• Kasuistik
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  • Dr. Dominik Sturm
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  • 24.11.2014

Das Böse im Kopf – Therapie eines hochgradigen Glioms im Kindes- und Jugendalter

Bösartige Hirntumoren gehören zu den zweithäufigsten Krebserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Und sie zählen zu den häufigsten krebsbedingten Todesursachen in dieser Altersgruppe. Besonders aggressiv verlaufen hochgradige Gliome. Sie führen ohne Behandlung innerhalb weniger Monate zum Tod. Dabei können die ersten Symptome einer solchen Erkrankung sehr vieldeutig sein.

 

Symbolbild, rimmdream, Fotolia.de

 

Es sind Schulferien. Draußen ist herrliches Wetter und im Schwimmbad ist der Teufel los. Doch der 9-jährige Fabian bleibt nun schon den dritten Tag hintereinander lieber zu Hause. „Ich hab‘ solche Kopfschmerzen“, sagt er immer wieder. Fabians Eltern wundern sich: Bisher hatte Fabian solche Episoden eher an Schultagen geboten – und nicht mitten in den Ferien! Doch dann fallen ihnen mögliche Gründe ein: Erst vor kurzem hatten sie mit Fabian aufgrund häufiger Kopfschmerzen und Verschwommensehen einen Augenarzt aufgesucht. Die verschriebene Brille trägt Fabian trotz aller Ermahnungen aber nur sehr unregelmäßig. Auch das schwüle Wetter mache ihm sicher zu schaffen, zumal er viel zu wenig trinkt. „Vielleicht hat er das auch von mir geerbt“, mutmaßt die Mutter, die seit ihrer Jugend an Migräneattacken leidet. Da er kein Fieber hat, messen sie den Kopfschmerzen also vorerst keine große Bedeutung bei und versuchen, Fabians Beschwerden mit Tabletten zu lindern.

Nach weiteren zwei Tagen, in denen Fabian sich immer müder und schlapper fühlt, machen sie sich allerdings zusehends Sorgen. Fabians Schwester Lisa, die ihren Bruder am Morgen zum Spielen bewegen wollte, kommt aus dessen Zimmer gerannt. „Mama, komm‘ mal mit zum Fabian, ich glaub‘ dem ist ganz schlecht!“ Kurz nachdem sie ihn geweckt hatte, musste Fabian sich heftig übergeben, obwohl er seit dem Vorabend nichts mehr gegessen hatte. Als die Eltern herbeieilen, erbricht Fabian erneut und lässt sich müde ins Bett fallen. Die Eltern beschließen, sofort einen Kinderarzt aufzusuchen. Da es noch früh am Samstagmorgen ist, fahren sie in die Notfallambulanz der Kinderklinik.

 

Meningitis als Ursache?

Assistenzarzt Gregor hat dort heute Frühdienst. „Kopfschmerzen, Erbrechen“ steht auf der Notiz, die auf Fabians Akte klebt. Als Gregor das Untersuchungszimmer betritt, erzählen ihm die Eltern aufgeregt von den Ereignissen. Er beginnt mit der körperlichen Untersuchung. Fabian macht zwar auf seine Ansprache hin die Augen auf und folgt ihm mit seinen Blicken, doch auf seine Fragen reagiert er nicht adäquat und schläft auf der Untersuchungsliege immer wieder ein. Die internistische Untersuchung von HNO-Bereich, Lunge, Herz und Abdomen bleibt weitestgehend ohne auffälligen Befund. Zwar kann Gregor den Jungen nur eingeschränkt neurologisch untersuchen, doch die Pupillomotorik scheint Gregor unauffällig zu sein und es besteht nur eine mäßig-gradige Nackensteifigkeit. „Bisher haben die Kopfschmerztabletten ganz gut geholfen“, berichten die Eltern. „Die letzte hat er heute Nacht eingenommen.“ Wegen der Tablette kann Gregor nicht uneingeschränkt beurteilen, ob Fabian Fieber hat. Deshalb muss er auch eine Meningitis als Ursache in Betracht ziehen. Daher ruft er aus der benachbarten Augenklinik einen Kollegen hinzu, der vor einer möglichen Lumbalpunktion eine Funduskopie zum Ausschluss einer Stauungspapille durchführen soll. Dieser berichtet von einem weiteren besorgniserregenden Befund: „Der Junge hat ein beidseitiges Papillenödem“, erklärt er Gregor. „Damit kann ich einen erhöhten Hirndruck nicht ausschließen.“ Gregor verzichtet daher auf die Lumbalpunktion und organisiert als nächstes eine Schädel-MRT.

