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  • Annika Simon
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  • 21.06.2016

Worst-Case-Szenario: Vom Virusinfekt zum Kompartmentsyndrom

Ein Winter ohne Erkältung ist wie Spaghetti ohne Tomatensoße. Die Wartezimmer sind voll mit schniefenden Patienten und auf der Arbeit ist das halbe Kollegium krank gemeldet. Leichte Virusinfekte sind also häufig und eigentlich auch harmlos. Doch manchmal wird aus einem kleinen Schnupfen eine große Tragödie.

Kind - Foto: ©Stephan Morrosch – Fotolia.com

 

Montag

An einem frostigen Montagmorgen im Winter fühlt sich die 2-jährige Larissa* gar nicht gut. Ihre Nase ist verstopft, sie hat produktiven Husten und das Atmen fällt ihr zunehmend schwerer. Schon seit Wochen grassiert in Larissas Umfeld ein Virusinfekt. Für ihre Mutter Claudia Schmitt* war es also nur eine Frage der Zeit, bis auch ihr kleines Mädchen betroffen sein wird. Erst hält Frau Schmitt die beginnende Erkältung für harmlos. Doch als in der Nacht zum Montag das Fieber auf 39.2° C ansteigt, macht sich die sonst eher coole Mutter große Sorgen. Zudem ringt Larissa jetzt auch zunehmend nach Luft und hat eine leicht bläuliche Hautfarbe. Eigentlich könnte Frau Schmitt jetzt erst einmal einen Termin beim Kinderarzt machen, aber dann schaut sie auf ihr hechelndes Kleinkind und ruft kurzerhand den Rettungswagen.

„Sie haben alles richtig gemacht, Frau Schmitt“, versucht sie der hinzugezogene Notarzt kurze Zeit später zu beruhigen. „Wir bringen die Kleine jetzt erstmal in die Kinderklinik und geben ihr ab jetzt etwas Flüssigkeit und Sauerstoff über eine Nasensonde. Sie können vorne im Rettungswagen mitfahren, es wird alles gut!“

 

Mittwoch

Seitdem Larissa und ihre Mutter die Kinderklinik am Montagmorgen betreten haben, ist viel passiert. Schon nach der ersten Untersuchung wurde die Verdachtsdiagnose einer Lungenentzündung als Superinfektion einer Virusgrippe gestellt, der Assistenzarzt nahm dem Mädchen Blutkulturen ab und der zuständige Oberarzt verordnete eine Überwachung auf der Kinderintensivstation sowie den sofortigen Beginn einer breiten Antibiose. Etwa einen Tag nach der ersten Antibiotika-Dosis schien sich Larissa langsam zu erholen und auch das Fieber ging schrittweise wieder herunter. Doch dieser positive Trend war leider nur von kurzer Dauer. Denn gegen Mittwochabend fiel die Sauerstoffsättigung plötzlich so rapide, dass die Ärzte schnell intubieren mussten. Da auch die maschinelle Beatmung nicht die gewünschte Besserung erbrachte und die kleine Patientin langsam in ein akutes Lungenversagen schlitterte, trafen die Ärzte und Pfleger auf der Kinderintensivstation gemeinsam mit Larissas Eltern eine schwere Entscheidung: Sie schlossen das Mädchen an eine sogenannte ECMO (zu Deutsch: extrakorporale Membranoxygenierung), um ihr Blut und damit ihre Organe mit ausreichend Sauerstoff versorgen zu können.

Bei der ECMO handelt es sich um ein hochtechnisches Gerät aus der modernen Intensivmedizin, das für eine Weile die Arbeit der Lungen übernehmen kann. Dafür wird das Blut aus dem Körper in eine Maschine geleitet, dort mit Sauerstoff angereichert und schließlich in den Körperkreislauf zurückgeführt. Was sich zunächst so einfach anhört, ist leider oft mit schweren Komplikationen verbunden. So kann es unter anderem zu Störungen der Blutgerinnung wie Thrombosen und Embolien kommen, weshalb die betroffenen Patienten auch das blutverdünnende Medikament Heparin erhalten.

 

Donnerstag

Ein Intensivpfleger macht beim Lagern eine schlimme Entdeckung: Seine kleine Patientin hat eiskalte Beine und die Fußpulse sind nicht mehr tastbar. Schnell ruft der diensthabende Arzt einen Gefäßchirurgen zur Hilfe. Dieser stellt hochgradige Gefäßverschlüsse an beiden Unterschenkelhauptarterien fest und führt Larissa direkt in den OP-Saal der Kinderchirurgie. Bei der folgenden Operation konnten die Chirurgen die Blutgefäße glücklicherweise wieder öffnen, sodass die Unterschenkel und Füße wieder ausreichend durchblutet werden konnten. „Das haben Sie sehr gut erkannt!“, lobte der Chirurg den Intensivpfleger, „Nur wenige Stunden später hätte die Kleine vermutlich ihre Beine verloren. Die ECMO ist eben wirklich mit Vorsicht zu genießen.“

Frau Schmitt war inzwischen fertig mit den Nerven. Immerhin hatte sie in den letzten Tagen mehrfach beinahe ihr kleines Mädchen verloren. Sie hatte eigentlich seit Montag keine Stunde mehr geschlafen und konnte es kaum ertragen, Larissa zwischen all den Maschinen und Schläuchen auf der Intensivstation so liegen zu sehen. Doch jetzt nach ECMO und der Beseitigung der Gefäßverschlüsse wurde sie wieder etwas optimistischer.

 

Donnerstagabend

Die Intensivkinderärzte diagnostizieren ein Kompartmentsyndrom als Folge der Gefäßoperation. Nachdem die Unterschenkelarterien wieder offen waren, strömte wieder viel Blut in die Beine und versursachte einen gefährlichen Druckanstieg in den Muskellogen. Schnell führte der diensthabende Unfallchirurg eine Druckmessung durch, bestätigte die Verdachtsdiagnose und spaltete durch einen langen Längsschnitt an beiden Unterschenkeln das jeweils betroffene Kompartment. Die narkotisierte Larissa spürte dank starker Schmerzmittel davon nichts, ihre Mutter erlitt erneut tausend Tode. Vom Virusinfekt zur Lungenentzündung, über Lungenversagen mit ECMO-Therapie über einen Gefäßverschluss beidseits bis hin zum Kompartmentsyndrom – ein absoluter Alptraum.

 

Auf dem Weg zur Besserung

Nach mehrtägigem Aufenthalt auf der Kinderintensivstation und weiteren operativen und diagnostischen Prozeduren konnte die kleine Larissa endlich auf die Normalstation verlegt werden. Sie bekommt bereits wieder feste Nahrung und spielt mit ihrem Lieblingsteddy. Einige Narben werden das tapfere Mädchen wohl ein Leben lang begleiten. Dennoch sind sie und ihre Eltern noch mal mit dem Schrecken davon gekommen. Der modernen Medizin sei Dank!

 

* Name von der Redaktion geändert

 

Weiterführende Links

- Definition und Erklärung zum Thema „ECMO“

- Video zur ECMO

 

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