• Reportage
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  • Christoph Elmers
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  • 09.07.2012

Hospitation im Hubschrauber

Wenn der Rettungshubschrauber kommt, sind ihm die staunenden Blicke aller sicher. So wird erst durch ihn die Königsdisziplin der Notfallmedizin, die Luftrettung, möglich. Für viele ist er das "Große Unbekannte", sieht man ihn doch oft nur aus der Ferne. Der Blick ins Innere ist den meisten nicht vergönnt, geschweige denn, einmal mitzufliegen. Umso mehr freute es mich, dass ich einen Tag im "Christoph Niedersachsen", der von der HSD Luftrettung betrieben wird, mitfliegen durfte und mir so einen Einblick in dieses außergewöhnlich spannende Teilgebiet der Notfallmedizin verschaffen konnte.

„Christoph Niedersachsen“ am Flughafen Hannover. Alle Fotos: DRF 

 

Luftrettung in Deutschland

Neben der bodengebundenen Rettung nimmt die Luftrettung in Deutschland einen sehr hohen Stellenwert ein. So dient sie bei Primäreinsätzen als schneller Notarztzubringer und bei Sekundäreinsätzen als effizientes Mittel zum Patiententransport zwischen Kliniken. In beiden Fällen kann die Luftrettung durch den enormen zeitlichen Vorteil sowie den schonenden Patiententransport punkten. Kein Stau stellt ein Hindernis dar und kein Schlagloch gefährdet den Patienten. Lediglich sehr schlechte Wetterbedingungen können den Hubschrauber zwingen, am Boden zu bleiben.

In Deutschland beteiligen sich mehrere Organisationen an der Luftrettung, eine davon ist die Deutsche Rettungsflugwacht (DRF) Luftrettung. Sie betreibt bundesweit insgesamt 28 Stationen, zusätzlich zwei in Österreich und eine in Dänemark. Acht dieser Stationen halten sogar eine 24-Stunden-Bereitschaft aufrecht, so beispielsweise die Station in Hannover. Zu den über 50 Rettungs- und Intensivtransporthubschraubern kommen drei Ambulanzflugzeuge für den weltweiten Patiententransport.

 

DRF Luftrettung: Stationen in Deutschland (Quelle: DRF)

 

HSD Luftrettung

Zur DRF Luftrettung gehört die Hubschrauber Sonder Dienst (HSD) Luftrettung gemeinnützige GmbH, welche bereits 1985 gegründet wurde. Seit 1995 betreibt diese unter anderem die Luftrettungsstation in Hannover am Flughafen Langenhagen. Der dort stationierte Hubschrauber "Christoph Niedersachsen" vom Typ EC 145 ist durch seine Größe und Ausstattung bestens für Intensivtransporte jeglicher Art, aber auch für Notfalleinsätze, geeignet. Er wird durch sieben Piloten der HSD Luftrettung, 29 Notärzte sowie 15 Rettungsassistenten/ HEMS Crew Member besetzt. Dank der engen Kooperation mit der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) stellt diese einen Teil der ärztlichen Besatzung, der andere Teil kommt vom Klinikum Hannover. Tagsüber besteht die Besatzung aus einem Piloten, dem Notarzt, sowie einem Rettungsassistenten, nachts kommt ein zweiter Pilot hinzu.

"Christoph Niedersachsen" ist 24 Stunden einsatzbereit und wird durch die Zentrale Koordinierungsstelle Hannover (KOST) alarmiert. In maximal 15 Minuten können bei einer Einsatzgeschwindigkeit von 254 km/h Einsatzorte im Umkreis von 50 Kilometern erreicht werden, so wird der Hubschrauber für Patiententransporte in ganz Niedersachsen und bei Bedarf darüber hinaus eingesetzt.