Girlanden im MRT

Beim Legen eines i.v.-Zugangs für das Kontrastmittel und einer orientierenden Blutentnahme erklärt er den aufgelösten Eltern sein Vorgehen. Er informiert sie darüber, welche möglichen Ursachen für Fabians Beschwerden es gibt – und dass auch ein Hirntumor dazu gehört. Im Anschluss klärt der diensthabende Radiologe sie über die MRT-Untersuchung auf. Die Minuten, in denen ihr Sohn in der lärmenden Röhre liegt, verschwimmen für die Eltern zu einer quälenden Ewigkeit. Dem Radiologen genügen parallel dazu wenige Blicke auf den Monitor, um eine erste Verdachtsdiagnose zu stellen: In der linken Großhirnhemisphäre zeigt sich ein stark raumfordernder, besonders randständig irregulär Kontrastmittel anreichernder Tumor – typische radiologische Befunde eines hochmalignen Glioms. Das Nebeneinander von Nekrose, vitalen Tumoranteilen, Blutung und Ödem führt häufig zu einer charakteristischen girlanden- und ringförmigen Kontrastmittel-Aufnahme (Abb. 1). Als der Radiologe seinen dringenden Verdacht mitteilt, wird auch Gregor mulmig zumute, da er einen solchen Fall noch nie erlebt hat. Um das weitere Vorgehen zu planen und für die weiteren Gespräche mit den Eltern braucht er jetzt Unterstützung. Deswegen ruft er seinen zuständigen Oberarzt zu Hilfe.

  • MRT-Bild eines hochgradigen Glioms - Foto: aus Differential Diagnosis in Pediatric Imaging, Thieme

    Abb. 1: Typisches MRT-Bild eines hochmalignen pädiatrischen Glioms. In der linken Hemisphäre des Patienten wächst ein inhomogen Kontrastmittel anreichernder Tumor, der ring- bzw. girlandenförmigen Strukturen ausbildet.

     

