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  • Simone Hoffmann
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  • 11.01.2007

Anthroposophische Medizin

Der anthroposophischen Medizin haften einige hartnäckige Klischees an. Sie reichen von Ärzten mit lila Seidentüchern bis zu entrückten Tänzen bei abgedunkeltem Licht. Dabei sieht die moderne anthroposophische Medizin ihre Heilkunst nur als Erweiterung der Schulmedizin. Und immer mehr anthroposophische Ärzte erkennen, dass sie auch wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werden müssen.

Der kleine Unterschied

Wenn Dr. Hendrik Vögler aus Dortmund einen Patienten empfängt, macht er wie alle Hausärzte zunächst eine sorgfältige Anamnese. Aber er fragt eben nicht nur danach, wo und wann es weh tut. Der Arzt möchte auch Dinge wissen, die andere Ärzte nicht interessieren. Dr. Vögler ist anthroposophischer Arzt.

Anthropsophische Medizin - Filderklinik Stuttgart

In anthroposophischen Kliniken werden die Patientennicht nur mit den üblichenMitteln der Schulmedizinbehandelt: Auch künstlerischeTherapieformen spielen einegroße Rolle. Dabei stärken dieKranken ihre Ressourcen undmobilisieren Selbstheilungskräfte.

 

Um die richtige Therapie zu finden, fragt er zum Beispiel auch detailliert nach den Schlafgewohnheiten des Patienten: wie sein Patient einschläft, was er träumt und wie er aufwacht. „Ich muss mir ein genaues Bild verschaffen“, erklärt er.

„Ich schaue natürlich die körperliche Situation an, aber auch, wie sich bei diesem Menschen Gesundheit und Krankheit entwickeln, das psychosoziale Umfeld und die biografische Phase.“ Erst nach solch einer Exploration wählt ein anthroposophischer Arzt die Medizin für den Patienten aus.

Dr. Angela Kuck, Chefärztin der Gynäkologischen Abteilung des Paracelsus-Spitals in Richterswil bei Zürich bringt dieses Vorgehen auf den Punkt: „Wir behandeln nicht den Brustkrebs, die Endometriose, das Myom, sondern Frau Müller, Frau Meier und Frau Schneider!“

 

Krankheit – warum?

Die Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland (GAÄD) zählt gut 1.000 Mitglieder, Schätzungen zufolge arbeiten etwa 4.000 Ärzte mit anthroposophischen Präparaten. Auch viele Studenten beschäftigen sich mit Anthroposophie.

Theresia Knittel interessiert sich seit ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr in einem heilpädagogischen Heim für Anthroposophische Medizin (AM). Derzeit studiert sie im 10. Semester Medizin an der Universität Mainz. Sie hat einige Fortbildungen für AM besucht, zusammen mit anderen Studenten eine Arbeitsgruppe gegründet und auch viel aus Büchern gelernt. „Wenn man Medizin studiert, bekommt man eine hervorragende Ausbildung. Aber eine Antwort auf die Frage, warum Menschen überhaupt krank werden, hat mir immer gefehlt“, erklärt Theresia ihre Motivation. „Oft habe ich darüber nachgedacht, wie sich naturwissenschaftliche Fakten mit einer anthroposophischen Sichtweise verbinden lassen. Mit der Zeit ist mir dann der Zusammenhang zwischen Krankheit, Biografie und Schicksal eines Patienten deutlich geworden.“

 

Vier Wesensglieder

Studentische AM-Arbeitsgruppen gibt es mittlerweile in vielen Städten. Auch das Angebot an Seminaren ist gewachsen. Dort kann man sich die Grundbegriffe der von Rudolf Steiner in den 20er-Jahren begründeten AM aneignen. Dazu gehört auch die Vorstellung von den vier „Wesensgliedern“, den verschiedenen Ebenen des menschlichen Daseins. Ihr Verhältnis zueinander spielt in Diagnostik und Therapie der AM eine große Rolle.

