• Interview
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  • Anna N. Wolter
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  • 18.11.2013

Plötzlich Geburtshelfer

Eine Geburt in der S-Bahn, im Auto oder im Rettungswagen? Klingt spektakulär, ist aber gar nicht mal so selten: Wie kann ich in einer solchen Situation helfen? Wir fragten Priv. Doz. Dr. Christoph Scholz, Leitender ­Oberarzt der Unifrauenklinik Ulm.

Neugeborenes - Foto: Nauke13/Fotolia.com

Foto: Nauke13/Fotolia.com

> Folgendes Szenario: Ich absolviere ge­rade eine Famulatur in der Frauenheilkunde. Auf dem Weg zum Kreißsaal bleibe ich mit einer Hochschwangeren im Aufzug stecken. Die Frau äußert unter Schmerzen, dass ihr Kind kommt. Was kann ich tun?

Das Wichtigste ist: Keine Panik! Schaffen Sie eine sichere Atmosphäre, indem Sie sich der Mutter zuwenden und aktiv den ­Kontakt suchen. Sie werden jetzt wahrscheinlich mehr menschlich als ärztlich ­gebraucht. Reden Sie ihr unterstützend zu, und helfen Sie ihr, eine für sie angenehme Position zu finden. Als nächstes führen Sie eine kurze Anamnese durch. In welcher Schwangerschaftswoche befindet sich die Frau? Ist es ihre erste Geburt? Wenn sie bereits eine oder mehrere Geburten hinter sich hat, ist es wichtig zu erfahren, ob es dabei Komplikationen gab. Wenn Ihre Gebärende bereits Mutter ist, bei den Vor-geburten und in der jetzigen Schwangerschaft keine Komplikationen aufgetreten sind, sollte auch jetzt alles glatt gehen.

 

> Gibt es bestimmte Handgriffe, mit denen ich die Patientin beim Geburtsvorgang unterstützen kann?

Sie sollten nur so viel aktiv tun, wie nötig ist oder von der Gebärenden gewünscht wird. Aber Sie können sie tatsächlich mit ein paar Handgriffen unterstützen. Wenn der Kopf des Kindes in der Vulva sichtbar wird, umgreifen Sie mit Ihrer rechten gespreizten Hand den Damm der Mutter, während sie mit der linken Hand den kind- lichen Kopf bremsen und über den Damm ­leiten. Denken Sie weiter­­hin daran, ihre Patientin verbal zu unterstützen. Sagen Sie ihr, dass sie zwischen den Wehen eine Pause machen kann. Wenn der Kopf da ist, hat man ein wenig Zeit und kann auf die nächste Wehe warten. Das Kind zeigt in der Regel, ob es erst mit der linken oder der rechten Schulter raus will. Halten Sie das Kind so am Kopf, als ob Sie ihm die Ohren zuhielten. Wichtig ist, dass Sie nicht am Kopf ziehen, sondern auf das Pressen der Mutter warten! Führen Sie den Kopf nach hinten abwärts bis die vordere Schulter geboren ist. Anschließend wird durch An-heben des Kopfes ohne Zug die hintere Schulter geboren. Der Rest des Körpers folgt quasi von alleine.

 

> Der schwierigste Teil wäre damit geschafft. Doch wie versorge ich Mutter und Kind nach der Geburt?

Legen Sie das Kind wenn möglich auf den nackten Bauch der Mutter. Wichtig ist, dass es warm gehalten wird. Decken Sie es also gut zu – vor allem auch den Kopf, der bei Neugeborenen einen großen Teil der Körperoberfläche ausmacht. Die Nabelschnur pulsiert u. U. zu diesem Zeitpunkt noch. Durchtrennen müssen Sie sie nicht unmittelbar – das kann dann später im Kreißsaal gemacht werden. Wenn es aufgrund einer Geburtsverletzung zu ­Blutungen kommt, sollte die Patientin in die Fritsch-Lagerung gebracht werden: Dabei soll sie die gestreckten Beine im Bereich der Unterschenkel übereinanderschlagen, um die Blutungsstärke zu re­duzieren. Es folgt die Nachgeburtsperiode, in der die Patientin noch eine große Wehe haben wird. Sollte das passieren, können Sie einen sanften Zug an der Nabelschnur ausüben, gleichzeitig mit der anderen Hand die obere Kante der Gebärmutter um-fassen und sanft ausdrücken. Doch auch hier gilt die Regel: Tun Sie nichts, wenn Sie nichts tun müssen! Die Nachgeburtsperiode kann bis zu einer halben Stunde dauern – gute Chancen also, dass der Aufzug bis dahin wieder funktioniert.


Wie man ein Neugeborenes nach der Niederkunft lege artis versorgt, erfährst du in der Via medici 6.13 (Erscheinungstermin: 29.11.2013)

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