So schnell wie möglich: OP

Von diesem Zeitpunkt an überschlagen sich die Ereignisse für die Familie: Obwohl der Oberarzt das Gespräch sehr ruhig führt und die Eltern schonend über den Befund und die nächsten Schritte informiert, bricht für sie binnen Augenblicken eine Welt zusammen. „Für die Beschwerden ihres Sohnes ist ein Tumor im Gehirn verantwortlich, der dort vermutlich schon seit einiger Zeit wächst.“ Diese Worte lassen Emotionen über die Eltern hereinbrechen, die für Außenstehende kaum vorstellbar sind. Umso wichtiger ist es für die Ärzte, die Ruhe zu bewahren und keine Zeit zu verlieren. Gregor informiert als nächstes den diensthabenden Neurochirurgen, der sich sofort die MRT-Bilder ansieht, während sich eine Krankenschwester der schockierten Eltern annimmt. Alle sind sich einig, dass Fabian möglichst rasch operiert werden muss, um den intrakraniellen Druck zu senken. Während das neurochirurgische Team das operative Vorgehen plant, nimmt Gregor Kreuzblut ab, lässt die Gerinnungsparameter bestimmen und gibt die notwendigen Befunde an die Anästhesistin durch, die vor dem Eingriff die Narkoseaufklärung vornehmen wird. Im Krankentransport wird Fabian in die nahegelegene Neurochirurgie gebracht. Der Tumor wächst im Bereich der Großhirnrinde, erscheint gut zugänglich und hat keinen Bezug zu lebenswichtigen, zentralen Strukturen. Damit verspricht eine radikale Tumorentfernung den größten Behandlungserfolg – wohlwissend, dass wegen des angedeuteten infiltrativen Wachstumsmusters entlang der weißen Substanz eine rückstandslose Resektion wohl kaum möglich sein wird.
Bei der OP legen die Neurochirurgen eine Ventrikeldrainage, über die der gestaute Liquor nach außen abgeleitet und der Gehirndruck überwacht werden kann. Außerdem wird Fabian mit Kortikosteroiden behandelt, die ein Abklingen der örtlichen Schwellung bewirken sollen. Das geborgene Tumorgewebe wird noch im OP Saal in mehrere Teile aufgeteilt: Große Teile werden zur histologischen Diagnostik durch die Neuropathologen in Formalin fixiert, ein weiterer Teil wird noch vor Ort in flüssigem Stickstoff eingefroren, um die Tumorzellen molekulargenetisch untersuchen zu können. So kann die genaue Art des Tumors und der Grad seiner Malignität bestimmt werden. Zudem lässt sich eine Prognose darüber abgeben, wie Fabian auf die Therapie ansprechen wird und wie seine Lebenserwartung ist. Fabians Eltern laufen während der OP ungeduldig in den Warteräumen der Klinik auf und ab und werden endlich erlöst, als einer der Operateure sie über den komplikationslosen Operationsablauf informiert.

 

Hoffnung und Wahrheit

Nach einer zweitägigen Überwachung auf der Intensivstation wird Fabian auf die onkologische Station verlegt. Dort geht es ihm von Tag zu Tag besser, auch wenn er wegen einer anhaltenden Schwäche des rechten Armes sein Smartphone nur schwer bedienen kann. Das erste längere Aufklärungsgespräch mit dem onkologischen Oberarzt skizziert mögliche Krankheitsverläufe. Eine genaue Diagnose steht zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest. Der histologische Befund der Neuropathologen lässt jedoch nicht lange auf sich warten und ist eindeutig: „Ausgeprägte Kern- und Zellpleomorphie, erhöhte Mitose- und Proliferationsrate, Nekrosen, mikrovaskuläre Proliferationen“ – Charakteristische Malignitätskriterien, die für das Vorliegen eines Glioblastoms (WHO Grad IV) sprechen (Abb. 2).

  • Histologie eines Glioblastoms - Foto: U.-N. Riede, TA der allgemeinen Pathologie, Thieme

    Abb. 2: Histologisches Bild eines Glioblastoms. Typisch ist der zystische Zerfall mit strichförmigen Nekrosen und palisadenartig angeordneten pleomorphen Tumorzellen um die Nekrosen (Bild: U.-N. Riede, TA der allg. Pathologie)

     

„Wird mein Bruder denn bald wieder gesund?“ Das fragt Fabians Schwester immer wieder. Doch die Informationen, die der Oberarzt den Eltern geben muss, sind deprimierend. „Leider liegen die Überlebenschancen von Kindern mit einem hochgradig malignen Gliom deutlich unter denen anderer Hirntumoren und anderer Krebserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen“, erklärt er. „Die durchschnittliche Überlebensrate liegt bei etwa 10 bis 15%. Ob die Rate höher oder niedriger liegt, hängt von Art und Lage des Tumors ab und davon, wieviel Tumorgewebe in der OP entfernt werden konnte.“ In weiterführenden Gesprächen erklärt er den Eltern auch, dass es sich dabei um statistische Größen handelt, die den individuellen Krankheitsverlauf selbst unter günstigsten bzw. ungünstigsten Voraussetzungen nicht vorhersagen können.

