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  • Sarah Schroth
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  • 27.11.2015

Nein! Ich will das nicht!

Leider werden noch immer Frauen Opfer von sexuellen Übergriffen. Was im Notfall zu tun ist und wie du dich selbst schützen kannst.

Foto: Thomas Söllner

(K)ein guter Tag

Was für ein grandioser Tag! Leicht angetrunken läuft Lena die Straße zu ihrem Haus hinunter. Ein feucht fröhlicher Mädelsabend liegt hinter ihr. Einzig die Gin Tonics, die gekillt wurden, hatten heute nichts zu lachen. Sie bleibt stehen und kramt in der Tasche nach ihrem Schlüssel. „Mist! Den hab ich doch wohl nicht an der Bar liegen gelassen?“ Konzentriert versucht sie sich an die letzten Minuten zu erinnern und bekommt dabei nicht mit, wie sich ihr schnelle Schritte nähern. Plötzlich drückt ihr jemand die Hand auf den Mund.
Panisch beginnt sie zu schreien, aber ihre Stimme wird unter dem immer stärker werden Druck der Hand erstickt. Sie versucht, sich aus dem eisernen Griff zu befreien, der ihren ganzen Körper fesselt. Ihre Handtasche liegt am Boden und der Schlüssel klirrt, als er auf die Bordsteinkante fällt.

In dieser Nacht wird Lena vergewaltigt. Der Täter lässt sie nackt und frierend auf dem kalten Boden liegen. Irgendwann – sie weiß nicht, ob Minuten oder Stunden vergangen sind – zieht sie sich hoch, sammelt ihre Tasche und ihren Schlüssel ein und torkelt in ihre Wohnung. Was jetzt? Soll sie jemanden anrufen? Und wenn ja wen? Sie kauert sich in eine Ecke des Badezimmers und beginnt zu weinen. Sie fühlt sich leer und schuldig. Ihr Körper ist dreckig, ekelhaft, fremd. Jahre später wird Lena an jenen Tag zurückdenken.

Jede Zehnte! Ich, Du oder Sie?

So oder ähnlich könnte eine Szene aussehen, die hunderttausende von Frauen jedes Jahr erleben müssen. In Deutschland liegt die Zahl der Vergewaltigungen und sexuellen Nötigungen bei knapp 7.500. Die Dunkelziffer ist zweifelsohne höher. Laut Statistiken werden 10-15% aller Frauen Opfer eines sexuellen Übergriffs – jede zehnte trifft es! Die nächste könnte ich sein. Oder du. Oder die Frau vor dir an der Kasse.

Bei dem Gedanken läuft es mir eiskalt den Rücken runter. Und es macht mich wütend! Wütend und traurig, dass ich so wenig dagegen tun kann. Deshalb möchte ich mit diesem Artikel einerseits versuchen einen kleinen Überblick über die wichtigsten Maßnahmen, Anlaufstellen und psychologischen Hintergründe zu geben und andererseits bewusst machen, dass sexuelle Übergriffe leider keine Ausnahme, sondern ein alltägliches Problem sind, vor dem wir nicht die Augen verschließen dürfen.

Erste Hilfe für den Körper

Kaum denkbar, in solch einem Moment Ruhe zu bewahren, aber es gibt ein paar sehr wichtige Punkte, an die man nach einem sexuellen Übergriff denken sollte:

 

  1. Sofort ärztliche Hilfe aufsuchen! Wie nach einem Unfall befindet sich der Körper in einem Schockzustand. Es ist wichtig, ärztliche Hilfe aufzusuchen, weil man nach einem derartigen Trauma Verletzungen oft gar nicht spürt oder wahrnimmt.

  2. Nicht Duschen oder waschen! Verständlicherweise wird man den Drang verspüren, sich erst einmal „sauber zu waschen“. Es ist aber wichtig, dass diverse Spuren auf der Haut und im Genitalbereich von den untersuchenden Ärzten festgehalten werden können. Dabei handelt es sich insbesondere um Blut, Speichel und Sperma, die DNA des Täters enthalten und zur Überführung dienen können. Auch der Toilettengang sollte vermieden werden, oder der Urin eingefangen werden.

  3. Anzeige erstatten! Obwohl die „Anzeige gegen Unbekannt“ in den meisten Fällen keine Verhaftung zur Folge hat und die Täter leider viel zu oft ungeschoren davonkommen, ist die Dunkelziffer hoch! Es ist unglaublich wichtig in der Gesellschaft ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass sexueller Missbrauch an Frauen ein großes Problem ist, das immer noch viel zu wenig Aufmerksamkeit erregt. Wichtig ist auch zu wissen, dass geschätzte 60% der Vergewaltiger Mehrfachtäter sind. Das bedeutet, dass es über bekannte Muster, DNA Spuren und Täterbeschreibungen immer wieder die Hoffnung gibt, einen Täter überführen zu können.

 

Was passiert im Krankenhaus?

