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  • Dr. Michael Datz
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  • 22.01.2016

Alltagsleiden grippaler Infekt - Der Feind in meinem Hals

Grippale Infekte sind die häufigsten Erkrankungen überhaupt. ­Erstaunlicherweise gibt es dazu aber trotzdem nur wenige ­stichhaltige Studien, und die Medizin hat bisher kaum effektive ­Heilmittel gefunden, die den Patienten schneller gesunden lassen, als man es aufgrund der Spontanheilungstendenz ohnehin ­erwarten könnte. „Banale“ Erkältungen sind deshalb – obschon meist ­harmlos – für Ärzte eine echte ­Herausforderung.

 

 

Illustration: Mann mit Schnupfen Quelle: Digital Vision Health

 

Jedes Jahr das gleiche Spiel: Im Herbst, wenn die Tage kürzer, die Winde feuchter und die Temperaturen niedriger werden, schwappt die erste Welle grippaler Infekte übers Land. Dann füllen sich die Wartezimmer der Allgemeinarztpraxen mit Triefnasen und schmerzenden Hälsen. Danach geht die Anzahl der Neuerkrankungen leicht zurück. Zur Weihnachtszeit nehmen die Infekte wieder zu, ebben dann wieder ab und schaukeln sich um den Fasching herum zum finalen „Allegro furioso“ auf.

 

Hausärzte erleben dieses typische Auf und Ab im Herbst und Winter jedes Jahr aufs Neue. Diese Häufung in der kalten Jahreszeit ist so auffällig, dass sie sich sogar in dem Wort wiederfindet, das der Volksmund für die Erkrankung gefunden hat: Wenn sich Menschen einen grippalen Infekt zuziehen, sprechen sie davon, dass sie sich eine „Erkältung“ zugezogen haben (engl. „common cold“). Aber gibt es wirklich einen pathophysiologischen Zusammenhang zwischen Kälte und Infekten?

 

Forscher der Universität Cardiff haben diese Frage untersucht [1]: Sie ließen je 90 Versuchspersonen in zwei Kohorten ihre nackten Füße in eine Schüssel halten. Die eine Versuchsgruppe hatte kaltes Wasser darin, die andere badete ihre Füße nur in einer leeren Wanne. 13 Kaltbader klagten danach über Erkältungssymptome, bei den Trockenbadern waren es dagegen nur fünf. Die Autoren schlossen daraus, dass kalte Füße tatsächlich für grippale Infekte prä­destinieren.

 

Die Ursache vermuten sie in einer schlechteren Durchblutung des Körpers bei Kälte, wodurch dann der Transport von Leukozyten an einen potenziellen Infektionsherd behindert werde. Ein Beweis für den Krankheitsauslöser „Kälte“ ist das allerdings nicht, denn psychische Effekte können mangels „Doppelverblindung“ bei dieser Studie nicht ausgeschlossen werden. Zudem entsteht Kälte ja nicht nur im Winter, sondern auch im Sommer durch Verdunstung – z. B. bei nass geschwitztem Hemd und gleichzeitiger Zugluft durch ein offenes Autofenster, einen Ventilator oder eine Klimaanlage.

 

Folgerichtig müssten dann auch nach heißen Sommertagen gehäuft Erkältungen auftreten. Dies ist aber nicht der Fall. Andere sehen eine jahreszeitliche Erklärung für die Verteilung grippaler Infekte darin, dass der Körper durch die höhere Sonneneinstrahlung im Sommer vermehrt Vitamin D bildet, was das Immunsystem stärkt [2].

 

Zudem sind Menschen im Sommer öfter an der frischen Luft, sitzen weniger in engen Räumen mit anderen Menschen zusammen, und die Luft und die Schleimhäute sind weniger ausgetrocknet als im Winter. Doch letztlich sind das alles nur Vermutungen. Festzuhalten bleibt: Dass Erkältungen im Winter häufiger sind, ist zwar eine Tatsache – es gibt aber keine wissen­schaftlich gesicherte Erklärung dafür, warum das so ist.

 

Diagnose: Grippe oder grippaler Infekt?

