• Kasuistik
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  • Felicitas Witte
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  • 02.08.2011

Karpaltunnelsyndrom

Erst fühlt es sich an, als ob Ameisen über die Finger laufen. Dann kommen stechende Schmerzen dazu und schließlich kann man nicht mehr richtig zugreifen: Die Symptome eines Karpaltunnelsyndroms sind unangenehm und können einem den Schlaf rauben. Ursache ist ein eingeengter N. medianus. Ein kleiner Schnitt schafft dem Nerv Erleichterung – und dem Patienten.

 

Symptomatik

Marianne Breuer gähnte herzhaft und goss sich noch eine Tasse Kaffee ein. Schon wieder hatte sie nicht richtig durchgeschlafen. Seit Wochen wurde sie nachts häufig von einem Kribbelgefühl an der Hand geweckt. Manchmal spürte sie außerdem stechende Schmerzen in den Fingern. Das Kribbeln war so störend, dass sie meist erst nach längerer Zeit wieder einschlief. Sie trank ihren Kaffee aus und räumte das Frühstücksgeschirr weg. Als sie die Milchflasche anhob, kam ihr diese ungewohnt schwer vor. Sie konnte mit der rechten Hand gar nicht mehr richtig zugreifen. Ihre Hand fühlte sich merkwürdig taub an und sie hatte den Eindruck, dass über einige ihre Finger Ameisen liefen. Eigentlich wollte sie heute einen Kuchen für das Mitarbeiterfest ihres Mannes backen, doch zu dem Kribbeln kamen nun wieder die stechenden Schmerzen hinzu. Hatte sie ihre Hand vielleicht überbeansprucht? Sie entschloss sich, den Kuchen für ihren Mann beim Bäcker zu holen und unterwegs bei ihrer Hausärztin vorbeizuschauen.

 

Anamnese, Untersuchung und Krankheitsbild

Frau Dr. Korn erkundigte sich, in welchen Fingern das Kribbeln und die Schmerzen hauptsächlich zu spüren wären. „Ach, eigentlich in allen“, antwortete Frau Breuer, „obwohl … im Zeige- und Mittelfinger
spüre ich es am meisten.“ Als die Patientin ergänzte, dass die Schmerzen oft auch in den Arm und in die Schulter ausstrahlten, hatte Dr. Korn bereits einen Verdacht. „Ich vermute, dass sie ein so genanntes Karpaltunnelsyndrom haben“, erklärte sie ihrer Patientin. Als sie den fragenden Blick von Frau Breuer sah, nahm die Ärztin ein Buch aus dem Regal und schlug eine bestimmte Seite auf.

„Der Karpaltunnel, auf Lateinisch Canalis carpi, befindet sich an der Innenseite Ihres Handgelenks“, dozierte Dr. Korn und zeigte auf ein Bild, bei dem die Hand quer durchgeschnitten war. „Der Tunnel wird aus den Handwurzelknochen und einem Band gebildet, dem Ligamentum carpi transversum, auch Retinaculum flexorum genannt. In dem Kanal befinden sich ein Nerv und zehn Sehnen von Muskeln, mit denen Sie Ihre Finger beugen können. Durch verschieden Krankheiten oder ohne besondere Ursache kann es dazu kommen, dass der Nerv im Kanal eingeengt wird. Das merkt der Patient als Taubheitsgefühl, Kribbeln oder – wenn der Zustand schon länger besteht – auch durch Schmerzen in den Fingern. Die Gefühlsstörungen sind hauptsächlich in den drei mittleren Fingern, weil die restlichen Finger von anderen Nerven der Hand, dem N. radialis unddem N. ulnaris versorgt werden.“

 

Der Karpaltunnel wird aus den Handwurzelknochen und dem Lig. carpitransversum gebildet. Durch Raumforderungen kann der N. medianus eingeengt werden. Die Folgen sind Kribbeln, Taubheitsgefühl und Schmerzen.

 

Dr. Korn begann, die Hände ihrer Patientin zu untersuchen. Der Karpaltunnel von Frau Breuer musste schon seit längerer Zeit verengt sein: Die Daumenballenmuskulatur der rechten Hand war deutlich atrophiert. Ursache für dieses Phänomen ist, dass der Thenarmuskel von einem Ast des N. medianus versorgt wird, der in den meisten Fällen nach dem Karpaltunnel vom Hauptnerv abzweigt. Kein Wunder, dass Frau Breuer keine Flasche mehr richtig halten konnte!

