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  • Vanessa Napierski
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  • 25.07.2019

Der kleine Unfallchirurg

Wo Blut ist, ist Leben. Wo kein Druck ist, kann auch kein Blut sein.

 

Der "handelsübliche" Unfallchirurg ist mindestens 1,85 m groß und wiegt 95 kg. Ich bin 1,67 m groß - also wenn ich mich so richtig lang mache - und wiege 51 kg. UND ich bin auch Unfallchirurgin.

Es kommt schließlich nicht auf grobe Kraft an, sondern auf die richtige Technik. Zumindest, wenn man vom Einbauen von Hüft-TEPs und dem Einschlägen etwaiger Y-Nägel in kräftige Knochen absieht. Dabei mache ich mir einen großen Vorteil der Unfallchirurgie zunutze: den Teamzusammmenhalt.
Welcher Oberarzt würde nein sagen, wenn die Assistenzärztin ihn bittet, nochmal das Einschlagen des Nagels zu demonstrieren? Meine jedenfalls eilen mir dann ganz "Gentleman-like" zur Hilfe.

Und das Gefühl gebraucht zu werden, tut bei all dem Emanzipationsgehabe der modernen Frau sicher auch sein Übriges. Oberärzte sind eben auch nur Menschen und in der Unfallchirurgie meistens männliche Menschen.

Folge 1: Wo Blut ist, ist Leben. Wo kein Druck ist, kann auch kein Blut sein.

Die Gesamtlänge aller Blutgefäße beträgt knapp 100.000 km. Mehr als das Zweifache des Erdumfangs. Unser Herz schlägt jeden Tag etwa 100.000-mal und pumpt bis zu 10.000 Liter Blut durch die Gefäße. Herz und Nieren werden regelmäßig mit Blut versorgt, die anderen Organe je nach Bedarf. Kommt oben, sprich im Kopf, nicht mehr genug an, wird's unten wackelig. Weil's ja nicht weitergeht mit Denken und so...is klar, oder?

05:15 Uhr: Der Wecker klingelt. Der kleine Unfallchirurg wird jäh aus dem Schlaf gerissen. Schnell unter die Dusche hüpfen, Anziehen, Zähneputzen. Die Haferflocken schwimmen auch schon in der Müslischüssel, gemeinsam mit Milch und Honig. Ein richtiges Powerfrühstück also. Ich nehme einen Löffel voll und lasse den Rest schwimmen – keine Zeit für mehr. Naja, das wird nach der kurzen Morgenbesprechung vor der Visite schnell nachgeholt. Flexibilität ist wichtig heutzutage und im Arztberuf sowieso. Schließlich weiß man nie, was als nächstes passiert.

Passiert ist ein gutes Stichwort. Passiert ist es tatsächlich, plötzlich und unerwartet - und das schon während der 2.Hüft-TEP an diesem Tage. Eigentlich bin ich zäh, aber da musste ich zwischendurch mal kurz die Füße hochlegen.

Dabei begann alles ganz harmlos. Hüft-TEP in der üblichen Konstellation: Oberarzt, erfahrener Assistent und ich auf der gegenüberliegenden Seite als Hakenhalter. Zuerst war alles wie immer. Dann war irgendwas anders als sonst. Die Brille des Oberarzt hatte plötzlich so komische Wellen und der ganze OP wackelte - irgendwas stimmte nicht.
Gewitter? Ich konnte nichts hören, aber mein Kopf fühlte sich ganz leer an oder wie mit Watte gefüllt. Ich war mir aber relativ sicher, in letzter Zeit keine neurochirurgische OP gehabt zu haben. Und Erdbeben ist ja auch eher unwahrscheinlich in unseren Breitengraden. Die anderen lassen sich jedenfalls nix anmerken. Hm, ich glaube, das Problem liegt bei mir und steht vielleicht im Zusammenhang mit dem flauen Gefühl in meiner Magengegend und dem kalten Schweiß auf meiner Stirn. Dabei ist mir gar nicht kalt - dank des 42 Grad warmen und direkt neben mir stehenden Anästhesie-Püsters. Schließlich soll der Patient während der OP nicht frieren. Das ist laut aktueller Studienlage schlecht fürs Outcome.