 

  1. Körperliche Untersuchung: Um mögliche Verletzungen zu behandeln und Spuren zu sichern, ist eine ärztliche Untersuchung, inklusive gynäkologischer Abklärung, wichtig! Natürlich braucht es dazu das Einverständnis der Frau – und einen sensiblen Umgang mit der Patientin. Die Privatsphäre muss respektiert und geschützt werden. Dafür sollte die Untersuchung in einem geschlossenen, separaten Raum und auf Wunsch von einer weiblichen Ärztin durchgeführt werden.

    Medizinische Befunde:

    Vaginale Befunde können beispielsweise Hämatome, Quetschwunden, Striemen und Einrisse sein. Auch der Analbereich muss auf Einrisse, Rötungen oder venöse Stauungen untersucht werden. Verletzungen sind allerdings nicht in allen Fällen vorhanden und kein Kriterium dafür, ob ein Missbrauch stattgefunden hat oder nicht.

    Häufiger sind sogar die nicht vaginalen Verletzungen. Dazu gehören Druck- und Saugspuren an Oberschenkeln und im Brustbereich, deren Anzahl, Größe, Form Lokalisation und Farbe ganz genau, im Idealfall auch bildlich, festgehalten werden sollten. Diese heilen meist von selbst wieder ab, die Schmerzen können durch Kühlung gelindert werden. Auch Kratzspuren können auftreten, die desinfiziert und gegebenenfalls mit Wundsalbe und einem Verband abgedeckt werden müssen.

    Hämatome am Hals deuten darauf hin, dass das Opfer gewürgt wurde. Petechien an Augenlid- und Bindehäuten, der Mundschleimhaut und/oder Hinterohrregionen treten nach circa 20 Sekunden Würgen auf.

    Differenzialdiagnostisch kann ein Lichen sclerosus et atrophicans in Frage kommen. Der starke Juckreiz, der mit dieser vermutlich autoimmunen Erkrankung einhergeht kann ebenfalls zu Kratzspuren und Hämatomen im Anogenitalbereich führen. Auch Hämangiome im Bereich der Klitoris und der Labia minora et majora sind eine wichtige Differenzialdiagnose.

  2. Schutz vor Schwangerschaft: Auch für den Fall, dass ein Kondom benutzt wurde ist es wichtig, sich vor einer möglichen Schwangerschaft zu schützen. Die Pille danach ist hier die beste und meist verwendete Lösung.

  3. Schutz vor Krankheiten: Die bekannteste und gefürchtetste sexuell übertragbare Krankheit ist HIV. Obwohl möglich, ist die Wahrscheinlichkeit, sich durch einmaligen sexuellen Kontakt zu infizieren sehr gering (0,3%). Viel wahrscheinlicher ist eine Übertragung von Hepatitis B und C, Lues, Chlamydien, Trichomonaden, HPV oder Gonorrhoe. Im Krankenhaus muss unbedingt auf diese Erkrankungen getestet werden, um gegebenenfalls frühzeitig behandeln zu können. Wenn noch nicht erfolgt, werden Tetanus und Hepatitis B nachgeimpft und im Falle eines Verdachtes oder auf expliziten Wunsch der Frau, kann eine HIV-Postexpositionsprophylaxe durchgeführt werden.

 

Erste Hilfe für die Seele

Noch mehr als durch körperliche Schäden, die eine sexuelle Nötigung verursacht, leidet meist die Seele. Auch der Heilungsprozess dauert oft viel länger an. Wichtig für die Frau sind folgende Punkte zu wissen:

 

  1. Du bist nicht schuld! Egal, was passiert ist: Keine Frau ist selbst schuld an einem sexuellen Übergriff. Egal wie kurz ihr Rock, wie sexy ihr Gang oder wie anrüchig ihre Sprüche an diesem Abend waren.

  2. Verdrängung als Schutzmechanismus. Viele Frauen beschreiben, dass sie das Geschehene von sich selbst abspalten („als wäre es jemand anderem passiert“), ähnlich einem schizophrenen Zustand. Frauen beginnen sich selbst und das Erlebte zu hinterfragen oder zu verdrängen. Das ist nicht krankhaft, sondern ein natürlicher Schutzmechanismus der Seele.

  3. Sich nicht schämen! Viele Frauen schämen sich für das Geschehene und trauen sich nicht darüber zu reden. Auf lange Sicht kann das zu posttraumatischen Belastungsstörungen und anderen psychischen Problemen führen. Im Idealfall findet sich schnell professionelle Hilfe, zu der man Vertrauen aufbauen kann. Aber auch Gespräche mit Freunden oder Verwandten können helfen, den Knoten des Schweigens zu lösen. Manche Frauen suchen auch das Gespräch mit anderen Betroffenen. Das kann helfen seine eigenen Gefühle, Ängste und Sorgen besser zu verstehen und zu akzeptieren.

  4. Mein Körper gehört mir! Neben den Gesprächen mit Spezialisten, Freunden und anderen Betroffenen ist es wichtig, den Zugang zu seinem eigenen Körper und auch der Sexualität wieder zu finden. Das kann zum Beispiel mithilfe von Körpertherapie gelingen, bei der die Frau langsam lernen kann, den Missbrauch zu verarbeiten.

