• Interview
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  • Dr. med. Klaus Sames
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  • 28.06.2018

Kann man Menschen einfrieren und wieder auftauen?

Ist der Tod der unabwendbare Endpunkt des Lebens? Menschen, die sich „kryonisieren“ lassen, glauben das nicht. Sie lassen sich nach dem Tod einfrieren, in der Hoffnung irgendwann aufgetaut weiterleben zu können. Wir fragten den Kryonik-Experten, Gerontologen und Anatomen Dr. med. Klaus Sames, warum er glaubt, dass diese Vision irgendwann Wirklichkeit werden könnte.

 

Dr.med. Klaus Sames

 

> Gibt es Beispiele, wo die Kryokonservierung heute schon funktioniert?

Generell können kleine Objekte bis 1 mm Dicke oder Kantenlänge, wie z.B. Spermien und Eizellen, Gewebeschnitte etc. routinemäßig eingefroren und aufgetaut werden. Bei mehr als  1 mm Gewebedicke gibt es Probleme, u.a. mit Gefrierbrüchen im Gewebe. Das berühmteste größere Organ das eingefroren wurde, mit der Absicht es wieder aufzutauen, war wohl die Kaninchenniere. Diese konnte nach dem Auftauen dann auch wieder erfolgreich implantiert werden.  

 

> Was passiert beim Einfrieren biologisch?

Das Prinzip, auf dem die Kryonik beruht, hat der schwedische Physiker und Chemiker Svante Arrhenius schon vor ca. 100 Jahren dargestellt. Er fand heraus, dass die chemischen Vorgänge langsamer ablaufen, wenn die Temperatur sinkt. Das gilt auch für biochemische bzw. enzymatische Prozesse, die bei sehr tiefen Temperaturen sogar komplett zum Stillstand kommen. Dieses Prinzip wird heute ähnlich auch bereits in der Notfallmedizin als sog. Hypothermie eingesetzt, z.B. bei Reanimationspatienten. Robert Ettinger, der Erfinder der Kryonik, war begeistert von der Idee, seinen Körper auf diesem Weg unverändert (wenn auch nicht unversehrt) über Millionen von Jahren aufbewahren zu können. Beim Prozess der Abkühlung streben wir Kryoniker die sogenannte Vitrifizierung (Verglasung) an. Diese wird erreicht, indem eine Flüssigkeit so schnell abgekühlt wird, dass sie keine Kristallisierung durchläuft. Nach dem Gefrieren ist sie durchsichtig – wie Glas. Da keine Kristalle entstehen, führt dieses Vorgehen beim Einfrieren eines Körpers zu weniger Gewebeschäden. Dieses Phänomen ist aus der Natur bereits bekannt. Die Larven des Käfers Cucujus clavipes puniceus beispielsweise können sich bei sehr niedrigen Temperaturen vitrifizieren und so lange Zeit überleben.

 

> Wie geht man rein technisch vor?

Wenn der Patient verstirbt, sollte man sofort kühlen. Wir machen das zunächst von außen mit einem Gemisch aus Eis mit etwas Wasser. Idealerweise hat man vor dem Tod bereits Membranstabilisatoren (Kortikoide oder Salicylate), Gerinnungshemmer (Heparin) und Radikalfänger (Vitamine) in die Blutbahn injiziert. Zudem sollte man direkt nach dem Sterben einen sofortigen Blutaustausch durch Zellschutzlösungen vornehmen, da sich im Blut schon sehr früh nach dem Tod u.a. viele Toxine ansammeln. Die Perfusion des gesamten Kreislaufs erfolgt über die Aorta. Nachdem das Blut ersetzt wurde und der Patient auf 4-10°C abgekühlt ist, muss man Frostschutzmittel applizieren. Dazu verwendet man zunächst 10%-igen gefolgt von 30%-igen Äthylenglykol. Danach wird ein 75%-iges Gemisch aus Äthylenglykol, Dimethylsulfoxid (DMSO), Glucose und Mineralien verabreicht. Kontrolliert wird das ganze am venösen Auslauf an der Vena cava durch ein Refraktometer. Ab 0°C wird die Lösung ziemlich viskös, sodass eine effektive Perfusion durch den Körper kaum noch möglich ist. Während dessen wird dann von außen weitergekühlt, zuerst mit Trockeneis auf -78°C und dann mit Stickstoff auf -130°C – und kälter. Danach werden die Patienten in diesem „status quo“ in Stickstofftanks aufbewahrt.  

 

> Was sind die Probleme, mit denen sie in der Kryonik zu kämpfen haben?

