• Interview
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  • Prof. Dr. Borwin Bandelow
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  • 28.06.2018

Warum tun Menschen böses?

Morden, quälen, vergewaltigen … Manche Menschen tun die schlimmsten Dinge – und fühlen sich auch noch gut dabei. Was unterscheidet sie von allen anderen? Wir sprachen mit Prof. Dr. Borwin Bandelow, Psychiater, Neurologe und Buchautor. Er hat eine interessante Theorie zur „Pathogenese des Bösen“ entwickelt.

Prof. Dr. Borwin Bandelow -  Foto: Hans Starosta

Prof. Dr. Borwin Bandelow

 

> Warum begehen Menschen Straftaten?

Der Hauptgrund ist eine antisoziale Persönlichkeitsstörung, kurz APS. Charakteristisch für diese Erkrankung ist, dass Patienten an Gefühlen anderer nicht teilnehmen können und ihre sozialen Pflichten missachten. Wir Psychiater schätzen, dass 50% aller Straftäter und 90% aller Mörder eine antisoziale Persönlichkeitsstörung aufweisen. Was läuft bei denen schief? Meine Theorie ist, dass bei ihnen das endogene Opiatsystem (EOS) gestört ist. Das heißt, sie haben zu wenige Endorphine im Gehirn bzw. ihre Rezeptoren sind gegenüber Endorphinen zu unempfindlich.

 

> Für was brauchen wir das endogene Opiatsystem?

Das EOS ist extrem wichtig, denn der Mensch wird durch dieses System kontrolliert. Fast alles, was wir aus eigenem Antrieb tun, dient dazu, es anzustacheln. Es ist relativ einfach und primitiv. Man muss es sich vorstellen wie ein kleines Männlein im Gehirn, das uns Heroinspritzen gibt. Wenn irgendwas Gutes passiert, kommt es im EOS zu einer Ausschüttung von Endorphinen – und wir fühlen uns prächtig. Diesen Effekt wollen wir natürlich immer wieder haben. So steuert es unsere primären Haupttriebe wie essen und fortpflanzen. Ein Mensch, der dieses System nicht hätte, würde nicht lange überleben. Ein Mangel im EOS, wie es meiner Meinung nach Antisoziale haben, führt zu ständigem Unwohlsein und schlechter Stimmung. Um das zu kompensieren, müssen sie durch externe Reize dafür sorgen, dass trotzdem genug Endorphine ausgeschüttet werden. Nur so können sie auf den Level eines normalen Menschen kommen. Dafür nutzen sie eben nicht nur legale Methoden, sondern auch illegale wie z.B. Drogenmissbrauch oder Aggression, denn auch diese setzt bei den Betroffenen große Mengen an Endorphinen frei.

 

> Wie kamen sie auf diesen Zusammenhang?

Zunächst ist auffällig, dass antisoziale Persönlichkeiten nicht nur häufig morden und vergewaltigen, sondern auch vielen Süchten fröhnen. 75 % der Antisozialen im Gefängnis haben entweder eine „nicht-substanz-gebundene“ Sucht wie Spielsucht, Kaufsucht, Sexsucht oder aber eine substanzgebundene Sucht wie Alkoholismus oder Opiatsucht. Alle diese Süchte aktivieren direkt oder indirekt das EOS. Die APS ist mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) verwandt, die nach meiner Meinung nach auch durch ein EOS-Defizit gekennzeichnet ist. Diese Menschen zeichnen sich durch Impulsivität, Selbstverletzungen, Suizidversuche, Essstörungen und Süchte aus. Für mich ist Borderline das weibliche Pendant zur eher männlichen APS, denn beide Krankheiten haben viel gemeinsam. Jeweils 80% der Borderline-Betroffenen sind Frauen und 80% der antisozialen Persönlichkeiten sind Männer. Sie weisen gleiche genetische Merkmale auf, denn Borderline-Frauen haben oft auch antisoziale Brüder. Auch einige Symptome wie z.B. antisoziales Verhalten, Selbstverletzungen und Drogenmissbrauch sind sehr ähnlich – alle diese Symptome kann man mit einem Streben nach einer Endorphinausschüttung erklären. Nun habe ich mit dem Nachweis meiner Theorie natürlich ein Problem: Man müsste einen Positronen-Emissions-Tomografen (PET) ins Gefängnis bringen, um so die Störung des Opiatsystems im Gehirn der Antisozialen nachzuweisen – was nicht geht. In Deutschland gibt es auch Gesetze, die es verbieten, bestimmte Untersuchungen mit Straftätern im Maßregelvollzug zu machen. Da Borderline-Frauen aber generell weniger Straftaten als antisoziale Männer, konnte man bei ihnen diese Untersuchungen durchführen. Und siehe da: Der amerikanische Forscher Alan Prossin konnte zeigen, dass die Opiatrezeptoren bei Borderline-Patienten gestört sind – wie ich es in meiner Theorie vermutet hatte. Insofern würde ich das gleiche Ergebnis auch bei den Antisozialen erwarten.

 

> Wie untersucht man diese Störungen?

Das wird mit Radioliganden gemacht, das heißt man nimmt einen Stoff, der radioaktiv markiert wurde und verabreicht ihn den Patienten. Dieser „Radiotracer“ lagert sich dann an die Opiatrezeptoren im Gehirn an. Die Besetzung der Rezeptoren kann dann mittels eines PET quantitativ gemessen werden.

 

> Könnte man diesen Antisozialen nicht helfen, wenn man ihnen schlichtweg Endorphine spritzt?

