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  • Roxy Heidemann
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  • 06.11.2018

Pathologen gehen zum Lachen in den Keller

Die Pathologie- es gibt wohl kaum ein Fach in der Medizin, das mit so vielen Vorurteilen und Missverständnissen behaftet ist. Heute möchte ich mit vier Stück davon aufräumen.

#1

In der Pathologie landet nur, wer bereits tot ist.“ Auch wenn sich der Glaube an stetige Obduktionen hartnäckig hält, sind diese tatsächlich nur ein kleiner Teil des Aufgabenbereichs. In Zahlen ausgedrückt bedeutet das: bei 365 Tagen im Jahr gibt es nur gut hundert Obduktionen, oder Sektionen, wie es der Fachmann nennt.
Sitzen die Pathologen also die restlichen Tage in ihrem Keller und nutzen die Zeit für ausgiebige Kaffeepausen? So viele Pathologen dies sicherlich gerne würden, so viele Chirurgen warten auf eine Beurteilung ihres frisch resezierten Tumors. ‚Schnittrand‘ heißt das entscheidende Stichwort an dieser Stelle. Vereinfacht gesagt bedeutet das: Einen histologischen Schnellschnitt machen, nichts Schickes, Hauptsache er passt unter das Mikroskop. Dann schauen, welche Residual-Klassifikation der Schnitt hat. R0 Status bedeutet: ‚Tumor ist raus, der Chirurg kann zu machen.‘ Schon zugemacht, aber trotzdem beurteilt, wird auch nach Blinddarm- oder Mandel-Operationen. Es gilt das Motto: Alles was der Chirurg rausschneidet, landet beim Pathologen auf dem Tisch und unter dem Mikroskop.

#2

„Den Facharzt Patho bekommt man doch quasi geschenkt.“ Wer schon einmal in ein Pathologie-Buch hereingeschaut hat oder gar eine Klausur in der Uni schreiben durfte, wird diesem Vorurteil vehement widersprechen. Mal abgesehen von ausgezeichneten Histologie- und Anatomiekenntnissen, von denen der Student im Physikum nur träumen kann, muss der Pathologe einen Überblick über eine Vielzahl von Erkrankungen der verschiedenen Fachrichtungen haben. Ein „Nicht-Klausurrelevant“ gibt es selten. Wie soll der Fachmann sonst eine Todesursache feststellen oder den Morbus Crohn am resezierten Darm diagnostizieren?

#3

„Viel kaputt machen kann ich doch sowieso nicht mehr.“ Zugegeben, eine Sektion ist für den Laien ein gewöhnungsbedürftiger Anblick. Der berühmte Y-Schnitt zum Eröffnen von Thorax und Abdomen könnte auch in einem Horrorfilm seinen Platz finden. So grob dieser Schnitt wirkt, so präzise ist er auch. Präzise ist die gesamte Sektion und zudem hoch standardisiert. Nur so wird gewährleistet, dass nichts vergessen oder übersehen wird. Eröffnet der Pathologe beispielsweise den Thorax, ohne auf das Absinken der Lungen zu achten, ist die sogenannte ‚Pleuraprobe‘ Geschichte und eventuelles Wasser in der Lunge wird übersehen. Um alles in dieser Richtung zu vermeiden, werden wichtige Zahlen und Auffälligkeiten diktiert und für alle sichtbar aufgeschrieben, ganz nach der berühmten Dr. House-Manier.

#4

„Soziale Kompetenz? Braucht der Pathologe nicht!“ Sicherlich ist es der fehlende Patientenkontakt, der angehende Ärzte vom Einschlagen der Pathologie als Fachrichtung abhält. Aber bestätigt dieser Fakt das Bild vom introvertierten, ausschließlich mit dem Diktiergerät redenden Pathologen? Die Antwort mag den ein oder anderen überraschen: Nein, bestätigt es nicht. Die Pathologie ist ebenso von Teamarbeit geprägt wie verschiedene andere Fachrichtungen. Eine Sektion wird beispielsweise in den meisten Fällen von zwei Personen durchgeführt. Es gilt das Motto: Man kann nicht gleichzeitig den Überblick behalten und dennoch auf kleine Unstimmigkeiten achten. Sich mit dem Kollegen abzusprechen und die Gewohnheiten des anderen zu kennen wäre ohne Teamfähigkeit sicherlich schwer möglich.

Ähnliches gilt für das Labor; wer erwartet hat, der Pathologe würde seine Präparate selber fixieren, waschen, färben und schneiden, den muss ich enttäuschen. Hinter den zahlreichen Diagnosen steht ein großes Team aus MTLAs und weiteren Ärzten. Denn auch der beste Pathologe beherrscht nicht jede spezielle Färbetechnik oder kann jede Diagnose auf Anhieb stellen.

Was wäre das außerdem für ein Arbeitsplatz, bei dem man zu jederzeit auf sich alleine gestellt ist. Tatsächlich gehen Pathologen also zum Lachen in den Keller, aber nur, weil dort der Kollege mit einer Geschichte vom Wochenende wartet. 

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