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  • Verena Päschke
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  • 01.03.2005

Famulatur-Tagebuch (13)

Männliche Memmen?

Verena muß feststellen, dass es unter Männern doch Memmen gibt! Und über Arbeitszeiten im Krankenhaus läßt sich bekanntlich streiten...!

Foto: Jupiterimages

Kuchen!

Essenstechnisch verspricht es heute ein guter Tag zu werden: Frau Wickert, die Schreibkraft, feiert ihren Abschied von der Frauenklinik und hat die ganze OP I zum Kaffeetrinken eingeladen. Und Frau S., eine Patientin mit Vaginalkarzinom, die ein Vierteljahr lang auf OP I lag, hat zur Freude der Schwestern heute das Haus verlassen und ist mit dem Taxi zur Kur in den Schwarzwald gefahren – nicht ohne eine Kuchen-Kalorienbombe zu hinterlassen. Das Taxi – und die Finanzierung von Seiten ihrer Krankenkasse - habe ich ihr gestern unter Mühen organisiert. Peter meint dazu, ich hätte es nicht schon um 8 Uhr bestellen dürfen, wie Frau S. es wollte. Egal, ihren Kuchen essen wir alle gerne.

Männer sind doch Memmen!

Vormittags stehe ich zum ersten Mal mit Peter als erstem Assistenten am Tisch. Sander ist Operateur und fragt mich natürlich auch gleich, was dem weiblichen Ligamentum infundibulum pelvicum beim Mann entspricht. Verzweifelt krame ich in den hintersten Schubladen meines Gedächtnisses und flüstere "Ductus deferens" in der Hoffnung, dass er das überhört, wenn es falsch ist. "Sehr gut", meint er lächelnd. "Stimmt zwar nicht, aber gut geraten!" Zu meiner Beruhigung weiß Peter es auch nicht. Sander will, dass ich abends im Anatomieatlas nachschauen und ihm morgen die Lösung sagen soll. Die OP hat laparaskopisch begonnen, wobei der zweite Assistent nichts zu tun hat, doch nun wird der Bauch geöffnet: Frau R. hat eine Ovarialzyste, aus der auf Druck Eiter herausfließt. Da sie noch Kinderwunsch hat, präparieren die beiden ganz vorsichtig die Zyste ab und saugen immer wieder Eiter ab. Auf einmal erscheinen Haare – ein Teratom, ein gutartiger Tumor aus embryonalen Gewebe! Die OP-Schwester und ich finden das super-interessant und würden am liebsten die Zyste eröffnen um zu schauen, ob noch Zähne oder ähnliches zum Vorschein kommen.

Doch Sander und Peter gruseln sich vor dem Gebilde: "Ist ja eklig, bringen Sie das mal ganz rasch in die Histo", befiehlt Sander. Männer sind doch Memmen, und Ärzte keine Ausnahme. Nachdem das restliche Ovarialstroma präpariert ist, wird eine Chromopertubation gemacht: Durch die Vagina wird blauer Farbstoff in den Uterus gejagt, der durch die Tuben herauskommen sollte, wenn diese frei sind. Die rechte Tube ohne Zyste ist verschlossen, nur die linke ist durchgängig. Zum Glück haben die Operateure nicht den ganzen Eierstock entfernt, wie die Anästhesisten es scherzhaft vorgeschlagen hatten. Denn wenn Frau R. ein Kind bekommen will, muss die Eizelle dazu aus dem linken Rest-Ovar entspringen. Leider lässt mich Peter wieder nicht nähen, ich traue mich auch nicht, ihn darum zu bitten. Am Ende einer Drei-Stunden-OP fühle ich mich ehrlich gesagt immer ziemlich flau und bin mir nicht sicher, ob ich diese komplizierte Fummelei mit dem Faden richtig hinkriegen würde.

Arbeitszeiten

Nachmittags ist – nach Oberarzt-Vorstellung und reichlich Schreibtischarbeit – Feiern angesagt. Rainer, der AiPler von OP II, und Dr. Fried sind gekommen, selbst Hieber hat sein Erscheinen zugesagt. Beim Kuchenvertilgen entspinnt sich eine heiße Diskussion zwischen Schwester Martha, PJ Andi und mir. Martha ist der Meinung, dass junge Leute jung sind und deshalb nicht jammern sollten, wenn sie im Krankenhaus viel und umsonst arbeiten müssten. Während ihrer Ausbildung – vor vierzig Jahren mindestens, flüstert mir Rainer ins Ohr – habe sie das schließlich auch mitmachen müssen. PJ Andi dagegen meint, dass ihn das völlige Fehlen jeder finanziellen oder sonstigen Anerkennung öfter demotivieren würde. Ich meine, dass ich nicht gern jeden Abend bis neun Uhr bleiben würde, nur weil mein Chef das verlangt – egal ob die Arbeit bereits getan ist oder nicht. Schwestern haben gut reden. Sicher haben sie viel zu tun, aber trotz allem bietet das Schichtsystem doch geregelte Arbeitszeiten. 36 Stunden am Stück zu arbeiten wie es die Ärzte hier 4 mal pro Monat tun, würde Schwester Martha nicht im Traum einfallen.

 

Kurzarztbriefe kann ich schon

Hieber und Frau Wickert führen uns eine rührende Abschiedsszene vor. Frau Wickert wechselt zu einer privaten Biotech-Firma. Jetzt wird es wohl Ewigkeiten statt nur einem Monat dauern, bis die Arztbriefe geschrieben worden sind. Ja, Kurzarztbriefe schreiben kann ich nun übrigens auch perfekt. Richtige "dürfen" allerdings nur Tom und Peter verfassen. Direkt von der Teeküche gehen wir in die Abendbesprechung und dann umgehend nach Hause. Mir ist nämlich ganz schlecht von soviel Kuchen.

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