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  • 05.11.2008

Psychische Krankheiten nehmen nicht zu

Ob Angst, Depression oder Magersucht – immer mehr Menschen leiden unter psychischen Störungen. So die landläufige Ansicht, die von Psychologen, Pharmavertretern und Journalisten gerne aufgegriffen und kolportiert wird. Doch das ist falsch, wie der Soziologe PD Dr. Dirk Richter von der LWL-Klinik Münster und der Psychiater Professor Thomas Reker von der Universität Münster in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift "Psychiatrische Praxis" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2008) darlegen.

Kein eindeutiger Trend

Psychische Krankheiten nehmen demnach nicht zu. Richter und seine Kollegen werteten 44 Forschungsarbeiten aus den USA, Kanada, Australien und Westeuropa aus. Eingegangen in ihre umfangreiche Analyse sind ausschließlich Längsschnittstudien. Bei solchen Studien werden zwei oder mehrere Bevölkerungsstichproben über mehrere Jahre hinweg beobachtet. Auf diese Weise lässt sich nachweisen, wie sich der psychische Gesundheitszustand eines bestimmten Menschen über die Zeit verändert.

"Anhand dieses Vorgehens", schreiben die Wissenschaftler, "konnte kein eindeutiger Trend erkannt werden, der darauf schließen lässt, dass die Häufigkeit psychischer Störungen in der Bevölkerung westlicher Länder in den Dekaden nach dem zweiten Weltkrieg anhaltend zugenommen hat."

Laut Richter und Reker gehe aus den Daten hervor, dass es in den Jahrzehnten nach 1945 zunächst zu einem vermehrten Auftreten psychischer Leiden gekommen sei, doch dieser Trend habe sich dann nicht weiter fortgesetzt. Weder bei Erwachsenen noch bei Kindern und Jugendlichen, so das Fazit der Forscher, haben psychische Leiden in den letzten Jahrzehnten zugenommen.

 

Aussagekräftiges Design

Methodisch gesehen, gelten Untersuchungen mit Längsschnitt-Designs als besonders aussagekräftig, weil sie keinem Erinnerungsfehler unterliegen. Menschen neigen nämlich dazu, wie epidemiologische Studien zeigen, ihre vergangenen seelischen Leiden bei retrospektiver Befragung zu bagatellisieren, zu verschweigen oder zu vergessen. Dieser Rückschaufehler mindert die Aussagekraft von Querschnittsstudien, bei denen zu einem Messzeitpunkt X verschiedene Personen unterschiedlichen Alters befragt werden.

Im Querschnitt berichten ältere Geburtenjahrgänge über weniger psychische Leiden als jüngere. Daraus ziehen manche Forscher den Schluss, dass Menschen früher seltener unter Depression litten als heute. Die Psychiater Gerald L. Klerman und Myrna M. Weissman lieferten Anfang der 90er Jahre entsprechende Befunde und riefen das Zeitalter der Depression aus.

 

Frühverrentung kein Beleg für Zunahme

Nach Ansicht des Psychiaters PD Dr. Hermann Spießl von der Universität Regensburg spricht auf den ersten Blick alles für die These, dass die Deutschen psychisch immer kränker werden. Der Deutschen Rentenversicherung zufolge lassen sich 50 000 Menschen jährlich wegen seelischer Probleme frühverrenten. Laut DAK Gesundheitsreport 2005 ist die Zahl psychischer Leiden innerhalb von gut zehn Jahren um 68,7 Prozent gestiegen. Und seit 2001 sind seelische Erkrankungen die Hauptursache für Erwerbsunfähigkeit.

Doch die Inanspruchnahme psychologischer und psychiatrische Hilfe ist nach Ansicht von Richter kein Beleg für eine Zunahme psychischer Störungen. Die Zahlen zeigten nur, dass die Versorgungsprävalenz gestiegen sei – also die Bereitschaft, sich helfen zu lassen. Menschen werden im Jahr 2008 nicht häufiger seelisch krank als früher, sondern ihre psychischen Probleme werden lediglich schneller entdeckt und häufiger behandelt.

 

Quellen

"Psychiatrische Praxis" im Thieme Webshop

 

D. Richter et al.:
Nehmen psychiatrische Störungen zu? Eine systematische Literaturübersicht.
Psychiatrische Praxis 2008; 35 (7): S. 321-330

 

H. Spießl, F. Jacobi:
Nehmen psychische Störungen zu? Debatte: Pro & Kontra.
Psychiatrische Praxis 2008; 35 (7): S. 318-320

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