• Bericht
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  • Text und Bilder: Dr. med. Thomas Teßarek
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  • 20.09.2005

Polytrauma nach Motorradunfall

Motorradfahrer sind immer die Schwächeren im Straßenverkehr, da sie nicht wie ein PKW über eine Knautschzone verfügen. Ein Unfall mit einem Zweirad geht daher häufig mit schweren Verletzungen einher. Dr. Thomas Teßarek, Unfallchirurg am St. Johannisstift in Paderborn, berichtet von einem dramatischen Fall.

Auf diesen Moment hatte sich Tobias Gerstmann* schon lange gefreut: Vor gerade einer Woche war er volljährig geworden und nun schob er das alte Motorrad seines Bruders aus der Garage. Frisch gewienert und geölt wartete die Straßenmaschine auf den ersten Ausflug. Es war ein Traumwetter für Motorradfahrer. Er schwitzte in seiner Lederkluft, aber er hatte seinen Eltern versprochen, immer entsprechende Schutzkleidung zu tragen. Sorgsam überprüfte er den Sitz seines Helms, schwang sich auf die Maschine und fuhr los. Gekonnt lehnte er sich in die Kurven und fühlte sich sehr sicher. Plötzlich schien ihm die Sonne direkt ins Gesicht. Geblendet hielt er sich die Hand vor das Visier und versuchte die Spur zu halten. Dann sah er nur noch den roten Wagen auf sich zurasen ...

 

Franz Lehmacher* hatte es sehr eilig. Zügig schnitt er die Kurven, um noch rechtzeitig zu seinem Termin zu erscheinen. Den entgegenkommenden Motorradfahrer sah er zu spät. Er konnte nur noch versuchen, durch scharfes Bremsen den Zusammenprall abzuschwächen. Dann spürte er schon den scharfen Aufprall und sah, wie der junge Mann hochgeschleudert wurde, bevor sein Wagen zum Stehen kam. Sofort hastete er aus dem Auto, rief über sein Handy einen Notarzt und lief zu Tobias Gerstmann, um erste Hilfe zu leisten. Als das Rettungsteam die Unglücksstelle erreichte, hatte Herr Lehmacher den Verletzten bereits in die stabile Seitenlage gebracht. Der junge Mann war nicht ansprechbar. Auch Notarzt Dr. Armin Kübler konnte keinen Kontakt zu Tobias Gerstmann aufnehmen. Inzwischen hatte der Verletzte sogar das Bewusstsein verloren. Dr. Kübler handelte routiniert: Er intubierte den jungen Mann, legte mehrere großlumige Braunülen und infundierte großzügig Infusionen, um den Kreislauf zu stabilisieren. Da er das Ausmaß der Verletzungen nicht ermessen konnte, legte er Tobias Gerstmann in eine Vakuummatratze. Der Transport in die Klinik verlief ohne Zwischenfälle.

 

Erste orientierende Untersuchung, dann in den OP

Beim Eintreffen in den Schockraum wartete das Schockraumteam bereits auf den Verletzten. Ärzte und Pfleger legten Tobias Gerstmann auf eine röntgendurchlässige Liege. Dr. Kübler schloss den Beatmungsschlauch an das Narkosegerät an. Die Unfallchirurgin Dr. Katharina Bruckmeier sah mit einem Blick, dass der junge Patient zu verbluten drohte: Trotz des Helms war das Mittelgesicht zertrümmert. Blut schoss schwallartig pulsierend aus dem Nasen-Rachen-Raum. Sofort ließ die Ärztin den Patienten in den OP fahren. Der Kieferchirurg konnte glücklicherweise die Blutung schnell durch eine Tamponade stillen. Inzwischen hatte Dr. Bruckmeier das Ultraschallgerät in den OP geschoben und setzte den Schallkopf auf den Bauch des Patienten. Sie erkannte einen Saum freier Flüssigkeit im Bereich der Milzloge.
Dies deutete auf eine intraabdominelle Blutung hin. Danach schob die Chirurgin den Bildwandler über die Extremitäten des jungen Mannes: Sie diagnostizierte eine Beckenringfraktur zusätzlich waren der linke Ober und Unterschenkel gebrochen. Hier drohte weiterer Blutverlust. Nun musste die Ärztin abwägen: Sollte sie die weitere Diagnostik unterbrechen und den jungen Mann sofort operieren oder zunächst die Schwere der Verletzungen vollständig erfassen?

 

CT-Diagnostik: Polytrauma

Dr. Bruckmeier schaute sich den Patienten noch einmal genau an: Die rechte Pupille war schon beim Eintreffen des Notarztes am Unfallort weit, die linke Pupille war bisher noch normal groß. Vorerst musste unbedingt das Ausmaß der Schädelverletzung abgeklärt werden. Sie ließ Tobias Gerstmann zum Computertomographen bringen. Auch am Schädel war der junge Mann nicht verschont worden (siehe Abb. 1): Schädelbasis und Gesichtsschädel waren zertrümmert und das gesamte Gehirn war geschwollen.

