• Interview
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  • Tanja Jähnig
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  • 01.08.2011

Was darf ein Patient mit Herzschrittmacher tun?

Ein Herzschrittmacher (HSM) kann die Lebensqualität von Patienten erheblich verbessern, jedoch bestehen häufig auch Unsicherheiten bezüglich der Frage, was man wirklich alles damit machen kann. Via medici hat PD Dr. Christof Kolb, Experte für die Herzschrittmacher- und Defibrillatortherapie vom Deutschen Herzzentrum in München, dazu befragt. Das Gespräch führte Tanja Jähnig.

Foto: freshidea, Fotolia.com

Elektronische und elektrische Geräte

> Inwiefern können elektronische Geräte einen Herzschrittmacher (HSM) beeinflussen?

Durch Wechselstrom kann es zu elektromagnetischen Interferenzen kommen. Diese treten typischerweise auf, wenn irgendwelche defekten, nicht richtig isolierten Geräte verwendet werden. Deshalb sollten alle elektrischen Geräte in einem guten Zustand sein und im Zweifelsfall ausgetauscht werden. Ich hatte allerdings auch einmal einen Patienten, dessen Defibrillator das hochfrequente Signal seiner Schlagbohrmaschine aufgefangen hatte und annahm, dass es sich um Kammerflimmern handeln würde. Der Patient bekam daraufhin einen sehr schmerzhaften Elektroschock. Danach hat er die Bohrmaschine nie wieder angerührt. Da im Bereich des Bohrmaschinenmotors durch die hohen Umdrehungen ein relativ starkes Magnetfeld entsteht, sollten HSM-Träger generell etwa einen Meter Abstand halten. Um Patienten die Angst vor der Beeinflussung durch elektronische Geräte zu nehmen, können sie sie auch mit zur HSM-Kontrolle bringen und wir können sie dann unter EKG-Kontrolle austesten. Häufig bestehen auch Unsicherheiten gegenüber Metalldetektor an Flughäfen. Wir haben einmal in unserer Ambulanz 350 Patienten unter EKG-Kontrolle durch so einen Flughafenmetalldetektor durchgeschleust. Dabei konnten wir zwar keine einzige Interferenz feststellen. Allerdings kann man sie aufgrund der Studie auch nicht ausschließen.

 

Handys

> Inwiefern beeinflussen Handys Herzschrittmacher?

Kaum. Allerdings wurde eine Beeinflussung in Einzelfällen für ältere HSM-Modelle beschrieben. Aufgrund dieser Beobachtung wird seit den 90er-Jahren empfohlen, Handys ca. 15cm vom Schrittmachergehäuse entfernt zu halten, sie also nicht in der Hemdtasche zu tragen und auch nur am kontralateralen Ohr damit zu telefonieren. Wahrscheinlich könnte man diese Empfehlung lockern, da es seit 2000 keinen Bericht mehr über irgendwelche Interferenzen bei den neueren Modellen gibt. Sie scheinen durch die bipolaren Elektroden, die anstatt der unipolaren verwendet werden, besser gegen die elektromagnetische Strahlung abgeschirmt zu sein. Bei den bipolaren befinden sich die beiden Pole, die für die Signalwahrnehmung entscheidend sind, am Sondenende und haben einen Abstand von 1 bis 1,5 cm voneinander. Das reduziert das Interferenzrisiko um den Faktor 20-40 gegenüber den unipolaren, bei denen die Spannungsdifferenz zwischen der Sondenspitze und dem Gehäuse des Gerätes gemessen wurde.

 

Probleme von Herzschrittmachern

> Welches sind die häufigsten Herzschrittmacher-Defekte?

Defekte des HSM selbst, sind ausgesprochen selten, Probleme machen eher die Sonden. In ca. 2% der Fälle kann es direkt nach dem Eingriff zu Sondendislokationen kommen. Je länger sie implantiert sind, desto häufiger kommt es zu Verschleißerscheinungen, wie einer aufgeriebenen Isolationsstelle, die zum Bruch der Sonde führen kann. Manchmal muss man eine Sonde dann austauschen. Die Aussage der Hersteller, dass die Sonden ein Leben lang halten, gilt vielleicht für den typischen 80-jährigen Schrittmacherpatienten, der den Zeitpunkt, an dem Sondendefekte mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auftreten, meist nicht mehr erlebt. Junge Patienten dahingegen, die trotz ihrer Herzerkrankung eine ganz normale Lebenserwartung haben, kennen die Sondenproblematik durchaus. Bei Kindern besteht durch ihr Wachstum noch ein weiteres Problem: Sonden wachsen natürlich nicht mit. Durch den Zug und die mechanische Belastung können sie kaputt gehen, deshalb muss man sie regelmäßig austauschen. Die Haltbarkeit der Sonden zu verbessern ist letztlich das Problem, das noch nicht gelöst ist.

 

Magnetfelder

> Wie können HSM durch Magnetfelder beeinflusst werden?

Signale von relativ hochfrequenten Magnetfeldern mit einem schwachen elektromagnetischen Feld können vom HSM fälschlicherweise als Signal vom Herzen bewertet werden. Über die Kammersonde aufgefangen, inhibieren sie den HSM. Das ist vor allem für Patienten ohne Eigenrhythmus gefährlich. Wird das Signal über die Vorhofsonde empfangen, stimuliert der HSM mit der Maximalfrequenz von 140 Schlägen/ min. Jedoch kehrt der HSM wieder in seinen normalen Modus zurück, sobald sich der Patient vom elektromagnetischen Feld entfernt. Bei stärkeren Feldern im Bereich bis drei Millitesla, wechselt der HSM in den sogenannten "Magnetmodus". In diesem "Standardprogramm-Modus" arbeitet der HSM ohne individuelle Einstellungen: Er stimuliert asynchron ohne Rücksicht auf die eigene Herzaktion, was theoretisch Rhythmusstörungen auslösen kann.

