Herr Mayer sieht rot

Es ist einer dieser Tage, an denen nichts funktioniert. Viermal schon ist der Computer abgestürzt, permanent klingelt das Telefon. Herrn Mayer bricht der Schweiß aus, er lockert seine Krawatte und fasst sich an den Hals. „Ist es hier so warm oder kommt mir das nur so vor?“

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Herr Mayer steht auf und rettet sich zum Fenster. „Erstmal frische Luft, dann werden auch die rasenden Kopfschmerzen wieder vergehen!“ Seine Sekretärin betritt das Büro. „Chef, was ist denn mit Ihnen los? Sie sind ja krebsrot im Gesicht! Ich hole sofort den Betriebssanitäter!“ Und schon ist sie am Telefon und setzt den Notruf ab.

Wenige Minuten später ist der Werkssanitäter zur Stelle und überprüft die Vitalwerte. „Herr Mayer, Ihr Blutdruck ist viel zu hoch!“ 200/110 mmHg zeigt das Messgerät an. Frau Lindner, bitte rufen Sie einen Krankenwagen. Männlicher Patient, 45 Jahre, Verdacht auf Hypertensive Krise. „Nehmen Sie Blutdruckmedikamente?“ Herr Mayer schüttelt den Kopf.

Mit Hochdruck ins Krankenhaus

Als der Notarzt eintrifft, hat sich der Blutdruck auf 180/110 mmHg eingependelt. Zur Sicherheit misst der Sanitäter auch am anderen Arm nach. Das EKG ergibt glücklicherweise keine pathologischen Veränderungen, aber der Puls ist mit 90/min zu hoch. Das Team nimmt den Patienten zur weiteren Abklärung mit in die Klinik. Der Notarzt lässt den Patienten verkabeln, die Sättigung liegt bei 96%. „Wir geben Ihnen jetzt ein wenig Sauerstoff. Klaus, dreh auf 3 Liter und gib mir ein wenig Clonidin. Herr Mayer, ich werde Ihren Blutdruck ein wenig senken, dann werden auch die Luftnot und die Kopfschmerzen besser.“

„Die Hypertensive Krise in die Eins!“ ruft die Schwester in der Notaufnahme. Überall piepst es und Herr Mayer weiß eigentlich gar nicht so recht, was los ist. Dann kommt der diensthabende Internist. Vielleicht beantwortet ja der seine vielen Fragen.

Die Hypertensive Krise

Die Hypertensive Krise ist eine extreme Blutdruckentgleisung. Sie steht meist am Ende einer langen Kompensations-Kaskade des Körpers. Bis zu einem Wert von 139/89mmHg gilt der Blutdruck als normal. Die Differenz zwischen systolischem und diastolischem Druck wird als Blutdruckamplitude bezeichnet. Durch einen gleichmäßigen Druck im Gefäßsystem sind ein kontinuierlicher Blutstrom und eine optimale Versorgung der Zellen mit Nährstoffen und Sauerstoff gewährleistet.

  Systolisch (mmHg)  Diastolisch (mmHg) 
 Grenzwerthypertonie  140-149  90-94
 leichte Hypertonie  140-159  90-99
 mittelschwere Hypertonie  160-179  100-109
 schwere Hypertonie  ≥180  >110

Hypertonieschweregrade (WHO 1999)


Die sogenannte unblutige Blutdruckmessung erfolgt nach Riva-Rocci mit einer Manschette am Oberarm. Diese wird über den zu erwartenden oberen Druckwert hinaus aufgepumpt bis zum Verschwinden des Pulses. Dann setzt man ein Stethoskop auf die Ellenbeuge und lässt den Manschettendruck langsam ab. Das erste hörbare pulssynchrone Geräusch (Korotkoff) zeigt den systolischen Wert an, des letzte noch hörbare den diastolischen Wert. Modernen Geräten pumpen die Manschette automatisch auf, das Prinzip ist aber das gleiche. Der Blutdruck (RR) wird in Millimeter Quecksilbersäule angegeben.

Bei der blutigen Blutdruckmessung wird der Druck direkt in einem arteriellen Gefäß gemessen. Diese Methode ist meist für intensivmedizinische Patienten von Bedeutung, um sie noch exakter überwachen zu können.

Wie geht es mit Herr Mayer weiter?

Mittlerweile liegt Herr Mayer seit zwei Tagen auf Station 4. Heute findet das Gespräch mit seinem Stationsarzt Dr. Rasmusen statt. Er erklärt seinem Patienten: „Den Bluthochdruck haben Sie sicher schon länger, Herr Mayer. Irgendwann kann der Körper diesen Zustand aber nicht mehr regulieren. Wegen dem hohen Druck erweitern sich zum Beispiel die Gefäße in ihrem Gehirn: Deshalb hatten Sie auch so starke Kopfschmerzen.“

Der Notarzt hat mitgedacht und darauf geachtet, den Blutdruck von Herr Mayer nur vorsichtig zu senken. Oft passiert der Fehler, dass der Blutdruck zu schnell und zu stark gesenkt wird. Das kann fatale Folgen haben, denn der Patient ist an seinen hohen Druck “gewöhnt“. So auch Herr Mayer. „ In der Augenhintergrunduntersuchung und im Ultraschall Ihrer Halsschlagadern haben wir bereits Veränderungen an Ihren Gefäßen festgestellt. Die kommen von der dauerhaften Druckbelastung. Vor allem an den Gefäßen am Augenhintergrund lässt sich das gut erkennen. Ich habe Ihnen das Bild mitgebracht.“

Hypertensive Retinopathie Stadium IV durch hypertensive Krise mit intraretinalen Blutungen, Makulaödem mit harten Exsudaten, Cotton-Wool-Herden und Papillenödem.


