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  • 13.01.2014
  • Das Risiko fährt mit - jedes Jahr werden zahlreiche Skifahrer von Lawinen erfasst - Foto: jogyx / Fotolia

    Das Risiko fährt mit - jedes Jahr werden zahlreiche Skifahrer von Lawinen erfasst. Foto: jogyx / Fotolia

     

Lawinenmedizin für Einsteiger

Viele Ski- und Snowboardfahrer bewegen sich gerne abseits der präparierten Pisten. Doch das Risiko fährt immer mit. Nicht selten werden so gefährliche Lawinen ausgelöst, die jedes Jahr zahlreiche Wintersportler unter sich begraben. Für die Rettungskräfte ist der Lawinenunfall immer eine besondere Herausforderung. Es gilt, keine Zeit zu verlieren, denn für den Verschütteten zählt jede Minute. Der Alpinmediziner Dr. med. Ulrich Steiner aus Garmisch-Partenkirchen erklärt uns, worauf es bei einer Lawinenrettung ankommt.

> Herr Dr. Steiner, wie lange kann ein Verschütteter unter einer Lawine überleben?

Innerhalb den ersten 18 Minuten nach Stillstand der Lawine sind die Überlebenschancen eines Verschütteten noch sehr hoch (90%). Diese Phase wird daher auch als „Überlebensphase“ bezeichnet. Die anschließende „Erstickungsphase“ (18-35 Minuten Verschüttungszeit) überleben nur noch 35% der Verschütteten. Der längste dokumentierte Fall einer Lawinenverschüttung liegt bei 48h. Dabei handelt es sich aber natürlich um eine absolute Rarität. So etwas ist nur möglich, wenn z.B. unter größeren Schneeschollen ein entsprechender Hohlraum zum Atmen und ausreichende Luftzufuhr vorhanden sind.

 

> Worin besteht für den verschütteten Patienten die größte Gefahr?

Die häufigste Todesursache ist das Ersticken, weil die Atemwege durch Schnee blockiert oder durch die Schneemassen keine Thoraxbewegungen mehr möglich sind. 10-30% der Verschütteten versterben je nach Geländebeschaffenheit (Wald, Felsen, etc.) bereits vor dem Stillstand der Lawine an tödlichen Verletzungen. Die Hypothermie spielt als Todesursache eher eine untergeordnete Rolle. Sie hat in diesem Fall sogar einen positiven Effekt: Pro °C Temperaturabnahme im Körper sinkt der Sauerstoffbedarf des Patienten um 8 %. Der Patient kühlt je nach Bekleidung ca. 6-8°C pro Stunde ab. Dadurch steigt die Hypoxietoleranz und damit auch die Überlebenswahrscheinlichkeit des Patienten. Hier gilt der Grundsatz: „nobody’s dead until he’s warm and dead“.

 

> Worauf muss bei der Bergung geachtet werden?

Wichtig ist es, möglichst schnell und vorsichtig den Kopf und die Atemwege des Opfers freizulegen. Für die Bergung muss der Körper des Verschütteten dann vollständig  ausgegraben werden. Gerade Personen, die länger als 35 Minuten in der Kälte gelegen haben, müssten extrem vorsichtig geborgen werden, um den sogenannten „Bergungstod“ zu vermeiden. In der Kälte etabliert der Körper einen Notkreislauf, der nur noch die lebenswichtigen Organe versorgt. Die Extremitäten sind dann von der Blut- und Wärmezufuhr abgeschnitten. Werden Arme und Beine des Patienten bei der Bergung zu stark bewegt, mischt sich das kalte Schalenblut mit dem vergleichsweise warmen Kernblut. Dadurch kann es ganz schnell zu Kammerflimmern und in der Folge zum „Bergungstod“ kommen.

 

> Welche Schritte muss der Notarzt vor Ort einleiten?

Für die weitere Therapie ist es enorm wichtig, dass der Notarzt beim Ausgraben kontrolliert, ob der Verschüttete unter der Lawine frei atmen konnte, oder ob die Atemwege vollständig blockiert waren. Da sich an einem lawinengefährdeten Wochenende durchaus mehrere Unfälle innerhalb kürzester Zeit ereignen können, stoßen die umliegenden Spezialkliniken im Alpenraum schnell an ihre Kapazitätsgrenzen. Es gibt deshalb einen speziellen Triage-Algorithmus für Lawinenverschüttungen, an dem sich der Notarzt am Unfallort orientiert. Personen mit verstopften Atemwegen, die nach 35 Minuten ausgegraben werden, haben definitiv keine Überlebenschance mehr. Wohingegen freiatmige Patienten, die nach der gleichen Zeit gefunden werden, recht hohe Überlebenschancen haben. Diese Patienten werden dann reanimiert und in die Klinik geflogen.

