• Kommentar
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  • Schirin Ibrahim
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  • 27.12.2010

Meine anatomische Weihnachtsgeschichte

An der Zürcher Bahnhofstraße wurde die neue Weihnachtsbeleuchtung präsentiert, es ist also offiziell Weihnachtszeit geworden. Bis jetzt habe ich die Beleuchtung aber nur einmal zu Gesicht bekommen - aus dem Fenster des Trams heraus. Mein ganzes Leben spielt sich zurzeit an der Uni ab. Ich kann mich wirklich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal Tageslicht gesehen hätte.

Wenn ich am Morgen aufstehe, ist es noch finster, später sitze ich im fensterlosen Hörsaal und in seltsamen Praktikumsräumen. Bei der nächsten Gelegenheit ans Tageslicht zu treten, ist ebendies schon wieder weg, und ich trete in die düstere Nacht. Vom Leben um mich herum bekomme ich nur durch die Zeitung etwas mit.

An der Uni fühle ich mich wie in einer Zwischenwelt ohne Raum und Zeit. Das Leben ist dort irgendwie im Stillstand, greifbar wenn man das Gebäude verlässt und doch so fern im unterirdischen Hörsaal. Manchmal weiß ich nicht, welchen Tag wir gerade haben, ob es Morgen oder Abend ist, ob ich noch existiere oder schon lange im Limbus weile. Aber bald ist ja Weihnachten, mein liebster Feiertag, also keine düsteren Gedanken! Da in dieser besinnlichen Zeit jeder gerne ein bisschen Nächstenliebe und menschliche Wärme spürt, gebe ich mir Mühe, die Menschen um mich herum damit zu versorgen.

 

Reich mir deine Hand, weil wir beide Mensch sind

Das erklärt einigen vielleicht auch mein seltsames Verhalten in der Studiensammlung der Anatomie. Es ist kein Geheimnis, dass die Anatomie mein Lieblingsfach ist und ich daher mit großer Freude die Möglichkeit nutze, die das Institut den Studenten des ersten Jahres bietet: Alle zwei Wochen durfte meine Gruppe dieses Semester am Donnerstagnachmittag in den Präpsaal, um dort drei Stunden lang echte Präparate, namentlich Extremitäten, zu studieren.

Die Leichen waren schon vorpräpariert, so dass wir die Muskeln und teilweise die Knochen sehen konnten. Wir selbst durften nicht präparieren, aber das war nicht weiter schlimm. Es lagen jeweils zwei Arme oder zwei Beine nebeneinander auf einem Präpariertisch. Eine gelbe, in Formalin getränkte Decke lag über ihnen, und es wirkte auf mich immer, als ob sie gerade schlafen gelegt wurden.
Das mag auf manche jetzt befremdlich wirken, aber ich hatte schon immer eine spezielle Verbindung zum Leben und zur Vergänglichkeit. Nur weil das sichtbare Leben aus einem Körper gewichen ist und man vielleicht nur noch einen Arm vor sich hat, heißt das nicht, dass er weniger menschlich wäre.

Das letzte Mal habe ich gedankenverloren die Hand eines der Präparate gehalten und seine Fingerspitzen gestreichelt, als meine Kollegin einen Muskelansatz suchte. Ich wollte ihr nur helfen, indem ich das Präparat stabilisierte, damit sie in Ruhe suchen konnte. Als ich dann so da stand, meine Hand in der des Präparates, in der Zwischenwelt ohne Raum und Zeit, fühlte ich eine seltsame Verbundenheit zwischen uns. Es ist nichts Greifbares und auch nichts Esoterisches, es ist einfach eine Art liebevolle Beziehung, die ich vielleicht eingehen musste, weil ich sonst nämlich gerade eine Leiche gestreichelt hätte, um es mal salopp zu formulieren.

 

Unterschiedliche Reaktionen auf den Präpsaal

Allerdings reagiert sonst niemand, den ich kenne, so auf die Präparate. Die meisten haben eine unsichtbare Wand zwischen sich und den Präparaten hochgezogen, durch kühle Rationalität oder übertriebenes Witzereißen versuchen sie, die Situation zu entschärfen, abzuwerten und zu normalisieren. Das heißt aber auch, dass die Präparate dann oft wie "Gegenstände" behandelt werden. Mit dem Buch in der Hand gehen sie schnell alle Muskeln durch, Ursprung, Ansatz, Funktion - fertig und weg.
Die Präparate lassen sie dann einfach aufgedeckt liegen.
Spätestens jetzt setzt bei mir mein Beschützerinstinkt ein, und ich fange an, die Präparate mit dem Formalinspray zu besprühen und sie sorgfältig wieder zuzudecken damit sie nicht austrocknen. Als wären es Kinder, die man zu Bett bringt und zudeckt, damit sie nicht frieren. Meine Kollegin meinte neulich, es sei ein Wunder, dass ich ihnen nicht noch einen Gutenacht-Kuss gebe.

 

Den Körperspendern zu tiefem Dank verpflichtet

Ich kann einfach nicht anders, ich bin diesen Menschen unendlich dankbar für ihre Körperspende. Das ist das schönste Geschenk, das man mir je gemacht hat. Gerade im Hinblick auf Weihnachten, wo doch das Schenken und die Nächstenliebe so wichtig sind.

Eine Körperspende ist eine wunderschöne, wohlwollende Geste, die von großem und tiefem Mitgefühl für seine Mitmenschen zeugt. Es braucht enormen Mut, seinen Körper für Studienzwecke zur Verfügung zu stellen, und diesen Mut sollte man nicht vergessen. Ohne ihren Mut würde ich die Anatomie wohl nie so begreifen können, wie ich es jetzt kann. Ohne ihre Spende hätte ich nicht gelernt, großen Respekt vor dem Leben zu haben. Sie haben mein Mitgefühl für andere gestärkt, und darum bin ich ihnen zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet. Deshalb fühle ich mich für ihr Wohlergehen verantwortlich, deswegen will ich sie beschützen.

Die Präparate sind immer noch Menschen, auch wenn es auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist. Wenn ich ihre Fingerspitzen berühre, habe ich Kontakt zu Ihnen, denn mit diesen Fingern haben sie die ganze Welt erlebt, ein Leben lang. Sie haben damit als Baby nach der Mutter getastet, sie haben damit gearbeitet, gegessen, sich die Tränen weggewischt, die Wange einer geliebten Person gestreichelt, geworfen, gedeutet, geschlagen, und am Ende ihrer Reise durften sie hoffentlich mit diesen Fingern die Hand ihres Partners halten und die warme Haut spüren, während sie einen letzten Atemzug nahmen und mutig die Welt verließen. Deshalb besprühe ich die Präparate, deshalb decke ich sie zu und halte ihre Hand.

Für mich bleibt alles Mensch, was mal Mensch war, und daher lasse ich in dieser kalten Winterzeit auch die Präparate ein wenig Menschenwärme spüren. Vielleicht sitzen sie ja dort oben in den Wolken, spüren meine Finger auf ihren und sind froh, dass sie so viel Mut bewiesen haben.

Ich hoffe, wir vergessen nicht die Wärme und Nähe, die uns alle verbindet und die Weihnachtszeit zu etwas Besonderem macht. Wir sind zwar im Prüfungsstress, aber genau jetzt tut es gut, mal kurz zu entspannen und die schöne Beleuchtung anzusehen, eine heiße Schokolade zu trinken und ein bisschen näher zusammenzurücken als sonst, denn zusammen ist man weniger allein.

 

Ich wünsche Euch allen ein frohes Fest und vor allem viel Wärme!

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