• Reportage
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  • Mikolaj Walensi
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  • 25.04.2017

Tod in 24 Stunden

Den Namen kennt er: Herr Ams war kürzlich schon einmal auf der Station behandelt worden. Dann liest unser Autor das OP-Protokoll der vorigen Nacht: akuter Mesenterialinfarkt, kurative Therapie nicht möglich. Der Patient hat höchstens noch einen Tag zu leben – und er weiß es. Selten schien dem Arzt der Weg zu einem Patientenzimmer so lang.

 

 

Ich nahm den Patienten wie schon so viele andere zuvor auf meine Stationsliste auf: Männlich, 65 Jahre alt, mit Vorerkrankungen wie dem metabolischen Syndrom, einer terminalen Niereninsuffizienz und einem Urothelkarzinom in der Anamnese bereits beträchtlich vorbelastet. Computertomografisch Dünndarmischämie, nun Zustand nach explorativer Laparotomie. Dass die Operationszeit mit ca. 1 Stunde auf dem OP-Programm der letzten Nacht sehr kurz war, fiel mir zunächst gar nicht auf. Ich machte den Eintrag auf meiner Stationsliste und war erfreut, den Namen bereits zu kennen: Herr Ams* war doch schon vor ein paar Wochen bei uns gewesen. Damals lag er in dem Zimmer direkt gegenüber von unserem Arztbüro, sein Dialyse-Shunt hatte sich verschlossen. Eine Nacht Hospitalisation, ich hatte Wochenenddienst und entließ ihn am nächsten Tag nach einem kurzen, freundlichen Gespräch – auf dass der Shunt lange offen bleibt!

 

Das bewusste Sterben in 24 Stunden

Am Schreibtisch bereitete ich Entlassungsberichte vor, als die zuständige Pflegerin hereinkam und etwas fragend sagte, Herr Ams werde bald von der Intensivstation zum Sterben auf unsere chirurgische Abteilung verlegt. Ich schaute irritiert vom Monitor hoch und kurz ins Leere. „Zum Sterben? Herr Ams? Der wurde doch gestern erst operiert, das kann nicht sein“, korrigierte ich sie. „Doch, das haben die Kollegen von der Intensivstation so gesagt!“ Ich runzelte die Stirn und stand vom Computer auf, in den ich sowieso schon zu lange geschaut hatte. Ging mir die Akten des Patienten und das OP-Protokoll anschauen. „Diagnose: akuter Mesenterialinfarkt. Therapie: explorative Laparotomie.“ Keine Resektion, keine Anastomose, nichts. Mir kam meine Doktorarbeit über die akute Mesenterialischämie in den Sinn: schwere Arteriosklerose, „stilles Intervall“, metabolisches Syndrom, Letalität bis 90 %. Risikofaktoren und Anamnese, die ich noch einmal überflog, passten. Ich schaute auf die Rückseite des Protokolls. „Prozedere: Komforttherapie“. Eine Patientenverfügung lag nicht vor.

Es dauerte einen Moment, bis ich meine Gedanken ordnen konnte und zu verstehen begann, was los war. Herr Ams würde tatsächlich sterben. Nicht irgendwann, sondern sehr bald. Ich ging ins Pflegerzimmer: „Ist er ansprechbar? Weiß er, was passiert ist, wie es um ihn steht? Ist jemand bei ihm?“ „Ja, ja und ja“, sagte die Pflegerin und lächelte traurig. Ich merkte, dass ich wieder ins Leere starrte. Der Patient hatte vor Kurzem erfahren, dass er in weniger als 24 Stunden sterben würde, und lag jetzt in Begleitung seiner Frau auf meiner Station in einem Einzelzimmer. Ich versuchte, mir kurz vorzustellen, wie man sich in dieser Situation fühlt – konnte es aber nicht. Mir wurde ein wenig übel. Ich griff zum Telefon und rief zur Sicherheit den diensthabenden Intensivmediziner an. Er bestätigte mir alles: Die Ischämie betraf aufgrund eines akuten Verschlusses der Arteria mesenterica superior nahezu den kompletten Dünndarm, eine Resektion war nicht mehr möglich. Herr und Frau Ams wurden bereits auf der Intensivstation über alles informiert.

