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  • Frank Gaiser
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  • 21.09.2006

Verflixte Ameisen! - Parathormon-Mangel

Wenn Chirurgen bei einer Schilddrüsen-OP in der hinteren Kapsel kleine rehbraune Strukturen erkennen, müssen sie höllisch aufpassen. Was wie kleine Linsen aussieht, sind die Nebenschilddrüsen. Ohne sie muss der Patient unter Umständen lebenslang mit Kalzium und Vitamin D behandelt werden. Andernfalls drohen Krämpfe und Kribbelparästhesien sowie Verkalkungen in der Augenlinse und im zentralen Nervensystem.

 

Frank Gaiser machte sein PJ im Marienhospital in Stuttgart.

 

Es war mitten in der Nacht, als Ralf Buck aufwachte. Wie er diese blöden Campingausflüge hasste! Seine Frau stand darauf. Aber ihm war diese unbequeme Zelterei zuwider. Jetzt gerade spürte er ein unangenehmes Kribbeln an den Händen und an seinen Unterarmen zwickte es eigenartig. „Diese verflixten Ameisen!“, brummte er und streckte seinen Kopf aus dem Zelt. „Alles in Ordnung, Schatz?“, gähnte seine Frau. Ralf Buck schüttelte irritiert den Kopf. Er fühlte sich von einer seltsamen Unruhe gepackt. Außerdem spielten sein Darm und seine Blase verrückt. „Ich muss mal“, sagte er plötzlich, stand auf und wankte wacklig hinaus in die Dunkelheit.

„Irgend etwas ist doch los mit dem“, wunderte sich seine Frau. „Den ganzen Tag lang war er total gereizt, und beim Essen hat sein Mund so komisch gezuckt.“ Als er nach fünf Minuten nicht zurück war, zog sie ihre Schuhe an und begann, ihn zu suchen. Was sie dann aber im Lichtkegel ihrer Taschenlampe entdeckte, übertraf ihre schlimmsten Befürchtungen. Ihr Mann lag aufgeregt atmend im Gras. Seine Hände hatte er wie Pfötchen verkrampft und die Füße waren seltsam spitz abgewinkelt.

 

Verdächtige Narbe

Wenige Minuten später stand der von Frau Buck gerufene Rettungswagen neben dem Zelt. Der Notarzt hatte schnell einen ersten Verdacht. Herr Buck hatte am Hals eine frische Narbe. Auf die Frage, ob ihr Mann vor kurzem an der Schilddrüse operiert worden war, nickte Frau Buck verblüfft. Der Notarzt zögerte nicht lange und nahm dem Patienten Blut ab, um den Kalziumspiegel bestimmen zu lassen. Dann spritzte er ihm über einen peripheren Zugang langsam 20 ml einer 10%igen Kalziumglukonatlösung. PJler Thomas, der heute im Rettungswagen mitfahren durfte, kümmerte sich um Frau Buck. Die arme Frau war total geschockt. Deswegen versuchte er ihr zu erklären, was geschehen war: „Bei der Strumektomie hat man wahrscheinlich die Epithelkörperchen Ihres Mannes traumatisiert. Das führt zu einem primären Mangel an Parathormon und ...“ Frau Buck starrte Thomas nur verständnislos an. „Sie können mir ja viel erzählen, junger Mann“, seufzte sie und setzte sich mit einem Kopfschütteln zu ihrem Mann in den Rettungswagen. Thomas dämmerte, dass Frau Buck mit den Fachbegriffen wohl wenig anfangen konnte. Deswegen nahm er sich vor, später nochmals einen Anlauf zu starten und sich dann mehr Mühe zu geben.

 

Chvostek und Co.

Als Herr Buck in der Notaufnahme ankam, ging es ihm schon besser. Thomas‘ Stationsarzt Rudi, der in dieser Nacht Dienst hatte, untersuchte mit einigen Tests, ob Herr Buck wirklich an einer Hypokalzämie litt: „Zeig mir doch mal den Chvostek-Reflex!“, forderte er Thomas auf und streckte ihm auffordernd seinen Reflexhammer entgegen.

Tatsächlich: Als er – kritisch beäugt von Frau Buck – mit dem Reflexhammer vorsichtig den Fazialisstamm vor dem Ohr des Patienten beklopfte, zuckte die Oberlippe deutlich. Auch das Trousseau-Zeichen, bei dem sich die Hand des Patienten nach Blutstauung im Oberarm reflektorisch verkrampft, war eindeutig positiv. Der Kalziumspiegel im vom Notarzt abgenommenen Blut war viel zu niedrig. Dafür konnten eine ganze Reihe von Krankheitsbildern verantwortlich sein. Aber in einer zweiten Untersuchung zeigte sich, dass Herr Buck zu viel Phosphat und zu wenig Parathormon im Blut hatte. Damit stand die Diagnose fest: Der Patient litt an einem Hypoparathyreoidismus. Rudi trug Thomas auf, Herrn und Frau Buck am nächsten Tag die Diagnose zu erklären.