Am Tisch abtreten zu müssen ist auch schlecht fürs Outcome und außerdem echt uncool. Deshalb versuche ich mit den Füßen zu wippen - möglichst ohne dass die beiden Hohmann-Haken in meinen Händen mitwippen. Es klappt, niemand merkt etwas, aber irgendjemand - wahrscheinlich die Anästhesie - macht das OP Licht immer mal wieder an und aus. Jedenfalls flackert es. Intermittierend.

Wenn irgendwas im OP schief läuft, ist erfahrungsgemäß meistens der Anästhesist dran schuld. Auch wenn's blutet; er hat zwar nirgends hineingeschnitten - hätte aber wissen müssen, dass es gleich blutet und schon mal rechtzeitig etwas dagegen tun können, beispielsweise mit Tranexamsäure. Hat er aber nicht. Sagt nur: "Oh, das blutet aber!"

Mein Kopf fühlt sich jedenfalls blutleer an. Ich vermute das ganze Blut mittlerweile in meinen Beinen und weiß nicht, wie ich es unauffällig wieder nach oben bekommen soll. Kopfstand wäre zu auffällig. Und warum trage ich heute schicke Sneakersocken und nicht die sexy Kompressionstrümpfe? Ich hatte mir doch extra die sportlich-coole Ausführung aus atmungsaktivem und farbenfrohem Meshgewebe zugelegt. Damit man mich in der OP Schleuse nicht versehentlich für einen Anästhesisten hält. So sehe ich eher aus wie ein Fußballprofi, obwohl das eigentlich gar nicht notwendig ist. Als Unfallchirurg ist man nämlich von Natur aus cool. Das bringt das Fachgebiet so mit sich.

Uncool wäre es allerdings, einfach wortlos ins OP-Feld zu kippen. Meine Beine fangen an zu zittern und die drei einsamen Haferflocken in meinem Magen fahren Achterbahn. Also sage ich: "Ähm, ich glaub, ich muss mal kurz abtreten". Und plötzlich kommt Action in den Saal: Die OP Schwester sprintet in atemberaubendem Tempo zu mir, zieht mich vom Tisch weg, reißt mir Kittel und Handschuhe vom Leib - natürlich ohne irgendetwas dabei unsteril zu machen. Der Anästhesist guckt zwar genervt, fühlt dann aber doch meinen Puls, schüttelt mit dem Kopf und gemeinsam begleitet man mich in die OP Küche. Schnell Füße hochlegen und 'nen halben Liter Wasser auf ex, plus lila Keks-Schokolade.

5 Minuten später ist die Lage schon wieder besser: Blut ist wieder oben, Kreislauf läuft wieder rund, nix flackert mehr und der Bauch freut sich über die fleißigen lila Kühe. Also zurückkrabbeln in Richtung OP-Saal, rechtzeitig am Türrahmen hochziehen - von außen natürlich, damit's niemand sieht - lächeln und sich tapfer wieder einwaschen. Damit einen nicht alle für ein Weichei halten. Kurz "Tschuldigung" murmeln, weitermachen und sich auf gehässige Kommentare gefasst machen. Oberarzt sagt nur "Ich hab mich schon gewundert, Sie machen sonst immer so lustig mit dem Mundschutz" - wackelt dabei demonstrativ mit der Nase und der ganze Mundschutz wackelt mit - "das hatte in den letzten 10 Minuten aufgehört. Ich dachte schon, Sie wären eingeschlafen".
War ich nicht. Ich hatte einfach nur zu wenig Haferflocken gegessen. Und die Kompressionsstrümpfe vergessen.

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