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  • Margret Rupprecht
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  • 07.04.2005

Die Spagyrik des Alexander von Bernus in der Tradition der paracelsischen Alchemie

Alchemie und Spagyrik sind auch für naturheilkundlich orientierte Therapeuten ein weitgehend unbekannter Bereich. Sie werden oft synonym verwendet. Dabei wird übersehen, dass die Alchemie eine über Jahrtausende zurückreichende Mysterienschulung ist, während die Spagyrik nur eine Teildisziplin der Alchemie darstellt: Die Herstellung von Heilmitteln nach den Gesetzen der Alchemie.

Alexander von Bernus, der Gründer des Laboratoriums SOLUNA, hat - vor allem in seinem Werk „Alchymie und Heilkunst” - als einer der Ersten Licht in das Dunkel der Paracelsusmedizin gebracht. Seine adlige Herkunft ermöglichte es ihm, sein Leben in außergewöhnlicher Weise der theoretischen und praktischen Erforschung alchemistischer und spagyrischer Lehren zu widmen.

Im März 2005 jährt sich zum vierzigsten Male sein Todestag. Ein Anlass, Leben und Werk dieses großen Paracelsuskenners zu betrachten und zu würdigen.

Wer Natur in ihrem Innern zu ergründen sich vermisst, muss sich erst daran erinnern, was des Menschen Ursprung ist.
A. v. B.

 

Alchemie

Alexander von Bernus war Alchemist. Er war nicht Chemiker. Wie tiefgreifend der Unterschied zwischen beiden Disziplinen ist, hat Bernus zum ersten Mal im Jahr 1936 in seinem Buch „Alchymie und Heilkunst” erläutert. Der Hintergrund der Alchemie ist Einweihung, ist eine Mysterienschulung, die über Jahrtausende zurückreicht. Ihre Ursprünge liegen in den vorchristlichen Zeitaltern der Ägypter, Hellenen und der arabischen Kulturwelt. Später wird die Alchemie von christlichem Gedankengut berührt und weiter geformt.

 

Foto: Via medici

Alexander von Bernus, 1957

 

Alchemie bedeutet die Kunst, einen Stoff in einen anderen zu verwandeln, aber sie bedeutet noch viel mehr als das. Dieses Verständnis ist einseitig und vordergründig, da es - ähnlich wie die Chemie - nur den rein stofflichen Aspekt erfasst. Alchemie ist darüber hinaus ein esoterischer Weg der Naturerkenntnis, der seinen letzten und tiefsten Ausdruck in den Christusworten findet:
„Sammelt vorab euch Schätze in den Himmeln, so wird das Irdische euch von selbst zufallen.”

Wissenschaft und Geschichtsschreibung der Neuzeit, die das Thema Alchemie primär stofflich untersuchten, haben jenen wesentlichen metaphysischen und kosmogenetischen Zentralaspekt als Ausgangspunkt des alchemistischen Weltverständnisses fast immer übersehen oder ausgegrenzt. Das musste zwangsläufig zur Negierung aller noch so eindeutig beglaubigten Transmutationserfolge durch die hermetischen Meister führen. Was nach heutigem Wissenschaftsverständnis nicht sein konnte, das durfte auch nicht sein.

Dabei sind zahlreiche Transmutationen, also die Verwandlung unedler Metalle in Gold, historisch ebenso zuverlässig dokumentiert wie die historische Existenz eines Galilei oder Martin Luther.

Im Mittelpunkt des alchemistischen Einweihungsweges steht die Transmutationsidee, jedoch weitaus weniger die Verwandlung unedler Metalle in Gold als der innere mystische Transmutationsprozess. Die äußere chemisch-physikalische Metallverwandlung ist lediglich die innerhalb des Materiellen sichtbar und real gewordene Erscheinungsform jenes inneren Entwicklungsprozesses. Die Adepten, die in die Alchemie eingeweihten Schüler der alten Meister, pflegten es mit dem Satz auszudrücken „Nur dem gelingt der Stein der Weisen, der ihn zuerst gemacht hat in sich selber.”

 

Alchemisten beim Gebet, Stich aus „Bibliotheca chemica curiosa”, Geneva 1702

 

Nicht zuletzt deshalb lag es nie in der Absicht der Alchemisten, ihren Zeitgenossen oder der heutigen Naturwissenschaft leicht nachvollziehbare Rezepte zur Überführung eines unedlen Metalls in Gold mittels des Steins der Weisen zu überliefern. Echte alchemistische Schriften sind Wegweiser und Meilensteine für diejenigen, die die Richtung kennen und schon ein hohes Maß an innerer Entwicklung zurückgelegt haben. Es sind Einweihungsschriften, die für den nicht vorgeschulten Leser immer unverständlich bleiben werden. Und wem es nur darum geht, Gold zu machen und darüber reich zu werden, der hat vom Wesen der Alchemie erst recht nichts verstanden.

 

Spagyrik

Die Spagyrik des Alexander von Bernus ist nicht nachvollziehbar ohne ein Verständnis für seine von Paracelsus übernommene Auffassung von Alchemie. Diese wird von neuzeitlichen Forschern oft als Geheimwissenschaft bezeichnet und missverstanden. In einer Zeit, in der die Wissenschaft mit all ihren Ergebnissen Allgemeingut ist, gilt jedes Fürsichbehalten von bedeutsamen Erfindungen als anrüchig und unmoralisch. Doch bei der Geheimwissenschaft Alchemie handelt es sich nicht um ein Geheimhaltenwollen von Forschungsergebnissen.
In der Esoterik wird mit Geheimwissenschaft ein Wissen bezeichnet, das einzig und allein durch die aus geistig-seelischer Schulung heraus erlangte übersinnliche Erkenntnis erreichbar ist. Geheimwissen ist ein Wissen, zu dem jedes Individuum nur gemäß seiner eigenen Seelenanlage und geistigen Bereitschaft gelangen kann. Im Sinne des „Erkenne dich selbst!” bedeutet Geheimwissenschaft die Entdeckung des Makrokosmos im Mikrokosmos oder in den Worten des Paracelsus:
„Im Gestirn der kleinen Welt (Individuum) das Gestirn der großen Welt (Astrologie) entdecken.”
Leonardo da Vinci fasste es mit dem Satz zusammen „Der Mensch ist das Modell der Welt.”
Wer diese Entsprechungen zwischen oben und unten, innen und außen, wahrzunehmen gelernt hat, ist Geheimwissenschaftler. Weil aber diese Entsprechungen letztlich nur als Ergebnis einer individuellen inneren Entwicklung vom einzelnen Menschen gespürt und erkannt werden können, haben die alten Alchemisten keine Schriften verfasst, die dem Suchenden theoretische Einsichten oder praktische Anweisungen vermitteln. Für den eigenen alchemistischen Weg, den Weg der inneren Entwicklung und Läuterung, kann sich jeder Mensch zwar Unterstützung holen - gehen und entdecken muss er ihn jedoch allein.

 

Erfahrungsheilkunde 2005; 54: 176-185

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