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  • Roland Fath, Frankfurt/Main
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  • 26.02.2007

Impfmüdigkeit – Folge eines trügerischen Gefühls der Sicherheit

Impfungen zählen zweifellos zu den wirksamsten Präventivmaßnahmen in der Medizin. Doch immer weniger Menschen lassen sich impfen. Woran liegt das? Und was ist tatsächlich die bessere Lösung?

 

 

„Der größte Misserfolg von Impfungen ist ihr Erfolg“, sagte Professor Dr. Heinz Schmitt von der Universität Mainz kürzlich bei einem von der Dechema e.V. in Frankfurt am Main veranstalteten Symposium. Die letzte Polioinfektion mit einemWildtypvirus ist in Deutschland1992 aufgetreten. Die Diphtherie ist ebenfalls eliminiert, Tetanus extrem selten geworden und Pertussis im Kleinkindesalter fast verschwunden. Invasive Haemophilus influenza Typ-B (Hib)-Infektionenmit Epiglottitis oder Meningitis werden heute bei nur noch rund 50 Personen pro Jahr registriert. Dies verleitet die Bevölkerung dazu, Impfungen nicht mehr als unbedingt nötig anzusehen.Aber die Erfolge lassen sich nur fortsetzen,wenn die Durchimpfungsraten auf hohem Niveau gehalten werden.

Die Erfolge geraten in Vergessenheit

Nach den Schuleingangsuntersuchungen ist bei Kindern mit Impfausweis immerhinder Schutz gegen Diphtherie, Tetanus und Polio als sehr gut einzustufen. Die Impfraten liegen nach Daten aus dem Jahr 2002 bei deutlich mehr als 90% (Bundesgesundheitsbl– Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz2004; 47: 1144–1150). Bei der Hepatitis-B-Impfung liegt die Impfrateaber nur bei etwa 70%. Die niedrigsten Impfraten werden bei der 2. Masern-Mumps-Röteln (MMR)-Impfung bei Kindern zwischen 15 und 23 Monaten mit bundesweit nur knapp über 30% erreicht. Deutlich sind dabei die Unterschiede zwischen alten und neuen Bundesländern mit Impfraten von 29,3% und 57,4%.

Für die geplante Eliminierung der Masern in Europa bis zum Jahr 2010 reicht der Impfschutz hierzulande längst noch nicht aus. Deutschland zählte mit einer Häufigkeit von 5,69 Masern-Fällen pro 100 000 Einwohnern im Jahr 2002 zu den Ländern mit den höchsten Erkrankungsraten in Europa. Zwar sind die gemeldeten Fälle in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen; aber noch immer gibt es Masern-Epidemien mit mehr als 1000 Erkrankten und sogar Masern-Tote, betonte Schmitt.

Bei Erwachsenen fällt der Impfschutz mit zunehmendem Alter kontinuierlich ab, da Auffrischimpfungen zu selten wahrgenommen werden. Dies betrifft alle Standardimpfungen gleichermaßen, wie arbeitsmedizinische Routineuntersuchungen bei mehr als 11 000 Erwachsenen aus Schleswig-Holstein aus dem Jahr 2003 belegen (BGG 2004; 47: 1204–1215).Während zum Beispiel von den unter20-Jährigen 77% einen kompletten Impfschutz gegen Diphtherie, Tetanus und Polio hatten (vollständige Grundimmunisierung und letzte Impfung innerhalb von10 Jahren), betrug dieser Anteil bei den über 60-Jährigen nur noch 33%. Frauen sind diesen Daten zufolge durchweg besser als Männer geschützt mit, abhängigvon der Impfung, um 5% bis zu 14% höheren Raten.