 

Abb. 1: Die Schädelbasis und der Gesichtsschädel waren zertrümmert
und das gesamte Gehirn war geschwollen

 

Der Verletzte musste sofort in eine neurochirurgische Klinik verlegt werden. Da Dr. Bruckmeier keine intrazerebrale Blutung erkennen konnte, hielt sie den Patienten für transportfähig. Sie informierte den Neurochirurgen telefonisch über den Unfall, während der Computertomograph weiter über Thorax und Abdomen des Verletzten fuhr.
Gespannt schauten Dr. Bruckmeier und das Schockraumteam auf den Monitor:
Mit jeder Schicht abwärts stellte sich das Ausmaß der Verletzung dramatischer dar: Der Radiologe zeigte auf einen Einriss der Aorta, eine so genannte gedeckte Aortenruptur. Zu erkennen waren weiterhin eine Verletzung der Milz und der linken Niere sowie eine komplexe Beckenfraktur. Diese Befunde änderten das geplante Vorgehen: Der junge Patient musste in eine größere Klinik verlegt werden, um die Verletzungen adäquat behandeln zu können. Dr. Bruckmeier telefonierte mit dem Dienst habenden Unfallchirurgen der 100 km entfernten Uniklinik. Zum Glück war ein Bett auf der Intensivstation frei, der junge Mann konnte verlegt werden. Das Notfallteam erklärte sich bereit, auch bei Dunkelheit und Nebel zu fliegen. In ein bis zwei Stunden konnte es losgehen.

 

Innere Blutungen

Dr. Bruckmeier hielt noch einmal den Ultraschallkopf auf den Bauch von Tobias Gerstmann: Die Blutung war inzwischen stärker geworden! Zudem sank der Blutdruck bedrohlich ab. Die Chirurgin besprach sich kurz mit den Kollegen. Die Gefahr, dass der junge Patient innerlich verblutete, war zu groß. Er musste sofort operiert werden. Auf dem Weg zum OP hatte die Ärztin erstmals Gelegenheit, mit den Eltern des jungen Mannes ein paar Worte zu wechseln. "Wir tun, was wir können", versprach sie dem Ehepaar. Für mehr Erklärungen blieb keine Zeit.
Eilig wusch sie sich und setzte routiniert das Skalpell zur Oberbauchlaparotomie an. Die Entscheidung für den Eingriff war richtig gewesen: Die Blutung aus der Milz war so ausgeprägt, dass die Chirurgin das Organ entfernen musste. Glücklicherweise konnte sie die linke Niere erhalten. Die Blutung ließ sich mit mehreren Gefäßligaturen stillen. Die Ärztin besprach sich kurz mit dem Anästhesisten: Der Patient war weiterhin kreislaufstabil. Sie entschloss sich, auch noch Ober- und Unterschenkelfraktur mit einem unaufgebohrten Marknagel zu versorgen (siehe Abb. 2).

 

Abb. 2: Die Ober- und Unterschenkelfraktur wurden mit
einem unaufgebohrten Marknagel versorgt

 

Die Aortenruptur musste in der Uniklinik versorgt werden

Nach der Nagelung zeigte der Assistent auf die prall gespannte, glänzende Haut am Unterschenkel des Patienten: Als Folge von Hämatombildung und Schwellung in den kaum dehnbaren Muskellogen des Unterschenkels war es zu einem Kompartmentsyndrom gekommen. Erfolgte keine Entlastung des erhöhten Innendrucks, konnte es zu Muskelnekrosen und bleibenden Kontrakturen kommen. Dr. Bruckmeier spaltete daher großzügig alle vier Muskellogen des Unterschenkels. Nun war der Verletzte transportfähig. Die Aortenruptur konnte erst in der Uniklinik versorgt werden, da nur diese über eine thoraxchirurgische Abteilung verfügte. Der Transport musste jetzt so rasch wie möglich erfolgen: Durch die Aortenruptur bestand die Gefahr, dass es in den Pleuraspalt blutete und es zu einem so genannten Hämatothorax kam. Um dies zu verhindern, legte die Chirurgin beiderseits Thoraxdrainagen (siehe Abb. 3).

 

Abb. 3: Die Thoraxdrainagen sollten einen Hämatothorax verhindern

 

Verlegung mit dem Rettungshubschrauber

Inzwischen waren Rettungshubschrauber und Notarztcrew bereit. Ein letzter Blick in das blasse Gesicht des jungen Mannes, dann warf der Notarzt die Tür zu und der Hubschrauber hob ab. Erschöpft und übermüdet ging Dr. Bruckmeier zurück in die Klinik. Nun hatte sie Zeit, den Eltern des jungen Mannes alles zu erklären.

Zuerst sah es so aus, als ob Tobias Gerstmann es schaffen könnte. In einer fünfstündigen Operation versorgten die Thoraxchirurgen der Uniklinik die Ruptur der Aorta. Der junge Mann blieb während und nach der OP kreislaufstabil, musste aber nach wie vor beatmet werden. Daran sollte sich auch die nächsten Wochen nichts ändern. Nach zwei Monaten versuchten die Ärzte der Intensivstation Tobias Gerstmann von der Beatmung zu entwöhnen - doch ohne Erfolg. Neun Wochen später verstarb der 18-Jährige, ohne wieder zu Bewusstsein gekommen zu sein.

Dr. Thomas Teßarek ist Unfallchirurg am St. Johannisstift in Paderborn.

* Namen von der Redaktion geändert

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