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  • Prof. Jens Rassweiler, Dr. Jan Klein, Dr. Kai Probst, Dr. Marcel Hruza
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  • 02.12.2014

Im Eifer des Gefechts - Sexunfälle

Die schönste Nebensache der Welt kann mitunter gefährlich werden – zum Beispiel, wenn man Gegenstände in Körperöffnungen schiebt und sich diese darin verheddern. Urologe Prof. Rassweiler und sein Team stellen die häufigsten urologischen Verletzungen bei sexuellen Aktivitäten vor.

 

Kaktus mit Kondom, Quelle: Pinkshot/Fotolia.com

 

„Der Boden war so glatt, da bin ich ausgerutscht und aus Versehen direkt mit dem Popo auf der Glasflasche gelandet.“ Solche Ausreden hören Urologen öfter, wenn Patienten mit Dingen in Körperöffnungen zu ihnen kommen, die dort eigentlich nichts zu suchen haben. Und das ist nur ein Beispiel von vielen Missgeschicken, die im „Eifer des Gefechts“ passieren können. Männer sind mit 54 % etwas häufiger von solchen Komplikationen betroffen als Frauen. Sicher spielen rein statistisch gesehen Sexunfälle im Vergleich zu infektiösen Folgen sexueller Aktivitäten wie HIV/AIDS, Gonorrhoe oder Harnwegsinfekte (Honeymoon-Zystitis) eine geringere Rolle (Tab.). Der Leidensdruck ist bei einer Verletzung des Urogenitaltrakts oder des Afters aber enorm. Zudem sind die Strukturen so empfindlich, dass bei Nichtbehandlung rasch ein Funktions­verlust droht.

 

 

Abb. 1: Stromkabel in Harnblase, Foto: SLK-Kliniken Heilbronn

 

Abb. 2: Antennenkabel in Harnblase, Foto: Foto: Dr. med. Kai A. Probst, Universitätsklinikum des Saarlandes

Abb. 3: Kabelentfernung, Foto: Dr. med. Kai A. Probst, Universitätsklinikum des Saarlandes

 

Traumata der Harnröhre und Blase

Die Urethra wird am häufigsten bei autoerotischen Aktivitäten verletzt. Betroffene führen unterschiedliche Fremdkörper in die Harnröhre ein, um die transurethralen Sexualrezeptoren zu stimulieren. Dabei kommt es entweder zur direkten Perforation der Harnröhre, meist im bulbären Bereich, zur Blasenperforation oder auch zu spezifischen Komplikationen, wenn sich z. B. ein Kabel verknotet (Abb. 1) oder ein Gegenstand zerbricht. Meistens gelingt eine mini­malinvasive endourologische Lösung des Problems. Mitunter muss aber auch operativ interveniert werden (Abb. 2 und 3). In unserer Klinik mussten wir zum Beispiel einmal ein zerbrochenes Reagenzglas in mehreren Teilen aus der Urethra bergen, wobei die Glasteile sehr schwer mit der Fasszange zu greifen waren. In einem anderen Fall mussten wir einen Bleistift, der transurethral eingeführt die Harnblase perforiert hatte, mit einem Holmium-YAG-Laser zerlegen, um ihn herauszuholen (Abb. 4).

 

 

Abb. 4: Bleistift nach Entfernung aus Harnblase, Foto: SLK-Kliniken Heilbronn

 

Direkte Verletzungen der Harnröhre sieht man nur bei forciertem Geschlechtsverkehr mit voller Blase – meist unter Alkoholeinfluss. Selten wird die weibliche Harnröhre im Rahmen eines transurethralen Verkehrs bei vaginaler Atrophie oder Agenesie verletzt. Solche Praktiken geschehen oft aus anatomischer Unkenntnis und führen zu einer dilatierten weiblichen Urethra mit Stressinkontinenz.

 

„Penisbruch“ und Priapismus

Unter einer „Penisfraktur“ versteht man die Ruptur der Tunica albuginea im Bereich des Corpus cavernosum. Dazu kann es z. B. kommen, wenn die Frau in der „Reiterstellung“ eine zu starke Rückenlage einnimmt. Diese, vom Arzt durch ein Penishämatom erkennbare Verletzung, sollte möglichst frühzeitig operativ durch Naht versorgt werden. Im Extremfall können auch das Corpus spongiosum und die Harnröhre verletzt werden, was der Urologe ebenfalls offen rekonstruieren muss.