 

 

Klein, aber oho!

„Hypo was?“, Frau Buck schaute Thomas erneut entgeistert an. Doch dieses Mal war er vorbereitet. Elegant zog er hinter seinem Rücken einen Anatomie-Atlas hervor und legte ihn aufgeschlagen vor Frau Buck auf den Tisch. Dann deutete er auf ein Bild, das die Schilddrüse und den Pharynx von hinten zeigte.

„Sehen Sie diese kleinen, linsenförmigen Strukturen?“, fragte er. „Das sind die Epithelkörperchen, die man auch als Nebenschilddrüsen bezeichnet. Diese Drüsen produzieren das sogenannte Parathormon, das den Kalziumstoffwechsel reguliert. Bei Ihrem Mann hat man vorletzte Woche wegen einem Kropf große Teile der Schilddrüse entfernt. Dabei kann es vorkommen, dass die Epithelkörperchen beschädigt werden und dieses Hormon – zumindest kurzfristig – nicht mehr produziert wird. Deswegen hatte er gestern Beschwerden, die auftreten, wenn man zu wenig Kalzium im Blut hat.“

Ein Blick ins OP-Feld einer Strumektomie. Die senkrecht durchs Bild verlaufende A. thyreoidea ist leicht zu erkennen – anders als das Epithelkörperchen, das sich hinter einem Bindegewebestrang verbirgt.

 

Therapie: langfristig bis lebenslang

In diesem Moment sprang die Tür zum Krankenzimmer auf. Chefarztvisite! Das hatte er ja total vergessen! Chefarzt Dr. Hart, zwei Oberärzte, Schwestern und Pfleger strömten herein. Sogar der Zivi war dabei. Zum Schluss kam auch noch Rudi durch die Tür – unter den Arm einige Kurven geklemmt.

Mit einem jovialen Lächeln streckte Dr. Hart dem verdatterten Herrn Buck, der bis jetzt geschlafen hatte, die Hand entgegen, um gleich darauf mit scharfem Blick in seinem Gefolge nach dem verantwortlichen Berichterstatter zu suchen. Als Rudi mit den Augen auf seinen PJler wies, fühlte Thomas, wie seine Ohren zu glühen begannen. Aber dann legte er los, erzählte von Herrn Bucks tetanischem Anfall und fasste die bisherige Therapie zusammen.

Danach wandte sich Dr. Hart an den Patienten: „Hatten Sie in den letzten Tagen Bauchschmerzen, Verdauungsstörungen, oder fühlten Sie sich nervös?“ Ralf Buck nickte. „Das sind die vegetativen Symptome“, erklärte der Chefarzt. „Auch das ist typisch für eine Hypokalzämie.“ Dann fragte er Thomas, ob er weitere Untersuchungen veranlassen würde und welche Therapie er sich überlegt habe. „Man könnte noch ein EKG, ein Schädel-CT und ein Konsil in der Augenklinik veranlassen“, schlug Thomas vor. „So ließe sich ausschließen, dass diese Organe durch den Parathormon-Mangel geschädigt wurden. Da aber bei Herrn Buck die Krankheit erst vor ein paar Tagen begonnen hat, glaube ich nicht, dass man jetzt schon die typischen paradoxen Verkalkungen der Augenlinse oder der Basalganglien findet.

Die Therapie besteht aus der oralen Gabe von Kalzium. Ziel ist, den Kalziumspiegel in den unteren Normbereich anzuheben. Dadurch werden die Epithelkörperchen zur Regeneration angeregt. Später, wenn sich herausstellen sollte, dass sich die traumatisierten Nebenschilddrüsen nicht erholen, kann man noch zusätzlich Vitamin D verabreichen. Der Kalziumspiegel muss dann etwa vierteljährlich kontrolliert werden.“ Dr. Hart war völlig einverstanden. Thomas erntete ein anerkennendes Lächeln, dann verabschiedete sich der Chefarzt von Herrn und Frau Buck und rauschte mit dem ganzen Visitentrupp aus dem Zimmer.

Thomas atmete tief durch. Das war geschafft. Und auch Frau Buck schien jetzt alles verstanden zu haben. Aber dann beging er den Fehler, Herrn Buck trösten zu wollen: „Dieser Defekt muss für Sie keine Einschränkungen bedeuten!“, erklärte er ihm. „Wahrscheinlich können Sie in ein paar Tagen sogar schon wieder zurück auf den Campingplatz!“ Den Rest des Tages behandelte ihn Herr Buck seltsamerweise wie Luft.

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