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  • Annika Simon
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  • 26.01.2017

Kasuistik: Jägerin mit Erinnerungslücke

Nach einem Jagdausflug kann sich eine ansonsten kerngesunde Frau plötzlich nicht mehr an die letzten Stunden erinnern. Was ist passiert? Warum überweist sie der Hausarzt an die Neurologie? Handelt es sich vielleicht um einen Hirninfarkt?

© Janni

Eine ratlose Patientin

Die 55-jährige Frau Hartmann kommt in Begleitung ihrer Tochter mit hausärztlicher Einweisung in die neurologische Notaufnahme eines städtischen Klinikums. „Ich habe eine Erinnerungslücke von etwa vier Stunden“, erklärt sie der jungen Assistenzärztin. „Gestern nach der Arbeit war ich mit einem befreundeten Jäger und meinem Hund auf einer Tour quer durch den Winterwald, aber ich kann mich an nichts mehr erinnern. Wir haben meinen Freund heute früh angerufen. Es sein alles normal gewesen. Trotzdem habe ich eine Lücke.“.

„Haben sie sonst noch irgendwelche Symptome wie zum Beispiel Schwindel, Kopfschmerzen oder Übelkeit bemerkt? Sind ihnen heute Spuren eines Sturzes am Körper aufgefallen?“, hakt die Ärztin nach und macht sich ein paar Notizen. Nach einer ausführlichen Anamnese, die keinerlei Hinweise auf Vorerkrankungen oder sonstige Ursachen der „Lücke“ ergibt, untersucht die Ärztin ihre Patientin neurologisch. Auch hier zeigen sich keine Auffälligkeiten, und so kann sie Frau Hartmann und deren Tochter erst einmal beruhigen: „Vermutlich hatten Sie eine sogenannte transitorische globale Amnesie (TGA). Ihre Beschreibung der Erinnerungslücke, gefolgt von Ratlosigkeit direkt danach und einer vollständigen Rückbildung innerhalb von 24 Stunden passt exakt zu diesem in der Neurologie nicht seltenen Krankheitsbild. Eine TGA ist an sich harmlos. Da sie aber durch ihr Geschlecht und ihr Alter gewisse Risiken mitbringen, möchte ich dennoch einen Schlaganfall oder ein Krampfleiden ausschließen.“.

 

Rundum-Check

Um einen Schlaganfall oder Epilepsie auszuschließen, veranlasst die Ärztin zunächst ein CT des Schädels, nimmt Frau Hartmann Blut ab und bittet die Schwester, ein 12-Kanal EKG zu schreiben. Die Untersuchungen ergeben keinen Anhalt für eine frische Blutung, einen Territorialinfarkt, eine Herzrhythmusstörung als Quelle für Thrombembolien oder eine Blutzuckerentgleisung. Frau Hartmann wird stationär aufgenommen und erhält zunächst einmal täglich eine Tablette Aspirin 100mg bis zum endgültigen Ausschluss eines Hirninfarktes.

Am nächsten Tag erbringen auch die Kernspin-Untersuchung des Kopfes, eine Hirnstrommessung und eine Doppler- und Duplexsonographie der Hirn versorgenden Arterien ausschließlich altersentsprechende Normalbefunde, sodass die Ärztin bei ihrer eingangs gestellten Arbeitsdiagnose einer TGA bleiben kann. Die prophylaktische Medikation mit ASS wird wieder abgesetzt und Frau Hartmann kann nachdem alle Untersuchungen abgeschlossen und ausgewertet sind bei völlig gesund nach Hause entlassen werden.

Des Rätsels Lösung

Aber warum genau ist bei Frau Hartmann eine vorübergehende Amnesie eingetreten? Eine TGA bezeichnet eine kurzzeitige Erinnerungslücke, die sich innerhalb von 24 Stunden völlig zurückbildet und außer der Beruhigung des Betroffenen keiner weiteren Therapie bedarf. Da insbesondere bei älteren Menschen Ratlosigkeit und akute Störungen des Kurzzeitgedächtnisses auch auf einen Schlafanfall hinweisen können, empfiehlt sich nicht nur aus juristischen Gründen eine breite Abklärung.
Neben einem Schlaganfall zählen ein Krampfleiden, eine Hirnhautentzündung oder ein Schädelhirntrauma zu möglichen Differenzialdiagnosen. 

Im Falle einer echten TGA ist die Bildgebung unauffällig, selten lassen sich hyperintense Punkte im Hippocampus nachweisen. Eine plausible und gesicherte Erklärung für mehrstündige Erinnerungslücken, die sich vollständig zurück bilden, gibt es bis heute nicht. Wissenschaftler vermuten eine kurzzeitige Funktionsstörung der hippocampalen Region, ausgelöst durch Kälte, einen venösen Rückstau oder große körperliche Anstrengungen.

Frau Hartmanns Beschreibung von ihrem Marsch mit Hund und Jagdgewehr durch den kalten Winterwald würden also durchaus zu dieser Theorie passen. Wie bereits beschrieben, ist die TGA an sich harmlos und wiederholt sich nur selten bei etwa 15% der betroffenen Patienten. Allerdings kann diese - verglichen mit einem Schlaganfall höchst erfreuliche - Diagnose besonders bei unklarer Anamnese in einer hektischen Notaufnahme zur großen Herausforderung werden. Jeder Arzt in spe sollte die TGA also stets im Hinterkopf behalten.

 

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