenden, die sich auch langweilen, selten verborgen.

Lektion Nr. 6: Lerne durch Beobachten.

 

Nachteulen und andere nachtaktive Wesen

Nicht zu vergessen ist auch die Frage, wer mit wem Dienst macht. Es ist natürlich wichtig, dass man mit den Kollegen und Kolleginnen gut klar kommt, mit denen man so eine Nacht in der Klinik verbringt.

Gut ist: frau sucht sich Kolleginnen mit denen sie die Mittagsgesprächsrunden in Leerlaufzeiten gut fortsetzen kann oder ein paar charmante Kollegen - egal ob zur Single- oder Liiert-Klassifizierung gehörend - mit denen man gut zusammenarbeiten kann.

Schlecht ist: frau gerät in eine Macho-Runde, die die halbe Nacht in der Notaufnahme über Männerthemen diskutieren und gegen Mitternacht bei Blondinenwitzen ankommen. Eine Steigerung des Niveaus bis zum Morgen ist dann ausgeschlossen. Für alle Kollegen und Kolleginnen der Klatschtantenfraktion sind Dienst-Teams der Single-weiblich- und Single-männlich-Klassifizierung extrem interessant, vor allem wenn sich diese Kombinationen gelegentlich wiederholen.

Abgesehen von diesen Dingen ist es für frau interessant zu erleben, wie denn die Kollegen aussehen, wenn diese die Nacht über nur wenig geschlafen haben und wie der Fünf-Uhr-Schatten im Gesicht dem Einzelnen steht. Für die Single-Ärztin (die Klinik als Heiratsmarkt) trennt dies gelegentlich die Spreu vom Weizen. Wer auch mit nur zwei Stunden Schlaf in der Lage ist, noch freundlich und höflich zu sein statt seine Übermüdung in Launenhaftigkeit zu äußern, der kann kein so schlechter Mensch sein.

Lektion Nr. 7: Siehe Lektion 1, 3, 4, 5 und 6.

 

Schwiegermütter und andere Schwierigkeiten

Was ich mich schon immer gefragt habe: Wie schaffen es die Ärzte, die Schwestern zu allem Möglichen zu überreden, angefangen vom Betten einschieben bis hin zum Kaffee kochen? Ich kann auch in nettester und liebenswürdigster Art darum bitten, aber ich werde genau wie meine Kolleginnen nie so schnell zum Ziel kommen wie meine männlichen Kollegen. Das kann nur an einem liegen: dem Y. Es ist nun mal leichter als Arzt (XY) mit einer Schwester (XX) zu flirten und sie zu bezirzen und dann ein für alle mal den Status des lieben netten Charmeurs zu haben, der alle Frauenherzen höher schlagen lässt. Jetzt zu der Vorstellung, dass eine Ärztin (XX) mit einer Schwester (XX) das auf die gleiche Art versucht - das kommt dann irgendwie doch nicht bei allen so gut rüber. Hier sollten Ärztinnen andere Wege suchen.

Es wird umso schwieriger, wenn Schwestern dabei sind, die eine Art Mutterstatus für die Ärzte einnehmen und sie umhegen und umsorgen. So paradox es klingt: Kommt eine Ärztin in so eine Konstellation, dann kann es mitunter passieren, dass sie sich plötzlich in der Rolle der Schwiegertochter wieder findet, die trotz aller Bemühungen der Schwiegermutter gar nichts recht machen kann.

Lektion Nr. 8: Die Mitarbeiter einer Klinik sind wie eine Familie, auch hier gibt es Schwiegermütter.

 

What a man ...

Selbstverständlich gibt es für Ärztinnen noch andere recht interessante Seiten eines Frauenlebens in der Klinik. Da sind zum Beispiel die netten RTW-Fahrer. Was die jungen knackigen Rettungsschwimmer in Baywatch für die Augen der Strandbesucher und Fernsehzuschauer sind, das sind diese Jungs für die Augen der Frauen in einer Klinik. Es sei auch an den Werbespot mit Coca-Cola light in einem Großraumbüro erinnert.

Für manche Kollegen sind die Momente immer sehr erschütternd, wenn ein Fahrradkurier in Berufskleidung die Station betritt und etwas abgeben will. Egal was ein Arzt zuvor für seinen Körper getan hat, der direkte Vergleich entlarvt jeden nicht trainierten Muskel, jeden Ansatz eines Bäuchleins und kann durchaus zum passageren Absinken des Status auf der Attraktivitätsskala der Klinik führen. Dann sind da noch die Kollegen, die grundsätzlich mit jeder Kollegin flirten, witzig sind und nicht nur bei den Schwestern den Charme spielen lassen. Sie sind für das Betriebsklima recht förderlich, verstehen sie es doch, überall gute Laune zu verbreiten. Sämtliche Vorkommnisse finden dann in den Mittagsgesprächen (siehe oben) ihre Auswertung.

Lektion Nr. 9: Auch in einer Klinik haben Männer einen gewissen Unterhaltungswert.

 

Fazit

Sechs Jahre Studium können nicht vermitteln, was eine Ärztin im Klinikleben erwartet. Die Komplexität der Zusammenhänge und die Interaktionen zwischen naturgegebenem Verhalten und der klinikinternen Kommunikationsstrukturen machen eigenes Erleben, Lernen und Schlussfolgern in praktischer Anwendung notwendig.

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