Da sind zum einen bürokratische Hürden. In Deutschland haben wir eine enorm strikte Leichenschau. Wir müssen demnach häufig lange warten und es kann oft erst nach Stunden gekühlt werden. Bis dahin sind Blutgerinnung, Kapillarschädigungen, Leukozytenadhäsionen und Endothelschwellungen in den Blutbahnen natürlich schon weit fortgeschritten. Das erschwert die Perfusion. Aber natürlich gibt es auch fachliche Hürden: Ich bin mir als Anatom ehrlich gesagt nicht sicher ob wirklich jedes Kapillargebiet, gerade im Gehirn, von der Perfusionslösung durchströmt werden kann. Ein weiterer Punkt ist, dass die Kryoprotektiva bei hoher Konzentration toxisch sind – obgleich das bei sehr niedrigen Temperaturen natürlich eine geringere Rolle spielt. Zudem führt die extreme Außenkühlung bei größeren Objekten zu makroskopischen Gefrierbrüchen im Gewebe – dem sog. Cracking. Wie genau die Reanimation später ablaufen soll, haben wir Kryoniker in unseren Überlegungen bislang bewusst ausgelassen. Man bräuchte eine Technik, mit der man sehr schnell erwärmen kann, so dass keine Eiskristalle entstehen und die toxischen Substanzen bei Erhöhung der Temperatur nicht zu lange einwirken. Das bekommen wir im Moment noch nicht hin, schließlich ist der ganze Körper ein Eis- bzw. Glasblock. Wenn das irgendwann möglich wäre, müsste man nur noch das Problem in den Griff bekommen, dass der Kryonisierte zuvor ja todkrank und alt war. Man müsste also nach der Reanimation quasi eine Verjüngung durchführen.

 

> Wie stellen Sie sich diesen Verjüngungsprozess vor?

Wir haben eine Vielzahl von Systemen in jeder Zelle, die dem Altern entgegenwirken können – zum Beispiel das Reparatursystem der DNA. Letztendlich werden wir jedoch alt, weil diese von Anfang an nicht richtig funktionieren. Könnte man dort molekular eingreifen, wäre es möglich, jedes Gewebe bzw. Organ unsterblich zu machen bzw. sie zu verjüngen. Das Problem bei diesem Denkansatz ist allerdings, dass jedes Organ andere Altersursachen hat, die in Bau und Funktion begründet sind. Das macht die Verjüngung kompliziert, denn dadurch muss man an sehr vielen individuellen Stellen molekular ansetzen. Ich glaube nicht, dass Stammzell- oder Gentechnologie das schaffen können. Die Nanotechnologie könnte aber dieses Potenzial haben – auch wenn hier sicher noch ein langer Weg vor uns liegt bis tragfähige Konzepte entwickelt sind.  

 

> Sie halten es also tatsächlich für vorstellbar, dass ein Weiterleben nach einer kryonischen Phase  irgendwann möglich ist?

Ja auf jeden Fall. Aber wie gesagt: Damit wir das schaffen, müssen erst noch ein paar wichtige Fragen beantwortet werden, insbesondere was das Gehirn angeht. Da dies das einzige stark individualisierte Organ des Menschen ist, ist es sehr wichtig, dass seine Regeneration besonders gut klappt. Alle anderen Organe könnte man theoretisch durch das vorhandene genetische Material klonieren und reproduzieren. Es muss u.a. geklärt werden, wie lange die Gehirnzellen nach dem Tod tatsächlich überleben und welche Prozesse sich nach dem Tod im Gehirn abspielen. Leider wird dazu nur sehr wenig geforscht. Ein allgemeines Dogma besagt, dass nach spätestens 9 Minuten ohne Sauerstoff das Hirn dahin ist. Doch ist das wirklich so? Es gibt ein paar Ansätze, die mich da eher positiv stimmen. Zum einen scheinen abgestorbene Gehirnzellen nach dem Tod des Patienten im Zellverbund zu verbleiben und zum anderen bevorzugt in die Apoptose zu gehen statt in die Nekrose. Der entscheidende Unterschied ist hierbei, dass Nekrose keinerlei Energie verbraucht und die Zellen somit unwiederbringlich zerstört sind. Dahingegen ist die Apoptose ein energieabhängiger Prozess. Dies bedeutet auch, dass unter Energiemangel, wie z.B. dem Tod, keine vollständige Apoptose mehr stattfinden. Ein Großteil der Zellen kann sich noch nach Stunden in Kultur erholen. Man könnte zusätzlich z.B. durch Caspase-3-Hemmer (ein entscheidender Faktor der Apoptose) den zeitlichen Ablauf der Apoptose vermindern.

 

> Welche ethischen oder religiösen Bedenken gibt es in Bezug auf die Kryonik?

