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  • Torben Brückner
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  • 05.12.2006

Der Reflexhammer

Ganz gleich welche Fachrichtung, ein Reflexhammer in der Kitteltasche ist sinnvoll. Entsprechend ist die Auswahl groß. Hier einige Infos, die man berücksichtigen sollte:

Die Schwere

Um einen Reflex auszulösen muss der Untersucher die richtige Stelle treffen. Zugleich, sagen die Neurologen, solle er nicht zuschlagen, sondern den Hammer locker aus dem Handgelenk "fallen lassen". Dadurch ist ein Seitenvergleich besser möglich, schließlich kann niemand mit exakt gleicher Kraft zweimal schlagen. Und natürlich tut es dem Patienten auch weh, wenn der Hammer aktiv bewegt wird. Also soll die Schwerkraft die Arbeit leisten, deshalb gilt: Ein schwerer Hammer hat Vorteile – in Zahlen so um die 150 Gramm.
Da haben wir aber auch schon die ersten Probleme - lassen wir den schweren Hammer wirklich fallen, trifft er leicht daneben. Irgendwann tut einem auch der Finger weh, wenn er ständig als Puffer zwischen Hammer und Patient herhalten muss. Und in der Kitteltasche nimmt er zudem einiges an Platz und Gewicht ein, da machen sich selbst 180 statt 100 Gramm bemerkbar.

Dennoch - erste Regel: ein hohes Gewicht ist sinnvoll, besonders am Kopfende, damit der Hammer besser schwingt.

 

Die Länge

Der Hammergriff sollte eine gewisse Länge haben, damit das „Fallen lassen“ besser gelingt. Normalerweise haben alle angebotenen Reflexhämmer eine ausreichende Länge. Es gibt sogar Variationen mit Stimmgabel oder Kugelschreiber als Hammergriff.

 

Die Gummierung

Die nächste Regel: Am Schlagfläche des Kopfes sollte ein Gummipfropf sitzen, um natürlich Verletzungen zu vermeiden.

Interessant ist dabei auch die Form der Schlagfläche. So gibt es allgemein: Halbkugelform, Halbmondform, Autoradform und viele andere. Jede Variante hat ihre Vor- und Nachteile. Es gibt manche Schlagflächen, die bei bestimmten Reflexen geeignet sind und andere nicht so sehr. Aber dies soll uns nicht weiter belasten, schließlich schleppt man nicht tausend Hämmer mit sich herum. Am Ende funktioniert jeder Hammer überall - mal besser, mal schlechter. Aber dazu mehr weiter unten.

 

Die Hygiene

Was ist mit Pinsel und Nadel? Die sind in teuren Hämmern meist integriert, aber dazu ist nur zu sagen: Unhygienischer Unsinn! Diese Utensilien werden nicht benutzt. Dafür werden Wattestäbchen mit Holzgriff verwendet, die Pinsel und Nadel ersetzen. Wer möchte schon gerne mit einem Pinsel bestrichen werden, der schon die bakterienverseuchten Haut von zahlreichen bettlägerigen Patienten gestreichelt hat, die sich nicht ständig ausreichend waschen können? Von der Nadel ganz zu schweigen.

 

Die Spitze

Das spitzförmige Ende des Hammergriffs ist praktisch, um den Babinski-Reflex an der Fußsohle auszulösen. Natürlich soll das Ende nicht so spitz wie eine Nadel sein, viel mehr wie bei einem Kugelschreiber (siehe Foto).

 

Verschiedene Spitzen am Hammerende

Einzelne Hammerarten

Soviel zum Allgemeinen, nun noch einige gängige Hammermodelle mit ihren Besonderheiten. Alle vorgestellten Hammermodelle haben in der Regel spitze Enden und Schlagflächen aus Gummi:

Troemner

Der Troemnerhammer ist ein recht schwerer, t-förmiger Hammer. Er hat auf der einen Seite ein dicken und auf der anderen einen dünnen Gummipfropf, beide sind halbkugel- bzw. punktförmig. Es gibt sehr viele verschiedene Varianten. Am besten man probiert selbst, wie sie in der Hand liegen. Ein Gewicht zwischen 150-180 Gramm empfand ich als das angenehmste, schließlich soll man damit ja keinen Knochen brechen. Troemner selbst schrieb seinerzeit, dass der Griff leicht zu reinigen und in der Not auch als Zungenspatel benutzbar sei.
Der Troemnerhammer ist beliebt, er gilt inoffziell als der von deutschen Neurologen empfohlene Hammertyp, in der berühmten Mayo Clinic hat er unter den Neurologen eine Tradition. Allerdings ist es schon anstrengend ihn dauernd mit sich herumzuschleppen.

