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  • Christina Hass
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  • 22.11.2016

Frau Schmidts wertvollstes Geschenk

Frau Schmidt leidet an einer chronischen Niereninsuffizienz. Kann eine Spenderniere ihr das Leben retten?

Sie ist so wichtig, dass der Mensch gleich zwei davon hat: die Niere. Egal ob harnpflichtige Substanzen ausgeschieden werden müssen, der Elektrolythaushalt wieder zurechtgerückt werden soll, oder die Osmo- und Volumenregulation eingestellt gehört – die Niere erfüllt mehrere Aufgaben zugleich. Leider nicht mehr bei Frau Schmidt. Ich lerne die 65-Jährige bei ihrem Termin zu Hämodialyse kennen und wir beide sind uns sofort sympathisch. Sie erzählt mir, dass sie eine chronische Niereninsuffizienz hat und unter Ödemen, erhöhten Kaliumwerten, Juckreiz und Anämie leidet. „Die Dialyse zermürbt mich“, erzählt Frau Schmidt, „ich kann schon nachts nicht mehr schlafen, weil ich so Angst habe, dass sich die Werte verschlechtern und ich dann noch öfter kommen muss.“ Bisher reichte ein wöchentlicher Termin noch aus, um ihr Blut von den toxischen Substanzen und dem überschüssigen Wasser zur reinigen. „Haben Sie denn schon über eine Organtransplantation nachgedacht?“, frage ich sie. Ja, das habe sie schon. Aber so richtig informiert habe sie sich noch nicht. Ich rate ihr, sich doch einfach mal in einem Transplantationszentrum vorzustellen und beraten zu lassen.

Organtransplantation – straff organisiert

Die Organtransplantation ist oft die einzige lebensrettende oder die Lebensqualität erhöhende Behandlungsoption für Patienten mit Niereninsuffizienz. Mehr als 10.000 Menschen in Deutschland warten auf eine passende postmortale Organspende, die Zahl der verfügbaren Spenderorgane ist allerdings deutlich niedriger. Um eine medizinisch und ethisch vertretbare, gerechte Verteilung der limitierten Spenderorgane zu ermöglichen, koordiniert die übernationale Organisation Eurotransplant (ET) die Allokation. In Deutschland gehören die 46 Transplantationszentren dem Eurotransplantraum an, ebenso wie Österreich, Belgien, Kroatien, Ungarn, Luxemburg, die Niederlande und Slowenien. Die Aufnahme eines Patienten auf die Warteliste erfolgt in einer interdisziplinären Transplantationskonferenz des jeweiligen Transplantationszentrums. Gelistet werden die Patienten für folgende Organe: Niere, Leber, Herz, Lunge, Pankreas und Dünndarm.

Ist eine Transplantation möglich?

Frau Schmidt stellt sich in der Transplantationsambulanz der Universitätsklinik vor. Hier wird sie über Vor- und Nachteile der Nierentransplantation beraten. Die Spenderorgane sind knapp und die Transplantation ein großer chirurgischer Eingriff, sodass ein gutes Ergebnis für die potentiellen Empfänger ein entscheidendes Kriterium für eine Transplantation ist. Daraus ergeben sich die Kontraindikationen wie eine eingeschränkte Lebenserwartung oder eine Krebserkrankung. Nach dem Gespräch entscheidet Frau Schmidt, sich auf die Warteliste setzen zu lassen. Dafür muss sie nun einige Voruntersuchungen durchlaufen, damit ihr Gesundheitszustand geprüft werden kann. Dazu gehören Blutwerte, Virologie, apparative Diagnostik wie Röntgen Thorax, CT Becken und Echo und ggf. Konsile z. B HNO, Auge oder Gynäkologie.
Glücklicherweise werden keine weiteren schweren Vorerkrankungen festgestellt. In einer interdisziplinären Transplantationskonferenz wird entschieden, dass Frau S. für die Transplantation geeignet ist und auf die Warteliste genommen werden kann. Für Frau Schmidt wird ein Account mit einer ET Nummer angelegt. Die aktuelle Wartezeit für eine Niere, das am häufigsten transplantierte Organ, beträgt bis zu 8 Jahre, gezählt ab dem ersten Tag der Dialyse.

Wenn ein Patient aufgrund einer medizinischen Indikation besonders dringend (zum Beispiel aufgrund eines fulminanten Leberversagens) ein Organ braucht, kann durch den Zusammenschluss im Eurotransplantraum schnell ein Spenderorgan gefunden werden. ET führt eine Warteliste über alle Empfänger im Eurotransplantraum nach zwei Hauptprinzipien: zum einen das erwartete Ergebnis und zum anderen die Dringlichkeit. Für jedes Spenderorgan entsteht so eine „Match-Liste“ nach der ET der Reihe nach den Patienten bzw. den einzelnen Transplantationszentren das Organ anbietet. Dafür spielt natürlich die Blutgruppe, die Gewebekompatibilität und die Wartezeit eine wichtige Rolle.

Wie läuft die Organspende ab?