 

Anthropsophische Medizin - Filderklinik Stuttgart

Die zwei Seiten der anthroposophischen Medizin: Zum einen werden die Patienten nach modernen schulmedizinischen Standards behandelt (links). Zum anderen wird diese Heilkunst durch Behandlungstechniken ergänzt, die darauf abzielen, die vier Wesensglieder der menschlichen Daseinsformen in einem harmonischen Gleichgewicht zu halten (rechts).

 

Der „physische Leib“ wird – wie bei jedem anderen Arzt auch – mit den Mitteln der modernen Diagnostik wie EKG, CT oder EEG untersucht.

Schwieriger ist das beim „Lebensleib“ oder „Ätherleib“. Er ist das, was man auch mit Vitalität beschreibt und den lebenden Körper von der Leiche unterscheidet. Diese Energie steht oft im Fokus anthroposophischer Therapie. Laut Anthroposophie ist sie dafür verantwortlich, wenn leblose Elemente nicht den Gesetzen der Entropie folgen und zerfallen, sondern sich ordnen und etwa als Pflanzen in die Höhe wachsen.

Das dritte Wesensglied, von dem die AM ausgeht, ist der „Astralleib“ – landläufig auch „Seele“ genannt. Ähnlich wie die Psychosomatik geht die Anthroposophie davon aus, dass sich Gefühle auch organisch manifestieren können. Eine Veränderung des Astralleibs kann also heilsam wirken, kann aber auch krank machen.

Das vierte Wesensglied schließlich, die „Ich-Organisation“, ist das, was den Menschen vom Tier unterscheidet: Die Fähigkeit, zu denken, die Möglichkeit, Bewusstsein und Selbstbewusstsein zu entwickeln.

 

Pro & Contra

Ist die Struktur, das Zusammenspiel dieser Wesensglieder gestört, wird der Mensch nach Ansicht der Anthroposophen anfällig für Krankheiten.

Prof. Erland Erdmann, Chefarzt des Kölner Herzzentrums, kann diesem Ansatz nichts abgewinnen. „Ich sehe einen riesigen Bedarf für die psychischen Fächer“, erläutert er seine kritische Haltung. „Aber ich akzeptiere nicht, dass man die Ursache für eine Krankheit in der Person des Patienten sucht und daraus ableitet, dass man ihn ,seelisch‘ behandeln muss.“
Er verweist auf das Beispiel des Magenulkus, das bis in die 80er-Jahre vor allem psychotherapeutisch behandelt wurde. „Nach der Entdeckung von Helicobacter pylori und der Einführung der antibiotischen Eradikation ist die Psychotherapie des Magengeschwürs verschwunden wie ein böser Spuk“, meint Prof. Erdmann. Dr. Vögler sieht das ein bisschen anders: „Jetzt hat man einen Bösewicht, ein Bakterium, gefunden. Aber man muss sich doch fragen: Wieso kann der eine damit umgehen, ohne krank zu werden, und der andere nicht?“, argumentiert er. „Ist das ein Problem des Erregers oder ein Problem des Wirtes?“

 

Anthropsophische Medizin - Filderklinik Stuttgart

Was auf „anthroposophische Laien“ möglicherweise wie eine okkulte Beschwörung wirkt, ist tatsächlich eine heileurythmische Therapieeinheit. Die Heileurythmie ist eine wichtige Behandlungsform der anthroposophischen Medizin. Sprachliche Elementewerden in Gebärden nachgezeichnet. Dies soll vor allem den „Lebensleib“ stärken. Angewandt wird die Heileurythmie zum Beispielbei Anorexie, Depression und Angststörungen, aber auch bei Asthma, Diabetes, Morbus Crohn und Epilepsie.

Tabletten aus zerriebener Biene?

Anders als bei der Schulmedizin steht bei der AM nicht die Pathogenese (Entstehung von Krankheit), sondern die Salutogenese (Entstehung von Gesundheit) im Vordergrund.

Prof. Peter Matthiessen, Inhaber des Lehrstuhls für Medizin und theorie und Komplementärmedizin an der Universität Witten-Herdecke, weist darauf hin, dass die Schulmedizin vor allem zwei Strategien kennt: Die Entfernung von einem pathogenen Substrat (z.B. Antibiotikatherapie) und die Substitution (z.B. Insulingabe).
„Wenn wir uns aber auf die Salutogenese statt auf die Pathogenese konzentrieren, ändert sich unsere Herangehensweise radikal, und dann eröffnen sich auch ganz neue Möglichkeiten“, macht er klar.

