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16−jähriger Junge mit nachlassenden schulischen Leistungen

In deiner Allgemeinarztpraxis sorgt sich eine Mutter um ihren Sohn. Sie behandeln ihn seit seiner frühen Kindheit und kennen ihn als freundlich zugewandtes und körperlich gesundes Kind. Die Mutter berichtet dir, dass sich die Leistungen des 16−Jährigen seit ca. einem halben Jahr kontinuierlich in allen Fächern verschlechtern würden. Sie habe mit unterschiedlichen Lehrern Kontakt aufgenommen. Denen sei aufgefallen, dass sich der zuvor gut eingebundene Schüler zunehmend zurückziehe und in den Pausen allein auf dem Schulhof stehe. Er wirke häufig unkonzentriert. Einmalig sei es zu einem Wutausbruch gekommen, den er anschließend nicht habe erklären wollen. Wenige Tage zuvor habe sie folgendes Bild (s. Abb.) in seinem Zimmer gefunden, das er wohl während einer seiner vielen schlaflosen Nächte gezeichnet habe. Sie habe es heimlich mitgenommen, da ihr Sohn ihr so misstrauisch erscheine.

 

Bild Psychiatrie - Foto: Becker-Pfaff, u.a., Fallbuch Psychiatrie (ISBN 9783131401823) © 2010 Georg Thieme Verlag KG

Dieses Bild malte der Junge. Bild aus: Becker-Pfaff, u.a., Fallbuch Psychiatrie, Georg Thieme Verlag KG

 

Fragen

1. Welche Symptome erkennst du im Bericht der Mutter? Welche Verdachtsdiagnose stellst du daher?

2. Nach welchen weiteren Symptomen solltest du fragen, um deine Verdachtsdiagnose zu bestätigen?

3. Wieso ist es wichtig, in diesem Zusammenhang auch die Familienanamnese zu erheben?

Die Mutter bittet dich um Ratschläge für ihr weiteres Vorgehen und fragt: Ist das schlimm oder ist es die Pubertät?“

4. Was antwortest du ihr?

5. Nenne die wichtigsten epidemiologischen Zahlen deiner Verdachtsdiagnose!

6. Nenne das Risiko der Entwicklung einer Schizophrenie für eineiige Zwillinge, Kinder eines erkrankten Elternteils und Geschwister eines Patienten!

  • Antwort

    1. Welche Symptome erkennst du im Bericht der Mutter? Welche Verdachtsdiagnose stellst du daher?

    Symptome: Leistungsabfall, sozialer Rückzug, Konzentrationsstörungen, Reizbarkeit, Aggressivität, Misstrauen, Schlafstörungen
    Verdachtsdiagnose: Prodromalsyndrom einer schizophrenen Erkrankung

    2. Nach welchen weiteren Symptomen solltest du fragen, um deine Verdachtsdiagnose zu bestätigen?

    • Ungewöhnliche Überzeugungen oder Vorstellungen
    • Verändertes Erleben (Derealisation)
    • Antriebs− und Motivationsverlust auch für alterstypische Interessen
    • Verändertes Denken
    • Depressive Symptomatik (z. B. Weinen, Niedergeschlagenheit)
    • Stimmungsschwankungen
    • Unruhe
    • Angstgefühle
    • Appetitveränderungen
    • Delinquentes Verhalten
    • Gedächtnisstörungen
    • Licht− und Geräuschempfindlichkeit
    • Belastende Lebensereignisse
    • Psychosozialer Stress
    • Drogenmissbrauch
    • Kopfverletzungen
    • Geburtstraumata
    • Psychische Erkrankungen in der Familienanamnese

    3. Wieso ist es wichtig, in diesem Zusammenhang auch die Familienanamnese zu erheben?

    Genetische Belastung wird als wichtiger Risikofaktor für die Entwicklung einer Schizophrenie beschrieben
    Die Erkrankung eines Familienmitglieds kann ein wichtiger Stressfaktor sein

    Die Mutter bittet dich um Ratschläge für ihr weiteres Vorgehen und fragt: Ist das schlimm oder ist es die Pubertät?
    4. Was antwortest du ihr?

    • Zuordnung der geschilderten Symptome und Beurteilung der weiteren Entwicklung ist im Alter der Pubertät schwierig
    • Die geschilderten Symptome, v. a. sozialer Rückzug und Leistungsabfall, sind aber für das Prodromalsyndrom einer schizophrenen Erkrankung typisch, daher sollte der Patient von einem Kinder− und Jugendpsychiater untersucht und weiter beobachtet werden
    • Liegt das Prodromalstadium einer schizophrenen Erkrankung vor, kann durch frühe Interventionen der Verlauf dieser Erkrankung positiv beeinflusst werden, eine Behandlungsverzögerung kann sich ungünstig auf die mittel- und langfristige Prognose auswirken

    5. Nenne die wichtigsten epidemiologischen Zahlen deiner Verdachtsdiagnose!

    • Prävalenz schizophrener Psychosen: 0,5–1%
    • Jährliche Inzidenz: 0,05%
    • Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens aneiner schizophrenen oder schizoaffektiven
      Psychose zu erkranken: 0,6–1%
    • Männer und Frauen und unterschiedliche Bevölkerungen sind jeweils etwa gleich häufig
      betroffen
    • Ausbruch der Erkrankung bei Männern durchschnittlich im 21. Lebensjahr, bei Frauen ca. im 26. Lebensjahr.
    • 90% aller an einer Schizophrenie erkrankten Männer und ca. 65% der an einer Schizophrenie erkrankten Frauen: Erstmanifestation vor dem 30. Lebensjahr

    6. Nenne das Risiko der Entwicklung einer Schizophrenie für eineiige Zwillinge, Kinder eines erkrankten Elternteils und Geschwister eines Patienten!

    • Eineiige Zwillinge: 44%
    • Kinder eines erkrankten Elternteils: 9,5%
    • Geschwister eines Erkrankten: 7,5%

Dieser Fall stammt aus dem Fallbuch Psychiatrie

 

Becker-Pfaff  et al. Fallbuch Psychiatrie, 2010, Thieme Verlag

Becker-Pfaff et al. Fallbuch Psychiatrie, 2010, Thieme Verlag

 

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