Das würde das Problem nicht lösen, denn gespritzte Endorphin-ähnliche Mittel, wie es sie bereits in Form von Heroin oder Morphin gibt, machen ja bekanntlich süchtig. Der Trick wäre, ein Mittel zu konstruieren, das zwar die Endorphinwirkung hat, aber nicht süchtig macht. Das gibt es theoretisch auch schon. Man hat beispielsweise süchtigen Mäusen im Tierversuch Morphin kombiniert mit dem rechtsdrehenden Isomer des Opioidantagonisten Naloxon gegeben. Dieser Antagonist war dann in der Lage, die suchtauslösende Funktion des Morphins zu blocken, ohne die euphorisierende Wirkung zu beeinflussen. Um das aber tatsächlich bei Patienten anwenden zu können, müssen noch klinische Doppelblindstudien folgen.

 

> Bringt solch ein Medikament nicht auch Probleme mit sich?

Würde dies nicht jeder nehmen? Für uns Psychiater wäre die Entwicklung eines derartigen Medikamentes zunächst einmal von unschätzbarem Vorteil. Wir könnten endlich auch genau den 30% unserer Patienten, die wir momentan noch nicht effizient behandeln können, nämlich Borderlinern, Antisozialen, Suchtkranken und Patienten mit Essstörungen, helfen. Allerdings würde ein solches Medikament, also eines, das euphorisierend wirkt, aber nicht abhängig macht, auch Probleme mit sich bringen. Auch viele gesunde Menschen würden es nehmen, wären ständig euphorisiert und würden aufhören zu arbeiten, Sex zu haben und zu essen. Das wäre wohl das Ende der Menschheit.

 

> Wie werden diese Patienten heute behandelt?

Auch wenn immer wieder versucht wird, die APS mit Psychotherapie zu behandeln, zeigt die Mehrzahl der Studien, dass sich dadurch rein gar nichts verändert, außer dass die Täter lernen, wie man Psychologen anschwindelt. Medikamentös kann man bislang nur Hilfsmittel wie Neuroleptika oder Naltrexon geben. Naltrexon blockiert als Antagonist die Opiatrezeptoren im Gehirn. Es ist auch schon zugelassen gegen Opiatabhängigkeit oder Alkoholsucht. Auch Hormonunterdrückungstherapien mit Androcur oder verschiedene neuere Testosteronantagonisten werden verabreicht, um den Sexualtrieb zu mindern. Diese Medikamente haben aber starke Nebenwirkungen und können einfach von den Tätern abgesetzt werden. Der Bedarf nach einer funktionierenden Therapie ist demnach sehr groß.

 

> Die meisten haben also diese Störung im EOS von Geburt an. Warum werden die meisten Patienten aber erst im Erwachsenen Alter straffällig bzw. zum Mörder?

Personen mit einer APS haben meist einen ganz typischen Verlauf. Sie fallen oft in der Schule schon auf. Zuerst schlagen sie andere Kinder, dann werden sie beim Lügen, Stehlen oder Brandstiften erwischt. In der Pubertät fangen sie an Mädchen zu belästigen und später begehen sie ihre erste Straftat. Meistens wird bei diesen Kindern auch sehr früh schon das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) diagnostiziert. Und auch hier knüpfe ich mit meiner Theorie an, denn auffällig ist, dass Jungen mit ADHS sich später zu rund 50 Prozent zu antisozialen Persönlichkeiten entwickeln. Jeder zweite Junge, der im Alter zwischen 6 bis 10 von einem Psychiater mit ADHS diagnostiziert wurde, hat mit 18 schon eine Gefängnistür von innen gesehen.  Auch Mädchen mit ADHS verfallen später zu 50 Prozent in eine Borderline-Symptomatik.  Nun lassen sich viele ADHS Symptome, wie Hyperaktivität, Impulsivität, Computersucht und Aggressivität auch durch einen Defekt im Opiathaushalt erklären. Das Medikament der Wahl gegen ADHS ist heute Ritalin. Lange Zeit war jedoch unklar, welche Neurotransmitter-Rezeptoren genau für dessen Wirkung verantwortlich sind. Neueste Studien allerdings zeigen, das Ritalin, aber auch die ADHS-Medikamente Amphetamin und Atomoxetin – neben anderen Rezeptorwirkungen - eben auch genau da wirkt, wo meine Theorie ansetzt, nämlich am EOS – und das kann kein Zufall sein. Deshalb glaube ich, dass durch eine frühe, gezielte Therapie von ADHS erkrankten Kindern, auch einige der später auftretenden APS oder Borderline-Symptomatiken verhindert werden könnten.

 

Viele Täter zeigen auch eine hohe Empathielosigkeit. Wie entsteht diese?

Viele vermuten, dass Antisoziale ein gestörtes soziales Gehirn haben oder dessen Funktion fehlerhaft oder eingeschränkt ist. Das glaube ich nicht. Dazu muss man sich nur ansehen, dass diese Menschen äußerst manipulativ sein können und selbst Psychiater, Psychologen und Richter täuschen. Das erfordert definitiv ein sehr ausgefuchst arbeitendes soziales Gehirn. Meiner Meinung nach entsteht Empathielosigkeit eher dadurch, dass das EOS das soziale Gehirn schlichtweg überwältigt, indem es ständig übermäßig Reize fordert und stimuliert werden will. Bei normalen Menschen sind die beiden ungefähr ausgewogen, aber bei Antisozialen ist das EOS so übermächtig, dass es dem sozialen Gehirn keinen Spielraum mehr lässt.

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