 

 

Abb. 5: Penisringe aus Metall, Foto: SLK-Kliniken Heilbronn

Abb. 6: gefährliche Penisschwellung durch Penisring, Foto: SLK-Kliniken Heilbronn

Eine seltene Penisverletzung wird durch den Einsatz von Gummibändern und Metallmuffen als Erektionshilfe verursacht. Ziel solcher Utensilien ist, mittels Penisstrangulation den venösen Rückfluss zu verzögern und so die Erektion möglichst lange aufrechtzuerhalten. Hierzu sind eine Vielzahl von Penisringen auf dem Markt (Abb. 5). Als Nebenwirkung der Penisringe kann es zu einer Hämatospermie kommen. Richtig problematisch wird es, wenn sich die Muffe nicht mehr entfernen lässt und der Penis inkarzeriert (Abb. 6). Meist schämen sich die Patienten und hoffen, dass die Erektion von alleine abklingt. Doch das ist gefährlich, denn eine solche Situation kann zu einer Art Priapismus führen, unter Umständen mit Schwellkörperthrombose. Besteht die Daueranschwellung noch keine zehn Stunden, gelingt eine Abschwellung meist durch Punktion und Aspiration der Glans. Dies ist bei längerem Intervall (bis 72 h) nicht mehr möglich. Als Therapie verbleibt dann nur, die Erektionshilfe zu spalten. Entweder verwendet man dazu einen Diamantschneider aus der Kieferchirurgie oder einen Metallschneider (Abb. 7). Hier kann der Beistand der Feuerwehr notwendig sein, da es zu Funkenflug kommen kann. In Extremfällen, wenn die Schwellung schon länger als 72 h anhält, muss der Urologe den Schwell­körper aus der Penishaut freipräparieren („Degloving“). Eventuelle Nekrosen müssen dann reseziert werden.

 

Eine verlängerte Erektion kann natürlich auch noch andere Ursachen haben: Bei Leu­kämien oder Hyperkoagulation kann der Pria­pismus als Begleitleiden vorkommen. Eine weitere durch sexuelle Aktivität bedingte Ursache ist die zu hohe Dosierung eines Schwellkörper-Injektionspräparats. Klinisch prägnant ist die fehlende Füllung des Corpus spongiosum. Therapeutisch muss möglichst frühzeitig das Corpus cavernosum abpunktiert und verdünntes Noradrenalin injiziert werden. Seit weniger invasive Methoden der Erektionsunterstützung durch die PDE-5-Inhibitoren zur Verfügung stehen, kommt dieser Sexualunfall allerdings nicht mehr so häufig vor.

 

„Morbus Kobold“ & Co.

Die häufigste Verletzung der Penishaut ist die Ruptur des Penisbändchens – besonders bei Frenulum breve. Die Therapie besteht in der Stillung der Blutung aus der A. frenularis und Frenulotomie. Auch eine dislozierte Spirale kann beim Mann zu Verletzungen der Glans führen. Sehr schmerzhafte Probleme bereitet ein Biss bei Fellatio. Im Extremfall kann das in einer nekrotisierenden Fasziitis enden.

 

Eine früher häufige sexuell verursachte Komplikation war die „Staubsaugerverletzung“ oder „Morbus Kobold“, benannt nach einem Staubsauger der Firma Vorwerk. Ursächlich ist die Praxis, den Saugstutzen des Staubsaugers zum autoerotischen Lustgewinn über den Penis zu stülpen. Leider waren bei diesem Modell die Rotationsblätter sehr nah am Rohrausgang eingebaut, sodass die Anwender bei entsprechender Erektion erhebliche Verletzungen im Bereich der Glans erlitten. Nachdem Vorwerk auf das Verletzungsrisiko aufmerksam wurde, änderte das Unternehmen Ende der 1970er Jahre die Konstruktion ihres „Kobold“ so ab, dass keine Verletzungsgefahr mehr besteht.

 

Verletzungen der Vagina

Bei Verletzungen der Vagina unterscheidet man zwischen einem mechanischen direkten Trauma und sekundären Verletzungen bei physio­logischen Störungen wie gestörte Vaginal­sekretion oder Dyspareunie. Ein direktes Trauma ist meistens Folge von Gewalt (Vergewaltigung bzw. „forceful and vigorous coitus“) oder eines ungünstigen Größenverhältnisses zwischen erigiertem Penis und Vagina. Bei physiologischen Störungen kann die Cunnilingus-Technik oder Gleitcreme vor der Penetration hilfreich sein.

 

Der autoerotische Einsatz von vaginal appli­zierten Vibratoren oder Dildos ist kaum mit traumatischen Risiken behaftet. In einem Fall hatten wir allerdings eine Patientin, die eine Champagnerflasche vaginal eingeführt hatte. Da es zu einem Vakuum gekommen war, konnte sie die Flasche nicht mehr entfernen. Entsprechend mussten wir die Flasche im Bauchbereich zerstören, um das Vakuum aufzulösen.

 

 

Abb. 8: Osterei im Rektum, Foto: SLK-Kliniken Heilbronn

 

Lost and found ...

Gefährlicher ist, wenn Fremdkörper rektal appliziert werden: Dann besteht nämlich das Risiko, dass sie ins Rektum dislozieren (Abb. 8) und dort möglicherweise perforieren. Fremdkörper können sich relativ leicht im Rektum festsetzen. Grund: Viele der zur sexuellen Stimulation verwendeten Gegenstände sind an ihrer Spitze zwar konisch geformt, damit eine leichte Penetration gewährleistet ist. An ihrem Ende sind sie aber meist flach, sodass sie sich bei „Verlust“ im Enddarm gewissermaßen verhaken. Eine Perforation des Rektums ist eine lebensbedrohliche Komplikation, die eine sofortige meist offene Intervention erfordert. Kann eine Perforation ausgeschlossen werden, kann man versuchen, den Fremdkörper endo­skopisch zu bergen.

