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  • Florian Gulden
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  • 16.02.2018

Rettungsdienst: Der schönste und manchmal furchtbarste Job der Welt

Seit einigen Jahren arbeite ich im Rettungsdienst. Ich erzähle euch hart und erbarmungslos, was sich „da draußen“ wirklich abspielt. Erwartet keine Heldengeschichten. Das hier sind wahre Stories aus dem Leben: manchmal hart, fies und traurig aber oft auch lustig und teilweise sogar zum Schreien komisch.

 

 

Nachtschicht in der Provinz, Ende Juli. Meistens ist wenig los. So auch bisher in diesem Dienst. Es ist brüllend heiß, noch um 22:00 Uhr zeigt das Thermometer weit über 20 Grad. Ich habe auf dem Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) Dienst, bin also der persönliche Assistent und Fahrer des Notarztes.
Besser gesagt: der Notärztin. Plötzlich schrillt der Melder: „Laufende Reanimation“. Prinzipiell Mist. Der Einsatzort ist das Feuerwehrhaus in einem Nachbardorf, circa 10 Minuten Anfahrtszeit. Die Besatzung des Rettungswagens, nennen wir sie mal Christina und Pascal, rückt zeitgleich mit uns aus. Wir heizen die Bundesstraße entlang und begegnen auf dem Weg ungefähr dreieinhalb Autos. „Scheiß Zeit um einen Herz-Kreislauf-Stillstand zu haben“, denke ich mir, während ich den BMW auf 180 km/h beschleunige. Mit quietschenden Reifen kommen wir vor dem Feuerwehrhaus zum Stehen. Dort scheint eine Grillparty zu sein. Überall stehen Bierbänke, der Grill raucht, Pappteller und Bierflaschen, Steaks und Bratwürste. Doch die Gesichter der Gäste passen nicht zum Rahmen. Alle starren in eine Ecke, Entsetzen in den Augen. Dort steht eine kleine Menschenmenge, einige knien am Boden und bewegen sich rhythmisch. Die Leute winken uns hektisch zu: „Hierher, hierher, dahin!“

Die Notärztin und ich steigen aus dem Notarzteinsatzfahrzeug, gehen zielstrebig zur Rettungswagenbesatzung und nehmen Equipment entgegen: Notfallrucksack, Beatmungsgerät, EKG und Absaugpumpe. Wir hasten zu der Menschentraube im Eck. „Weitermachen, nicht aufhören“, brülle ich dem kräftigen jungen Mann zu, der auf den Brustkorb eines dicken Mannes am Boden eindrückt. Wir stellen unsere Gerätschaften auf den Boden, kreuz und quer und ich versuche mir die blauen Einmalhandschuhe über die verschwitzen Hände zu ziehen. In der Ausbildung lernt man Dinge wie „Gerätemanagement“ und „Einteilung des Raumes“. In der Theorie gute Konzepte, in der Praxis ist mir das aber relativ egal. Man lernt nämlich nicht, wo man die Geräte am besten platziert, wenn es stockdunkel ist und circa 30 Leute um den Patienten stehen.

