• Interview
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  • Romy Michen
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  • 30.08.2016

Notfall Open Air - Einsatz auf Festivals

Sommerzeit ist Festivalzeit. Doch bei großen Veranstaltungen unter freiem Himmel geht es oft „drunter und drüber“. Entsprechend haben die dort eingesetzten Notärzte alle Hände voll zu tun. Wir haben mit Dr. Stefan Locher, Notarzt und Oberarzt der Anästhesiologie und Notfallmedizin der Oberschwabenklinik Standort Wangen, gesprochen.

© Jokerphoto/Mariusz Foreckiest

> Herr Dr. Locher, wie viele Patienten versorgen Sie bei einem Einsatz auf einem Open-Air-Konzert im Schnitt?

Das kommt ganz auf die Größe an – wobei bei größeren Events natürlich auch mehr Kollegen vor Ort sind, die sich um die Patienten kümmern. Bevor eine Veran­staltung mit vielen Menschen aufgezogen werden darf, wird anhand der Fläche und der Zahl der erwarteten Personen per Computermodell errechnet, wie viele Sanitäter, Ärzte und anderes Personal gebraucht werden. Ohne diese Kalkulationen wird keine Großveranstaltung erlaubt. Zudem spielt natürlich auch die Art der Veranstaltung eine Rolle. Auf Rockkonzerten geschieht mehr als auf einem Klassikkonzert. Wichtig ist auch, ob die Leute stehen oder sitzen. Bei Sitzveranstaltungen passiert naturgemäß weniger.

> Was ist der häufigste Notfall auf Veranstaltungen im Sommer?

Übermäßiger Alkohol- und Drogenkonsum. Es kommt oft vor, dass jemand einfach bewusstlos in der Ecke liegt. Ob es dann der Alkohol, der Joint zu viel oder doch eine Speedtablette war, ist für den Arzt in diesem Moment nicht wichtig. Entscheidend ist hier, dass schnell und angemessen reagiert wird.

> Welche Notfälle kommen sonst noch vor?

Auch Schnitt- und Platzwunden sind häufig. Seltener sind Sonnenstiche, Dehydrierung, Hitzschlag sowie Bienen- und Wespenstiche. Im Sommer verletzen sich Menschen in der Freizeit ja häufig durch Grillfeuer. Auf einem Open-Air-Konzert habe ich das aber noch nie erlebt, da Grillen bei uns auf Großveranstaltungen grundsätzlich verboten ist.

> Was sind die wichtigsten Ersthelfer­maßnahmen?

Am wichtigsten sind – je nach Notfall – die stabile Seitenlage oder die Schocklage. Zudem ist es fast immer gut, den Patienten mit einer Decke oder Ähnlichem vor dem Auskühlen zu schützen.

> Was tun Sie, wenn jemand auf einen Insektenstich allergisch reagiert?

Bei einer leichten Allergie reicht es, Cortison-Salbe aufzutragen. Bei einer heftigen Reaktion ist die Situation brenzlig. Hier kann die Bronchialmuskulatur verkrampfen. Im schlimmsten Fall droht Organversagen. Deshalb muss man solchen Patienten schnellstmöglich Cortison und ggf. Adrenalin injizieren. Manchmal muss man künstlich beatmen.

> Stark alkoholisierte Patienten sind mitunter ja aggressiv … Wie gehen Sie damit um?

Eine Regel für Notärzte besagt, dass man immer zwei Meter Mindestabstand halten sollte. Mit Handgreiflichkeiten aller Art muss jederzeit gerechnet werden. Es ist wichtig aufzupassen, dass man keine gewischt bekommt oder zu Boden geschlagen wird. Beides habe ich schon erlebt. Ich war auch schon dabei, als bei Auseinandersetzungen mit der Polizei plötzlich ein Messer gezückt wurde. Ich versuche als Notarzt dann als neutrale Person zwischen Polizei und Täter zu vermitteln und zu deeskalieren. In der Regel funktioniert das auch.

> Was war der außergewöhnlichste Fall, den Sie bisher auf so einem Event betreut haben?

Eine sehr bekannte Sängerin hat sich bei einem Konzert den Knöchel verstaucht, und ich war vor Ort, um ihr Hilfe zu leisten. Eine Knöchelverstauchung ist medizinisch eigentlich überhaupt nicht außergewöhnlich – für die Sängerin war es das aber. Deshalb haben wir sie zur Sicherheit zum Röntgen ins nächste Krankenhaus bringen lassen.

