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  • Annika Simon
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  • 14.12.2016

Das Weihnachtswunder der neurologischen Intensivstation

Die Tageszeitungen sind voll mit Traueranzeigen – klar, dem Tod ist die Vorweihnachtszeit egal. Im Krankenhaus begegnet man weinenden Angehörigen, hört die Schreie verzweifelter und schmerzgeplagter Patienten. Und trotzdem geschehen zwischendrin auch kleine Wunder.

© clipdealer/Smileus

Eine harmlose Mittelohrentzündung?

Erna Schmidt war immer eine sehr lebenslustige Frau. Obwohl sie unter fortschreitender Demenz litt und pflegebedürftig war, sorgte sie mit ihrer fröhlichen Art bei jedem Familientreffen für heitere Stimmung. Erste Anzeichen ihrer Erkrankung zeigten sich bereits kurz nach dem ersehnten Eintritt in den Ruhestand. Erna war zunehmend vergesslich und hatte Stimmungsschwankungen. Nur sieben Jahre später war sie auf die 24-Stunden-Betreuung durch ihren Ehemann Werner und einen ambulanten Pflegedienst angewiesen.

„Gott sei Dank vergisst sie immer, dass sie eigentlich so krank ist!“pflegte ihr Mann zu sagen. Er kümmerte sich rührend um seine Erna. Seit 37 Jahren waren die beiden verheiratet. Das schweißt zusammen – in guten wie in schlechten Zeiten. Eines Abends klagte Erna plötzlich über starke Schmerzen im rechten Ohr klagte. Nacht konnte sie nicht schlafen und fing an zu weinen. Werner zögerte nicht lange und brachte Erna zum kassenärztlichen Notdienst.

Gerade machte er sich noch Gedanken, ob er vielleicht überreagiert habe, als der diensthabende Arzt zu ihm sagte: „Herr Schmidt, Sie haben alles richtig gemacht. Ihre Frau hat eine Otitis media maligna. Das ist eine schwere Mittelohrentzündung, die ein HNO-Arzt im Krankenhaus operativ versorgen muss. Ich schreibe Ihnen jetzt eine Klinikeinweisung und bestelle einen Krankentransport.“

Notfall Herzstillstand

In der Klinik eingetroffen ging dann alles ganz schnell. Ein Röntgenbild bestätigte die vermutete ernsthafte Erkrankung und sicherte Frau Schmidt einen Platz ganz oben auf der OP-Liste. Herr Schmidt machte sich große Sorgen, benachrichtigte seine Kinder und Enkel und fuhr kurz nach Hause, um für seine Frau noch ein paar Sachen zu holen. Wieder in der Klinik angekommen, war die OP bereits gelaufen und seine Frau Erna lag zur postoperativen Überwachung auf der neurochirurgischen Intensivstation.

Nachmittags ab 15 Uhr gab es immer eine kurze Besuchszeit und so schaute auch Herr Schmidt nach seiner am Ohr bandagierten und unter Einfluss von Sedativa schlafenden Ehefrau. Als die letzte Schwester das Zimmer verlassen hatte, begann Herr Schmidt, seiner Frau allerhand zu erzählen. Auch wenn es keine objektiven Anzeichen gab – er hatte das Gefühl, Erna könne jedes einzelne Wort verstehen. Er schwelgte schon tief in gemeinsamen Erinnerungen, als plötzlich ein Alarm losging. 

Gleich drei Krankenschwestern und zwei Ärzte kamen herbei gerannt und schickten Werner hektisch zurück in den Wartebereich. Herr Schmidt hörte noch von weitem wie ein Arzt „Wir haben hier eine REA!“ brüllte und wurde dann von einer weiteren Krankenschwester in den Warteraum begleitet. Er wusste schon nicht mehr, wie lange er dort saß in diesem kalten, sterilen Raum mit unbequemen Schalensesseln und alten Zeitschriften auf der Fensterbank. Jedenfalls waren es die schrecklichsten Stunden seines Lebens.

Kampf zurück ins Leben

Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete sich die Automatiktür der Intensivstation und eine junge Ärztin kam direkt auf ihn zu. „Sind Sie Herr Schmidt?“, fragte sie höflich. Herr Schmidt nickte. „Ihre Frau hatte einen Herzstillstand und wir mussten sie 15 Minuten lang wiederbeleben. Ihr Herz hat dann wieder angefangen zu schlagen und jetzt ist sie wieder stabil. Nach der Operation hatte sie wohl auch eine Thrombose einer Hirnvene erlitten, sodass ihre Frau jetzt erst einmal auf die neurologische Intensivstation verlegt wird. Meine Kollegin erklärt Ihnen gleich den Weg. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Frau alles Gute!“

Wie versprochen brachte eine Schwester Herrn Schmidt auf eine andere Intensivstation. Bei der Kombination aus schwerer Demenz, neu diagnostizierter Herzschwäche, einer maligen Mittelohrentzündung und nach stattgehabter Reanimation sprachen die neuen Ärzte von einer sehr schlechten Prognose. Frau Schmidt hatte nach der REA tagelang nicht die Augen geöffnet und musste über mehrere Perfusoren mit Medikamenten stabil gehalten werden. Herr Schmidt realisierte zwar, wie schlecht es um seine Erna stand, wollte aber noch nicht aufgeben. Er bestand auf eine maximale Therapie.
Jeden Tag fuhr er mit Bus und Bahn drei Stunden durch die Stadt, um die Hand seiner Frau halten zu können. So auch am 24. Dezember, Heiligabend. 

Er hatte ein kleines Päckchen dabei und sogar eine kleine Dose mit Weihnachtsgebäck, rechnete aber wieder mit dem gleichen traurigen Anblick wie in den letzten Tagen. Umso überraschter war er, als schon im Eingangsbereich eine Schwester freudestrahlend auf ihn zu lief: „Herr Schmidt, es ist ein kleines Wunder geschehen!“, sagte sie. „Ihre Frau ist wach und spricht sogar mit uns. Sie hatte wohl einen Infekt, der sich langsam zurückbildet. Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten!“ Herrn Schmidt fehlten die Worte. Er rannte ins Zimmer, lies die Taschen auf einen Stuhl fallen und umarmte seine geliebte Erna. „Frohe Weihnachten, mein Schatz!“, sagte er zu ihr. „Ich habe immer daran geglaubt, dass du wieder auf die Beine kommst. Du bist eben eine richtige Kämpferin!“.

Weiterführende Links

Thieme Video zum Ablauf einer kardiopulmonalen Reanimation
Thieme Buchtipp „Checkliste Intensivmedizin
Artikel auf BILD.de über ein weiteres medizinisches Weihnachtswunder

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