Natürlich ist das Einfrieren nach dem Tod noch ein Tabuthema. Dennoch denke ich: Ein wissenschaftlich-denkender Mensch sollte vorurteilsfrei an die Sache ran gehen und forschen. Es ist ein Experiment und im Prinzip handelt es sich hierbei in meinen Augen um ein Gebiet der Rettungsmedizin, das nur weiter ausgreift. Bis in die 50er Jahre war noch der Herzstillstand das sichere Todeszeichen. Heute kann man Patienten reanimieren. Und wer weiß wie es weitergeht? Viele Menschen, auch Ärzte, sind generell der Auffassung, dass beim Tod etwas Lebensnotwendiges entweicht und nicht zurückbringbar ist. Viele glauben auch, dass nur Gott über den Tod entscheiden kann. Ich denke, das ist eine eher mittelalterliche Auffassung. In Wirklichkeit kann man das Thema Tod heute doch viel differenzierter betrachten. Uns Kryonikern wird immer unterstellt, wir wollten den Menschen unsterblich machen. Aber das ist Quatsch. Den Begriff der Unendlichkeit gibt es im gesamten Universum nicht. Deshalb denke ich auch, dass Religion und Ethik nicht unbedingt mit den Vorstellungen der Kryonik kollidieren. Ich denke alles ist möglich, aber nichts muss. Und letztendlich kann man doch aber definitiv sagen: Aus medizinischer Sicht ist es keinesfalls unsinnig, Menschen einzufrieren, denn selbst wenn alles nicht klappt, konserviert man wenigstens eine große Menge DNA für künftige Generationen.  

 

> Welche Anwendungsgebiete der Kryokonservierung - abseits der „Zwischenlagerung“ Verstorbener könnten sie sich vorstellen, falls es tatsächlich irgendwann funktioniert?

Man könnte schwerkranke Menschen solange tiefkühlen bis ein neues Medikament erforscht ist oder Unfallopfer retten, die unter Feldbedingungen nicht zu retten wären. Ein großes, neues Gebiet in der Forschung ist das sogenannte Tissue Engineering. Hier geht es um die Produktion ganzer Organe im Labor. Das gefällt uns Kryonikern natürlich gut, da wir nach der Reanimation dann neue, junge Organe verwenden könnten. Tissue Engineering bietet aber nur dann eine Lösung des Organmangels, wenn man die Gewebe oder Organe auch über längere Zeit richtig lagern kann – eben z.B. durch gefrieren. Auch könnte man stabile Spender-Organbanken anlegen mit einfacherer Verfügbarkeit und leichterem Transport zu Transplantations-Patienten.  

 

> Wie schätzen Sie den zukünftigen Stellenwert der Kryonik ein?

Dieser wird sehr groß sein, da bin ich mir ganz sicher. Wir haben in unserer Kryonik-Gesellschaft ständig Zulauf. Allgemein ist es so, dass der Tod als ein schlimmes Erlebnis empfunden wird, deshalb verdrängen es viele. Trotzdem finden sich die meisten Menschen damit ab – in der Gewissheit, dass sich das nun mal nicht ändern lässt. Was wenn aber doch – eben durch die Kryonik? Der Tod spielt eine enorm große Rolle in unserem Leben. Jedem Kind wird beigebracht, das der Tod zum Leben gehört und ab einem bestimmten Zeitpunkt will man nicht mehr darüber reden. Das finde ich nicht in Ordnung. Ich finde, dass über Kryonik, auch an Schulen, als Alternative zum „endgültigen Tod“ aufgeklärt werden sollte.

                                                                             

> Was passiert mit ihrem Körper nach dem Tod?

Ich habe, wie aktuell 539 andere Menschen weltweit, einen Körperspendevertrag mit dem Cryonics Institute (CI) in den USA und bin dort auch als wissenschaftlicher Berater engagiert. Die Versorgung von Patienten nach dem Tod für diesen Zweck ist in Deutschland noch nicht ausreichend geregelt. Es gibt auch keine Möglichkeit der Lagerung hier. Ein Transport in die USA ist deshalb immer noch unabdingbar, auch für mich. Wer sich heute bei CI lagern lassen möchte, muss zudem die Kosten von ca. 28.000 Dollar tragen. Auch die Vitrifizierung beherrscht hier in Europa niemand so richtig. Hierfür habe ich ein Team in Ulm aus drei Balsamierern, die die Perfusion beherrschen, und einem Kardiotechniker. Ich werde am Ende mit 118 Patienten, die heute schon dort lagern, bei CI eingefroren sein, in der Hoffnung dass ich irgendwann „aufwache“ und dann Antworten auf all meine Fragen bekomme.

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