> Hatten Sie schon einmal den Fall, dass etwas richtig Schlimmes passiert ist – zum Beispiel, dass sich jemand durch einen Sturz von einem Boxenturm eine Querschnittsverletzung zugezogen hat?

Auf einer Großveranstaltung habe ich solche schlimmen Unfälle bisher noch nicht erlebt – aber einmal danach. Fußballer sind nach einem Spiel schwimmen gegangen, und einer von ihnen ist ertrunken. Als ich dort ankam, war es leider zu spät. Der Mann war schon tot. Statistisch gesehen ist die größte Gefahr bei öffentlichen Events die Hin- und Rückfahrt mit dem Auto. Nicht selten fahren Besucher unter Rauschmittel­einfluss von einer Veranstaltung los, und dann kommt es zu Verkehrsunfällen mit Todesfolge – der sogenannte Discotod.

© Jokerphoto/Mariusz Foreckiest

> Was ist wichtig, wenn man bei großen Events im Sommer gesund bleiben möchte? Haben Sie da einen generellen Tipp?

Wichtig für alle Besucher einer Großver­anstaltung ist, dass man sich umsieht. Verschaffen Sie sich einen Überblick darüber, wo die Toiletten, die Notausgänge und die Rettungskräfte verortet sind. Wenn einem dann schlecht wird oder man sich eine Schnittwunde zuzieht, weiß man sofort, wohin man sich wenden kann. Und klar: An heißen Tagen sollte man ausreichend trinken! Das wird mitunter vergessen …

> Sind Sie gerne auf Konzerten eingesetzt? Hatten Sie schon mal Dienst, als eine Lieblingsband von Ihnen spielte?

(lacht) Ich hatte leider immer das Pech, auf Konzerten eingesetzt zu sein, die nicht so ganz meinem Musikgeschmack entsprechen. Als die WM 2006 in Stuttgart war, konnte ich zwar mitfiebern, aber von den Spielen selbst habe ich leider nichts sehen können. Grund dafür war, dass ich auf dem Parkplatz vor dem Stadion auf einem Behandlungsplatz stationiert war. Solche Behandlungsplätze gibt es seit den Terroranschlägen des 11. September und sind auch für den Fall eines Bombenanschlags notgerüstet.

> Welche Fähigkeiten braucht man als Notarzt auf einer Großveranstaltung?

Man braucht Führungsqualitäten, um in hektischen Situationen konkrete Anweisungen geben zu können, zum Beispiel an Sanitäter. Ganz wichtig ist, in heiklen Situationen Ruhe zu bewahren. Je mehr Menschen auf einer Veranstaltung sind, desto höher muss die Stressresistenz sein. Man muss gleichzeitig zügig, aber auch ruhig und geduldig agieren, damit prekäre Situationen nicht eskalieren. Das A und O ist aber, dass man die Fähigkeit hat, von jetzt auf gleich hundertprozentig konzentriert und einsatzfähig zu sein. Im Praxis- oder Klinikalltag können bei Unwissenheit Kollegen oder der Chefarzt gefragt werden. Auf Großveranstaltungen oder auch bei anderen Notfalleinsätzen ist dies nicht möglich. Deswegen ist es eminent wichtig, dass man ein gutes Urteilsvermögen hat – und die Bereitschaft, selbstständig zu handeln.

> Wie unterscheidet sich ein Notarzt von einem „normalen“ Arzt?

Neben den bereits angeführten Punkten gibt es da noch eine ganze Reihe anderer Dinge. Aber besonders bemerkenswert finde ich, dass der Notarzt in einem Einsatzbereich arbeitet, der einem Praxis- oder Klinikarzt niemals zugänglich wäre. Man bekommt einen Blick hinter die Kulissen. Speziell bei Großveranstaltungen sieht man, wie so ein Event organisiert wird. Auch im Alltag sieht ein Notarzt Dinge, die einem Menschen im Leben normalerweise verborgen bleiben. Man hat Einblicke in die Lebenswelten von allen Schichten der Bevölkerung, vom ärmsten Schlucker bis zum Millionär mit riesiger Villenanlage. Deshalb bin ich mir sicher: In der Medizin ist die Arbeit des Notarztes der abwechslungsreichste und interessanteste Job, den es gibt!

Dr. Stefan Locher

 

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