Ärzte müssten besser informieren

Ein besonderes Problem bei älteren Menschenüber 60 Jahre wie auch bei chronischKranken ist, dass die ihnen empfohlenenIndikationsimpfungen gegen Influenzaund Pneumokokken-Infektionenviel zu selten genutzt werden. Nach einerTelefonumfrage des Robert-Koch-Institutes(RKI) gegen Ende der Grippe-Impfsaison2003 waren in den alten Bundesländernnur 28% der Zielgruppen und inden neuen Bundesländern 45% gegen Influenzageimpft (Epidemiol Bull 2004;14: 113–117). Die Pneumokokken-Impfratensind noch geringer, obwohl sichschwere oder tödliche Verläufe genausowie bei Influenza durch eine Impfungverhindern ließen. Jedes Jahr sterben inDeutschland schätzungsweise 10 000 bis30 000 Menschen, überwiegend Ältere,an den Folgen einer Pneumokokkenodereiner Influenza-Infektion.

Ärzten kommt bei der Impfakzeptanzeine entscheidende Rolle zu. Wird dieImpfung den Patienten direkt empfohlen,steigt die Impfrate, wie die Telefonumfragedes RKI bestätigt hat. „Ärzte sindverpflichtet, ihre Patienten und Eltern aufImpfungen aufmerksam zu machen“, betontebei der Frankfurter Tagung Prof. Dr.Erwin Deutsch von der Universität Göttingen.Zur Impfberatung gehören dabeiaußer Informationenüber den Nutzen derImpfung auch Hinweiseauf mögliche Nebenwirkungenund Komplikationen.Gerade beiEltern besteht oft großerAufklärungsbedarf,wenn Impfungen ihrerKinder anstehen. Etwaein Fünftel bis ein Viertelder Eltern haben zunächst Bedenken,so die Erfahrung von Prof. Dr. Ulrich Heiningervom Universitätskinderspital inBasel. Zum Teil sind es pauschale Ängste,schwere Erkrankungen auszulösen, zumTeil auch Vorurteile gegen einzelne Impfungen,die häufig auf Medienberichtenberuhen. Einzelne Berichte aus Englandvon chronischen Darmentzündungen beiKindern nach MMR-Impfung haben zumBeispiel die Skepsis gegenüber dieserImpfung besonders geschürt. Durch Aufklärungüber Nutzen und Sicherheit derImpfstoffe können etwa die Hälfte der besorgtenEltern überzeugt werden. Rund15% bleiben kritisch und lehnen gewisseImpfungen ab, vor allem die MMR-Impfung,sagte Heininger im Gespräch mitder DMW. Etwa 1% der Bevölkerung sindabsolute Gegner, die Impfungen kategorischablehnen und Argumenten nichtzugänglich sind.

Verbreitet ist auch die Ansicht, dass geradeSäuglinge zu viel geimpft werden und dasImmunsystem überlastet wird. Aber: Trotzhäufigeren Impfens werden mit den heutigenImpfstoffen viel weniger Antigene appliziertals noch vor einigen Jahren, betonteder Kinderarzt. Wurden 1980 bei siebenImpfungen noch über 1000 Antigene in denKörper gespritzt, sind es 2004 bei zehnImpfungen nur noch 116 Antigene.

Schließlich gibt es Vorbehalte gegen diemodernen 6-fach-Impfstoffe. EinzelneFallberichte über plötzlichen Kindstodnach 6-fach-Impfung haben Eltern verunsichert.Die Seltenheit der berichtetenEreignisse entspricht aber der spontanenSterblichkeit, betonte Heininger. Dennstatistisch gesehen stirbt im 1. Lebensjahreins von 100 000 Kindern innerhalbvon 24 Stunden nach der Impfung.

