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  • Annika Simon
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  • 16.01.2017

Sprung zurück ins Leben: die Geschichte eines Suizidversuches

Auch psychiatrische Patienten können somatische Beschwerden haben, die unabhängig von seelischen Störungen bestehen. Das sollte sich jeder angehende Arzt ins Gedächtnis rufen, bevor man einen Patienten als „Psycho“ oder „überlagert“ abstempelt. Wie der folgende Fall eines Suizidversuches berichtet…

Arbeitsstress und Seitensprung

Michael war immer ein lebenslustiger Mann gewesen. Auch wenn er in der Schule nie zu den besten gehörte, hatte er als Tischlermeister seinen Traumberuf gefunden und mit Ende 20 seine Jugendliebe Jessica geheiratet. Trotz zahlreicher Versuche blieb das Paar kinderlos und eine negative Grundstimmung machte sich breit. Anfangs versuchte Michael, seine Frau immer durch Städtetrips, kleine Reisen und kreative Geschenke aufzuheitern. Doch nach etwa zwei Jahren warf auch er allmählich das Handtuch. Ihre Dialoge blieben zumeist einsilbig und Michael verbrachte jede freie Minute auf der Arbeit oder in seiner Lieblingskneipe. Als dann sein Arbeitgeber aufgrund einer schlechten Wirtschaftslage mit Einsparungen drohte, unter der Belegschaft Spannungen aufkamen und Michael bei seiner Frau eine Affäre vermutete, brach plötzlich seine sonst so heile Welt wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

 

Bremsung in letzter Sekunde

An einem Freitagabend – Michael war nach einem langen Arbeitstag mal wieder in seiner Kneipe versackt – konnte er nach dem siebten Bier-Schnaps-Gedeck beinahe den ganzen Weltschmerz in sich spüren, stand plötzlich von seinem Barhocker auf und lief ziellos und totdesmutig einfach auf die vielbefahrene Straße. Draußen war es bitterkalt und der Dauerregen prasselte auf die Fahrbahn, als Michael fest dazu entschlossen war, seinem Leid endlich ein Ende zu setzen. Ein großer Stadtbus rollte mit etwa 50km/h geradewegs auf ihn zu. Glücklicherweise war die Busfahrerin noch ganz neu an ihrem Arbeitsplatz und deshalb mit vollster Konzentration bei der Sache. Sie legte eine gekonnte Vollbremsung hin und rettete Michael damit das Leben.

 

Plötzliche Kopf- und Nackenschmerzen

Nach dem ersten Schrecken, einer vom Notarzt begleiteten Fahrt in die örtliche Psychiatrie und ein paar Pillen zur Beruhigung, fand sich Michael im Zimmer einer jungen Ärztin wieder und registrierte allmählich die Geschehnisse der vergangenen Nacht. „Michael, möchten Sie sich immer noch das Leben nehmen?“, fragte die Ärztin. „Nein, ich hatte getrunken und wusste nicht mehr weiter. Aber ich will Leben.“, lautete seine Antwort, bevor er plötzlich schmerzgeplagt zusammenzuckte. „Michael, was ist denn los? Haben Sie Schmerzen?“, hakte die Ärztin schnell nach. „Ja, ganz plötzlich zieht es am Hals und im Nacken bis in den Kopf hinein. Wie bei einem Blitz.“, sagte Michael und griff sich mit verzogener Miene immer wieder links an den Hals. „Das gefällt mir aber gar nicht“, murmelte die Psychiaterin mehr zu sich selbst und rief die diensthabende Neurologin an. Die Kollegin brauchte nur zwei Minuten und hatte schon telefonische einen ersten Anfangsverdacht: „Schicken Sie ihn bitte rüber. Ich werde ihn einmal untersuchen und wir machen zur Sicherheit ein Angio-CT! Nicht, dass ihr suizidgefährdeter Patient noch eine Carotisdissektion mit sich rumschleppt. Schließlich können auch psychiatrische Patienten rein körperliche Probleme haben!“

 

Wie ein zweiter Geburtstag

Nachdem Michael noch ein wenig desorientiert von der vergangenen Nacht in der Nachbarklinik angekommen war, begleitete ihn die Neurologin nach einer kurzen orientierenden Untersuchung persönlich zum Kopf-CT und lies dort auch die Haltgefäße mit Hilfe eines Kontrastmittels darstellen. Auf den Bildern zeigte sich dann eine Dissektion der Arteria carotis interna, die nur kurze Zeit später von den Neuroradiologen durch die Einlage eines Stents erfolgreich behandelt werden konnte. Michael wurde zur weiteren Überwachung auf die neurologische Intensivstation verlegt und erhielt gerinnungshemmende Medikamente. Nach ein paar Tagen fühlte er sich wieder besser und ärgerte sich zunehmend über seinen Suizidversuch. Auch Jessica hatte in den vergangenen Tagen gelitten und war total erleichtert, als sie Michael auf der Station wieder sah. „Die letzten Wochen sind wirklich blöd gelaufen. Das können wir eigentlich viel besser. Heute ist fast sowas wie dein zweiter Geburtstag. Das sollten wir gebührend feiern!“, sagte Jessica, gab Michael einen Kuss und nahm in ganz fest in den Arm.

 


Weiterführende Links

- S3-Versorgungsleitlinien Unipolare Depression 

- S2k-Leitlinien zur Suizidalität im Kindes- und Jugendalter

- Aktuelle Statistiken zu Sterbefällen durch Suizid in Deutschland zwischen 2012 und 2014

- Artikel von DER SPIEGEL über Suizide in Deutschland

- Dokumentation des SRF über das Leben nach einem Suizidversuch

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