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  • Tobias Stolzenberg
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  • 23.04.2018

Zwei gegen den Krebs

Sie wollen den Krebs mit dem körpereigenen Immunsystem bekämpfen. Dafür entwickelt das Forscherpaar Özlem Türeci und Ugur Sahin einen Wirkstoff nach dem anderen und hat so zwei der erfolgreichsten deutschen Biotech-Start-ups aufgebaut.

 

Die beiden Wissenschaftler machen nicht viel Aufheben um sich. Auf Kongressen gehören Özlem Türeci und Ugur Sahin nicht zu jenen, die sich gern in den Vordergrund spielen. Und dennoch haben sie bereits zwei international erfolgreiche Biotech-Unternehmen gegründet – und mit beiden die moderne Krebsmedizin geprägt. Den Plan dazu fasste Sahin schon als Jugendlicher – inspiriert von Forschergrößen wie Paul Ehrlich. Bei seiner Frau Özlem Türeci, die im Landkreis Cloppenburg aufwuchs, kam der prägende Einfluss vom Vater. Er war aus Istanbul nach Deutschland gekommen und arbeitete als Arzt in einem kleinen Krankenhaus. Die Besuche bei ihm in der Klinik beeindruckten das Mädchen.

Türeci studierte ebenfalls Medizin und wurde Ärztin. Durch Zufall lernte sie ihren Landsmann Sahin Anfang der 1990er-Jahre auf der Krebsstation des Klinikums in Homburg an der Saar kennen. Doch die Therapiemöglichkeiten für Tumorerkrankungen waren damals begrenzt: Es standen nur Operationen, die Chemotherapie oder Bestrahlungen zur Verfügung. Aber die beiden glaubten fest an andere Wege. Irgendwie musste sich das Immunsystem des Körpers dazu bringen lassen, selbst die entarteten Zellen anzugreifen. Zur Jahrtausendwende wechselten sie deshalb an die Mainzer Uniklinik, um dort
ein neues Forschungslabor aufzubauen. Sie wollten sogenannte Immuntherapeutika entwickeln.

Es war der Beginn eines Weges, der zu einer der größten Erfolgsgeschichten der Biotech-Branche Deutschlands führte. Türeci gründete in den folgenden Jahren mit ihrem Mann zunächst die Firma
Ganymed Pharmaceuticals und schließlich BioNTech, Deutschlands mit Abstand erfolgreichstes
Biotech-Start-up derzeit. Das Paar sammelte erst kürzlich weitere 270 Millionen Dollar Wagniskapital ein, die Bewertung liegt damit bei zwei Milliarden Euro, eine Seltenheit in der hiesigen Biotech-
Landschaft. Dass die Firma kaum jemand kennt, liegt nicht nur an der Bescheidenheit der Gründer
– sondern erzählt auch einiges über die Innovationskultur in Deutschland.

Im Mittelpunkt der Arbeit des Paares stehen maßgeschneiderte Antikörper, um das Immunsystem von Krebspatienten scharfzumachen gegen die Tumoren. Denn Krebszellen unterscheiden sich durch äußere Charakteristika von gesunden Zellen. Und diese lassen sich als Angriffspunkte nutzen. Trotzdem war die Skepsis der Pharmakonzerne groß, als Türeci und Sahin an sie herantraten. „Das Konzept erschien der Industrie zu gewagt“, erzählt Türeci. „Also gründeten wir einfach unser eigenes Unternehmen.“

Mit Ganymed entwickelten sie dann etwa den sogenannten „idealen monoklonalen Antikörper“ mit der Nummer 362, kurz IMAB362. Er greift gezielt Magenkrebszellen an und konnte die Überlebenszeit der Patienten während der Studienphase in Kombinationstherapien signifikant verlängern. Inzwischen hat
das Präparat mit Phase 3 die letzte Stufe der klinischen Erprobung erreicht. Die klinischen Daten erregten 2016 auf der Jahrestagung der American Society of Clinical Oncology (ASCO) Aufsehen. Am Ende kaufte der japanische Konzern Astellas Pharma Ganymed für 422 Millionen Euro.

Dem Ehepaar aber genügte das Erreichte längst noch nicht. Denn allen Fortschritten zum Trotz beruht für Sahin, der zudem Experimentelle Onkologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz lehrt, die Krebsmedizin leider immer noch auf dem Motto „One size fits all“. Man versuche, möglichst vielen
Patienten mit einigen wenigen Krebsmedikamenten zu helfen. Auch IMAB362 sei keine Ausnahme. Der Ansatz funktioniere zwar gut, sei aber beileibe nicht die beste Lösung.