Dieses Rätsel ist nur einer von vielen Aspekten dieser Krankheit, an denen sich die Medizin bisher die Zähne ausbeißt. Klar ist, wer die „Übeltäter“ sind: Rund 80 Prozent der Infektionen des Rachens und der oberen Atemwege sind viral bedingt. Als Erreger kommen z. B. Rhino-, Corona- oder Adenoviren infrage. Die Übertragung erfolgt entweder über Tröpfcheninfektion durch die Luft, durch direkten Kontakt mit Erkrankten oder als Schmierinfektion. Danach dauert es zwei bis acht Tage, bis der Infekt ausbricht. Weniger klar ist, wie die Krankheit definiert werden kann.

 

Die Symptome variieren stark: Von einem grippalen Infekt Betroffene leiden an einem Konglomerat aus Schnupfen, Husten sowie Kopf-, Hals- und Gliederschmerzen. Die Erkrankten fühlen sich müde und schlapp. Fieber müssen sie nicht zwingend haben, es kann jedoch auch hoch sein. Wegen dieser Unschärfe in der Symptomatik wird die Diagnose eher im Ausschlussverfahren gestellt: Zunächst befragt man den Erkrankten zum bisherigen Verlauf der Krankheit. Grippale Infekte beginnen eher schleichend, plötzlich auftretendes hohes Fieber um 40°C spricht eher dagegen.

 

Dann muss der Arzt alle geschilderten Beschwerden symptom- und organorientiert untersuchen: Dazu gehört das Messen der Körpertemperatur, das Prüfen der Meningismuszeichen, das Inspizieren von Ohren und Rachen mit einem Blick auf die Tonsillen und Halslymphknoten sowie die Auskultation der Lunge. Bisweilen braucht es ein gehöriges Maß an Selbstdisziplin, nach diesem Schema unverdrossen weiter zu untersuchen, auch wenn ein Kranker nach dem anderen ins Sprechzimmer kommt und jeder über ähnliche Symptome klagt. Doch es ist extrem wichtig! Nur so findet man aus der Masse der Schniefnasen diejenigen heraus, die schwer erkrankt sind.

 

Differenzialdiagnostisch muss man immer an eine Influenza, eine Angina tonsillaris, eine infektiöse Mononukleose, eine beginnende Kinderkrankheit, eine Meningitis oder an eine Pneumonie denken. Kann beim ersten Arztbesuch keine sichere Diagnose gestellt werden, handeln Allgemeinmediziner nach dem Prinzip des ab­wartenden Offenlassens: Die Erkrankten werden angehalten, sich unverzüglich zu melden, wenn sich ihr Zustand verschlechtert. Ist dies der Fall, muss der Arzt den Patienten erneut untersuchen und selbstkritisch überprüfen, ob tatsächlich nur ein „grippaler Infekt“ vorliegt.

 

Besonders aufmerksam sollte man sein, wenn die angenommene Diagnose nicht zum Krankheitsverlauf passt. In solchen Fällen kann es nötig sein, eine weitergehende Diagnostik mit Labor oder bildgebenden Verfahren anzuordnen. Dieses ­„Herausfiltern“ von schwerkranken Patienten ist die tägliche ­Herausforderung an den Hausarzt. Im Krankenhaus ist dieses Vorgehen weniger üblich, da man dort primär schwerkranke und vorselektierte Patienten erwartet. Daher haben viele junge Ärzte Probleme, wenn sie Patienten mit Erkältungskrankheiten in der Notaufnahme behandeln müssen.

 

Therapie: Abwarten und …

Ein weiterer Knackpunkt neben der Diagnostik ist, dass die Erkältungskrankheit nicht ursächlich therapiert werden kann. Der Grund: Als potenzielle Erreger kommen über 200 verschiedene Virustypen in Frage, die natürlich nur schwer gezielt mit Virostatika angegangen werden können. Glücklicherweise ist das nicht dramatisch, weil im Regelfall die Krankheitssymptome drei bis vier Tage nach Ausbruch des Infektes rückläufig und nach etwa einer Woche so gut wie verschwunden sind.

