• Bericht
  • |
  • Ines Elsenhans
  • |
  • 01.08.2011

Propofol in der Diskussion

Propofol ist zurzeit in aller Munde. Während sich bis vor einer Woche hauptsächlich medizinische Profis mit diesem Narkosemedikament auseinandersetzten, ist es mittlerweile auch jedem Laien bekannt; zumindest denjenigen, die die Diskussion um den Tod Michael Jacksons in den Nachrichten verfolgen. Wie Propofol eingesetzt wird, wie es wirkt und warum das Narkotikum gefährlich werden kann, erfahren Sie hier.

Foto: Melanie Hüttemann, Thieme

 

Michael Jackson: Tod durch Propofol?

Am 25. Juni 2009 ging es wie ein Lauffeuer durch die Medien: "Der King of Pop ist tot!" Bilder gingen um die Welt, wie der 50-Jährige aus seiner Villa in Los Angeles in einen Krankenwagen geschoben wird. Drei Stunden später wurde im UCLA Medical Center sein Tod festgestellt.

Was relativ schnell ans Licht der Öffentlichkeit gelangte, war der Fund zahlreicher Medikamente im Anwesen des Sängers - Michael Jackson war scheinbar schwer medikamentenabhängig. Doch auch heute, fast vier Wochen nach Michael Jacksons Tod, steht ein endgültiges rechtsmedizinisches Gutachten, insbesondere die toxikologischen Untersuchungsergebnisse, noch aus.

Auf ein Medikament, das unter anderen gefunden wurde, wird besonderes Augenmerk gelegt: Propofol. Dieses Injektionsnarkotikum könnte die Todesursache gewesen sein. Der noch ungeklärte Verdacht: Michael Jacksons Leibarzt Dr. Conrad Murray könnte es ihm persönlich verabreicht haben.

Was ist eigentlich Propofol, wofür wird es verwendet, welches Wirkungs- und Nebenwirkungsspektrum hat es? Und vor allem: Wie gefährlich ist dieses Medikament, das auch in deutschen Krankenhäusern verwendet wird?

 

Was ist Propofol?

Propofol, chemisch 2,6-Diisopropylphenol, wird unter dem Namen Disoprivan oder Recofol gehandelt. 1989 wurde es von der Food and Drug Administration in den USA zugelassen, in Deutschland ist das Medikament seit 1996 auf dem Markt. Es handelt sich um einen Arzneistoff aus der Gruppe der Narkotika und wirkt als Hypnotikum ohne analgetische, also schmerzlindernde Wirkung.

 

Summenformel von Propofol

Strukturformel von Propofol

 

Es handelt sich um eine an sich simple Substanz, die in ihrer Struktur an Desinfektionsmittel vom Phenol-Typ erinnert. Sie ist farblos bis hellgelb, wird aber in der Regel in einer Lipidemulsion gelöst und weist von daher ein milchiges Aussehen auf.

 

Wie wirkt Propofol?

Propofol ist ein kurz und rasch wirksames Injektionsnarkotikum, das nur für die parenterale Anwendung verfügbar ist. Bereits 10 bis 20 Sekunden nach der Injektion tritt die Wirkung ein und dauert bei einmaliger Applikation lediglich 8 bis 9 Minuten an. Die Eliminationshalbwertzeit beträgt zwischen 1 und 3 Stunden. Die Wirkung von Propofol kann durch kontinuierliche Infusion oder durch wiederholte Bolusapplikationen aufrechterhalten werden.

Als Wirkmechanismus wurde nachgewiesen, dass Propofol agonistische Aktivität an GABA-Rezeptoren zeigt. Tierexperimentell wurde außerdem nachgewiesen, dass die Dopaminausschüttung im Nucleus accumbens reduziert wird. Diese und weitere Wirkungsmechanismen werden derzeit noch erforscht.

 

Für welche Zwecke wird Propofol eingesetzt?

Propofol wirkt in erster Linie, je nach Dosis, beruhigend und betäubend. Das Medikament Propofol hat dementsprechend seine Hauptindikation bei der Einleitung und Aufrechterhaltung einer Allgemeinanästhesie.

Bild: D. Jensen

 

Darüber hinaus wird das Narkotikum zur Sedierung verwendet. Einerseits bei beatmeten Patienten im Rahmen einer intensivmedizinischen Behandlung, aber auch bei endoskopischen Eingriffen wie der ERCP oder Rectoskopie. Als Medikament letzter Wahl ist ein Einsatz beim Status epilepticus möglich. Ein Off-Label-use bei Migräne ist eher ungewöhnlich.

Neben den beruhigenden und betäubenden Eigenschaften wird Propofol zugeschrieben, zu euphorisieren, entspannen und in einigen Fällen zu aphrodisieren und sexuell zu enthemmen. Aufgrund dieser Wirkungen sind Missbrauchsfälle, die jedoch relativ selten auftreten, einfach zu erklären.

Ein Grund, warum ein Propofol-Abusus selten und dann meist bei medizinischem Personal auftritt, ist die parentereale Applikation und die schlechte Zugänglichkeit. So wird das Medikament lediglich in Krankenhäusern und Praxen verwendet und ist rezeptpflichtig. Propofol unterliegt jedoch nicht dem Betäubungsmittelgesetz, wie zum Beispiel Morphin.

 

Wie gefährlich ist Propofol?

Zwar ist Propofol aufgrund der kurzen Halbwertzeit gut steuerbar, problematisch ist allerdings die geringe therapeutische Breite. Das heißt: Der Dosisbereich zwischen Unter- und Überdosierung ist relativ gering, die optimale Dosis befindet sich in einem sehr engen Rahmen.

