• Bericht
  • |
  • Arne Conrad
  • |
  • 10.11.2014

Geburtshilfe unterm Weihnachtsbaum

Weihnachten ist besinnlich. Was aber, wenn man ausgerechnet in der heiligen Nacht Notarztdienst hat und dann auch noch ein Kind auf die Welt kommt. Arne Conrad erzählt hier seine Geschichte.

 

 

So hatte ich mir Weihnachten nicht vorgestellt: Am Heiligen Abend noch Tagdienst machen! Aber der Chef ließ sich nicht erweichen: Kollegen und Kolleginnen ohne Familie müssen an den Feiertagen ran, damit die anderen diese Zeit mit ihren Lieben genießen können. Ganz tief in mir drin konnte ich es ja verstehen … Aber Lust hatte ich trotzdem keine. Wenigstens waren alle in weihnachtlicher Stimmung. Und außer Kaffee zu trinken und Plätzchen zu vertilgen, gab es wenig zu tun.

Bis kurz vor Ende meiner Schicht, gegen 16:00 Uhr, das Stationstelefon klingelte. Ich hörte, wie die Schwester verdächtige Sätze von sich gab: „Ja, der ist noch da …“, sagte sie. Und: „Gut, gut, ich schick ihn rüber …“. Mir schwante Böses. Und dann informierte sie mich: „Du sollst mal in die Notaufnahme gehen. Aber bitte gleich!“ Und als ich dort meinen Oberarzt mit einer Notarztjacke auf dem Arm stehen sah, war mir auch klar, was mich erwartete.

„Herr Conrad“, sagte er. „Gut, dass Sie noch da sind. Der Kollege, der eigentlich heute Nacht als Notarzt eingeteilt war, hatte einen Unfall und kann nicht kommen und …“ Erschrocken fiel ich ihm ins Wort: „Ja, geht’s ihm denn gut?“. Der Oberarzt winkte ab: „Ja, ja. Geht schon wieder. Aber Notarzt kann er heute sicher nicht mehr fahren, deswegen …“ Deswegen durfte ich also für diese Nacht den NEF-Piepser übernehmen.
Das NEF stand mit meiner Lieblings-Rettungsassistentin Liesa vor der Tür. Es regnete bei knapp über null Grad. Liesa erklärte sich trotzdem sofort bereit, mich auf dem Weg zur Rettungswache noch beim Supermarkt vorbeizufahren – gemäß der im Rettungsdienst zentralen Regel: Ohne Mampf kein Kampf!

Wie jedes Jahr stand auch diese Weihnachten wieder ein Bäumchen mit bunten Elektrokerzen in der Rettungswache und ein Adventskranz verströmt ein wenig Tannenduft im Wohnzimmer. Es war zwar nicht wie zu Hause, aber besser als allein – und ich musste keine Weihnachtslieder singen
Entgegen der üblichen Gewohnheit blieb das Fernsehen aus und wir unterhielten uns gerade bestens über unsere Pläne für den ersten Weihnachtsfeiertag, als kurz nach acht der Melder des Rettungswagens aufging und die Kollegen vom Rettungsdienst zur „Einweisung, internistisch, ohne Sonderrechte“ alarmiert wurden. „Nicht einer der besten Einsätze bei dem Wetter“, scherze ich Ihnen noch hinterher.
Eine Stunde später wunderten Liesa und ich uns, wo der RTW bleibt und überlegten, ob wir nicht doch noch eine Flasche vom erstaunlich leckeren, selbstverständlich alkoholfreien Glühwein aufmachen sollten, als ein Einsatz uns jede weitere Entscheidung abnimmt und ich schlagartig die Farbe wechsele. Die Meldung lautete: „beginnende Geburt“!!!

