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  • 17.02.2005

Famulatur-Tagebuch (1)

Meine erste Famulatur - Das Tagebuch

Endlich ist es soweit: Verena Päschkes erster Tag als Famulantin!Was erwartet mich dort, mit welchen Leuten arbeite ich zusammen, auf welcher Station lande ich? Fragen über Fragen, die sich jeder Medizinstudent vor seiner ersten Famulatur stellt. Vorhang auf für Verenas erste Eindrücke aus der Frauenklinik!

Foto: Jupiterimages

 

Die Aufregung kribbelt im Magen

Der Wecker klingelt laut und höhnisch – er verkündet das vorläufige Ende der süßen Semesterferien, die ich nach den anstrengenden Patho- und Pharmaklausuren so richtig genossen habe. Ausnahmsweise fällt es mir nicht schwer, aus dem Bett zu kommen, denn ich habe mich schon die ganze Nacht lang nur von einer Seite auf die andere gewälzt anstatt zu schlafen. Die Aufregung kribbelt in Zehen, Fingern und vor allem in der Magengrube – mein erster Tag in der Klinik! Der erste Tag als Famulantin! Zum ersten Mal werde ich mit Ärzten zusammenarbeiten, von den Patienten auch als solcher wahrgenommen werden. Irgendwie ist mir dieser Gedanke so früh am Morgen einfach zu viel.

Um 8 Uhr soll ich mich einfinden

Im Zug grüble ich weiter über die vier Wochen nach, die ich in der Frauenklinik verbringen werde. Schon vor einem Jahr bin ich täglich um fünf Uhr aufgestanden, um dorthin zu fahren – ich habe schon mein Pflegepraktikum in diesem Haus gemacht. Obwohl mir weder das Nachtschüsseln ausleeren noch bissige Bemerkungen der Schwestern über meine Unkenntnis bezüglich Bettenmachen erspart geblieben sind, hat es mir doch so gut gefallen, dass ich wiederkommen wollte. Immerhin kenne ich die Infrastruktur der Klinik, weiß wo Ambulanz, Röntgen und Ultraschall sind – das kann sicher kein Nachteil sein. Es war gar nicht so einfach, den Platz zu bekommen. Zuerst habe ich eine Absage kassiert, weil das Haus angeblich schon so viele PJler hat. Doch dann traf ich eine Freundin, die sich für eine Famulatur in der Neonatologie entschieden hatte und ihren Platz in der Gynäkologie nicht mehr brauchte. Das Zusage-Schreiben von Oberarzt Sander halte ich die ganze Zugfahrt lang fest umklammert. Um acht Uhr soll ich mich in der Bibliothek der Klinik einfinden.

Keiner spricht mich an

Nichts leichter als das – forsch drücke ich die Klinke herunter und platze ganz in Zivil in eine Horde Weißkittel hinein. Schnell merke ich, dass es sich nicht um die zahlreichen anderen Famulanten handelt, wie ich im ersten Augenblick gedacht hatte. Nein, die gesammelte Ärzteschaft trifft sich jeden Morgen um acht Uhr, um die Ereignisse der vergangenen Nacht und die Stationsbelegung zu diskutieren. Zum Glück spricht mich keiner an und ich drücke mich möglichst unauffällig an den Türrahmen. Nachdem die Besprechung zu Ende ist, strömen die Weißkittel hastig aus dem schönen Jugendstilraum mit Stuck an der Decke und edlen blauen Holzregalen heraus. Keiner würdigt mich eines Blickes - wo ist Oberarzt Sander?

Achmed ist ein Goldstück

Über den Gang wippt ein lässiger, junger Mann mit coolen weißen Turnschuhen heran, stellt sich kurz vor. Offensichtlich bin ich die einzige Famulantin im ganzen Hause, Hilfe! Sander ruft drei jüngeren Weißkitteln hinterher und bittet eine davon, sich um mich zu kümmern. PJlerin Susanne – auch eine Studentin, wie schön! Susanne ist freundlich, aber dennoch ein bisschen distanziert. Sie geht mit mir durchs Haus, zeigt mir das PJ-Zimmer, zu dem ich ebenfalls Zutritt habe. Im Nähzimmer bekomme ich Hose und Kittel, dann bringt mich Susanne zu der Station, auf die ich für meine erste Woche eingeteilt bin. Wie könnte es anders sein, es ist die "Onkologie II", auf der ich schon meine sechs Wochen Pflegepraktikum gemacht habe. Wie oft habe ich mir damals gewünscht, ins Ärztezimmer rein zu dürfen, und heute ist es endlich soweit! Ein weiterer PJler, Achmed, empfängt mich und stellt mich der Stations-AiPlerin Sandra vor. Sandra ist rothaarig, hyper-energisch und erst mal nicht besonders freundlich. Naja, wird schon noch werden. Dafür ist Achmed ein echtes Goldstück. Die Blutabnahmen hat er für heute schon erledigt. Visite ist auch schon vorbei. Bleiben auf dieser Station eigentlich nur die Neuaufnahmen zu erledigen. Achmed zeigt mir, wie man die Patientinnen internistisch untersucht. Das habe ich im "Klopfkurs" schon ein paar Mal geübt, in der Realität fällt es mir aber nicht so leicht, einem fremden Menschen einfach mit Stethoskop und Händen zu traktieren. Achmed ist aber schon Profi: Das Innere-Tertial liegt gerade hinter ihm, und mit seiner ruhigen, besonnenen Art gelingt es ihm schnell, das Vertrauen der Patientinnen zu gewinnen.

