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  • Jan Littke
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  • 17.08.2016

Zwischen Leben und Tod

Ganz plötzlich verspürt Herr Beck* einen stechenden Schmerz in der Brust, der bis in den linken Arm zieht. Er bekommt kaum noch Luft, ihm wird schwindlig, die Beine werden schwach und plötzlich wird es dunkel. Vor den Augen seines Kollegen bricht Herr Beck auf der Arbeit zusammen. Nur kurze Zeit später geht in der regionalen Leitstelle der Notruf ein.

© Thieme Verlagsgruppe/Thomas Möller


Der Disponent stellt die fünf W-Fragen (Wo geschah es? Was passierte? Wieviele Verletzte?, Welche Art Verletzungen? Warten auf Rückfragen?), beruhigt den Anrufer und leitet ihn durch die Maßnahmen der ersten Hilfe. Während dessen alarmiert er die nötigen Einsatzkräfte.

„PIEP, PIEP, PIEP!“ Der Einsatzpieper an meinem Gürtel vibriert und klingelt. Ich schaue kurz darauf und lese auf dem kleinen digitalen Anzeigenfeld in schwarzer Schrift auf grünem Grund: „Bewusstlose Person unklarer Ursache“. Martin*, der Notarzt, und ich stehen auf, schlüpfen in die schwarzen Einsatzstiefel und laufen schnellen Schrittes zum NEF (Notarzt Einsatz Fahrzeug). Rolf*, der Notarztassistent, hat den Motor bereits gestartet. Wir steigen ein, schließen beim Anfahren die Türen und informieren uns weiter über Einsatzort und Einsatzsituation.

Blaulichtfahrt

Wir bewegen uns mit dem NEF aus der Halle heraus auf die Ausfahrt der Rettungswache zu, Rolf schaltet zum bereits blinkenden Blaulicht das Martinshorn hinzu. Erst jetzt bemerke ich, wie mein Adrenalinspiegel ansteigt. Mein erster Einsatz, meine erste Blaulichtfahrt, was wird mich am Einsatzort erwarten? Werde auch ich dort helfen können?

Während Rolf sich auf die Verkehrsteilnehmer, die hilflos versuchen, eine brauchbare Rettungsgasse zu bilden, konzentriert, ziehen Martin und ich zum Selbstschutz die blauen Nitrilhandschuhe an. Wir passieren eine rote Ampel nach der nächsten, Meter für Meter nähern wir uns dem Einsatzort, die Zeit ist unser größter Gegner. Bei einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall zählt jede Minute. Eine Minderperfusion von Gewebe kann binnen kürzester Zeit zu dessen Untergang führen, im Englischen spricht man daher auch von „time is tissue“.
Nach exakt 6,5 Minuten treffen wir nur kurz nach dem RTW am etwas außerhalb gelegenen Einsatzort ein.

Was erwartet uns?

Ich packe mir den Notarztrucksack und folge Martin, Rolf und einem Angestellten in die Fabrikhalle. Je näher wir kommen, desto lauter ist ein dumpfes rhythmisches Geräusch zu vernehmen. Wir biegen um die letzte Ecke in eine Regalreihe ein. Am Boden liegt eine bewegungslose Person, umgeben von drei Rettungsassistenten aus dem RTW. Ich ordne das zuvor wahrgenommene Geräusch den Thoraxkompressionen der laufenden Reanimation zu. Martin stellt sich als Notarzt vor, übernimmt die Position am Kopf des Patienten und informiert sich über den Vorfall und die Vitalparameter.

Laien-Rea - Basis der Lebensrettung

Herr Beck habe bereits die Tage zuvor über Abgeschlagenheit und Brustschmerzen geklagt und sei kurz vor dem Absetzen des Notrufs neben einem Kollegen zu Boden gesackt. Der Kollege rief sofort um Hilfe und begann mit einer Leitlinien gerechten Reanimation nach dem Schema 30/2. (30 Thoraxkompressionen im Wechsel mit 2 Beatmungen). Dadurch wird der Kreislauf und die Sauerstoffversorgung des Gewebes manuell so gut es geht aufrechterhalten.
Dank regelmäßiger Erste Hilfe-Schulungen beherrschten die Kollegen von Herrn Beck die nötigen Maßnahmen sehr gut, so dass bei unserem Eintreffen die Sauerstoffsättigung bei 85% lag - für eine Laienreanimation ein sehr guter Wert.

Kampf mit dem Sensenmann

Nach fünf Zyklen Herzdruckmassage unterbrechen wir die Kompressionen kurz, um eine Rhythmusanalyse zu starten. Noch immer zeichnet sich auf dem Monitor ein Kammerflimmern ab. Wir müssen einmal defibrillieren. Auf Martins Aufforderung weichen wir alle ein Stück zurück, dann wird der Schock mit einer maximalen Stärke von 360 Joule appliziert.