  5. Geduld mit sich selbst haben! Eine Vergewaltigung ist eine grausame Tat und sehr belastend für die Psyche. Dass eine solche Erfahrung nicht nach zwei Wochen verarbeitet ist, ist nicht nur verständlich, sondern zu erwarten. Egal ob man selbst oder eine gute Bekannte betroffen ist – es braucht Geduld und Zeit, bis die Psyche den Schock überwunden hat und das körperlich-seelische Gleichgewicht wieder hergestellt ist.

 

Prävention

Oft können sexuelle Übergriffe durch einfache Vorsichtsmaßnahmen verhindert werden:

 

  1. Zusammenhalten! Auf einer Party oder bei einem Festival solltest du nie alleine in dunkle Ecken verschwinden. Wenn du doch mal das Bedürfnis hast alleine zu sein oder sich mit jemand Fremdem von der Menge abzukoppeln, gib unbedingt deinen Freunden Bescheid und hab das Mobiltelefon griffbereit.

  2. Heimweg sichern Auch die Heimreise solltest du möglichst nicht alleine antreten. Wenn du nicht gemeinsam mit jemandem nach Hause laufen kannst, dann nimm dein Fahrrad oder ein Taxi. Manche Taxifahrer sind vielleicht auch so nett und machen einen fairen Preis aus, wenn du Ihnen erklärst, dass du zur eigenen Sicherheit nicht alleine nach Hause laufen willst. Wenn es nicht anders geht, telefonier auf dem Heimweg zumindest mit Freunden. Das kann den Täter abschrecken und sorgt dafür, dass im Notfall schnell Alarm geschlagen werden kann. Seit kurzem gibt es eine kleine Auswahl an Apps, die dich dabei unterstützen können:

    - KommGutHeim: Mit dieser App können deine Freunde und Familie deinen Heimweg über GPS mitverfolgen.

    -Heimwegtelefon: Aktuell noch in der Testphase, nimmt dieses Berliner Unternehmen Anrufe zwischen 22h und 2h entgegen und begleitet dich so auf dem Heimweg.

    http://www.heimwegtelefon.de

  3. Selbstverteidigung Es gibt viele Angebote für Selbstverteidigungskurse für Frauen. Bewegung und Sport sind immer eine gute Idee, daneben stärken derartige Kurse dein Selbstbewusstsein und bringen dir bei, wie du in einer entsprechenden Situation am besten reagierst.

Was kann ich tun

Jeder Mensch hat eine natürliche Angst um sein Leben und seine Sicherheit. Ich selbst bin schon viel zu oft einer merkwürdig erscheinenden Situation aus dem Weg gegangen, um mich selbst zu schützen. Aber dann stelle ich mir die Frage: „Wenn wir uns nicht gegenseitig helfen, wer tut es dann?“ Mahatma Ghandi hat einmal gesagt: „Gewalt ist die Waffe des Schwachen“. Lasst uns gemeinsam stark sein!

Ohren und Augen auf! Vergewaltigungen passieren. Überall! Wenn Schreie aus einer dunklen Ecke oder dem Hausflur ertönen, oder eine Frau panisch die dunkle Gasse runter rennt – Ruf die Polizei, trommel Leute zusammen und schau nach was los ist.

Einfach mal fragen! Eine Frau läuft nicht grundlos verstört und verwirrt durch die Straßen oder schreit um Hilfe. Verhalte dich respektvoll, halte eine angemessene Distanz, aber frag nach was los ist.

Handeln! Keiner verlangt, dass du dich selbst in Gefahr begibst. Aber du kannst trotzdem handeln. Mach auf dich aufmerksam, hol Hilfe oder ruf die Polizei sobald du etwas Verdächtiges Gesehen hast.

Anlaufstellen/Links

 

  • Weisser Ring: Stiftung zur Förderung der Hilfe für Opfer von Straftaten.

    https://www.weisser-ring.de

  • Frauen gegen Gewalt e.V. ist der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) in Deutschland. Er leistet ambulante Hilfestellung für weibliche Opfer von Gewalt. Neben den circa 160 Frauennotrufen und Frauenberatungsstellen gibt es auch aktuelle Kampagnen, wie „Superheldin gegen Gewalt“.

    https://www.frauen-gegen-gewalt.de

    https://superheldin-gegen-gewalt.de

  • Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen - Dieses Hilfetelefon arbeitet mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zuammen und bietet eine kostenfreie, 24-Stunden Beratung für weibliche Opfer von Gewalt an.

    https://www.hilfetelefon.de - 08000 166 016

  • Frauenhäuser – soziale Einrichtungen für Frauen und Kinder, die Opfer von Missbrauch und Gewalt sind. Solche Einrichtungen gibt es in ganz Deutschland, der Schweiz und Österreich. Oft werden sie von autonomen Frauengruppen geführt.

    DE: http://www.autonome-frauenhaeuser-zif.de/

    OE: http://www.aoef.at/

    CH: http://www.frauenhaus-schweiz.ch/

  • Psychologen/Psychiater – Am besten wendest du dich an dein örtliches Krankenhaus oder deinen Hausarzt. Frag am besten nach einem Spezialisten zum Thema Trauma und Missbrauch.

 


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