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  • Annika Simon
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  • 15.12.2016

Time is Brain: Von der Kaffeetafel auf die Stroke Unit

Schlaganfälle werden bei einer alternden Bevölkerung immer häufiger und können zum raschen Tod oder schwerer Behinderung führen. Um das Schlimmste zu vermeiden haben sich hoch spezialisierte Intensivstationen entwickelt, auf denen Schlaganfallpatienten überwacht und behandelt werden. Was genau passiert aber mit den Betroffenen nach Eintreffen im Krankenhaus? Der folgende Fall gibt eine kurze Einführung in ein wichtiges und spannendes Thema.

FAST: Hängender Mundwinkel beim Adventskaffee

Menschen werden heute immer älter, viele pflegen einen ungesunden Lebensstil und überlasten damit langfristig ihr Herz-Kreislauf-System. Die Folge: Sogenannte arteriosklerotische Plaques lagern sich an den Gefäßwänden an und können im schlimmsten Fall zu einer akuten Durchblutungsstörung führen. Passiert dies in den Gehirn versorgenden Arterien, spricht man von einem ischämischen Schlaganfall. Die Neuronen, unsere wichtigsten Steuerelemente, werden nicht ausreichend mit Blut und dessen Bestandteilen versorgt und gehen daran zu Grunde. 

Je nachdem, welcher Bereich des Gehirns betroffen ist, zeigen Betroffene ganz verschiedene Symptome. Bei sogenannten Mediainfarkten, bei denen die Arteria cerebri media verstopft ist, stehen arm- und beinbetonte Lähmungen und Sprachstörungen im Vordergrund. Um die ersten Anzeichen eines typischen Schlaganfalls im Mediastromgebiet zu erkennen, hat sich die „FAST-Formel“ bewährt. Die vier Buchstaben stehen dabei für „Face“, „Arm“, „Speech“ und „Time“ – zu Deutsch: „Gesicht“, „Arm“, „Sprache“ und „Zeit“. Sie beschreiben kurz und bündig die Leitsymptome und schließlich den allerwichtigsten Faktor, der alles weitere bestimmt: die Zeit! 

Dass eine schnelle Verdachtsdiagnose und der sofortige Transport in ein spezialisiertes Krankenhaus Leben retten können, zeigt das Beispiel von Tante Gabi. Die alte Dame wollte gerade mit ihrer Kanasta-Gruppe am ersten Advent Kaffee und Torte genießen, als ihr das Heißgetränk plötzlich unkontrolliert aus dem rechten Mundwinkel über das Gesicht lief und auf den Teller tropfte („Face“). Der rechten Hand entglitt wie durch Geisterhand die Gabel und die Sahnetorte landete auf Tante Gabis guter Bluse („Arm“).

Ihre Freundinnen waren sofort in großer Sorge und fragten sie, ob es ihr nicht gut gehen würde. Gabi wollte antworten, doch es verschlug ihr schlichtweg die Sprache – sie brachte kein Wort mehr über die Lippen („Speech“). Glücklicherweise erinnerte sich Gabis Tischnachbarin und beste Freundin Ingrid an einen ähnlichen Vorfall in der Verwandtschaft ihres Mannes und alarmierte sofort den Rettungsdienst („Time“). Sieben Minuten später trafen die Retter am Ort des Geschehens ein. Sie stabilisierten Tante Gabi mit Infusionen und fuhren sie nach Rücksprache mit der Leitstelle ins nächst gelegene Krankenhaus mit neurologischer Abteilung und Stroke Unit.

Time is brain: Das Lysefenster

Dort angekommen wurden erneut Gabis Vitalparameter überwacht und stabilisiert. Der diensthabende Neurologe führte eine orientierende neurologische und internistische Untersuchung durch und befragte Gabis beste Freundin Ingrid ausführlich zum Geschehnis. Um eine akute Hirnblutung auszuschließen wurde rasch ein natives CT ihres Kopfes erstellt, dessen Ergebnis ausschlaggebend für das weitere Vorgehen sein sollte. Da der Beginn der Symptome erst eine knappe Stunde zurück lag, lag Gabi noch im „Lysefenster“. 

Das bedeutet, dass der Schlafanfall noch so frisch war, dass man das Blutgerinnsel, das mutmaßlich eine Gehirnarterie verstopfe, mit Hilfe eines Medikaments auflösen konnte. Aktuelle Leitlinien geben ein Fenster von 4,5 Stunden vor, sofern es keine Kontraindikationen für eine Blutverdünnung – die Lyse – gibt. Die wichtigste Kontraindikation, eine frische Hirnblutung, konnte über das Kopf-CT bereits ausgeschlossen werden. Und da auch sonst nichts dagegen sprach, das Medikament Streptokinase zu verabreichen, wurde Gabi schnell auf die neurologische Intensivstation – die Stroke Unit – verlegt und erhielt das rettende Arzneimittel.

Kontrolle ist alles: Die ersten 72 Stunden

Bereits am nächsten Tag ging es Tante Gabi deutlich besser. Der rechte Mundwinkel sah schon fast wieder normal aus und auch im rechten Arm kamen langsam aber sicher die Kräfte zurück. Das Sprechen fiel ihr noch schwer, aber nach der Visite mit zufrieden wirkenden Ärzten und einem Besuch ihrer Enkel am Nachmittag schöpfte sie neue Hoffnung auf schnelle Genesung. 

Auf der Stroke Unit erhielt Gabi eine Schlaganfall-Komplexbehandlung. Sie wurde an 3 Tagen mehrmals täglich nachuntersucht, durchlief zahlreiche diagnostische Verfahren vom Elektrokardiogramm (EKG) über ein Elektroenzephalogramm (EEG) bis hin zum Herzultraschall bei den Internisten, übte mit einer Physiotherapeutin am Bett die Bewegung ihrer gelähmten Hand, und erhielt täglich eine Sprachtherapie vom Logopäden. Da sich Gabis Beschwerden schnell besserten und sich im Rahmen der umfangreichen Ursachendiagnostik keine sichere Erklärung für den Schlaganfall zeigte, wurde die Patientin zur Vorbeugung eines Re-Infarktes auf das Medikament Aspirin zur Hemmung der Thrombozytenaggregation und einen Blutfettsenker, ein Statin, eingestellt und anschließend auf Normalstation verlegt. Dort übte sie weiter fleißig mit der Physiotherapeutin und dem Logopäden und entschied sich nach ausführlicher Beratung durch die Sozialarbeiterin der Klinik für eine Anschlussheilbehandlung in einer neurologischen Rehaklinik. Zwei Wochen nach dem besagten Adventskaffee fuhr Gabi mit einem Krankentransport in die Reha und war im folgenden Sommer fast wieder die alte. Zwar ließ sie jetzt meistens die Sahnetorte weg, freute sich aber schon sehr auf den nächsten ersten Advent. Denn dieser Tag wurde dank aufmerksamer Freunde und schneller Ärzte zu Gabis zweitem Geburtstag!

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