Die anthroposophische Medizin kennt über 2.000 Präparate aus verschiedenen Mineralien, Pflanzenteilen und Tierorganen.
Diese Mittel sollen die Selbstheilung unterstützen, indem sie helfen, aus dem Gleichgewicht geratene Wesensanteile wieder ins Lot zu bringen.

Viele Kritiker haben für die meisten dieser Mittel allerdings nur Spott übrig. Prof. Erdmann nimmt ein Präparat besonders gern aufs Korn: „Gleich oben auf der Liste steht ,Anus bovi‘, der After der Kuh. Für welche Krankheit soll das denn bitte gut sein?“, wundert er sich. Tatsächlich passen Mittel wie „Zerriebene Biene“, „Ameise“ oder „Austernschale“ nicht in das gewohnte naturwissenschaftliche Konzept. Die Schulmedizin fordert eine mechanische Wirkweise, bei der beispielsweise ein Enzym blockiert oder einem Erreger der Garaus gemacht wird. Die anthroposophische Heilmittellehre verfolgt einen völlig anderen Ansatz: Sie geht davon aus, dass die menschliche Evolution und die des Pflanzen- und Tierreichs nebeneinander und miteinander geschehen ist und darum alles, was einem kranken Individuum fehlen kann, auch in der natürlichen Umwelt des Menschen zu finden ist. Dabei geht es weniger um einzelne Wirkstoffe als um den Impuls, der beispielsweise die Entwicklungsgeschichte einer Pflanze angestoßen hat und durch das Präparat für den Patienten verfügbar wird.

 

Malen zur Geburtseinleitung

Auch einige der für die AM typischen künstlerischen Therapien können auf externe Beobachter leicht befremdlich wirken.
Unter Maltherapie, Plastizieren mit Ton oder Musiktherapie kann sich jeder etwas vorstellen. Was sich hinter dem Begriff „Heileurythmie“ verbirgt, wissen die wenigsten: Bei dieser Therapieform laufen die Patienten bestimmte Formen und machen mit den Armen Bewegungen. Meistens handelt es sich hierbei um so genannte „Lautreihen“, in denen der Klang von Vokalen in Bewegung übersetzt wird. Eurythmie ist also durch Gebärden sichtbar gemachte Sprache. Dies soll den Lebensleib gezielt anregen, sich dort zu engagieren, wo er gebraucht wird.

 

Anthropsophische Medizin - Filderklinik Stuttgart

Maltherapie ist in deranthroposophischen Medizin sehr viel mehrals nur eine einfache Beschäftigungstherapie. Man kann sie aucherfolgreich zur Geburtseinleitungeinsetzen.

 

Wem das zu esoterisch ist, muss als Patient natürlich auch nicht mitmachen. Allerdings ist ein Therapieversuch oft lohnend – zumal es keine relevanten Nebenwirkungen gibt. Im Paracelsus-Spital in Richterswil etwa können Schwangere, bei denen wegen Übertragung normalerweise die Geburt eingeleitet werden muss, einen Versuch mit Maltherapie machen – und kommen damit oft um den Wehentropf herum.

 

Evidenzbasierte Anthroposophie?

Maltherapie zur Geburtseinleitung? In Zeiten der Evidence-based Medicine (EbM) haben solche Therapieformen wenig Chancen, ernst genommen zu werden. Deswegen versuchen auch immer mehr anthroposophische Ärzte, die Wirksamkeit ihrer Verfahren mit Studien zu belegen, die modernen wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Weil sich dafür randomisierte kontrollierte Studien aus finanziellen und methodischen Gründen aber nicht eignen, hat das Institut für angewandte Erkenntnistheorie und Medizinische Methodologie (IFAEMM) in Freiburg den Begriff der Cognition-based Medicine (CbM) geprägt. Dies ist ein Verfahren, mit dem sich auch die Wirksamkeit alternativer Heilmethoden wissenschaftlich sauber beurteilen lässt.