Die Einsatzstatistik des Jahres 2011 weist eine Gesamteinsatzzahl von 791 Einsätzen auf, wovon etwa 25 % Primär-, also Notfalleinsätze, und etwa 75 % Sekundäreinsätze, also Intensivtransporte, waren. Im Vergleich zum Vorjahr war dies ein Plus von 14 %.
"Christoph Niedersachsen" ist der einzige Intensivtransporthubschrauber (ITH) in Niedersachsen, der durchgehend einsatzbereit ist. Für die Primärrettung im Raum Hannover steht an der MHH tagsüber hauptsächlich der Rettungshubschrauber "Christoph 4" des Bundesministerium des Innern bereit. Befindet sich dieser bereits im Einsatz, wird "Christoph Niedersachsen" als nächstgelegener Hubschrauber zu Notfalleinsätzen angefordert.

 

Ein Tag im Dienst

Der Tag beginnt schon allein deswegen spannend, da mich meine Hospitation auf den Flughafen Hannover führt. Vorbeikommend an den Terminals und den Anzeigentafeln mischt sich zu der Erwartung, was der Tag alles bringen könnte, auch noch ein bisschen Fernweh gepaart mit Reiselust. Trotz alledem erreiche ich nun das Gebäude, in dem die Luftrettungswache untergebracht ist und sehe bereits die EC 145 am Rande des Rollfeldes stehen. Nachdem ich mir ein erstes Bild aus der Ferne davon gemacht habe, beginnt der Dienst um 7 Uhr zunächst damit, dass ich meinen Tagesausweis vom Flughafen-Sicherheitsdienst bekomme. Immerhin werde ich mich frei auf dem Gelände bewegen, zur Rollbahn der großen Verkehrsflugzeuge sind es nur ein paar Meter. Der Tag geht nun weiter, wie ich es bisher von jeder Rettungswache kenne: Frühstück. Eine gute Gelegenheit, das Team kennenzulernen.

Im Anschluss daran zeigen mir meine neuen Kollegen die Maschine und erklären mir ein paar Sicherheitshinweise. Immerhin ist es gar nicht so leicht, bei den ganzen Hebeln und Joysticks ein- und auszusteigen, ohne versehentlich etwas mit dem Stiefel zu berühren. Auch das Gurtsystem ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig. Gemeinsam gehen der Rettungsassistent und ich das Equipment durch, wobei ich feststelle, dass es doch sehr viele Parallelen zu einem Rettungswagen (RTW) beziehungsweise einem Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) am Boden gibt. Erstaunt bin ich über den Platz, den die EC 145 ihren Insassen bietet: Neben zwei Sitzplätzen vorne stehen im hinteren Teil der Maschine weitere vier sowie die Trage für den Patienten zur Verfügung. Den übrigen Raum nimmt modernstes medizinisches Gerät ein.

 

 

 

Blick nach hinten: Hier sind die Plätze des Notarztes und des Rettungsassistenten. Die EC 145 bietet sehr viel Platz, um auch in der Luft effizient am Patienten arbeiten zu können. Gut zu sehen ist auch der Notfallrucksack für die Primäreinsätze. Zudem befinden sich im vorderen Teil der Maschine zusätzlicher Stauraum für medizinisches Verbrauchsmaterial, die Gasversorgung (3.000 Liter Sauerstoff und Druckluft), sowie die Absaugpumpe und das EKG mit Defibrillator.

 

Der erste Einsatz lässt nicht lange auf sich warten, jedoch hätte ich nicht gedacht, dass wir statt mit dem Hubschrauber mit einem Löschfahrzeug der Flughafenfeuerwehr dorthin fahren würden. Das Einsatzstichwort lautet "Atemnot", direkt hinter der Sicherheitsschleuse des Abflugterminals. Vom Hubschrauber aus werden wir abgeholt, um dann mit Sonderrechten direkt zum Terminal gebracht zu werden. Dort sind bereits zwei RTW der Flughafenfeuerwehr sowie der Stadtrettung vor Ort. Da sich der Patient im Sicherheitsbereich befindet, passt man entsprechend auf uns auf. Es stellt sich heraus, dass er an einer COPD leidet, außer einer Sättigung von 93 % ist er allerdings nicht mehr auffällig. Zur Abklärung wird er vom Rettungsdienst ins Krankenhaus gebracht, für uns ist an dieser Stelle der Einsatz beendet.