 

Trotzdem können grippale Infekte in dieser kurzen Zeit einen extremen Leidensdruck entfalten. Deswegen ist es gut, dass die einzelnen Beschwerden – je nach subjektiv empfundenem Schweregrad – zumindest symptomatisch therapiert werden können. Bei Kopf- oder Gliederschmerzen verabreicht man Paracetamol oder nichtsteroidale Antirheumatika wie Diclofenac oder Ibuprofen.

 

Acetylsalicylsäure (ASS) ist bei Erwachsenen ebenfalls gut wirksam, sie sollten aber aufgeklärt werden, dass durch die Einnahme Arzneimittelexantheme auftreten können. Kinder dürfen bei Fieber wegen der Gefahr des Reye-Syndroms* auf keinen Fall ASS erhalten! (Das Reye-Syndrom ist eine akute hepatische Enzephalo­pathie, die etwa bis zum 10. Lebensjahr auftreten kann. Ursache ist die Salizylat-Einnahme bei viralen Infekten des oberen Respirationstraktes.)

 

Um zähen Schleim in der Nase oder in den Bronchien flüssiger zu machen, hilft es, viel zu trinken, zumal der Körper viel Feuchtigkeit verliert – z. B. durch Schwitzen oder Atmen durch den Mund anstatt durch die verstopfte Nase. Auch sogenannte Schleimlöser wie Ambroxol, Acetylcystein oder pflanzliche Expektoranzien werden mit Erfolg eingesetzt. Über die Frage, welcher Tee beim Schleimlösen oder bei anderen Beschwerden am besten wirkt, kann man lebhaft spekulieren. Letztendlich kommt es aber nur auf die Flüssigkeit an, die der Patient zu sich nimmt.

 

Zur Not tut’s auch (evtl. angewärmtes) Wasser. Nasensprays helfen schnell und effektiv, die Sekretion und Schwellung der Nasenschleimhaut zu re­duzieren. Vor allem Sympathomimetika dürfen aber nicht länger als 10 Tage verwendet werden, da sonst die Schleimhaut austrocknet und nach dem Absetzen verstärkt reagibel ist (Rebound-Phänomen).

 

Hausmittel: Husten, Schnupfen, Glaubensfragen

Sonnenhut (lat.Echinacea) gehört zu den meistverkauften Heilkräutern gegen grippale Infekte. Die Wirksamkeit ist jedoch nicht nachgewiesen und Nebenwirkungen - wie schwere allergische Reaktionen - überwiegen den Nutzen. Foto: Arco Images

Daneben gibt es zahlreiche Arznei- oder Hausmittel, die darauf abzielen, die Krankheitsdauer zu verkürzen, indem sie das Immunsystem stärken. Viele Patienten schlucken Vitamintabletten oder essen viel Obst und Gemüse. Ob das in der Krankheitsphase wirklich was bringt, ist eher fraglich. Auch ob die Einnahme von Immunstimulanzien wie Echinacin (Abb.) Erkältungen schneller heilen lässt, ist umstritten.

 

Die Wirksamkeit des Pelargonienwurzelextrakts Umckaloabo® (Abb.) bei akuter Bronchitis ist durch unabhängige Studien nicht ausreichend belegt, stattdessen aber eine die Leber schädigende Nebenwirkung. Völlig obsolet ist bei einem Virusinfekt der Griff zum Antibiotikum. Trotzdem kommt es immer wieder mal vor, dass Ampicillin & Co. auch bei banalen Erkältungen verschrieben werden. Der Grund: Manche Patienten nötigen ihren Arzt geradezu, ein Antibiotikum zu verschreiben, und strafen ihn ab, wenn er es verweigert.

 

Der Extrakt aus der Wurzel der Pelargonie (Umckaloabo®) kann selten Hepatitiden auslösen. Für die Heilwirkung bei akuten Atemwegsinfektionen fehlen bislang noch ausreichende Belege aus unabhängigen, kontrollierten Studien. Foto: Arco Images

 

Die „Montagsstandpauke“ kennen viele Hausärzte gut: „Sehen Sie, Herr Doktor, Sie haben mir nichts Anständiges verschrieben. Am Sonntag bin ich zum Notdienst ins Krankenhaus gegangen und bekam Penicillin. Schon nach der ersten Tablette ging es mir viel besser.“ Gegen diese Art von „Pillengläubigkeit“ ist noch kein Kraut gewachsen und bekräftigt die Theorie der hohen Wirksamkeit von „Plazebo forte“ ...

