• Glosse
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  • Dr. Burkhard Voß
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  • 19.05.2014

Wir müssen achtsam sein!

Achtsamkeit ist grundsätzlich nicht verkehrt. Jedoch: „Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wir sehen sie, wie wir sind“ (Talmud). Die nicht bewertende Achtsamkeit – die noch nicht einmal bei tibetischen Buddhisten funktioniert – darf nicht als Vorwand für Weltabgewandtheit und Realitätsferne dienen.

 

Buddha - Foto: Shotshop/Werner-Ney

Foto: Shotshop/Werner-Ney  

 

„Europa klappt nicht mal in Europa“, sagte der Obama-Herausforderer Mitt Romney im US-Wahlkampf 2012 und meinte damit die seiner Ansicht nach auf Dauer nicht zu finanzierenden Transferleistungen der Europäischen Sozialstaaten. Auch amerikaskeptische Wirtschaftswissenschaftler wissen dies nicht erst seit Romney. Genauso, wie Europa in Europa nicht funktioniert, funktioniert Achtsamkeit nicht bei Buddhisten in Tibet.

Was postmodern verwirrte Europäer nicht sehen, sind die vor gut einem halben Jahrhundert stattgefundenen Intrigen und Machtkämpfe der tibetischen Mönchsgemeinschaft. Der Dalai Lama entging ihnen durch Flucht in das Exil mithilfe speziell von der CIA ausgebildeten Kampa-Kriegern. Womöglich wäre er sonst Opfer eines Giftanschlags geworden. Achtsame Buddhisten waren schon in der Vergangenheit dazu in der Lage. Die platte Glorifizierung des dauergrinsenden Dalai Lama übersieht auch, dass Leibeigenschaft, Erbfolge und Sklavere igerade im Lamaismus Prinzipien der feudalen Gesellschaftsstruktur waren.

Die Tibetologin Jane Bunnag stellte in ihrer Analyse fest: „(…) Die Gläubigkeit ihrer frommen Gefolgschaft verwehrt sich dagegen, dass sich die Mönche ihre Hände mit gesellschaftlichen und nationalen Entwicklungsprogrammen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne – schmutzig machen. Die Stärke der Mönche liegt darin, zwar in der Gesellschaftzu leben, aber nicht Teil der Gesellschaftzu sein, was den Wert ihres moralischen Einflusses steigert, ihre praktische Nützlichkeit jedoch auf ein Minimum reduziert“. Ziemlich weltabgewandt.

Genauso weltabgewandt und realitätsfern wie die Achtsamkeitsaspiranten des Westens. Sie definieren Achtsamkeit als „ein nicht bewertendes, auf den gegenwärtigen Moment gerichtetes Bewusstsein, in dem jeder Gedanke, jedes Gefühl oder jede Wahrnehmung, die in der Aufmerksamkeit entsteht, anerkannt und akzeptiert wird“. Natürlich völlig frei von Kritik und Ethik. Relativismus und „anything goes“ lassen grüßen. Bloß nichts bewerten! Schenken Sie dem Dschungelcamp genauso viel Aufmerksamkeit wie Aida von Giuseppe Verdi, Kate Moss so viel wie Elfriede Jellinek, und lesen Sie Feuchtgebiete von Charlotte Roche genauso achtsam wie den Zauberberg von Thomas Mann. Die Luft, die sie atmen, ist überall, wie ein über den Erdball ausgegossenes Fluidum, und da Alles mit Allem irgendwie zusammenhängt, benetzen Ihre Lungenmembrane die Atome des Atems von Jesus Christus, Adolf Hitler und Hape Kerkeling.

Und dann schauen Sie mal, was das mit Ihnen macht. Wenn der Chef Sie beleidigt, seien Sie zärtlich mit ihm und führen ihn achtsam in den Zauberkreis der argumentativen Vernunft zurück. Jeder, der auch nur halbwegs geradeaus schauen kann, merkt rasch, dass er sich im realen Leben den Tenor von Achtsamkeit und Empathie in die Haare schmieren kann. Und dann die ach so intelligenten Fragen: „Wie atme ich?“, „Kann ich in mich hinein horchen?“, „Was ist in diesemMoment wirklich wichtig?“ Zumindest die letzte Frage lässt sich klar beantworten: Die gedankliche Auseinandersetzung mit zukünftigen Projekten, denn wer nicht an die Zukunft denkt, der wird auch keine haben, wie es schon Albert Einstein formulierte.

 


 

Publikation mit freundlicher Genehmigung des Autors: Erstveröffentlichung: NeuroTransmitter 2014; 25 (5)

Zum Autor: Dr. Burkhard Voß, geboren 1963, studierte von 1985 bis 1991 Medizin in Münster, anschließend folgte die Ausbildung zum Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Von 2001 bis 2004 leitete Burkhard Voß den sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt Krefeld. Nach dem Erhalt der Zusatzbezeichnung Psychotherapie arbeitet er seit 2005 in eigener Praxis als Arzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie in Krefeld. Unter anderem hat er das Buch "Kleines Lexikon psychologischer Irrtümer: Von Abhängigkeit bis Zwangsneurose" (Gütersloher Verlagshaus) geschrieben.  

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