Taylor

Das Gegenteil zum Troemner könnte der Taylorhammer sein, der 1888 vorgestellt wurde und weltweit am bekanntesten ist. Mit weniger als 100 Gramm ist er ziemlich leicht, besteht er doch nur aus einem schmalen Griff und einem Kopf - in Form eines in die breite gehenden Dreiecks aus Gummi. Dadurch ensteht eine längliche und auf der anderen Seite eine eher punktförmige Aufschlagfläche, so mussten die Ärzte damals nicht mehr mit der Handkante bzw. dem Mittelfinger den Reflex auslösen. Zu leicht sollte ein Hammer nun eigentlich nicht sein (siehe oben: "Die Schwere"), wobei der Schwerpunkt beim Taylor aber idealerweise deutlich auf dem Gummikopf liegt. Bermerkenswert ist eben die Leichtigkeit, du kannst ihn bis ans Ende der Welt schleppen oder auch nur durchs Krankenhaus.

 

Varioflex, Troemner, Berliner, Taylor (von links nach rechts)

Buck

Der Buckhammer ist so etwas wie die kleine Ausgabe vom Troemner, gleiches Design, nur sehr viel leichter und schmaler. Man kann ihn daher eher in der Paediatrie verwenden.

Berliner

Das Besondere am Berlinerhammer ist dessen Aufschlagfläche. Sie ist recht schmal und halbmondförmig. Dies hat bei bestimmten Sehnen Vorteil. Auch trifft der Anfänger damit eher als mit dem halbkugelförmigen Troemner. Die mir bekannt Version wiegt ungefähr 100 Gramm, zumal das Gewicht auch nicht unbedingt auf dem Kopfende liegt. Das Schwingen sieht mit diesem Hammer also nicht so elegant aus.

Varioflex

Eine Mischung aus dem Troemner und dem Berliner ist der Varioflex-Kombinationshammer. Er hat auf der einen Seite den Halbmond - der breiter als beim Berliner ist - und auf deren anderen die Halbkugel. Das Gewicht liegt bei ungefähr 140 Gramm, der Schwerpunkt befindet sich wie beim Troemner auf dem Hammerkopf. Unangenehmerweise sind bei diesem Modell auch Nadel und Pinsel integriert, was etwas peinlich ist (siehe oben: „Der hygienische Hammer“).

Dejerine

Der Dejerinehammer ist ebenfalls t-förmig, jedoch sind an beiden Enden gleich große, sehr breite halbkugelförmige Gummienden.

Babinski/Rabiner

Der Babinskihammer hat die Form eines Autorades aus dessen Mitte der Griff sticht. Dieser ist im Verhältnis zu anderen Hammerarten relativ lang. Meist kann der Hammerkopf auch umgeklappt werden, so dass die Radform parallel zum Griff zeigt.
Es gibt Variationen, bei denen das Radende auf den Griff anschraubbar ist. Weiterhin gibt es Babinskihämmer mit Teleskopgriff, so dass er sowohl in der Kitteltasche Platz finden, als auch die Länge eines Unterarms erreichen kann. Je nachdem wie nah man dem Patienten kommen möchte.
Die Klapp- bzw Schraubversion wurde von Abraham Rabiner entwickelt. Babinski und Rabiner gerieten 1920 auf einer Versammlung in einen heftigen Streit nicht nur mit Worten sondern auch mit "other nonprofessional physical activity", wie es heißt. Am Ende bekam Rabiner von Babinski den ursprünglichen Hammer geschenkt, den jener dann weiterentwickelte. Babinski lobte dies später in seiner Biographie.

 

Babinskihammer mit Klappfunktion und Teleskopgriff

Giraffe "Jamaal"

Bei Neugeborenen löst der Pädiater Reflexe praktischerweise mit dem Finger aus, als würde er perkutieren. Selbst bei Erwachsenen ist diese Technik möglich. Eine Alternative bietet "Jamaal" - ein Reflexhammer in Form einer Giraffe. Er wird von Kindern als ein Spielzeug angesehen, das der kleine Patient während der Untersuchung halten kann und dadurch abgelenkt ist. Ein klassischer Reflexhammer wird womöglich sogar als Bedrohung angesehen.

 

Reflexhammer für Pädiatrie: Giraffe Jamaal

 

Qual der Wahl

Nicht alle Neurologen tragen einen Troemner bei sich und insgeheim würden sie wohl alle eine Giraffe aus der Kitteltasche herausgucken lassen wollen.

Welchen Hammer du nun benutzt, sei dir selbst überlassen, schließlich ist die Auswahl enorm. Oder du erfindest dir deinen eigenen Hammer - wie Herr Troemner, Mister Taylor, Monsieur Dejerine und all die anderen.


Alle im Artikel verwendeten Fotos sind von Torben Brückner.

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