 

MRT-Untersuchungen

> Dürfen bei HSM-Patienten MRT-Untersuchungen durchgeführt werden?

Die über einen Tesla starken und schnell wechselnden elektromagnetischen Felder, die bei einer MRT-Untersuchung auftreten, können die Software der Geräte stören, die Batterien schädigen und außerdem die Sondenspitzen erwärmen. Es gibt zwar Publikationen, die besagen, dass MRT-Untersuchungen bei bestimmten HSM-Einstellungen möglich sein sollen. Ich persönlich wäre da allerdings vorsichtig und würde sie nur im Einzelfall einsetzten, bei vitaler Inzidenz oder um die richtige Behandlungsmethode für einen Patienten zu finden, dem ohne Kernspininformation, bleibende Schäden oder Pflegebedürftigkeit drohen würden. Zur Not muss man den HSM dann neu programmieren, austauschen oder neue Sonden einsetzen. Mittlerweile werden allerdings bereits HSM entwickelt, die kernspinresistent sein sollen. Bis diese neuen Modelle einsetzbar sind, gilt Kernspin aber prinzipiell als kontraindiziert. Viele Fragestellungen lassen sich auch mit einem CT abklären.

 

Herzschrittmacher und Sport

> Darf man mit einem HSM bestimmte Sportarten nicht mehr ausüben?

Der HSM sollte die Patienten nicht davon abhalten sich sportlich zu betätigen, sondern sie darin unterstützen und ihnen die Angst davor nehmen, dass ihr Herz stehen bleibt. Man kann fast alle Sportarten mit einem HSM ausführen, jedoch sollte im Rahmen der Grunderkrankung bestimmt werden, welche körperlichen Aktivitäten für den Patienten sinnvoll sind und welche nicht. Beispielsweise würde man einem HSM-Patienten nicht unbedingt raten, eine Kampfsportart neu zu erlernen, da die Gefahr von Schlägen auf dem HSM einfach zu groß wäre. Bei Patienten, die allerdings seit Jahren trainieren, würde man versuchen, das Risiko zu senken, indem man den HSM unter den Pectoralis-Muskel implantiert und so besser vor Außeneinwirkungen schützen könnte. Die einzige Sportart, die HSM-Träger wirklich nicht machen dürfen, ist Tauchen unter 10m. Dort ist die Druckbelastung auf den Schrittmacher so groß, dass er sich verformen kann und es zu einem Totalausfall kommen kann. Auch in extremen Höhen über 7.000 m halten sich die HSM-Hersteller mit Garantieaussagen etwas zurück, da diese Situationen noch nicht besonders gut untersucht sind. Wenn ein Patient dann eine Himalaja-Tour plant, muss im Einzelfall das Risiko abgeschätzt werden. Es besteht ein Unterschied zwischen Patienten, die vielleicht nur eine leichte Bradykardie haben und solchen, die gar keinen Eigenrhythmus mehr besitzen. Die meisten Patienten sind aber vernünftig, wenn man ihnen darlegt, dass es wenige Erfahrungen mit solchen Extremsituationen gibt und dass ihnen keiner helfen kann, wenn sie auf dem Mount Everest stehen und der HSM aussetzt.

 

Anpassung an Körperaktivität

> Wie können sich HSM an die Lebensvorgänge im Organismus anpassen?

95% der Patienten tragen HSM mit Erschütterungssensoren. Anhand der Erschütterungs-Intensität kann die Herzfrequenz vom HSM reguliert werden. Ab welcher Schwelle der HSM anfängt zu stimulieren und mit welcher Intensität ist programmierbar. Allerdings kann dieser Erschütterungssensor ausgetrickst werden. Ich hatte einmal eine 65-jährige Patientin, die obwohl sie eine sehr gute Skifahrerin war, bei den Bergaufstiegen immer unter Atemnot litt. Das lag daran, dass der HSM nur wenige Erschütterungen registrierte und dementsprechend die Herzfrequenz nicht adäquat regulierte. Im Gegensatz dazu hatte sie dann bei der Abfahrt über die Buckelpiste immer die Maximalfrequenz von 150 Schlägen. Bei solchen Patienten kombiniert man meist Erschütterungs- mit Atemminutenvolumen-Sensoren. Durch Messung des Widerstandes zwischen der Sonde und dem Gerät, kann indirekt das AMV bestimmt werden und so die Herzfrequenz bei sportlichen Betätigungen ohne Erschütterungen oder in Situationen psychischer Erregung, angepasst werden.

 

Patient tot, Herzschrittmacher "lebt"

> Kann ein Herzschrittmacher registrieren, ob jemand tot ist?

Patienten mit einem implantierten HSM sterben ganz normal, wie alle andere Menschen auch. Zwar würde der HSM beim Verstorbenen feststellen, dass elektrische Signale aus dem Herzen fehlen und würde eine Stimulation einleiten. Diese wäre jedoch ineffektiv, da der Herzmuskel ohne Sauerstoff nicht mehr auf den Impuls reagieren kann. Woran HSM-Patienten allerdings nicht versterben können, ist an einem AV- Block III. Grades oder einer Asystolie. Das kann der HSM ausgleichen und dann ist es noch nicht Zeit zum Sterben. Kommt es bei den Patienten jedoch zu Kammerflimmern mit Frequenzen von bis zu 400 Schlägen/min, kann auch der HSM nicht mehr helfen. Dieser tachykarde Zustand kann nur noch durch einen Defibrillator unterbrochen werden.

 

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