Meine Kollegin übernimmt das Drücken beim Patienten, die Notärztin geht an den Kopf. Ich schicke die Leute weg, wir brauchen Abstand. Und Licht. Verdammt, wir brauchen Licht. „Hey, ihr seid doch von der Feuerwehr. Organisiert mal etwas Licht. Strahler, Taschenlampen, egal was“, befehle ich den Umstehenden barsch. In solchen Situationen bleibt keine Zeit für Höflichkeiten. Zum Glück verstehen Feuerwehrler sowas. Pascal verkabelt den Patienten mit dem EKG, will die Elektroden auf den massigen, nackten Brustkorb kleben. „Verdammt, zu haarig“, knurrt er und zieht den blauen Einmalrasierer aus einer Seitentasche des Geräts. Mit wenig Liebe und gegen den Strich wird die rechte Schulter und die linke Brust enthaart. Ratsch, ratsch, ratsch. Wenn die Situation nicht so ernst wäre, könnte man über die eigenwillige Brusthaarfrisur lächeln. Elektroden draufgepatscht, EKG angemacht, Analyse, Feuer:
„Defibrillierbarer Rhythmus, alle weg vom Patienten“, schreit mein Kollege. Wir lassen alle vom Patienten ab, heben die Hände zum Beweis in die Luft und mein Kollege drückt den blinkenden Knopf am EKG. 200 Joule Energie rauschen durch den leblosen Körper des Patienten, er zuckt zusammen.
„Ich hasse die Defibrillation. Schon so oft gesehen und trotzdem erschrecke ich immer noch jedes Mal, wenn der Körper zuckt“, denke ich mir still. Keine Zeit zum Denken, es geht weiter. Christina drückt wieder auf den Brustkorb, Pascal assistiert der Notärztin am Kopf bei der Intubation und ich lege einen Zugang in der Ellenbeuge des Mannes. „Licht, Jungs, ich brauche mehr Licht“, rufe ich in die Runde. Ein junger Mann kommt mit einer Art Baustrahler an, leuchtet mir damit mitten ins Gesicht. „Da rüber, hier bringt mir der Strahler nichts“, herrsche ich ihn an. Ich sehe kaum etwas, die ganze Hektik um den Patienten rum und nicht zuletzt wir vier Rettungskräfte werfen diffuse Schatten. „Ich sehe immer noch nichts“, sage ich zu mir selber, greife an meinen Gürtelholster, ziehe meine kleine Taschenlampe heraus und stecke sie mir in den Mund. Schmeckt metallisch und ist irgendwie unangenehm aber egal. Ich richte den Strahl auf die Ellenbeuge und lege los: Ich staue den Arm des Patienten, beklopfe die Ellenbeuge und erspähe eine Vene. Die Kollegen zerren und drücken an dem Mann, die Notärztin führt einen Schlauch in die Luftröhre. Ich habe nur eine Chance, die Kanüle muss sitzen um so schnell wie möglich   Notfallmedikamente zu applizieren. Ich greife das Desinfektionsspray während ich meinen Standartspruch sage: „Achtung, wird mal kalt und nass am Arm, nicht erschrecken“. Während ich die Alkohollösung auf die Ellenbeuge sprühe, fällt mir erst auf, dass ich mir den Spruch bei einer laufenden Reanimation eventuell hätte sparen können. Ich grinse in mich hinein. „Hm, etwas unpassend“, denke ich mir, setze wieder mein professionelles Gesicht auf und bohre die Kanüle in die Vene des Patienten. Treffer und versenkt. Ich schließe die Infusion an, hole mir einen Umherstehenden zum Halten und spritze die erste Ampulle Adrenalin. „1 mg Adrenalin ist drin“, verkündige ich laut, damit es die Ärztin und die Kollegen auch mitbekommen.

Christina und Pascal haben inzwischen die Plätze getauscht, sodass Pascal drückt und Christina die Beatmungsmaschine an den inzwischen intubierten Patienten anschließt und die Parameter einstellt. Zeit für den nächsten Schock. Ich kontrolliere nochmal schnell die korrekte Fixierung des Zugangs, damit sich beim Zucken auch nichts lösen kann, weise den Laien mit der Infusion an, diese auf den Boden zu legen und drehe mich um. Während der Strom erneut durch den Körper des Mannes fließt, begebe ich mich auf Spurensuche. „Wer hat etwas gesehen?“, frage ich in die Runde der entsetzten Gesichter, die uns schweigend beobachten. „Alles ist wichtig: Was ist genau passiert? Hat der Patient gekrampft? Sich verschluckt? Vorerkrankungen? Medikamente?“, frage ich. „Er hat gegessen, Bier getrunken, alles war friedlich“, meldet sich eine leise Stimme aus der Menge, „und plötzlich hat er die Augen verdreht und ist von der Bank gerutscht“. Ok, damit kann ich etwas anfangen. „Waren Sie die ganze Zeit bei ihm?“, frage ich die Person, während ich mich durch die Leute schlängle, „war sonst irgendwas Auffälliges heute?“ Mittlerweile sehe ich, wem die Stimme gehört: Ein Mädchen, blond, vielleicht 10 Jahre alt. „Papa ging es schon den ganzen Tag nicht gut, die Hitze hat ihm zu schaffen gemacht. Aber er wollte unbedingt zum Feuerwehrfest, schließlich ist er ja der Kommandant“, erklärte sie mit leiser Stimme. Scheiße. Niemand sollte die Reanimation eines Angehörigen sehen müssen. Vor allem nicht die 10- jährige Tochter. Ich befrage die Umstehenden weiter und haste zurück zu den Kollegen. „Tut sich was?“, rufe ich ihnen zu. „Mittlerweile keine elektrische Aktivität mehr am Herzen, kein defibrillierbarer Rhythmus“, entgegnet die Ärztin. „Und dort drüben“, ich weiße unauffällig mit dem Daumen nach hinten, „sitzt übrigens seine Tochter und seine Frau“. Die Notärztin sieht mich entsetzt an: „Ach scheiße“, seufzt sie und wischt sich
unwirsch den Schweiß von der Stirn, „lass uns schauen, dass wir hier wegkommen. Sieht alles nicht so gut aus“.