 

> Was gehört zum medizinischen Notfallequipment am Unfallort?

Wichtig ist eine Ösophagussonde, um die Kerntemperatur des Opfers in der Speiseröhre zu messen. Für die weitere Prognose ist dieses Ergebnis entscheidend. Außerdem muss der Patient sofort an einen EKG-Monitor angeschlossen werden, um direkt feststellen zu können, wenn er vom Sinusrhythmus ins Kammerflimmern gerät.

 

> Nach der erfolgreichen Bergung – wie wird der Patient in der Klinik weiter behandelt? Zu welchen Komplikationen kann es noch kommen?

Hypotherme Patienten ohne Kreislauffunktion werden zur Wiedererwärmung direkt an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen. Wenn der Kreislauf noch funktioniert, wird die Hypothermie mit Warmluftsystemen oder warmen Infusionen behandelt. Mit dem plötzlichen Auftreten von Kammerflimmern muss aber weiterhin gerechnet werden.  Zur Sicherheit sollte auch hier eine Herz-Lungen-Maschine bereitgehalten werden. Leider verfügen nur wenige Kliniken im Alpenraum über die entsprechende Ausstattung. Daher ist es von umso größerer Bedeutung, dass der Notarzt zur weiteren Behandlung für den Patienten eine dieser Spezialkliniken auswählt. Wenn allerdings ein entsprechendes Verletzungsmuster vorliegt kann ein Patient natürlich trotz erfolgreicher Wiedererwärmung auch an den Traumafolgen, bzw. Multiorganversagen sterben.

 

> Welche Rolle spielt die Rettung eines Verschütteten durch Kameraden? Und was gilt es dabei zu beachten?

Die größten Überlebenschancen haben Verschüttete, wenn sie innerhalb der ersten 18 Minuten nach Lawinenabgang gerettet werden können. Da die organisierte Bergrettung frühestens nach 30 Minuten vor Ort ist, sind die meisten Lawinenopfer dann bereits tot. Daher hat die Kameradenrettung alleroberste Priorität. Wer den gesicherten Skiraum verlässt,  sollte immer eine Basis-Notfallausrüstung, bestehend aus Schaufel, Sonde und Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS), mit sich führen. Auch der Umgang damit sollte sehr gut beherrscht werden, um in der Notfallsituation schnell und effektiv helfen zu können.

 

> Eine Lawinenverschüttung gehört zu den besonders anspruchsvollen notfallmedizinischen Situationen. Kann man in Deutschland eine Aus- oder Weiterbildung zum Alpinarzt machen?

Definitiv stellt eine Lawinenrettung besondere Ansprüche an den Notarzt. Um im Bereich der alpinen Notfallmedizin zu arbeiten, sollte der Arzt daher unbedingt eine Spezialausbildung absolviert haben.  Sehr gute Aus- und Weiterbildungskurse für Alpin- und Expeditionsärzte bietet z.B. die Deutsche Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin unter www.bexmed.de an.

 

> Welche Tipps geben Sie Ski- und Snowboardfahrern zur Risikominimierung?

Am besten ist es natürlich, sich umsichtig und risikobewusst zu verhalten, um gar nicht erst in eine Lawine zu geraten. Absolute Grundvoraussetzung ist außerdem die Standard-Sicherheitsausrüstung, bestehend aus LVS-Gerät, Schaufel und Sonde. Zusätzliche Fortbildungen sind empfehlenswert, um Sicherheit in der Anwendung zu gewinnen. Auch das Tragen eines Lawinenairbags kann helfen, die Verschüttungszeit unter einer Lawine zu minimieren. Der Airbag sorgt einerseits dafür, dass man nicht zu tief verschüttet wird. Andererseits wird man auch vom Rettungsteam viel schneller gefunden, wenn Teile des Airbags eventuell noch an der Oberfläche sichtbar sind. Ganz wichtig ist allerdings: Auch ausgestattet mit der entsprechenden Sicherheitsausrüstung steht die Prävention nach wie vor an erster Stelle! Durch erhöhte Risikobereitschaft geht der Sicherheitsgewinn sonst direkt wieder verloren.

 

Gerade abseits der Piste steht die Prävention an erster Stelle - Foto: PhotoDisc

 

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