Unser zweiter Einsatz führt uns endlich über die Grenzen des Flughafens hinaus in das etwa 35 km entfernte Stadthagen, wo wir auf einem von der Polizei abgesperrten Parkplatz mitten in der Stadt landen. Wir werden bereits in einer radiologischen Praxis erwartet, wo eine Jefferson-Fraktur (Fraktur des Atlas) nach Fahrradsturz diagnostiziert wurde. Die Patientin, eine ältere Dame, soll nun möglichst schonend in die Klinik geflogen werden. Jede Erschütterung kann die Verletzung verschlimmern, so zumindest die Argumentation der Radiologin. Dass der Sturz bereits sechs Wochen zurückliegt, scheint hier eine untergeordnete Rolle zu spielen. Auf den CT-Bildern ist ein um 1 cm disloziertes Fragment zu erkennen, das sich nahe am Spinalkanal befindet.
Der Flug ins Klinikum Minden verläuft reibungslos, sodass wir die Patientin in der dortigen Notaufnahme an den diensthabenden Neurochirurgen übergeben können.

Kaum am Flughafen wieder angekommen bleibt nur kurze Zeit zum Mittagessen, denn wir werden nach Pattensen, 20 Kilometer südlich von Langenhagen, gerufen. Der dritte Primäreinsatz an diesem Tag, wobei jetzt offenbar Lebensgefahr besteht. Die Leitstelle meldet eine 92-jährige Patientin, der nach einer anaphylaktischen Reaktion der Nasen-Rachen-Raum zuschwillt. Wir setzen nach kurzem Flug zur Landung auf einem Acker am Rande des Wohngebietes an, wo bereits die Polizei auf uns wartet. Zusammen mit dem nötigen Equipment werden wir zum Haus der Patientin gefahren, wo der RTW bereits vor Ort ist. Glücklicherweise ist das Leben der Patientin nicht ernsthaft bedroht. Direkt über dem Nasenrücken scheint ein Gefäß geplatzt zu sein, weswegen sich nun ein mittelgroßes Hämatom ausbildet. Daraus ist in der Informationskette von den besorgten Angehörigen über die Leitstelle bis zu uns eine dramatische Anaphylaxie mit drohender Atemnot geworden. Der Blutverdünner in der Medikamentenanamnese der Patientin klärt die Situation endgültig auf. Sie wird vom Rettungsdienst zur Gerinnungskontrolle ins nächste Krankenhaus gebracht, wir werden nicht mehr benötigt.

Zurück am Flughafen angekommen wird unser nächster Einsatz telefonisch angekündigt. In einer Stunde wird ein Flugzeug aus Stralsund erwartet, an Bord wertvolle Fracht: Ein Herz, welches gerade erst vom Transplantationsteam entnommen wurde und nun so schnell wie möglich weiter ins Herzzentrum nach Bad Oeynhausen geflogen werden muss. Wir bereiten uns auf die Ankunft der Maschine vor, um keine Zeit zu verlieren. Auch wenn es sich hierbei nicht um eine Klinikverlegung im eigentlichen Sinne handelt, ist dies heute unser erster Sekundäreinsatz. Wir transportieren das zweiköpfige Team, das die Transplantatbox zu keiner Zeit aus den Augen lässt, direkt auf das Dach der Klinik, wo es bereits erwartet wird. Der OP-Saal ist vorbereitet, der Empfänger längst in Narkose. Auch wenn man weder die Geschichte des Spenders, noch die des Empfängers kennt, wird einem doch klar, dass hier gerade ein Leben verlängert wird, wobei ein anderes zu Ende gegangen ist. Diese Gedanken beschäftigen mich den ganzen Rückflug über, ein Aspekt der Notfallmedizin, mit dem ich bisher nicht konfrontiert wurde. Auch das Thema "Organspendeausweis" drängt sich an dieser Stelle auf.