 

Autoerotisch verwendete Utensilien und Techniken

GEGENSTAND  SCHADEN  THERAPIE
Einführung in die Harnröhre    
Wunderkerze Verbrennung von Eichel und Harnröhre Harnröhrenrekonstruktion
Metalldraht bzw. -kabel Knoten in Blase und Harnröhre Endoskopische Durchtrennung und Extraktion
Stearinkerze Aufschwimmen in Blase Endoskopische Extraktion
Kugelschreiber, Häkelnadel Abwandern in Blase mit Verkalkung und Perforation der Urethra Operative Extraktion
Maden Harnverhalt Endoskopische Extraktion der Larve

 

Einführung in die Vagina    
Champagnerflasche Vakuum der Flasche Zerstören der Flasche
Barbieschuh und Deckel
einer Parfümflasche
Verbleib in der Vagina mit Infektion Extraktion

 

Einführung in den Anus    
Stuhlbein Verkantet im Rektum Direkte Extraktion 
Blumenvase Dislokation ins Rektum Operative Extraktion
Cola-/Bierflasche,
Gurke, Pastinake
Dislokation ins Rektum. Bei Flaschen: abgebrochener Hals Operative Extraktion,
u. U. Anus präter
Schraube Perforation des Rektums Offene Extraktion mit Übernähung des Rektums (Tod durch Peritonitis)

 

Stimulation des Penis    
Staubsauger Penisverletzung durch Rotationsblätter Naht der Glans und Penishaut
Küchenmaschine mit Häckselfunktion Penisverletzung durch Rotationsmesser Naht von Schwellkörper und Urethra

Tabelle: Rassweiler et al. Urologische Traumatologie, In:Praxis der Urologie, Band 2, 2007, S.520-549, Thieme Verlag

Verletzungen des Hodens

Auch der Hoden kann im Rahmen sexueller Aktivitäten in Mitleidenschaft gezogen werden. Eine gefährliche Komplikation ist die sogenannte Hodentorsion. Dieses Problem entsteht zwar meistens spontan. Selten kann es aber auch beim Geschlechtsverkehr zu einer Hodenverdrehung kommen. Folge ist eine Mangeldurchblutung des Hodens, die spätestens nach fünf bis sechs Stunden operativ aufgelöst werden muss – sonst droht der Verlust des Organs. Weitere potenzielle Gefahren drohen dem Hoden, wenn er beim Sex zwischen den Beckenknochen von Mann und Frau oder bei einer Fellatio eingequetscht wird. Folge kann eine Ruptur der Tunica albuginea („Hodenruptur“) sein, die sofort operiert werden muss. Auch der Einsatz von perinealen Penisringen oder Fesselungen mit Paketband oder Ähnlichem kann zu Hodenverletzungen führen.

 

Sexueller Missbrauch

Wer zur Steigerung des sexuellen Lustgewinns Utensilien und Techniken einsetzt, die zu Verletzungen führen, dem kann man eine Mitverantwortung an seinem Leid zuweisen. Anders ist die Situation, wenn Frauen oder Kinder Opfer von Missbrauch werden. Die Inzidenz sexuellen Missbrauchs im Kindesalter (Pädophilie) lässt sich nicht exakt bestimmen, da die Dunkelziffer sehr hoch ist. Man geht aber davon aus, dass bis zu 25% der Mädchen und 10% der Jungen bis zum Alter von 18 Jahren in irgendeiner Form Opfer sexuellen Missbrauchs werden. Folgende Merkmale können darauf hindeuten: Verletzungen des Genitales (Frenulum-Einriss, Hymenverletzung, fehlendes Hymen, Verletzung der Labien) oder der Harnröhre, anale Verletzungen, Nachweis von Sperma, Genitalinfektionen (Vulvitis, Vaginitis), venerische Erkrankungen, Schwangerschaft, rezidivierender Harnwegsinfekt, Bisswunden an den Brustwarzen und Enuresis bzw. Enkopresis.

 

Hegt man den Verdacht, dass eine Patientin oder ein Patient missbraucht wurde, oder erzählt sie oder er in der Sprechstunde davon, ist es mit der bloßen Behandlung der Verletzungen nicht getan. Bei Kindern kann der Arzt laut Gesetz z. B. seine Schweigepflicht im Interesse des Opfers brechen und sich gegebenenfalls direkt ans Jugendamt wenden, um den kleinen Patienten vor weiteren Übergriffen zu schützen.

 


Autoren:

Prof. J. Rassweiler (Chefarzt), Dr. J. Klein (Oberarzt) und Dr. M. Hruza (Facharzt) sind Urologen in der Klinik für Urologie und ­Kinderurologie der SLK Kliniken Heilbronn GmbH. Dr. K. Probst ist Urologe am Universitätsklinikum des Saarlandes.

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