Wie wäre es also, überlegten Türeci und Sahin, ein wirklich individuelles Medikament für den einzelnen Patienten zu entwickeln? Schon seit dem Studium beschäftige ihn diese Idee, „das körpereigene Immunsystem so zu triggern, dass es Krebszellen erkennt und tötet“, erzählt Sahin. Möglich wäre das, so
seine Überlegung, durch eine therapeutische Impfung auf Basis der mRNA, dem Botenstoff des Erbgutmoleküls DNA. Doch die Idee hatte einen Haken: Die Moleküle sind extrem instabil. Im Körper dienen sie schließlich vor allem dazu, die genetische Information in Proteine zu übersetzen. Ist der Job erledigt, werden sie wieder abgebaut. Ein derartig kurzlebiges Molekül als Medikament? Unmöglich, hieß es lange Zeit. Aber Sahin glaubte an seine Idee. Es scheint gerade die Komplexität zu sein, die den
52-jährigen Wissenschaftler an der Herausforderung reizte. Also gründete er eine zweite Firma, um die Aufgabe zu lösen. Es funktionierte: Mittlerweile hat BioNTech 700 Mitarbeiter.

Die Herstellung der Krebsimpfstoffe beginnt mit der Sequenzierung des Tumormaterials. Dadurch erfahren die Forscher, welche Neoantigene der Krebs ausbildet. Algorithmen identifizieren im nächsten Schritt die besten Angriffsziele unter ihnen. Der Impfstoff besteht dann im Wesentlichen aus der
mRNA, die den Bauplan für diese krebstypischen Proteine bereitstellt. Diese Eiweiße stellen eine Art Fahndungsfoto dar, das anschließend die Zellen des Immunsystems auf den Plan rufen soll. Dank dieser massiven Hilfestellung erkennen die Immunzellen, wo der Feind steckt – und greifen die Krebszellen an.
Am Ende ist ein im wahrsten Sinne des Wortes „einzigartiger Impfstoff“ entstanden, wie es Sahin beschreibt: „Jeder Patient bekommt den eigenen Impfstoff gegen seinen Tumor.“

Vorigen Sommer sorgte Sahin mit einer in der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlichten klinischen Studie für Aufsehen: Der neue RNA-Krebsimpfstoff war das erste Mal am Menschen getestet worden. Fast zwei Jahre nach der Behandlung waren acht der 13 Melanom-Patienten noch immer tumorfrei. Derzeit laufen weitere Studien, nun mit deutlich mehr Patienten. Sind die Ergebnisse weiterhin gut, könnte der erste Krebsimpfstoff schon in zwei bis drei Jahren auf den Markt kommen, heißt es. Bei Erfolg wäre es zudem sehr wahrscheinlich, dass die Technik auch bei anderen Krebsarten funktioniert.

Noch ist die Herstellung der personalisierten Impfstoffe jedoch anspruchsvoll. Sahin, der nach dem Medizinstudium auch noch Mathematik studierte, ist dennoch überzeugt, dass sich die enorme Herausforderung mittels Automation und Digitalisierung beherrschen lässt. Er will den aufwendigen
mehrwöchigen und etappenreichen Prozess gewaltig beschleunigen. „Wir arbeiten gegen die Zeit“, macht er klar. „Wir müssen viel, viel schneller werden, dabei aber hochpräzise arbeiten.“ Denn zum einen sind die Patienten todkrank und haben nur eine geringe Lebenserwartung. Zum anderen verändern sich die Tumoren ständig, sodass der Impfstoff sonst nur zu einem Teil der Zellen passt. Inzwischen dauert die Produktion der Krebsvakzine nur noch halb so lang. Das Ziel ist aber die Herstellung innerhalb weniger Tage.

Immerhin sind die Präparate laut Sahin schon deutlich preiswerter geworden. Langfristig, hofft der Onkologe, werden sie nicht teurer sein als andere Biopharmazeutika. Das lässt einigen Spielraum: Schon zugelassene Mittel können Hunderttausende Euro im Jahr kosten. Deshalb glaubt Sahin, dass den individualisierten Impfstoffen künftig ein zentraler Platz unter den Krebstherapien sicher ist: „Ich halte das nicht für eine Utopie, sondern einfach für eine technologische Herausforderung.“

 

 


Dies ist ein Artikel aus der Technology Review 04/2018

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