Mittlerweile ist es später Nachmittag geworden, der Rettungsassistent und der Pilot werden abgelöst, als wir wieder am Flughafen ankommen. Das Transplantationsteam ist in Bad Oeynhausen geblieben. Bevor ich mich dazu entschließen kann, meine Hospitation zu beenden und all die Eindrücke auf mich wirken zu lassen, kommt der nächste Einsatz, ein Sekundäreinsatz, mein letzter für heute.
In einem peripheren Krankenhaus liegt ein älterer Herr mit einer Subduralblutung, der auf die Besatzung der DRF Luftrettung wartet. Da kein Intensivtransportwagen (ITW) verfügbar ist, wurden wir angefordert, um den Patienten zügig den Neurochirurgen der MHH zu übergeben. Da das Krankenhaus selbst keinen Landeplatz hat, setzen wir auf einem Parkplatz am Rande des Ortes auf. Auch hier hat die Polizei bereits alles abgesperrt, der Rettungsdienst wartet auf uns.

 

 

 

Umladen der Trage auf dem Parkplatz. Auch für den Rettungsdienst ist der Hubschrauber etwas Besonderes.

 

Mit dem RTW geht es nun ins Krankenhaus, wir haben unsere eigene Trage dabei, um den Patienten auf dem Parkplatz nicht erneut umlagern zu müssen. Die Übergabe im Krankenhaus erfolgt schnell, der Patient ist ansprechbar, orientiert und wird nicht beatmet. Initial hatte er einen Blutdruck von 200/120 mmHg, unter Ebrantil über den Perfusor konnte er bereits auf 110/80 mmHg gesenkt werden und ist somit gut eingestellt für den Flug. Zurück am Parkplatz wird der Patient in den Hubschrauber verbracht und für den Abflug vorbereitet.

 

Einladen des Patienten in den Hubschrauber

 

Perfusoren, das Beatmungsgerät, die Halterung für den EKG-Monitor: Hier findet sich alles, was für die erstklassige intensivmedizinische Versorgung eines Patienten nötig ist. Auf der Trage befinden sich bereits eine Schaufeltrage sowie eine Vakuummatratze zur Stabilisierung von Traumapatienten.Letzte Vorbereitungen werden getroffen, dann heben wir ab.

 

Nachdem wir den Patienten in der MHH übergeben haben, kehren wir zurück zum Flughafen, wo ich schließlich aus meinem Overall schlüpfe. Ein spannender Tag voller neuer Eindrücke und Erfahrungen geht zu Ende, ein Tag auf "Christoph Niedersachsen" in und um Hannover.

 

Nur Fliegen ist schöner…

Fazit

Nachdem es lange Zeit ein Traum blieb, einmal auf einem Rettungshubschrauber zu hospitieren, bin ich der DRF Luftrettung sehr dankbar, mir diesen nun erfüllt zu haben. Ich habe an diesem Tag ein tolles Team erlebt, bei dem ich mich ebenfalls bedanken möchte.
Mir wurde ein sehr guter Einblick in das "Große Unbekannte" ermöglicht, weswegen es nun nicht mehr das "Unbekannte", jedoch immer noch das "Große" für mich ist. Jeder, sei es der Pilot, der Rettungsassistent oder der Notarzt, kann sich glücklich schätzen, einen solchen Job zu haben.

Kommentar zum Artikel

Ein Danke für diese tolle Leistung

Lieber Christoph! Aufmerksam habe ich deinen Bericht gelesen. Noch nie habe ich so klare Worte und Erklärungen über die Luftrettung gefunden. Du hast es mit klaren und einfachen Worten verstanden "Externen" die doch so wichtige Luftrettung näher zu bringen. Hierfür werden dir sicherlich viele Menschen dankbar sein. Meine persönliche Einstellung zur Luftrettung hat sich durch deinen Bericht wesentlich verbessert. Dein Beba

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