 

Prophylaxe: lieber winken als küssen

Mangels kurativer Therapien ist bei Erkältungen – wie bei vielen Krankheiten – die Prophylaxe die beste Therapie: In der Erkältungssaison sollte man sich vermehrt vor Schmierinfekten schützen. Auf Händeschütteln und die Begrüßung durch „Küsschen machen“ ist – gerade bei Erkrankten – besser zu verzichten. Eine zentrale Maßnahme, die vor ungewolltem Virenaustausch schützt, ist das Händewaschen.

 

Muss man husten oder niesen, sollte man das nicht in die Hand, sondern in den Ellbogen tun. Wohnungen sollte man mehrmals täglich kurz, aber suffizient durchlüften. Großveranstaltungen zu meiden, bietet ebenfalls einen gewissen Schutz. Hat es einen doch erwischt, ist es wichtig, sich zu schonen und sich – im Interesse der Allgemeinheit – von weiteren „Virenempfängern“ abzuschirmen.

 

Aber gerade da haben Mediziner ihre Schwachstelle. Was Patienten geraten wird, halten sie für undenkbar für sich selbst. „Ausgerechnet diese Woche kann ich doch unmöglich fehlen …“, lautet dann oft das Argument. Doch gerade für Ärzte sollte selbstverständlich sein, sich selbst und andere zu schützen. Dazu gehört auch, sich regel­mäßig gegen Grippe impfen zu lassen – auch wenn das gegen grippale Infekte natürlich nicht hilft …

 

Hausmittel gegen Erkältungen - was hilft?

Honig

Dass Honig antibakteriell wirkt, liegt v. a. am Flavoenzym Glucose-Oxidase, das Wasserstoffperoxid synthetisiert. Zudem enthält er anti-inflammatorische Stoffe wie Polyphenole. Manche Forscher vermuten, dass Honig außerdem das Immunsystem stimuliert und dadurch grippale Infekte verhindert oder verkürzt. Studien, die dies belegen, gibt es bislang aber noch nicht.

Zink

Die Einnahme von Zink kann bis 24 Stunden nach Symptombeginn die Erkrankungsdauer verkürzen und Beschwerden mildern. Zink-Histidin ist aber nur für die Behandlung eines klinisch gesicherten Mangelzustands zugelassen, denn erhöhte Zufuhr von Zink kann z. B. zu Kupfermangel oder Blutbildungsstörungen führen. In mitteleuropäischen Ländern wird der tägliche Zinkbedarf von 7 mg bis 10 mg durch die Nahrung gedeckt.

Kräutertees

Ob Kräutertees dabei helfen, schneller wieder gesund zu werden, ist Spekulation. Zumindest ist aber nachgewiesen, dass Heißgetränke Symptome wie Halsschmerz, Schnupfen, Husten, Niesen oder Müdigkeit subjektiv effektiver verbessern als Getränke mit Raumtemperatur.

Vitamin C

Die regelmäßige Aufnahme von Megadosen des wasserlöslichen Vitamins C bringen keine ausreichend belegbaren Vorteile als Erkältungsprophylaxe. Doch es gibt Hinweise, dass eine gezielte Einnahme beim Beginn der Erkältungssymptome oder vor starker körperlicher Belastung – z. B. Marathon laufen – das Risiko senkt, an grippalen Infekten zu erkranken.

Ätherische Öle

Ein günstiger Einfluss von z. B. Fichtelnadel- oder Eukalyptusöl auf Beschwerden oder Krankheitsverlauf ist nicht durch kontrollierte Studien belegt. Kinderärzte warnen sogar vor dem Gebrauch ätherischer Öle bei Pseudokrupp. Wegen hyperämisierender Effekte können Schleimhautschwellungen der oberen Luftwege mit lebensbedrohlichen Atemnotzuständen auftreten.

 

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