 

Strahlen- und Chemotherapie: Der Kampf beginnt

Damit der überschüssige Liquor gut abfließen kann, wird in einem kleinen neurochirurgischen Routineeingriff bei Fabian nach kurzer Zeit die Drainage entfernt und ein ventrikulo-peritonealer Shunt implantiert, der den Liquor in die Bauchhöhle ableitet. Über ein Ventil lässt sich die zur Drucknormalisierung abzuleitende Menge genau regeln.
Um alle bestehenden Heilungschancen auszuschöpfen und Nebenwirkungen und Spätfolgen der intensiven Behandlung zu begrenzen, wird Fabian im Rahmen einer Therapieoptimierungsstudie betreut, die eine optimale Therapie nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen gewährleistet. Für Fabian bedeutet dies nach der unvollständigen Tumorentfernung eine kombinierte Strahlen- und Chemotherapie. „Nach unseren Kenntnissen kann diese Fabian zwar nicht heilen, sie kann jedoch das Wachstum des Tumors hoffentlich bremsen, tumorbedingte Symptome lindern und Fabians Überlebenszeit verlängern“, erläutert der Oberarzt den Eltern.
Von nun an geht Fabian mit Ausnahme der Wochenenden täglich zur Bestrahlung, wofür Größe und Lage der zu bestrahlenden Region zuvor genau berechnet wurden. Eine eigens für ihn angefertigte Maske hält seinen Kopf dabei immer in der gleichen Position. „Bei dieser Fraktionierung in tägliche Einzeldosen wird es etwa sechs Wochen dauern, bis die Gesamtstrahlendosis appliziert ist“, so der Strahlentherapeut. Die Bestrahlung ist für Fabian nicht schmerzhaft, im Anschluss hat er jedoch oft etwas Kopfschmerzen und ihm ist übel – bekannte kurzfristige Nebenwirkungen. Parallel dazu wird eine orale Chemotherapie mit dem Zytostatikum Temozolomid* begonnen. Die Induktionstherapie erfolgt dabei zeitgleich mit der Strahlentherapie und bedeutet für Fabian eine tägliche Tabletteneinnahme, woran sich die etwa einjährige Konsolidierungstherapie anschließt, in der das Medikament in einmonatigen Intervallen für nur jeweils fünf Tage genommen wird.

 

Rückweg zur Normalität?

Nach Beendigung der Bestrahlungstherapie und Induktionsphase der Chemotherapie ist Fabian überglücklich: „Endlich kann ich wieder nach Hause!“ Doch auch jetzt muss er an einem engmaschigen Überwachungsprogramm teilnehmen, wodurch ein Weiterwachsen oder Wiederauftreten des Tumors sowie mögliche Spätfolgen rechtzeitig erkannt werden sollen. Im Mittelpunkt stehen dabei regelmäßige Arztgespräche, körperliche Untersuchungen sowie Blut- und Urinuntersuchungen. Hinzu kommen regelmäßige MRT-Kontrollen des Gehirns, die erste etwa sechs Wochen nach Ende der Induktionsphase. Währenddessen steht der Familie ein Team von spezialisierten Psychologen, Sozialarbeitern und Pflegekräften zur Seite, die helfen, die Krankheit zu verarbeiten und die vielfältigen mit ihr verbundenen Probleme zu bewältigen. All dies hilft der Familie, Schritt für Schritt zurück zur Normalität zu finden, auch wenn für sie die Welt nie sein wird, wie zuvor.
Eine kurz nach der OP durchgeführte MRT hatte bereits gezeigt, dass der Tumor nicht vollständig entfernt werden konnte. Solange die Kontrolluntersuchungen kein erneutes Wachstum dieses Tumorrestes zeigen, sprechen die Ärzte von einer stabilen Resterkrankung. Auch klinisch bessert sich Fabians Zustand weiter, und die Familie fasst neue Hoffnung.