Vorteile und Risiken gut abwägen

Impfungen sind nicht frei von Nebenwirkungen.Aber angesichts der Erfolge unddem gesellschaftlichen Nutzen der Impfungenrücken die geringen individuellenRisiken weit in den Hintergrund, betontendie Experten in Frankfurt. Die Sicherheitvon Impfstoffen wird mit viel höherenStandards bewertet als die von klassischenMedikamenten, berichtete Dr.Brigitte Keller-Stanislawski vomPaul-Ehrlich-Institut (PEI) in Langen, dasalle Verdachtsfälle von Impfkomplikationen,die nach dem Infektionsschutzgesetz(IfSG) seit Anfang 2001 meldepflichtigsind, sammelt. Insgesamt wurden dem PEI im Jahr 2003 1199 Verdachtsfällegemeldet. Bei 884 Personen handeltees sich um schwerwiegende Komplikationen,die eine Klinikeinweisung erforderlichmachten. Schwierig ist allerdingsder Nachweis eines kausalen Zusammenhangszwischen einer Impfung und einerKomplikation, sagte Keller-Stanislawskiim Gespräch mit der DMW. Nach der Bewertungdes PEI war der Zusammenhangnur bei 0,2% der Verdachtsfälle gesichert,bei weiteren 34% galt er als wahrscheinlichund bei 30% als möglich.

Zahlen zur Häufigkeit von Nebenwirkungennach Impfungen sind Schätzungen.Häufigste Allgemeinreaktion nach einerImpfung ist Fieber, das in leichter Formbei Kindern bei bis zu 40% auftritt, vor allemnach Anwendung von Lebend-Impfstoffenwie der MMR-Vakzine. Nach klinischenStudien mit modernen Kombinationsimpfstoffensteigt bei etwa jedemhundertsten geimpften Kind die Temperaturüber 39,5 Grad Celsius, bei einigendavon kann es auch zu Fieberkrämpfenkommen, berichtete Keller-Stanislawski.Allergische Reaktionen auf Hühnereiweißoder Konservierungsstoffe in Impfstoffensind eine Rarität und treten nurbei einem von 50 000 bis 100 000 Geimpftenauf. Etwas häufiger mit einerRate von 1 zu 1000 bis 100 000 sindschwere Kreislaufreaktionen wie Kollaps,Hypotonie und Unterkühlung. Arthralgienwerden laut Literaturangaben nach einerRötelnimpfung in bis zu 15% und nacheiner Hepatitis-B-Impfung in bis zu 1%der Fälle berichtet. Die Häufigkeit neurologischerNebenwirkungen wie Neuritisoder Guillain-Barré-Syndrom wird aufeins zu einer Million geschätzt. Die Hypothese,dass Impfungen Autoimmunerkrankungenwie Diabetes mellitus Typ 1 auslösen könnten, hat sich bisher nichtbestätigt, betonte Keller-Stanislawski.

Aufklärung in der Bevölkerung

Weitere Anstrengungen sind notwendig,um die Akzeptanz für Impfungen inDeutschland zu erhöhen, sagte Schmitt inFrankfurt. Er fordert verstärkte Informationder Bevölkerung und Motivation derÄrzte zur Aufklärung. Sehr erfolgreichsind auch Interventionsprogramme anSchulen und Kindergärten, wie das EssenerModell deutlich macht. Durch eineeinmalige Impfberatung von fast 3500Schülern der 6. Klasse konnte die Impfrategegen MMR und Hepatitis B um jeweils16% verbessert werden, berichtete Dr.Hedwig Roggendorf vom GesundheitsamtEssen. Noch erfolgreicher war die Beratungin Kindergärten: Die Rate eines altersgerechtenImpfschutzes wurde beifast 3000 Kindern von 44% auf 88% erhöht.

Meldebögen für Verdachtsfälle von Impfkomplikationengemäß Infektionsschutzgesetz (IfSG) können im Internet von der Homepage des Paul-Ehrlich-Instituts heruntergeladen werden:

Stichworte: Information für Ärzte und Apotheker/unerwünschteArzneimittelwirkungen/Meldepflicht gemäßIfSG.

Die Bögen werden an das zuständigeGesundheitsamt gesandt undvon dort anonymisiert an das Paul-Ehrlich-Institut weitergeleitet.

AusführlicheInformationen zum Thema Impfen, unteranderem die STIKO-Empfehlungen, findensich auf der Homepage des Robert-Koch-Instituts.

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