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  • Annika Simon
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  • 21.03.2017

Die verwandelte Ehefrau

Das Frontalhirn ist Sitz des Bewusstseins und oberste Kommandozentrale des menschlichen Willens. Aber was, wenn dieser Teil plötzlich nicht mehr richtig funktioniert? Ein Fallbericht.

© Fotolia/Luis Louro

Herr Schmidt ist völlig außer sich, seine Frau hingegen wirkt eher gleichgültig, als er sie an den Tresen der Notaufnahme schleift. Es ist Sonntagnachmittag und bislang ein vergleichsweise ruhiger Dienst in der Notaufnahme. Das wird Herr Schmidt jetzt allerdings sofort ändern indem er sich erstmal vordrängelt und lautstark verkündet: „Sie müssen uns helfen! Meine Ehefrau ist seit vier Tagen nicht mehr sie selbst. Wir brauchen einen Neurologen. Irgendwas stimmt mit ihr nicht!“

Die Aufnahmeschwester seufzt einmal laut, telefoniert kurz mit dem Dienst habenden Neurologen und fordert die Krankenkassenkarte. Frau Schmidt scheint das ganze Theater derweil überhaupt nicht zu interessieren. Sie ist offensichtlich mehr als stabil und trommelt mädchenhaft mit ihren Fingern auf der Theke herum, während sie dabei eine Art Liedchen pfeift. „Sehen Sie“, sagt ihr Ehemann, „so geht das jetzt schon seit ein paar Tagen. Alles zieht an ihr vorbei. Wir waren beim Hausarzt. Aber der hat uns gleich eine Einweisung mitgegeben.“

Komische Kommentare und nächtliches Seufzen

Kurze Zeit später schlendert der gut gelaunte Neurologe in die heiligen Hallen der Notaufnahme. Tiefenentspannt hört er sich eine kurze Übergabe von der Aufnahmeschwester an und führt die Schmidts ins Untersuchungszimmer. „Was genau führt Sie denn heute an einem so schönen Sonntagnachmittag zu mir in die Notaufnahme?“ setzt der Mediziner an. Prompt erntet er eine umfangreiche Antwort: „Meine Frau verhält sich seit etwa vier Tagen total komisch. Sie kommentiert auf einmal die Sportschau, obwohl sie seit 30 Jahren Fußball nicht ausstehen kann und seufzt so komisch im Schlaf. Ständig trommelt mit den Fingern, starrt apathisch Löcher in die Luft und hat plötzlich gar keine Meinung mehr. Vor acht Jahren wurde ein Tumor am Eierstock operiert, sonst ist sie immer gesund gewesen. Keine Allergien, gar nichts!“erzählt der Ehemann. 

Der Neurologe schreibt fleißig mit und macht anschließend mit einer neurologischen Untersuchung weiter. Dabei erweist sich Frau Schmidt hinsichtlich Status der Hirnnerven, Koordination, Motorik und Sensibilität als top fit und wirkt zunächst neurologisch völlig unauffällig. Doch dann hat der Arzt plötzlich eine Idee, und stellt seiner Patientin ein paar Schlüsselfragen: „Frau Schmidt, welchen Tag haben wir heute?“ Die Frau schaut ihn ratlos an. „Donnerstag vielleicht?“, fällt ihre Antwort aus. „Nicht so ganz“, antwortet der Neurologe, „aber ich habe noch eine Frage für Sie. Wer ist das dort auf dem Stuhl?“ Er zeigt auf Herrn Schmidt und erntet ein langes Schweigen. „Ok, da scheint wirklich etwas nicht zu stimmen. Die Schwester nimmt Ihnen Blut ab, und wir machen erstmal ein Bild vom Kopf.“

Abszess oder Metastase?

Kurze Zeit später liegt Frau Schmidt immer noch reichlich gleichgültig auf dem Untersuchungstisch eines großen CT-Gerätes. Herr Schmidt wartet draußen, der Neurologe wartet auf die Bilder von Frau Schmidts Gehirn. Die Aufnahme ist noch nicht ganz fertig, da bekommen der Arzt und die MTA schon ganz große Augen. „Oh, da scheint was zu sein, im linken Frontallappen. Da möchte ich noch eine Aufnahme mit Kontrastmittel.“ Gleich wird er noch den Neurochirurgen anrufen. Der soll auch mal einen Blick drauf werfen. „Das könnte eine Metastase des Eierstocktumors von vor acht Jahren oder auch ein Abszess sein. Vielleicht wollten die Kollegen da was rumschneiden.“

Keine halbe Stunde später tummeln sich gleich mehrere Neurochirurgen im Schaltraum der Röntgenabteilung. Der Oberarzt, der Chefarzt, ein Radiologe und zwei Assistenten – geben sich die Klinke in die Hand und so wird aus der zunächst neurologischen Patientin ein Fall für die Chirurgie.

Drainage und Antibiotika

Nach einer noch genaueren Kopf-Aufnahme mittels Magnetresonanztomographie lässt sich der auffällige Befund im linken Frontalhirnbereich auch endlich beim Namen nennen. Glücklicherweise handelt es sich nicht um eine späte Metastasierung, sondern um einen Hirnabszess, eine umkapselte Eiteransammlung im Gehirn. Diese kann durch Verschleppung von Bakterien über die Blutbahn entstehen und auch insbesondere als Komplikation bei rezidivierenden Sinusitiden vorkommen. 

Frau Schmidt wird zunächst von den Neurochirurgen in Vollnarkose operiert. Die Ärzte öffnen den Abszess und entfernen den Eiter. Danach kommt die Patientin auf die Intensivstation und erhält hohe Dosen verschiedener zentral wirkender Antibiotika. Da der Abszess dank dem misstrauischen Ehemann früh erkannt worden ist, stehen Frau Schmidts Genesungschancen gut und sie wird vermutlich keine kognitiven Einbußen zurückbehalten.

Weiterführende Links

Leitlinien der AWMF zum Thema Hirnabszess
Thieme Buchtipp Fallbuch Neurologie

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