• Fachartikel
  • |
  • Dr. Cornelia Schäfer
  • |
  • 08.02.2016

Sturm im Magen

Holger Wüst sitzt blass und schmerzverzerrt im Wartezimmer seines Hausarztes, die Uhr fest im Blick. Eigentlich kann er sich gar nicht leisten hier zu sitzen. Wenn nur dieser furchtbare Schmerz im Bauch endlich aufhören würde. Ob er doch noch eine Schmerztablette einwerfen sollte?

© papa-Fotolia.com

Nach einer gefühlten Ewigkeit wird Herr Wüst von einer Arzthelferin ins Labor gebeten. Dort wird Blut abgenommen, um einige Routinewerte zu bestimmen und ein EKG zuschreiben. Dr. Reimer begutachtet anschließend folgende Daten auf seinem Computer:

  • 37 jähriger Patient, Raucher (30Zig/d seit 20Jahren)
  • 180cm bei 90kg KG,
  • RR 140/90 mmHg, P 75/min,
  • Temperatur auriculär 36,2°C
  • EKG: normokarder Sinusrhythmus, Linkstyp, Herzfrequenz 76/min, keine ST-Streckenhebungen, keine Rhythmusstörungen
  • Vorerkrankungen: Z.n. Bandscheibenvorfall L4/5 vor 1 Jahr, seitdem immer wieder Vorstellung wegen Rückenschmerzen, daher regelmäßig Schmerzmittelkonsum, Z.n. Sturz auf die rechte Schulter vor 2 Jahren mit Rotatorenmanschettenruptur nach Skiunfall

Der Hausarzt begrüßt seinen Patienten mit den Worten: „Hallo, Herr Wüst. Was führt Sie heute zu mir?“ Herr Wüst berichtet über Schmerzen im oberen Epigastrium, v.a. nach dem Essen sei es schlimmer. Als Leiter eines großen Unternehmens käme er dazu allerdings nur unregelmäßig. „Seit 4 Wochen wache ich nachts immer wieder mit diesen Schmerzen auf.“ klagt Herr Wüst. Auch Kaffee und Rauchen verschlechtern den Schmerz und das Schmerzmittel, was ihm bei den Rückenschmerzen immer wieder geholfen hat, wirkt auch nicht. „Können Sie mir nicht etwas verschreiben, das hilft? Ich muss jetzt wirklich wieder los, in der Firma wartet noch so viel Arbeit auf mich.“

Dr. Reimer versucht ihn zu beschwichtigen. „Zunächst möchte ich mir das Ergebnis der Laboruntersuchung ansehen und Sie außerdem zur weiteren Abklärung an einen Gastroenterologen überweisen.“ Parallel will der Arzt eine Therapie mit einem magensäurehemmenden Medikament beginnen. „Ich vermute, dass sie ein Magengeschwür haben.“ erklärt er seinem gestressten Patienten. Doch woher kann das eigentlich kommen?

Exkurs Verdauungstrakts

Der Verdauungstrakt ist ein komplexes System mit unterschiedlichen Stationen, die unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Ermöglicht wird dies durch einen speziell auf die jeweiligen Anforderungen abgestimmten Wandaufbau der Organe mit differenzierten Aufnahme- und Aufschlüsselungssystemen für die Nahrung.

Der Magen

Der Magen liegt intraperitioneal im linken Oberbauch in enger anatomischer Beziehung zu Leber, Zwerchfell, Milz, Pankreas, Dickdarm, Duodenum, Bauchaorta und Nieren. Sein Eingang ist durch den sog. Hiatus oesophageus im Zwerchfell fixiert. Er bildet einen gekrümmten Schlauch mit einer kleinen und einer großen Krümmung. Seine Wand besteht aus 5 Schichten:

  • Mucosa: einschichtiges hochprismatisches Epithel
  • Submucosa: lockeres Bindegewebe mit großen Blutgefäßen-> bei Kontraktion der Muskelwand kann sich die Schleimhaut in Falten (Plicae gastricae) legen, ist der Magen gefüllt, verschwinden sie wieder.
  • Muscularis: außen Längsmuskulatur (Stratum longitudinale), Mitte Ringmuskulatur (Stratum circulare), innen schräge Fasern (Fibrae obliquae).
  • Subserosa: dünne Bindegewebsschicht
  • Serosa: Bauchfell

Auf der Schleimhautoberfläche liegen die Areae gastricae, sog. Magenfelder, auf denen die Ausführungsgänge mehrerer Magendrüsen münden. Im Magen gibt es verschiedene Drüsen. Die Cardiadrüsen erzeugen Schleim, die Hauptdrüsen setzen sich aus Pepsinogen-sezernierenden Hauptzellen, Belegzellen (Parietalzellen), die Salzsäure und Intrinsic Factor produzieren und Nebenzellen, die Bicarbonat und Schleim bilden, zusammen. Damit sich die Drüsen nicht selbst verdauen, werden die von den Hauptzellen sezernierten Pepsinogene erst in der Magenlichtung durch die Säure zu Pepsinen aktiviert. Die Magenwand selbst wird durch einen Überzug aus bicarbonathaltigem Schleim geschützt. Unter normalen Bedingungen halten sich protektive und aggressive Faktoren der Magenschleimhaut die Waage.