Lass die Finger davon, wenn du`s nicht kannst

Schon ist es Zeit zum Mittagessen. In der Kantine im Keller genehmige ich mir eine riesige Portion Nudeln mit Salat, Suppe, Nachtisch und kostenlosen Cappucino aus einer riesigen Maschine. Was für ein Luxus! Den kann ich aber auch brauchen, denn das ständige Herumrennen durch die Zimmer und über die Gänge fordert seinen Tribut. Trotz Turnschuhen schmerzen meine Füße. Während des Essens hält Sandra, die AiPlerin, mir einen Vortrag: Ich solle die Patientinnen, die oft schon mehrere Chemotherapien hinter sich und schon völlig verknotete Venen haben, beim Blutabnehmen nicht unnötig oft stechen und überhaupt lieber die Finger davon lassen, wenn ich es noch nicht beherrschen würde. Na toll. Die glaubt wohl, dass ich nur hierher gekommen bin, um an allen Leuten meine Einstichmerkmale zu hinterlassen! Ich nicke immer nur höflich. Achmed meint leise: "Hör gar nicht auf sie, sie ist selber total überlastet". Kein Wunder, als AiPlerin ganz alleine eine Station mit zwanzig onkologischen Patientinnen zu schmeißen, mit zwei nur gelegentlich am Horizont erscheinenden Oberärzten, ist sicher nicht so einfach.

Die Schwestern erkennen mich wieder

Das Arbeitszimmer von Schwestern und Ärzten ist nur durch einen Schrank abgetrennt. Und so bleibt es nicht aus, dass mich die Schwestern schnell als ihre ehemalige Praktikantin identifizieren. Schwester Britta und Schwester Rose scheinen sich über das Wiedersehen zu freuen – einen allzu schlechten Eindruck habe ich anscheinend nicht hinterlassen, zum Glück! Nachmittags kommt Schwester Käthe, ein Stück Ex-DDR-Urgestein, die mit ihrer zupackenden Art die ganze Station am Laufen hält und mich damals gründlich gescheucht hat. Auch sie freut sich, und stellt mir gleich die neue Pflegepraktikantin Irene, im zweiten vorklinischen Semester, vor. Du Arme, denke ich insgeheim, tröste sie aber damit, dass ich es auch überlebt habe.

Viel zu tun bleibt nicht mehr für Achmed und mich. Wir tüfteln ein neues Ablagesystem für die Befunde aus, die täglich in die Akten einsortiert werden müssen. Die Krankengeschichten unter "Verlauf" verleiten mich zum Schmökern: Wie zum ersten Mal ein verdächtiger Knoten in der Brust auftaucht, wie es mit der Operation und der ersten Chemo weitergeht, einige Zeit später ein lokales Rezidiv, eine zweite Chemo, Bestrahlung, Metastasen in Knochen, Leber oder Gehirn....Auf der Station landen fast nur Frauen, bei denen von vorneherein mehrere Lymphknoten befallen waren und die ohnehin eine schlechte Prognose haben. Viele von ihnen nehmen an Studien teil, die die Wirksamkeit eines herkömmlichen Chemotherapie-Schemas mit einem neuen vergleichen. Einige der Patientinnen kenne ich noch vom letzten Jahr, sie mich allerdings nicht mehr.

Um vier Uhr ist Abschlussbesprechung, wieder in der Bibliothek. Jede Station berichtet von besonderen Ereignissen, schwierige Fälle werden dem Nachtdienst übergeben. Wer hier wer im Raum ist, weiß ich noch nicht so genau. Die Hierarchie ist jedoch klar: Die Studenten dürfen sich nicht an den großen Tisch setzen, sondern müssen im Hintergrund auf einer zweiten Stuhlreihe Platz nehmen. Am Kopfende des Tisches befinden sich die Oberärzte. Nicht alle sind so jungdynamisch, wie Sander, der mir mitteilt, dass ich nach einer Woche "Onko" zwei Wochen auf "Operativ I", die letzten Tage auf der "Allgemeinen Wochenstation" verbringen werde. Im PJ-Zimmer ziehe ich den weißen Kittel aus. Erster Tag, schon vorbei – was wohl morgen auf mich wartet?

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