 

Abschied nehmen

Ich lief einige Male hin und her, noch einmal zum Computer, um die Krankengeschichte zu studieren. Schließlich blieb mir nichts anderes übrig: Ich machte mich auf den Weg in sein Zimmer. Es lag am Ende der Station, ein schönes, helles, großes Einzelzimmer. Ich stand vor der Tür und schaute zum dritten Mal ins Leere. Diesmal ärgerte es mich. Ich merkte, dass gerade in diesem Moment das Gefühl der Hilflosigkeit am größten war. Musste man dem Patienten das antun, ihn für so eine Nachricht aus der Narkose holen? Würde ich bei dieser Prognose überhaupt aufwachen wollen? Ich merkte, wie die Gedanken an Klarheit verloren, und klopfte vorsichtig an die Tür. Wartete. Ging langsam hinein. Herr Ams lag im Bett und sah nicht viel anders aus als beim letzten Mal. Seine Frau saß bei ihm und hielt seine Hand. Ich stellte mich mit unsicherer Stimme vor und sagte: Wenn ich noch etwas – irgendetwas – für Sie tun kann, sagen Sie den Pflegern sofort Bescheid.“ Beide hatten Tränen in den Augen. Herr Ams lächelt mich sanft an und sagte: „Man kann wohl nicht mehr viel tun.“

 

Sterbebegleitung

Der Tag zog sich hin. Ich wusste, dass ich aufgrund der OPs und der Stationsarbeit sicher wieder einmal bis 21 Uhr hier sein würde. Bis zum Abend sah ich Frau Ams mehrere Angehörige empfangen. Die Pflegekräfte kümmerten sich sehr liebevoll um die beiden und ließen keinen ihrer bescheidenen Wünsche offen. Herr Ams brauchte nur etwas zu trinken und Schmerzmittel. Als ich mit meiner Arbeit fertig war, ging ich noch einmal zu ihm. Er lag ruhig da, umgeben von seiner Frau und den engsten Verwandten, und atmete kaum noch. Ich konnte immer noch nichts tun. Herr Ams würde bald sterben. Als seine Frau um einen Kaffee bat und hinausging, begleiteten die betreuende Pflegerin und ich sie. „Wird es noch lange dauern?“ fragte sie. „Nein, nicht mehr lange“, sagten wir fast gleichzeitig. „Er schläft bald ganz tief ein.“ Als wir zurückkamen, bemerkte ich das präfinale Atmen des Patienten. Wir standen mit der Pflegerin zusammen im Zimmer. Während Frau Ams seine Hand hielt, hörte er ganz auf zu atmen. Sie bemerkte es längere Zeit nicht. Ich schaute zur Pflegerin, sie lächelte und nickte. Dann sagte ich: „Er ist jetzt eingeschlafen.“

 

Ein einmaliger Fall

Noch mehrere Wochen begleitete mich ein Gefühl der Unfassbarkeit eines solchen Todes. Es war für mich schlichtweg unmöglich, mich in die Situation von Herrn Ams hineinzufühlen. Der Tod eines Menschen ist eine der schwierigsten Situationen, mit denen man konfrontiert werden kann. Ich habe seitdem viele andere dramatische Verläufe erlebt – aber keiner war wie bei Herrn Ams: Das vollkommen erhaltene Bewusstsein nach kurz zuvor gestellter Diagnose mit infauster Prognose und dem damit unmittelbar bevorstehenden Tod war eine einmalige Situation, dazu kam eine ungewöhnliche Nähe der Betreuung. Therapeutisch konnten wir ja nicht mehr viel tun – nur dem Patienten und seinen Angehörigen den größtmöglichen Komfort ermöglichen und jede Hilfe anbieten. Das hat unser Gefühl der absoluten Hilflosigkeit wenigstens ein bisschen gemildert.

*Name von der Redaktion geändert

 

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