Auch im Langzeit EKG und im Herz-Echo erkennt der Arzt, dass der hohe Blutdruck Herr Mayer schon länger begleitet. Das Herz reagiert zuerst mit einer Zunahme der Muskulatur auf die Druckmehrbelastung, dann werden die Vorhöfe und Kammern ausgedehnt, wie bei einem zu weit gewordenen alten Schuh. Anhand der vorliegenden Werte und des Labors diagnostiziert er bei seinem Patienten eine Hypertonie Grad II.

 Hypertonie ohne Organveränderungen
II   Hypertonie mit leichten Organveränderungen (Linksventrikuläre Hypertrophie, hypertensive  Retinopathie St.I/II, Proteinurie)
III  Hypertonie mit schweren Organschäden (Linksherzinsuffizienz, hypertensive Retinopathie St.  III/IV, zerebrale Komplikationen, Niereninsuffizienz)

Stadieneinteilung der Hypertonie gemäß WHO


Oftmals findet man trotz intensiven und umfassenden Untersuchungen keine Ursache für eine Blutdruckerhöhung. Herr Mayer hat jedoch viele entscheidende Risikofaktoren: er ist übergewichtig, raucht und leidet zudem an einer Fettstoffwechselstörung.

„Wie geht es denn nun mit mir weiter?“, will Herr Mayer wissen. „Wir müssen dafür sorgen, dass Ihr Blutdruck dauerhaft im Normbereich bleibt. Das machen wir mit Medikamenten, die ich Ihnen noch genau erkläre – aber auch Sie selbst können dazu beitragen, Ihr Risiko für einen Herzinfarkt und Schlaganfall zu senken. Jedes Kilo, das Sie weniger auf die Waage bringen, reduziert Ihren Blutdruck um 10mmHg und entlastet damit Ihr Herz. Jede Zigarette weniger erhöht die Durchblutung an den kleinen Gefäßen in Herz, Niere, Augenhintergrund und Extremitäten.“

Herr Mayer ist nachdenklich. Er wiegt mindestens 15 Kilo zu viel, raucht 20 Zigaretten am Tag. Als Geschäftsmann sind ihm Zahlen nicht fremd. Sein derzeitiger gesundheitlicher Zustand gibt ihm zu denken. Er muss dringend etwas tun.

„Zur Therapie des Bluthochdrucks gibt es unterschiedliche Medikamentengruppen, die alle verschiedene Angriffspunkte und Vor- und Nachteile haben. Die Therapie wird mit einem Medikament begonnen.“ Er erklärt seinem Patienten, dass er seinen Blutdruck über mehrere Wochen selbst kontrollieren muss. Reicht ein Medikament trotz Dosiserhöhung nicht aus oder kommt es zu Nebenwirkungen oder Unverträglichkeiten, kann die Medikamentengruppe gewechselt oder um ein weiteres Medikament mit anderem Angriffspunkt ergänzt werden. Da in Herr Mayers Fall viele Risiko-Faktoren eine Rolle spielen, er noch jung ist und bisher keine relevanten Erkrankungen hatte, wird mit einem sog. ACE Hemmer begonnen. Diese Medikamentengruppe setzt man zur Prophylaxe und Therapie der hypertensiven Herzkrankheit ein.

Strategien zur Therapie der Hypertonie

Monotherapie-> nicht ausreichend-> Erhöhung auf volle Dosis der Substanz-> nicht ausreichend-> Substanzwechsel

nicht ausreichend aber bessere Senkung

Ergänzung um weitere Substanz = Zweifachkombination

Substanzklassen:

  • ACE-Hemmer
  • ß-Blocker
  • Diuretika (Thiazid)
  • Calciumantagonisten
  • Angiotensinrezeptorblocker
  • sonstige (z.B. α1-Blocker)

Die Medikation muss auf Alter, Begleiterkrankungen und Schweregrad der Hypertonie abgestimmt werden. Risiken und Nebenwirkungen muss man abwägen. Außerdem sollten die unterschiedlichen Angriffspunkte der Substanzgruppen berücksichtigt werden, um bei Gabe mehrerer Präparate sinnvoll zu kombinieren.

Nach 2-4 Wochen sollte der Blutdruck mittels 24h-Messung unter Alltagsbedingungen kontrolliert werden. Zusätzlich muss der Patient seinen Blutdruck regelmäßig selbst kontrollieren und ein Blutdrucktagebuch führen. Durch gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Arzt und Patient gelingt so eine optimale Behandlung der arteriellen Hypertonie.

Herr Mayer wird kurze Zeit nach dem Gespräch mit Dr. Rasmusen entlassen. Der Arzt hat ihm deutlich gemacht, dass es 5 vor 12 ist. Drei Monaten später ist sein Blutdruck mit 145/90 mmHg zwar noch nicht optimal, aber mit der zusätzlichen Gewichtsreduktion von 8kg und dem Einstellen des Rauchens ist er auf einem guten Weg. Das bestätigt ihm auch sein Hausarzt.

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