Rezidiv und palliative Betreuung

Doch noch vor Ablauf des ersten Jahres wird alle Hoffnung der Eltern im Keim erstickt. Eines Tages beginnt Fabian während der Physiotherapie, unkontrolliert mit Armen und Beinen zu zucken und ist dabei nicht ansprechbar. Der hinzugerufene Rettungsdienst kann den generalisierten Krampfanfall medikamentös durchbrechen und Fabian wird umgehend in die Kinderklinik gebracht. Eine kurzfristig veranlasste Bildgebung zeigt im Vergleich zu den Voraufnahmen eine deutliche Zunahme des Tumorgewebes um mehr als ein Drittel, was einer eindeutigen Tumorprogression entspricht. „Leider ist der Tumor trotz unserer Behandlung innerhalb kürzester Zeit sehr schnell wieder gewachsen“. Diese traurige Mitteilung trifft Fabians Eltern mit voller Wucht.
Noch auf der Intensivstation beraten Kinderonkologen, Neurochirurgen und Strahlentherapeuten über mögliche nächste Schritte, wobei für solche Situationen keine Standardtherapie existiert. Da der Tumor sich auch in Richtung zentraler Strukturen ausgebreitet hat, stellt eine OP keine Behandlungsoption mehr dar und auch von einer erneuten Bestrahlung wird aufgrund des unsicheren Behandlungserfolges, schweren Nebenwirkungen und des großen Aufwands für Fabian Abstand genommen. Weil zudem keine als wirksam erwiesene Chemotherapie mehr zur Verfügung steht, liegt spätestens ab diesem Zeitpunkt der Behandlungsschwerpunkt vollkommen auf der Erhaltung der Lebensqualität für Fabian.

 

Abschied

Durch anti-epileptisch wirksame Medikamente gelingt es, die wiederholt auftretenden Krampfanfälle in den Griff zu bekommen und Fabian kann wieder auf die onkologische Station verlegt werden. Seine starken Kopf- und Nackenschmerzen sprechen jedoch nur noch auf Opioide an. In weiteren Gesprächen zwischen dem Behandlungsteam und der Familie wird nun besprochen, welche Möglichkeiten für die Gestaltung der verbleibenden Zeit mit Fabian bestehen. Die Eltern entschließen sich darin gemeinsam gegen den Versuch möglicher experimenteller Behandlungsstrategien. „Sofern medizinisch vertretbar, möchten wir Fabian unter allen Umständen gerne wieder nach Hause in unser gewohntes Umfeld bringen“. Um diesen Wunsch zu ermöglichen, werden ein Pflegedienst und ein Kinderarzt mit Erfahrung in der palliativen Begleitung onkologischer Patienten in die Betreuung mit einbezogen und erklären sich bereit, Fabian regelmäßig zu Hause zu besuchen. Das Vorgehen in Notfallsituationen wird den Eltern erklärt und gemeinsam mit ihnen ein Notfalldokument aufgesetzt, das vor allem eine unnötige Überbehandlung und invasive lebensverlängernde Maßnahmen (wie z.B. eine Intubation durch hinzugerufene Notärzte) verhindern soll.

Noch einmal gelingt es, Fabian nach Hause zu entlassen. Die Familie genießt die gemeinsame Zeit, in der Fabian viel Besuch von Verwandten bekommt. Von Tag zu Tag wird er jedoch schläfriger, und nach einiger Zeit ist er an manchen Tagen kaum noch wach zu bekommen. Während der Wachphasen wirkt er auch zunehmend verwirrt und scheint die Orientierung zu Zeit und Raum zu verlieren. Die Familie nimmt nach und nach Abschied von ihm, und wenige Wochen nach seiner Entlassung verstirbt er friedlich in ihrem Beisein.