Die CbM arbeitet ähnlich wie die EbM mit festen Kriterien. Allerdings lässt sie im Unterschied zur EbM auch kleine Studiendesigns gelten, wenn bestimmte Rahmenbedingungen erfüllt sind. Weil noch kaum Daten aus klinischen Studien vorliegen, führt das IFAEMM (www.ifaemm.de) auch selbst welche durch. Zum Beispiel die „Anthroposophische Medizin Outcomes-Studie“ (AMOS), die unter anderem von Krankenkassen finanziert wird und seit 1998 läuft. AMOS ist eine prospektive Studie, die langfristig den Nutzen und die Wirtschaftlichkeit der AM untersucht. Über 150 Ärzte und 120 Therapeuten in Deutschland sind beteiligt. Eingeschlossen wurden Patienten mit verschiedenen chronischen Erkrankungen. Ab Therapiebeginn wurde der Krankheitsstatus vier Jahre lang dokumentiert. Dabei befolgt die Studie die international anerkannten „Good Clinical Practice“-Richtlinien, die einige ethische Regeln und methodische Vorgaben beinhalten, ohne die heute keine ernstzunehmende klinische Studie mehr publiziert wird.

 

Anthropsophische Medizin - Filderklinik Stuttgart

Harfenklänge auf der Intensivstation mögen auf Außenstehende befremdlich wirken – aber die Patienten profitieren von solchen Methoden.

Die im Juli 2004 publizierte Auswertung der ersten 900 Patienten zeigt, dass sich im Vergleich zur konventionellen Behandlung Krankheitssymptome und gesundheitsbezogene Lebensqualität durch AM deutlich und langfristig verbessern, während die Behandlungskosten leicht absinken. Nebenwirkungen traten bei den Patienten seltener auf infolge AM-Therapie (2,7%) und durch AM-Arzneimittel (4,5%) als durch schulmedizinische Medikamente (10,4%).
Das IFAEMM wird demnächst auch eine internationale Studie zum Vergleich von anthroposophischer und schulmedizinischer Behandlung bei über 1.000 Patienten mit akuten Ohr- und Atemwegsinfekten publizieren. Ein weiteres Großprojekt läuft derzeit am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin (Evamed-Studie).

 

Medizin wie Weihwasser?

Prof. Erdmann hält solche Ergebnisse für Plazebo-Effekte. „Therapien wie Homöopathie oder anthroposophische Medizin sind wissenschaftlich nicht begründet und entbehren jeder Logik“, findet er. „Das ist wie Weihwasser: Ich verstehe den lieben Gott nicht, aber irgendwie hilft es trotzdem. Nur dass ich beim Weihwasser weiß, dass es eine Glaubenssache ist.“ Die einen nennen es Glauben, die anderen Erkenntnis – neben allen Differenzen ist eines sicher: Therapierichtlinien und Behandlungsschemata gibt es bei der AM kaum, der Arzt trägt mehr Verantwortung, hat aber auch mehr Alternativen. Zum Beispiel, in welchen Fällen er auf die Schulmedizin zurückgreift – denn die anthroposophische Medizin hat sich von Anfang an als eine Erweiterung der Universitätsmedizin verstanden, nie als Konkurrenz.

 

aus Via medici 5/04


 

Simone Hoffmann hat in Tübingen Medizinstudiert. Jetzt ist sie Ärztin, Mutter und Medizinjournalistin.


Anthroposophische Einrichtungen und Seminare

Sowohl für Ärzte als auch für Studenten gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich in der Anthroposophie weiterzubilden. Eine Auflistung verschiedener Einrichtungen und Seminare finden Sie hier.

Die Erkenntnisse und Erfahrungen in der Anthroposophie und Homöopathie weiterzugeben, ist der Zweck der Heidenheimer Intensivseminare. Sie sind zugleich medizinische Ausbildung und Fortbildung. Sie finden in lockerer Folge statt. Sie wenden sich an Ärzte aller Richtungen, Jungmediziner und Studierende der Medizin.

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