Liesa fluchte leise als wir kurz danach vor die Garage rollten, um noch Einsatzort und -Nummer per Funk zu bekommen. „Was ist denn?“ fragte ich leicht panisch. „Es ist sauglatt – ich glaub es hat auf den gefrorenen Boden geregnet!“ Und sie hatte Recht. Ich stellte vorsichtig einen Fuß aus der Beifahrertür und landete auf einer spiegelglatten Eisfläche. „Können wir da überhaupt fahren?“, fragte ich vorsichtig. Doch Liesa blickte mich an, als wollte sie mich umbringen. „Klar fahren wir! Der RTW ist sonstwo und da kriegt ne arme Frau ein Kind … Meinste die Hebamme macht bei dem Wetter Hausbesuche!?!“ Ein wenig peinlich berührt blickte ich interessiert auf meine Fußspitzen, die sich wieder beide sicher im NEF befanden.
Unsere Höchstgeschwindigkeit auf der Anfahrt betrug auf den menschenleeren Straßen nur einmal kurz 30 km/h, sonst viel langsamer – und ich war froh, dass unser NEF Allrad hatte. Leider dauerte es so auch fast 45 Minuten, bis wir da waren. Wenigstens wussten wir, dass unser RTW nachkommt, sobald der seine Patientin im Krankhaus abgegeben hatte. Sonst wäre ohnehin keiner frei gewesen … Der ganze Landkreis litt nun unter „Blitzeis“ und Hubschrauber fliegen nicht im Dunkeln. Das erste freie Streufahrzeug hatte den Auftrag, zu unserem Einsatzort zu fahren.

Vor Ort begrüßte uns der Ehemann freundlich und ließ uns herein. Seine Frau lag relativ entspannt und sichtlich hochschwanger auf dem Sofa: „Hallo Herr Doktor! Und frohe Weihnachten!“, begrüßte sie mich glücklich. Wir unterhielten uns kurz, während Liesa die Vitalparameter erhob – alles normal. Aus ihren beiden Mutterpässen konnte ich schließen, dass es schon das dritte Kind war (in einen passen nur noch zwei Geburten). Und die bisherigen Schwangerschaften waren wohl allesamt komplikationslos verlaufen. „Unsere beiden Töchter sind schon bei Oma und Opa …“ Plötzlich stöhnte die Frau auf. „Und jetzt kommt wieder eine …“ Ich blickte Liesa hilfesuchend an und wusste nicht, ob die Frau eine Wehe oder das dritte Kind meinte. Aber ohne Transportmittel konnten wir ohnehin nichts tun. Ich erklärte den Umstand dem Ehepaar in der nächsten Wehenpause und dass der RTW unterwegs sei. „Da kann man wohl nix machen …“, sagte der Mann. „Aber bei dem Wetter ist das ja kein Wunder.“ Die beiden waren erstaunlich aufgeräumt und dann meinte die Frau, die mir meine Nervosität scheinbar doch irgendwie ansah, ganz versöhnlich zu mir: „Herr Doktor… Bei den letzten beiden Kindern war gar kein Arzt dabei … Da bin ich doch jetzt bestens versorgt! Und ganz ehrlich: Ich bin schon vier Tage über den Geburtstermin und froh, dass es jetzt kommt.“

Liesa erinnerte mich noch schnell daran, dass ich noch einen Zugang legen sollte, was mir tatsächlich noch vor der nächsten Wehe gelang. „Hast Du auf die Uhr gekuckt?“, frage ich Liesa. „Nee…“, gibt sie zu. „Die kommen schon alle zwei Minuten …“, rief uns der Ehemann freundlich aus der Küche zu und fragte ganz entspannt: „Kann ich Ihnen was zu trinken anbieten? Oder Dir, Schatz?“ Die antwortet: „Nee, Liebling. Aber der Doktor schwitzt – bring dem mal ne große Flasche Wasser!“ Jetzt musste Liesa nach unten kucken und sich das Lachen verkneifen.

„Ist die Fruchtblase schon geplatzt?“, erkundigte ich mich bei der Mutter. „Ja klar, kurz bevor wir Sie angerufen haben.“ Innerlich atmete ich kurz durch und erklärte dann, dass ich jetzt doch mal den Geburtsfortschritt untersuchen müsse. „Jaja … Machen sie mal. Ich glaube, man kann den Kopf schon tasten.“ Neben mir erschien eine große Sprudelflasche und ich bedankte mich artig. „Schatz, halt doch mal die Infusionsflasche, dann kann die Sanitäterin dem Doktor besser helfen.“ Es beschlich mich der Eindruck, dass ich eigentlich gar nicht hier sein müsste und die Frau sollte Recht behalten: Der behaarte Kopf des Kindes war schon nach außen hin sichtbar. Eigentlich wollte ich Liesa noch per Funk fragen lassen, wie lange der RTW noch braucht, aber jetzt war ich mir sicher, dass das Kind schneller sein würde.