 

 


Der Autor:

 

Dominik Sturm arbeitet seit Herbst 2011 als Arzt und Wissenschaftler im Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Uniklinik und in der Abteilung für Pädiatrische Neuroonkologie am DKFZ in Heidelberg. Kontakt: dominik.sturm@med.uni-heidelberg.de und d.sturm@dkfz.de

 

Zusatzinformationen

Krankheitssymptome von Hirntumoren bei Kindern und Jugendlichen

Die Ursache für unspezifische Allgemeinsymptome ist meist der langsam zunehmende intrakranielle Druck, der direkt durch die wachsende Tumormasse bedingt sein kann, durch ein peritumorales Begleitödem oder eine vom Tumor verursachte Liquorzirkulations- oder -abflussstörung. Dazu gehören u.a. …

  • anhaltendes/wiederkehrendes Erbrechen (besonders morgens/nüchtern)
  • anhaltende/wiederkehrende (morgendliche) Kopfschmerzen, Nackensteife
  • Verhaltensänderungen (z.B. zunehmende Vigilanzminderung/Lethargie/Konzentrationsstörungen)
  • Zunahme des Kopfumfangs (bei Babys und Kleinkindern mit noch offenen Fontanellen)

Lokale (spezifische) Symptome hingegen können Hinweise darauf geben, wo sich der Tumor im Zentralnervensystem befindet und welche Aufgabenzentren er dort beeinträchtigt. Beispiele hierfür sind …

  • epileptischer Krampfanfall (ohne Fieber)
  • unnatürliche Kopfhaltung (z.B. Schiefhals, Nackensteife oder Kopfschiefstellung)
  • Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht, der Koordination und dem Laufen
  • Lähmungen und/oder Sensibilitätsstörungen
  • unnatürliche Augenbewegungen, unscharfes Sehen oder Doppelbilder
  • verzögerte oder pausierte Pubertätsentwicklung, geringes Körperwachstum

 

Epidemiologie und Formen hochgradiger Gliome im Kindesalter

Hochgradige Gliome machen etwa 15 bis 20% der ZNS-Tumor‎en bei Kindern und Jugendlichen aus und kommen in allen Altersgruppen vor. Pro Jahr erkranken in Deutschland etwa 60 bis 80 Kinder und Jugendliche neu an einem hochgradigen Gliom (entsprechend einer Häufigkeit von 5 bis 10 Neuerkrankungen pro 1.000.000 Kinder), wobei Jungen und Mädchen etwa gleich häufig betroffen sind.

Je nach Lage, Herkunft und Bösartigkeit des Tumors lassen sich verschiedene Formen von hochgradigen Gliomen unterscheiden.

Hirnstamm-Gliome: Hochmaligne Gliome des Hirnstamms (diffus intrinsische Ponsgliome) machen etwa 40% aller hochmalignen Gliome aus und treten typischerweise in jüngeren Altersgruppen auf (ca. Grundschulalter). Sie haben aufgrund ihrer kritischen Lage im Bereich der Pons eine besonders schlechte Prognose‎ und nehmen meist einen rasch progredienten Verlauf. Die Diagnose wird häufig allein auf der Basis typischer neuroradiologischer Kriterien in Kombination mit kurzer Anamnese und charakteristischer klinischer Symptomatik gestellt; eine bioptisch-histologische Sicherung der Diagnose ist in vielen Fällen zu riskant. Mittellinien-nahe hochgradige Gliome in Thalamus, Basalganglien oder Rückenmark zeigen eine enge molekulargenetische Verwandtschaft.

Gliome der Großhirnrinde: 60% der hochmalignen Gliome kommen in anderen Hirnbereichen, besonders in der Großhirn‎rinde, vor. Diese Gliome lassen sich anhand histologischer Unterschiede, die möglicherweise Hinweise auf Herkunft und Bösartigkeit des Tumors geben, weiter unterteilen und werden nach WHO nach Graden in °III oder °IV eingestuft. Im Kindes- und Jugendalter kommen vor allem anaplastische Astrozytom‎e °III und Glioblastom‎e °IV vor, die sich trotz identischer Histologie in ihren molekulargenetischen Veränderungen wesentlich von hochgradigen Gliomen im Erwachsenenalter unterscheiden.
Die verschiedenen Formen der hochgradigen Gliome treten unterschiedlich häufig in verschiedenen Lokalisationen und Altersgruppen auf, und weisen Unterschiede in ihrem Wachstumsverhalten, im Krankheitsverlauf und der ihnen zugrunde liegenden Tumorbiologie auf. Bis auf wenige Ausnahmen ist die Prognose für alle Formen jedoch infaust.