Wird bei einem Patienten der Hirntod festgestellt, kommt dieser als potentieller Organspender in Betracht. Die Zustimmung des Organspenders zu Lebzeiten oder eines Angehörigen (nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen) zur Organentnahme ist Voraussetzung für die Spende nach der „erweiterten Zustimmungslösung“/informed consent in Deutschland. In anderen Ländern, z.B. Österreich, gilt die Widerspruchsregelung. Diese besagt, dass der Verstorbene zu Lebzeiten eine Organspende ausdrücklich ablehnen muss, ansonsten ist er automatisch Organspender.
Die Diagnose des irreversiblen Hirnfunktionausfalls umfasst folgende Kriterien: den zweifelsfreien Nachweis einer akuten Hirnschädigung durch Feststellung der Bewusstlosigkeit, Hirnstamm-Areflexie und Ausfall der Spontanatmung. Wichtig ist der Nachweis der Irreversibilität durch Wartezeiten und klinische und apparative Verlaufskontrollen.
Die Deutsche Stiftung für Organtransplantation (DSO) unterstützt in Deutschland die Krankenhäuser bei einer Organentnahme und während des gesamten Spendeprozesses. Der Organspender wird bis zur Entnahme einer organprotektiven Intensivtherapie unterzogen.

Frau Schmidts zweiter Geburtstag

Über die Wochen tritt tatsächlich ein, wovor sich Frau Schmidt gefürchtet hat. Ihr Zustand verschlechtert sich. Sie kämpft inzwischen mit deutlichen Zeichen der Urämie wie Übelkeit, Erbrechen und zunehmende Verwirrtheit. Frau Schmidt muss nun immer öfter zur Dialyse kommen und hofft, dass sie bald eine Spenderniere erhält.

Nach ein paar Monaten geht dann plötzlich alles ganz schnell. Für Frau Schmidt wurde eine passende Niere gefunden.
Dafür schickt ET einen Datensatz mit anonymisierten medizinischen Informationen des Spenders an Frau Schmidts Ärzte. Diese sogenannte „Donor-Data“ umfasst: Alter, Größe, Gewicht, Todesursache, Vorerkrankungen und aktuelle Befunde (Laborbefunde, Ultraschall Abdomen, Röntgen Thorax, Blutgasanalyse). Das Transplantationsteam entscheidet auf Basis dieser Daten, ob die Niere zu Frau Schmidts und ihrer klinischen Situation passt. Das heutige Angebot passt sehr gut, denn es handelt sich um eine 65-jährigen Spenderin, die gesunde Nieren mit guten Kreatinin-Werten und keinen auffälligen Sono- oder Urinbefunden hat.
Für die Nierenauswahl für postmortale Spenden spielen die Gewebemerkmale (HLA) eine große Rolle. Bei vorimmunisierten Empfängern (durch Bluttransfusion, Organtransplantation oder Schwangerschaft) können präformierte gegen HLA-Antigene der Spenderniere gerichtet Antikörper zu einer akuten Abstoßungsreaktion führen. Daher muss vor jeder Nierentransplantation eine Kreuzprobe (cross-match) aus gefrorenem Serum des Empfängers mit Lymphozyten aus der Milz des Spenders gemacht werden.

Frau Schmidt wird im Dialysezentrum vierteljährlich Blut abgenommen und auf Antikörper getestet. Bei ihr sind keine Antikörper vorbekannt, was als gute Voraussetzung für eine Nierentransplantation gilt.

Der Arzt aus dem Transplantationszentrum von Frau Schmidt hat diese inzwischen benachrichtigt und nach ihrem Gesundheitszustand befragt. Dies ist wichtig, denn Frau Schmidt steht ein anstrengender Tag bevor. Sie wird beauftragt, schnellstmöglich ins Transplantationszentrum zu kommen. Dort bereitet sie ein Arzt auf die Transplantatin vor. Da für Frau Schmidt heute ein Dialysetag wäre, wird sie auch dialysiert vor der Operation.
Parallel wird die Spenderniere im dortigen Krankenhaus entnommen. Üblicherweise werden die Thoraxorgane von den Chirurgen des Empfängerzentrums selbst entnommen. Für alle anderen Organe inklusive der Niere, stellt die DSO ein Team von erfahrenen Transplantationschirurgen zur Verfügung. Außerdem sorgt die DSO für den Transport zum Transplantationszentrum
In dieser Zeit, auch als Ischämiezeit bezeichnet, wird die Niere auf Eis gelegt und logischerweise nicht mehr durchblutet. Bei einer Nierentransplantation können maximal 24h toleriert werden, allerdings zeigen sich bessere Ergebnisse bei einer kürzeren Ischämiezeit.

Endlich geht es los: die Spenderniere kommt an und wird im OP präpariert. Ist die Niere wirklich so gut wie die Donor-Data dies nahelegt?
Einige Wochen nach der Transplantation ist klar: ja, ist sie. Ich treffe Frau Schmidt bei einem ihrer Kontrolltermine und beglückwünsche sie zu ihrer neuen Niere. "Endlich keine endlos langen Dialysetermine mehr", freut sich Frau Schmidt. Zwar nerven sie die vielen Pillen, die sie zur Immunsuppression schlucken muss, aber sie kann ihr Leben mit der neuen Niere genießen und endlich wieder mit ihren Enkeln herumtollen..

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