Als Dr. Korn das Innere des Handgelenks beklopfte, zuckte Frau Breuer vor Schmerzen – das so genannte Hoffmann-Tinel-Zeichen war positiv. Dann überstreckte Dr. Korn das Handgelenk ihrer Patientin in Beuge- und Streckstellung. Auch hierbei klagte Frau Breuer über Kribbeln und starke Schmerzen. Phalen-Test (Palmarflexionstest) und Brain-Test (Dorsalextensionstest) waren also ebenfalls positiv. Danach nahm sie der Patientin Blut ab, um Stoffwechselstörungen oder rheumatische Erkrankungen auszuschließen. Sie erwartete keine Auffälligkeiten, da sie die Laborwerte von Frau Breuer in den letzten Jahren regelmäßig kontrolliert hatte. Sie vermutete eher, dass die Hormonveränderungen in den Wechseljahren das Karpaltunnelsyndrom ausgelöst hatten.

Der Hoffmann-Tinel-Test ist eine einfache Untersuchung bei Verdacht auf ein Karpaltunnelsyndrom: Beklopfen des Tunnels löst Schmerzen aus.

 

Apparative Untersuchung

Nun mussten noch einige apparative Untersuchungen durchgeführt werden. Dr. Korn ließ beide Handgelenke von Frau Breuer röntgen, um eine Arthrose an den Handwurzelknochen auszuschließen. Bisher hatte sich ihre Patientin noch nie am Handgelenk verletzt, Veränderungen an den Knochen durch nicht korrekt verheilte Frakturen oder Luxationen waren daher unwahrscheinlich. Im Elektromyogramm (EMG) sah sie, dass die Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) des N. medianus an der rechten Hand deutlich verlangsamt war. An der linken Hand war die NLG ebenfalls leicht verlangsamt – Frau Breuer hatte also auch hier ein beginnendes Karpaltunnelsyndrom.

 

Therapie

„Wie kann man den Kanal denn weiter machen, damit es dem Nerven nicht so eng ist?“, erkundigte sich die Patientin nach den Untersuchungen.
„Man kann zunächst die Hand ruhig stellen und Kortison spritzen. Oft lassen die Beschwerden dann nach“, erklärte Dr. Korn. „Doch bei Ihnen müssen wir den Nerv befreien: Sie haben schon sehr lange Schmerzen und die Muskulatur an Ihrem Daumenballen ist bereits abgebaut.“ Sie vereinbarte einen Termin bei einem niedergelassenen Chirurgen. Bis zur OP legte sie ihrer Patientin eine Unterarmschiene an und verschrieb gegen die Schmerzen ein nicht steroidales Antirheumatikum mit einem Magenschutzpräparat.

„Und was wird in der OP genau gemacht?“, fragte Frau Breuer. „Das Band, das den Tunnel begrenzt, wird gespalten, um den Nerv zu entlasten“, erklärte Dr. Korn der besorgten Patientin. „Dies kann neuerdings auch endoskopisch durchgeführt werden.“ Eine Operation – das hatte ihr gerade noch gefehlt.
Aber Frau Breuer war froh, dass sie ihre Hausärztin aufgesucht hatte, und freute sich schon darauf, bald wieder richtig durchschlafen zu können und endlich nicht mehr von Schmerzen und Kribbeln im Handgelenk geweckt zu werden.

 

Der eingeengte N. medianus kann bei einem Karpaltunnelsyndrom häufig nurdurch eine Operation entlastet werden. Das Lig. carpi transversum ist bereits durchtrennt und der N. medianus dadurch „befreit“.

Ursachen eines Karpaltunnelsyndroms

Primär (idiopathisch, ohne erkennbare Ursache)

Sekundär

  • Traumatisch (Subluxation oder Luxation
    eines Handwurzelknochens)
  • Posttraumatisch (Hämatom, Thrombose, Ödem, Vernarbungen, Infektion, Knochensplitter, in Fehlstellung verheilte Radiusfraktur)
  • Osteophytenbildung bei Handgelenkarthrose
  • Rheumatische Erkrankungen der Gelenke und Sehnenscheiden
  • Tumoren (z.B. Handgelenkganglion, Neurinome)
  • Abnorme Muskelverläufe
  • Endokrine und hormonelle Veränderungen (Gravidität, Klimakterium, Diabetes mellitus, Akromegalie, Hypothyreose)
  • Stoffwechselerkrankungen (Gicht, Amyloidose)
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