 

Begriffserläuterungen:

  • Funduskopie: Bei Vorliegen einer Stauungspapille als Zeichen einer intrakraniellen Drucksteigerung ist eine Lumbalpunktion aufgrund der Gefahr der Einklemmung der Medulla oblongata kontraindiziert. Bei erhöhtem Hirndruck finden sich je nach Dauer und Ausprägung in der Augenhintergrundspiegelung eine Stauungspapille, gelegentlich aber auch nur ein Papillenödem oder bei länger bestehender Drucksteigerung eine Optikusatrophie. Eine fehlende Stauungspapille schließt einen Hirntumor nicht aus.
  • Schädel-MRT: Nur bei Kontraindikationen ist vom Grundsatz abzuweichen, dass die MRT mit intravenöser Kontrastmittelapplikation die Methode der ersten Wahl zur Beurteilung von zerebralen und spinalen Tumoren darstellt.
  • mögliche Ursachen: Differenzialdiagnostisch kommen vor allem Meningitiden/Meningoenzephalitiden, intrakranielle Abszesse, Hämatome oder andere raumfordernde Prozesse in Betracht.
  • Gliom: Der Begriff „Gliom“ beruht auf der Annahme, dass das Ursprungsgewebe der malignen Gliome Gliazellen sind.
  • Operatives Vorgehen: In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass das Ausmaß der neurochirurgischen Tumorentfernung den anschließenden Krankheitsverlauf beeinflusst. Eine möglichst radikale Resektion kann dazu beitragen, die Lebenszeit des Patienten zu verlängern, eine (vollständige) operative Entfernung ist jedoch bei Tumoren mit kritischer Lokalisation oft unmöglich.
  • Malignitätsgrad: Anhand mikroskopischer Merkmale, die sowohl die Herkunft als auch die Bösartigkeit der Tumoren berücksichtigen, werden von der WHO insgesamt vier Malignitätsgrade von Hirntumoren (Grad I-IV) unterschieden: °I entspricht einem gutartigen, langsam wachsenden Tumor mit günstiger Prognose. Beim °IV handelt es sich dagegen um einen besonders bösartigen und schnell wachsenden Tumor mit entsprechend ungünstiger Prognose.
  • Therapieoptimierungsstudie: eine kontrollierte klinische Studie mit dem Ziel, neu erkrankte Patienten nach dem jeweils aktuellsten Wissensstand zu behandeln und gleichzeitig die Behandlungsmöglichkeiten kontinuierlich zu verbessern.
  • Strahlentherapie: Bei Kindern unter drei Jahren ist das Gehirn aufgrund der noch nicht vollständig abgeschlossenen Gewebeentwicklung so empfindlich, dass von einer Bestrahlungsbehandlung abgesehen wird, um schweren Schädigungen des Gehirns vorzubeugen.
  • Temozolomid: Der Einsatz dieser Substanz leitet sich vor allem aus der Wirksamkeit in der Behandlung von Glioblastomen erwachsener Patienten ab. Ein großer Vorteil dieser Behandlung gegenüber den in früheren Studien eingesetzten Medikamenten ist, dass die Substanz jeden Abend in Tablettenform (und damit auch zuhause) eingenommen werden kann und sie erfahrungsgemäß deutlich weniger Nebenwirkungen hat

 


* Die Kasuistik ist eine Synthese mehrerer authentischer Fallgeschichten aus dem Erfahrungsschatz des Autors. Die Charaktere sind fiktiv.

Kursiv gesetzte Begriffe werden im Anhang detailliert erläutert. 

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