Im Raum herrscht Stille, der Körper bäumt sich kurz auf, ein Zucken fährt durch die Extremitäten, dann wird die Herzdruckmassage sofort wieder aufgenommen. So folgen wir dem Algorithmus der ERC-Leitlinien, nach denen sich fünf Zyklen Herzdruckmassage (über 2 Minuten), Rhythmusanalyse und Defibrillation bis zur Kreislaufstabilisierung oder dem nicht mehr abzuwendenden Tod immer wieder wiederholen.

Mein Einsatz

Vergeblich versuchen die Rettungsassistenten einen intravenösen Zugang zu legen. Der Kreislauf ist so sehr zusammengebrochen, dass die Venen selbst unter Stauung kaum tastbar sind. Gerade will Rolf die Easy-IO für den knöchernen Zugang vorbereiten, als Martin mich anweist es noch ein letztes Mal zu probieren. Ein venöser Zugang ist immer besser als ein ossärer, da er weniger Komplikationen mit sich bringt und mit einer besseren Flüssigkeitsaufnahme einhergeht.

Während Martin den Patienten vorsichtig endotracheal intubiert, lasse ich mir alles für den Zugang anreichen, staue den rechten Arm am Oberarm und sehe nur eine kleine Vene am Handrücken. Mir ist jetzt schon klar, dass das nichts wird, aber ich versuche es dennoch - bleibe aber erfolglos. Die Easy-IO ist fast bereit, doch so schnell gebe ich mich nicht geschlagen.

Ich reiße eine neue graue Braunüle auf, atme einmal tief durch, voller Konzentration steche ich ohne eine Vene zu sehen oder zu tasten oberflächlich in die Ellenbeuge - der Anfang der Kanüle füllt sich mit Blut. Die Spannung steigt, ich hoffe, dass ich die Braunüle vorschieben kann. Ganz vorsichtig führe ich sie in die Vena mediana cubiti ein - es klappt. Überrascht über mich selbst gebe ich voller Stolz bekannt: „Ich bin drin!“ Endlich können wir Volumen geben, um den Blutdruck zu verbessern und müssen nicht die Tibia anbohren.

Zeit für Medikamente

Zwei Minuten sind um, die nächste Rhythmusanalyse steht an, noch immer Kammerflimmern. Es wird erneut defibrilliert und der Algorithmus beginnt von vorne. Wir defibrillieren ein drittes Mal, wieder nichts. Somit ist es an der Zeit, mit Medikamenten anzugreifen. Unter der laufenden Reanimation gibt mir Martin eine Spritze mit 1mg Adrenalin, das ich über „meinen“ Zugang geben darf. Langsam injiziere ich bei laufender Infusion das Medikament, das in der Regel den Gefäßtonus steigert, den Blutdruck erhöht und die Herzfrequenz anhebt.

Doch auch das scheint nicht zum Erfolg zu führen. Es folgt eine Defibrillation nach der nächsten, die Situation wird zum sogenannten „electrical storm“, davon spricht man, wenn man sehr oft defibrillieren muss. Doch wir wollen den noch verhältnismäßig jungen Patienten nicht aufgeben. Noch ein Gramm Adrenalin wird appliziert, ein achtes Mal wird defibrilliert, als wie aus dem nichts ein ganz schwacher Puls in der Leiste tastbar ist. Die erneute Rhythmusanalyse zeigt endlich auch einen Sinusrhythmus.

Von der Arbeit auf den Kathetertisch

Zügig lagern wir Herr Beck um. Ich darf die Position am Kopf übernehmen, sichere mit meiner Hand den fixierten Tubus und gebe beim Verladen die Anweisungen. Tür zu. Abfahrt. Es erfolgt die Anmeldung in der Klinik. Hinten im Wagen behalten wir den Patienten und die Vitalparameter im Auge. Die linke Hand am Leistenpuls, die andere am Stethoskop zur Herztonüberwachung, versuche ich mein Gleichgewicht zu halten, was bei einer zügigen Kurvenfahrt nicht gerade leicht ist.

Der Puls wird schwächer, bis ich ihn nicht mehr fühlen kann. Ich kommuniziere dies an Martin, der den RTW am Straßenrand anhalten lässt. Rolf eilt aus dem uns folgenden NEF hinzu. Glück gehabt, der Kreislauf stabilisiert sich schnell von allein. Wir geben noch 500mg Aspirin i.v. und 5000 Einheiten Heparin i.v., um bereits präklinisch einer weiteren vermehrten Thrombozytenaggregation entgegen zu wirken.

Unsere Fahrt geht weiter und endet für Herrn Beck direkt auf dem Kathetertisch der ortsansässigen Klinik. Wir erledigen den typisch deutschen Papierkram und beenden mit einer kurzen Teambesprechung unseren Einsatz.

Outcome und Nachwort

Erst jetzt wird mir klar, dass wir gerade einem Menschen das Leben gerettet haben. Wir haben den Tod besiegt. Das bestätigte sich auch noch einige Wochen später, als sich zeigte, dass Herr Beck ohne bleibende Schäden davon gekommen ist. Ich muss gestehen, dass das ein unbeschreibliches Gefühl ist.

*Namen aller Personen und Orte wurden für diesen Artikel zur Wahrung der Schweigepflicht geändert.

 

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