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  • Verena Päschke
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  • 28.02.2005

Famulatur-Tagebuch (12)

Verena kommt ins Schwitzen

Während einer Bauch-OP muß sich Verena verschiedenen anatomischen Fragen stellen und kommt dabei ganz schön ins Schwitzen.

Foto: Jupiterimages

Anatomische Fragen

Peter ist nicht mehr sauer oder lässt es sich zumindest bei der Visite nicht anmerken. Heute darf ich endlich wieder bei einer Bauch-OP dabei sein, und zwar bei einer Laparatomie bei einer Patientin mit Uterus myomatosus und hochgradigem Verdacht auf ein Ovarial-Karzinom. Breuer und Hieber operieren. Ersterer eröffnet den Bauch mit einem Längsschnitt und was ich befürchtet habe, tritt ein: Er beginnt mich mit anatomischen Fragen zu löchern! Hätte ich doch das weibliche kleine Becken beim Präpkurs intensiver studiert! Zu spät - erstens war ich am Bein eingeteilt und zweitens hatte meine Gruppe eine männliche Leiche.

Und so geschieht das Unvermeidliche: Den M. pyramidalis verwechsle ich mit den Cooperschen Ligamenten, und im Ligamentum falciforme vermute ich die A. hepatica propria. Superpeinlich. Aber Breuer und Hieber lachen nur. Das Gelächter vergeht ihnen allerdings schnell: Schon nach wenigen Schnitten ist klar, dass die Patientin eine ausgedehnte Peritonealkarzinose hat. "Himmel, A... und Zwirn", flucht Hieber in gewohnter Weise. Bevor der große Uterus myomatosus, der mit metastatischen Knötchen übersät ist, entfernt wird, muss er noch fotografiert werden. "Der Chef arbeitet an einem neuen Lehrbuch", erzählt mir die OP-Schwester.

Die Stimmung wird besser

Während die Operateure Gefäße und Nerven präparieren, muss ich mit beiden Händen den Uterus halten. Nach 20 Minuten kann ich nicht mehr. Zack, auf einmal ist er entfernt und von der Schwester in einer Metallschüssel deponiert. Jetzt geht es weiter mit der Suche nach dem Primärtumor. Es dauert Ewigkeiten, bis die beiden mit dem Peritoneum verbackenen Ovarien freipräpariert sind. Die anfangs bedrückte Atmosphäre heitert sich immer mehr auf. OP-Schwester Gerlinde ist nicht so streng wie sie aussieht, munter fliegen freche Bemerkungen zwischen ihr, den Anästhesisten und den Operateuren hin und her. "Sie haben da einen unästhetischen Blutspritzer auf der Stirn, Famulantin Päschke", meint Breuer auf einmal und veranlasst die unsterile Springer-OP-Schwester, ihn abzuwischen.

"Mein Make-up geht flöten", beschwere ich mich im Scherz, worauf Hieber derartige kosmetische Maßnahmen angesichts meiner "frischen Jugend" als überflüssig erklärt und statt dessen Oberarzt Breuer als make-up-pflichtig deklariert. Die Stimmung wird immer besser, zwischenzeitlich kann ich kaum mehr eine Schere halten vor lauter Lachen. Erst zwei, dann drei Stunden vergehen, doch es ist kein Primärtumor auffindbar! Weiteres Debulking – also Entfernen aller vorhandenen Tumorherde - ist sinnlos, entscheidet Hieber, denn die Mesenterien des Dünndarms sind gesprenkelt mit kleinen Metastasen, und auch die Leber ist befallen. Wie die Patientin am nächsten Tag wohl aufgeklärt wird?

Ob ich einmal lerne, wie man Patienten aufklärt?

Ich finde, dass die Patientinnen generell zuwenig über ihre Krankheit erfahren – wohl auch weil viele es gar nicht so genau wissen wollen. Diese Frau hat wahrscheinlich nicht mehr so lange zu leben. Wird Peter ihr das sagen? Oder einer der Oberärzte? Aufklärung und das Überbringen schlechter Nachrichten werden noch lange nicht zu meinen Aufgaben gehören – aber ob und wann ich im Studium wohl einmal lernen werde, wie man das macht?

Zurück auf Station bleibt keine Zeit zum Grübeln. Das Mittagessen habe ich verpasst und kleistere meinen Magen mit übriggebliebenen Schokocroissants und Fishermans zu. "Gesunde Ernährung und Krankenhausarbeit sind natürliche Feinde", meint Tom und überprüft sorgenvoll seinen Taillenumfang. Peter will die Zyste in Frau N.`s Unterleib punktieren, und wir sollen alle zuschauen und was lernen. Weil bei der Wertheim-OP alle Lymphknoten im kleinen Becken entfernt worden sind, kommt es manchmal zu eitrigen Ansammlungen, erklärt uns Peter. Doch Frau N. lässt ihm nicht viel Zeit zum Reden, sie übernimmt die Regie. Ihr macht es anscheinend Spaß, junge Gynäkologen zum Erröten zu bringen: Wonnevoll verrät sie Details über ihr Sexualleben, obwohl sie keiner danach gefragt hat. Die Ohren von Tom und Peter werden immer röter, während Pia, ich und die Schwester nicht mehr aus dem verstohlenen Kichern herauskommen. Schließlich trifft Peter die Zyste, rasch läuft ein Redon voll mit Eiter, dann noch einer. Kein Wunder, dass Frau N. die ganze Zeit so nörgelig und unzufrieden war, mit einer so großen Eiterbeule im Bauch! Andererseits gibt es auch viele Patientinnen, die starke Schmerzen haben und trotzdem immer geduldig und freundlich sind. An denen sollte sich "Adipositas permagna", wie wir sie nennen, mal ein Beispiel nehmen. Aber ich habe gut reden, schließlich war ich selbst glücklicherweise noch nie Patientin im Krankenhaus.

Um eine Abwechslung zu haben, schaue ich noch schnell bei der netten Frau P. vorbei, die sich nun doch entschieden hat, ihre Gebärmutter entfernen zu lassen. Im Gegensatz zu den meisten anderen will sie ganz genau wissen, wie ein Uterus myomatosus aussieht, wie die Operation abläuft etc. Ich zeige ihr ein paar Bilder aus meinem Gynäkologiebuch und teile mein spärliches Wissen mit ihr. Vielleicht hilft es ihr nur einfach, darüber zu reden. Danach gehen Pia und ich noch zu den beiden Notfall-Schwangeren. Die mit dem Fruchtblasenprolaps hat eine Cerclage bekommen und muss den Rest ihrer Schwangerschaft im Bett verbringen. Trotzdem ist sie glücklich und zufrieden, dass es ihrem Baby gut geht. Die andere mit dem Verdacht auf intramurale Schwangerschaft ist ebenfalls happy: Bei der Laparaskopie sah alles ganz normal aus, und bei der Amniozentese kam heraus, dass ihr Kind ein gesunder Junge werden wird. Sie darf morgen nach Hause. Nach Hause gehen wir nun auch, denn Pia und PJ Andi waren ebenfalls im OP und sind müde. Vorher müssen wir allerdings nervigerweise noch die OP-Pläne verteilen.

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