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  • Annika Simon
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  • 22.02.2017

Aha-Effekt beim Ultraschall - Differenzialdiagnosen von Rückenschmerzen

Rückenschmerzen sind weit verbreitet und zählen zu häufigen Konsultationsanlässen in der Notaufnahme. Auch wenn die meisten Patienten mit Verdacht auf einen Bandscheibenvorfall beim Neurologen landen, können manchmal auch ganz andere Erkrankungen hinter den Beschwerden stecken.

Rückenschmerzen können zahlreiche Ursachen haben. © MEV

Chaos in der Notaufnahme

„Hey, Neurologen! Hier sind noch einmal Rückenschmerzen für euch. Verdacht auf Bandscheibenvorfall.“, ruft die Aufnahmeschwester der ZNA in meine Richtung. Ich machte gerade eine Famulatur in der neurologischen Abteilung und durfte an diesem Tag der diensthabenden Ärztin in der Notaufnahme über die Schulter schauen. „Leg sie erstmal in Kabine drei“, ruft die Assistenzärztin zurück, „ich muss hier erstmal noch andere Patienten fertig machen! Nimm schon mal ein Standardlabor ab. Das Übliche. Ich komme gleich.“. Keine Frage, diesmal brannte die Hütte. Die Patienten standen Schlange am Aufnahmetresen und fast im Minutentakt parkte ein neuer Rettungswagen. Wir machten also zunächst die noch offenen Fälle fertig und widmeten uns dann der neuen Patientin mit Rückenschmerzen.

Schreiend vor Schmerzen

Noch bevor wir die Kabine betreten, kommt uns eine Schwester mit besorgter Miene entgegen: „Ihr müsst euch die Patientin sofort ansehen. Sie gefällt mir gar nicht. Schreit vor Schmerzen bei jeder Berührung und ist wie weggetreten. Ich fürchte, sie wird septisch.“ Die Ärztin tritt an die Patientin und beginnt mit der Anamnese. Doch die Patientin, eine Frau um die 50 jammert und schreit vor Schmerz, klagt über Rückschmerzen und Ziehen im Bauch.

Glücklicherweise ist ihr Bruder dabei und kann uns erste wichtige Information geben: „Meine Schwester hatte schon letzte Woche starke Schmerzen im Rücken und der Hausarzt hatte ihr zwei Spritzen gegeben. Da es nicht besser wurde, waren wir heute beim Osteopathen zum „Einrenken“. Aber auch das hat nichts gebracht. Seit ein paar Stunden schreit sie nur noch vor Schmerzen und hält sich den Bauch, da habe ich sie hierher gebracht.“.

Überraschung beim Ultraschall

Die Ärztin fängt an, die schreiende Patientin zu untersuchen. „Das ist definitiv nicht neurologisch!“, sagte sie plötzlich, „Wir müssen die Chirurgen rufen. Wir haben hier ein akutes Abdomen.“. Einen kurzen Anruf später kommt der zuständige Allgemeinchirurg dazu und macht zu allererst einen Ultraschall des Bauchraumes. Schon auf den ersten Blick zeigen sich massive Flüssigkeitsansammlungen in der ganzen Bauchhöhle. Der Chirurg punktiert den Bauch unter Ultraschall-Kontrolle und eine große Menge dunkelroter Flüssigkeit entleert sich. „Alles klar!“, sagt er zu uns, „Gut erkannt. Das ist kein Bandscheibenvorfall. Wir übernehmen die Patientin. Ich nehme sie gleich mit zur Computertomographie.“.

Fazit: Differenzialdiagnostik kann Leben retten!

Während die Patientin noch am selben Tag operiert wurde, machten wir mit den neurologischen Fällen weiter. Darunter tatsächlich auch ein echter Bandscheibenvorfall und ganz viele Patienten mit Kopfschmerzen. Am Ende der Schicht war ich dann aber doch neugierig: Was ist aus der Patientin mit dem akuten Abdomen geworden? Hat sie alles gut überstanden? Die Assistenzärztin ruft die Chirurgen an: Die Patientin hatte eine rupturierte Ovarialzyste, also ein geplatztes Bläschen am Eierstock, das sich in die ganze Bauchhöhle entleert hatte. Durch die Reizung des Bauchfells kam es zunächst zu Rückenschmerzen, die dann täglich schlimmer wurden. Rückenschmerzen sind also nicht immer gleich Rückenschmerzen. Und eine ordentliche Differenzialdiagnostik kann lebensrettend sein!

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