Christina bereitet den Transport vor, während wir die Reanimation fortführen und literweiße Medikamente spritzen. Ich saug den Patienten nochmal ab. Furchtbare Arbeit. Durch den Druck auf den Brustkorb übergeben sich die Patienten oft. Das Erbrochene kann zum Glück nicht in die Lunge laufen, da in der Luftröhre der Tubus steckt, trotzdem steht der ganz Mund voll. Also Absaugpumpe anschmeißen, mit den Sauger in den Mund und unter widerlich schmatzenden Geräuschen das ganze Zeug absaugen.
Jetzt wird es nochmal hektisch: „Drei starke Männer vor“, brülle ich in die Runde. Es kommen fünf oder sechs Burschen zu uns. „Wir übernehmen das medizinische Equipment, ihr den Patienten. Auf drei!“, weise ich die Träger an. Gemeinsam wuchten wir den Patienten auf die Trage, fixieren die Beatmung und schieben die Trage in den Rettungswagen. Ich warte mit der Notärztin schon drinnen und wir nehmen den Patient in Empfang, stecken die Schläuche um und reanimieren weiter.

Christina packt hastig etwas Müll und Equipment zusammen. „Lass gut sein“, rufe ich ihr zu, „ich
lasse das NEF stehen und komme später nochmal vorbei. Alles Wichtige ist an Bord“. Christina springt auf den Fahrersitz und fährt los, Pascal meldet den Patienten im Krankenhaus an und die Notärztin und ich reanimieren weiter. Beim Fahren ist das tatsächlich schwer und nicht ganz ungefährlich. Christina meistert den Spagat zwischen einer zügigen aber wackelfreien Blaulichtfahrt ins Krankenhaus perfekt. Ich bespreche mich mit der Notärztin: „Lassen wir es gut sein?“, frage ich. Sie überlegt, lässt den Blick über den Patienten und die Werte auf dem EKG schweifen, schaut auf die Uhr und nickt. Ich nehme die Hände vom Patienten. Die Maschinen pfeifen und piepsen weiter. Wir passieren die Krankenhauseinfahrt. Ich sehe schon das Empfangskommando in der Notaufnahme stehen. Pascal macht die Tür während der Fahrt auf und ruft raus: „Ist gut. Danke für das Erscheinen, aber wir haben soeben aufgehört“. Die Menge löst sich auf, nur noch die Dienst-habende Internistin und eine Krankenschwester der Notaufnahme bleiben stehen und empfangen uns. Wir steigen aus. Erst jetzt merke ich wie verschwitzt ich bin. Auf meinen weißen T-Shirt klebt Erbrochenes und Blut, ich fühle mich ekelhaft.


Wir laden den Patienten aus, bringen ihn ins Krankenhaus. Die Internistin leuchtet ihm in die Augen und untersucht ihn. „Todeszeitpunkt 23:47 Uhr“, erklärt sie laut in die Runde. Wir stehen erschöpf daneben, das ganze Team ist durchgeschwitzt und vollgekleckert. Die Mühe war vergebens. Uns allen ist bewusst, dass man nicht jedem helfen kann, trotzdem ist es ein beschissenes Gefühl. Die Krankenschwester deckt den Toten zu, ich öffne das Fenster in der kleinen Kammer der Notaufnahme. Dieses Ritual habe ich auf einer Intensivstation gelernt. Eine damalige Krankenschwester meinte zu mir, dass dadurch die Seele aus dem Gebäude kann und ihren Weg gen Himmel besser findet. Ich finde, das ist ein schöner Gedanke.


„Das Auto ist leer, wir sind aktuell nicht einsatzklar und müssen erst auf die Wache fahren“, melde ich der Leitstelle über Funk. Bei der Gelegenheit fällt mir ein, dass mein NEF noch am Einsatzort steht. Die Notärztin bleibt noch eine kurze Weile für sämtliche Formalitäten im Krankenhaus, ich lasse mich von den Kollegen zurück zum Feuerwehrhaus fahren. Mir wird flau im Magen, wenn ich daran denke, dass die Kollegen des Toten noch vor Ort sein werden. Ich steige aus dem Rettungswagen: Ein paar einzelne Gäste sind noch da und räumen die Reste der Fete zusammen. Alle Augen sind auf mich gerichtet. Ich blicke mich um, die Familie ist zum Glück nirgendwo mehr zu sehen. Ein junger Mann kommt auf mich zu. Er fragt mich nur ein Wort: „Und?“
Ich kann und will ihm nicht wahrheitsgemäß antworten, solange ich noch nicht weiß, ob die Familie
des Toten inzwischen informiert wurde. Ich zögere und weiche aus: „Er ist im Krankenhaus. Mehr
kann ich Ihnen nicht sagen.“ Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass mein Blick Bände spricht. Der
junge Mann nickt und flüstert ein leises „Dankeschön“.

Ich packe hastig zusammen und setze mich ins Notarztfahrzeug. Ich fühle mich furchtbar. Zurück auf der Wache stelle mich unter die Dusche. Danach ziehe ich frische Klamotten an und melde mich wieder einsatzbereit. Es ist 01:03 Uhr. Ich habe noch fünf Stunden Dienst vor mir, im schönsten und manchmal furchtbarsten Job der Welt.

 


 
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