Durch Stress, basenarme Ernährung (Fastfood), Rauchen, Medikamente (wie Thrombozytenaggregationshemmer, hochdosierte Kortikosteroide oder NSAR) können die Schutzmechanismen versagen. Dann beginnt der Magen, sich selbst zu verdauen und ein Ulcus entsteht. Auch nach schweren Unfällen, Verbrennungen oder größeren Traumen kann das passieren. Patienten auf der Intensivstation erhalten meist eine zusätzliche Medikation mit Protonenpumpenhemmern, die eine Übersäuerung des Magens verhindern. Im Rahmen des Traumas kommt es über den Anstieg von Thromboxan und Platelet-activating factors zur zunehmenden Vasokonstriktion und Thrombozytenaggregation. Die Schleimhaut wird weniger durchblutet und es entsteht eine lokale Azidose, welche das Ulcusrisiko erhöht. 

Das Magengeschwür wird nach Lokalisation und Beschwerden eingeteilt. Man unterscheidet das sog. Ulcus ventriculi, daszwischen Angulus und Cardia an der kleinen Kurvatur liegt und sich durch einen epigastrischen Druckschmerz äußert vom Ulcus duodeni, das meist an der Vorderwand des Bulbus duodeni lokalisiert ist und sich durch einen Druckschmerz rechts paraumbilical bemerkbar macht.
Einteilung Ulcera ventriculi nach Johnson:

Typ I: Ulcus ventriculi an der kleinen Kurvatur mit Subazidität
Typ II: Ulcus ventriculi und Duodeni mit Hyperazidität
Typ III: präpylorisches Ulcus mit Norm-/Hyperazidität

Wie geht es mit Herrn Wüst weiter?

Wenige Tage nach dem Besuch beim Hausarzt wird bei Herrn Wüst eine Magenspiegelung durchgeführt. Dabei wird in örtlicher Betäubung mit Hilfe eines Gastroskops der Ösophagus, der Magen und der Übergang in den Zwölffingerdarm beurteilt. Bei Herrn Wüst liegt eine sog. chronische Antrumgastritis vor. Für die histologische Untersuchung und zur Abklärung einer zusätzlichen Helicobacter pylori-Infektion werden direkt vor Ort kleinere Proben der Schleimhaut abgezwickt. 

Bei Herrn Wüst liegt ein Typ II Ulcus vor. Die histologische Untersuchung und der Ureaseschnelltest (Helicobacter Pylori benötigt dieses Enzym, um sich vor Verdauung zu schützen, positiver Test = Keimnachweis) ergibt eine zusätzliche Infektion mit Helicobacter pylori, einem gramnegativen mikroaerophilen Stäbchenbakterium, das den Magen besiedeln kann. 

Die Helicobacter Infektion zählt zu den weltweit häufigsten chronischen Infektionen und führt in 10-20% der Fälle zur Entstehung eines Ulcus. Der Keim sezerniert zahlreiche die Magenschleimhaut und die allgemeine Immunabwehr schädigende Enzyme und führt zur Entstehung einer Gastritis Typ B (B = Bakteriell bedingt). Viele der B- Gastritiden verlaufen jedoch symptomlos. Der Patient trägt sozusagen eine schlummernde Zeitbombe im Körper, die bei zusätzlichen begünstigenden Faktoren wie Stress, unregelmäßige Ernährung etc. aktiviert wird und als Ulcus „explodiert“.

Formen von Gastritiden

A: Autoimmungastritis mit Antikörperbildung gegen Belegzellen und Intrinsic Factor, auf Corpusregion unter Antrumaussparung beschränkt
B: bakteriell induzierte Gastritis, durch Helicobacter Pylori induzierteAntrumgastritis mit aszendierender pyolokardialer Ausbreitung
C: chemisch induziert, Refluxgastritis, durch Medikamente oder chronischen Gallensäurereflux bedingte Antrumgastritis

Herr Wüst wird ein Protonenpumpenhemmer verschrieben. Daneben erhält er außerdem eine sog. Eradikationstherapie aus mehreren Antibiotika und einem PPI, um die Helicobacter-Infektion zu bekämpfen. Nach 6 Wochen wird ein erneuter Ureasetest zur Kontrolle durchgeführt. Dieser ist glücklicherweise negativ. Herr Wüst jedenfalls war das eine Lehre: Inzwischen ist er berufliche kürzer getreten und hat seine ungesunden Ernährungsgewohnheiten verändert.

 

Schlagworte
Mein Studienort

Medizinstudenten berichten aus ihren Unistädten

Werde Lokalredakteur Die Unistädte auf Google Maps
Medizin im Ausland

Erfahrungsberichte und Tipps aus über 100 Ländern

Erfahrungsbericht schreiben Auslands-Infopakete