Wir kippten unseren Kindernotfallkoffer gemeinsam aus und vereinbarten mit der Mutter, dass die Couchecke, auf der sie ohnehin schon saß, für sie der angenehmste Platz war. „Um die Couch machen Sie sich mal keine Gedanken, Dokterchen. Die neue kommt in den nächsten Tagen.“ Offenbar wurde hier an alles gedacht … Und jetzt wurde ich auch noch verniedlicht …

Wir bereiteten drum herum eine „sterile Kuhle“ und legten daneben direkt viele saubere Handtücher, warme Decken und die Utensilien zur Abnabelung. Auch einen Absauger bereiteten wir vor, denn es muss sichergestellt werden, dass das Kind nach der Geburt freie Atemwege hat und ausreichend mit Sauerstoff versorgt ist.
Für den Notfall wiederholte ich innerlich noch kurz die Erstehilfemaßnahmen für Kinder: Der Puls wird brachial oder femoral gemessen und sollte der Herzschlag unter 60 Schläge/Minute fallen, muss reanimiert werden. Wichtig hierbei: Kleinkinder haben viel öfter ein Problem mit der Oxygenierung/Atmung als mit dem Herzen, weshalb laut European Resuscitation Council (ERC) immer erst nochmal beatmet wird, bevor man eine Herzdruckmassage macht. Ich wollte auf alles vorbereitet sein, deshalb legten wir auch Mini-Beatmungsbeutel und Reanimationsmedikation (Adrenalin: 0,01mg/kg) bereit – eine Geburt begleite ich schließlich nicht jeden Tag. Dann hieß es nur noch abwarten und die „Austreibung“ bewachen.

Zum Glück musste ich mein Notfallwissen nicht anwenden. Die Mutter leistete ganze Arbeit, wir mussten das Kind nur „in Empfang“ nehmen – und eine halbe Stunde später hielt ich einen gesunden Jungen in meinen Händen, der mich zu meiner größten Erleichterung lauthals anschrie … Und dann kullerte mir doch tatsächlich ein Tränchen über die Wange. Ich nabelte unser „Christkind“ schnell ab, Liesa wickelte ihn sichtlich gerührt warm ein und gab ihn der Mutter auf den Bauch. Die Eltern waren nun auch überglücklich und keine zwei Minuten später kam die Nachgeburt. Ich wollte sie eben zur „Fachbegutachtung“ durch einen Gynäkologen einpacken, als es an der Tür klingelte.

Liesa öffnete und unser RTW kam inklusive Hebamme und Gynäkologin herein: „Können wir noch was helfen?“, fragte letztere und die Mutter antwortete in mittlerweile gewohnt familiären Ton: „Neenee … Der Herr Doktor hat seine Sache richtig gut gemacht!“ Nun lachten wir alle laut … nur der Winzling blickte neugierig um sich.

Wir übergaben die drei an den RTW und halfen noch beim einpacken, bevor ich das erste Mal an mir herunter blickte und feststellte, dass ich dringend die Kleidung wechseln sollte. Das Streufahrzeug hatte nun auch seine Arbeit getan und die Rückfahrt im Status „nicht einsatzklar“ verlief fast wie immer. Liesa hielt mir die Wasserflasche aus der Wohnung hin und zwinkerte mir zu. „Haste echt klasse gemacht, Dokterchen“, lobte sie mich. Ich schmunzelte, und im Radio lief „Ihr Kinderlein kommet …“

* Die Kasuistik ist authentisch. Einige Details wurden aus Persönlichkeitsschutzgründen modifiziert.

Schlagworte
Mein Studienort

Medizinstudenten berichten aus ihren Unistädten

Werde Lokalredakteur Die Unistädte auf Google Maps
Medizin im Ausland

Erfahrungsberichte und Tipps aus über 100 Ländern

Erfahrungsbericht schreiben Auslands-Infopakete