Wird Propofol überdosiert, so können die Folgen dramatisch sein. Die Nebenwirkungen wie Blutdruckabfall, Atemdepression bis Apnoe und Bradykardie können einen schweren Verlauf annehmen und zu Koma sowie zum Tod durch Herzstillstand führen. So sind auch Suizide und Morde mit Propofol beschrieben. Hierbei gilt es insbesondere zu beachten, dass andere atemdepressive Substanzen, die gleichzeitig verabreicht werden, das Risiko schwerer Symptome oder gar des Todes erhöhen.

Andere typische, wenn auch meist seltene Nebenwirkungen sind laut Roter Liste intensive Träume, Schmerzen und Venenentzündungen an der Injektionsstelle, Muskelzuckungen, Husten, epileptiforme Anfälle, schwere Überempfindlichkeitsreaktionen (Anaphylaxie) und in Einfällen Lungenödem und bei paravenöser Infusion schwere Gewebereaktionen. Unter dem Begriff Propofol-Infusionssyndrom ist außerdem ein Symptomkomplex mit metabolischer (Lactat-) Azidose, Rhabdomyolyse, Nieren- und Herzversagen bei Anwendung höherer Dosierungen und in der Langzeitanwendung bekannt.

 

Dämmermittel mit Tücken?

"Dämmermittel mit Tücken" betitelte Spiegel online im Januar 2009 einen Artikel zu einem Thema, das regelmäßig in der medizinischen Fachpresse diskutiert wird: Der Einsatz von Propofol bei Magen-Darm-Spiegelungen.

 

Bild: PhotoDisc

 

Während in der Vergangenheit eher Midazolam, also ein Benzodiazepin, zur Sedierung bei endoskopischen Untersuchungen verwendet wurde, verwenden Mediziner heute wegen der schnell einsetzenden Wirkung und der guten Verträglichkeit häufig Propofol. Es lässt den Patienten sanft einschlafen, nach dem Aufwachen fühlen sich die Patienten in der Regel sehr wohl und sind schnell nach dem Eingriff wieder fit. Theoretisch könnten sie sogar direkt mit dem Auto nach Hause fahren.

 

Doch ist Propofol wirklich ein Segen in der Endoskopie?

Auf die geringe therapeutische Breite des Medikaments wurde bereits hingewiesen. So wird gefordert, dass die Sedierung mit Propofol durch einen Arzt mit intensivmedizinischer Erfahrung beziehungsweise durch einen Anästhesisten eingeleitet und begleitet wird. Dieser Arzt darf ausschließlich für die Applikation des Propofol und mit der damit verbundenen Überwachung des sedierten Patienten zuständig sein.

Nach einer Leitlinie des Berufsverbandes der Anästhesisten vom November 2008 (S3-Leitlinie) "soll die Sedierung durch einen qualifizierten Arzt eingeleitet werden. Sie kann im Weiteren von einer entsprechend qualifizierten nicht ärztlichen Person überwacht werden." Dies war bislang nicht ganz unumstritten und es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass diese Leitlinie lediglich für Sedierungen, nicht aber für Narkosen gilt. Wird ein gewisser Sedierungsgrad überschritten, so muss umgehend ein Arzt den Patienten wieder übernehmen. Der Sedierungsgrad kann mittels Richmond-Agitation-Sedation-Score ermittelt werden.

 

aus: van Aken et al: Intensivmedizin

 

Der sedierte Patient muss intensiv mittels Monitoring überwacht werden. Das zuständige Personal sollte Pulsoximetrie, Blutdruckmessgerät und gegebenenfalls EKG einsetzen, um den Patienten angemessen zu überwachen. Das Personal, das sich um die Applikation des Propofols kümmert, muss in der Lage und ausreichend ausgestattet sein, den Patienten im Notfall zu intubieren und zu reanimieren.

 

Wir halten Sie auf dem Laufenden

Die Medien berichten am 25. August 2009, die Gerichtsmediziner hätten herausgefunden, dass Michael Jackson tatsächlich an einer Überdosis Propofol gestorben sei. Es seien jedoch weitere Medikamente in der toxikologischen Untersuchung gefunden worden. Conrad Murray hat eingeräumt, Jackson über Wochen täglich 50 Milligramm Propofol verabreicht zu haben. Am Abend dessen Todes seien es 25 Milligramm gewesen - nach der vorherigen Gabe von zwei Beruhigungsmitteln habe der Sänger darum geben. Jacksons Tod wird als Totschlag gewertet, gegen Murray wurde jedoch noch nicht Anklage erhoben.

Sueddeutsche.de meldet am 28. Juli, dass aus Ermittlerkreisen gesickert sei, dass Michael Jackson regelmäßig Propofol als Einschlafhilfe verwendet habe. Sein Arzt Conrad Murray soll es ihm verabreicht haben.

 

Weitere Infos bei Via medici online

Das Injektionsnarkotikum Propofol verwenden Ärzte nicht nur im OP, sondern auch zur Sedierung bei endoskopischen Untersuchungen wie der Darmspiegelung. Dies wird von einigen Fachleuten und vor allem von Laien durchaus kritisch gesehen, da es unter Propofol gelegentlich zu schweren Komplikationen kam. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit der Einsatz von Propofol gerechtfertigt ist? Via medici online sprach mit dem Anästhesisten Dr. Albrecht Henn-Beilharz vom Klinikum Stuttgart.

 

Interview zur Verwendung von Propofol in der Endoskopie

Mein Studienort

Medizinstudenten berichten aus ihren Unistädten

Werde Lokalredakteur Die Unistädte auf Google Maps
Medizin im Ausland

Erfahrungsberichte und Tipps aus über 100 Ländern

Erfahrungsbericht schreiben Auslands-Infopakete