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  • Verena Päschke
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  • 06.03.2005

Famulatur-Tagebuch (18)

Die erste Geburt

Verena erlebt ihre erste Geburt! Vor der Geräuschkulisse auf der Kinderstation nimmt sie bereits nach wenigen Minuten Reißaus.

Foto: Jupiterimages

 

Meine erste Geburt!

Nach dem Frühstück im Kreissaalstübchen nimmt Dr. Habashi mich mit in das Allerheiligste und stellt mich ganz kurz vor bei Hebamme, Hebammenschülerin und werdenden Eltern. Interessieren tut das allerdings niemanden, denn die Frau hat offensichtlich starke Schmerzen und der Kopf des Kindes ist schon deutlich sichtbar. Habashi und ich platzieren uns unauffällig, aber in guter Sichtweite. Die Hebamme steckt eine grüne Akupunkturnadel in den Damm: "Jetzt sieht Ihr Kind aus, als ob es eine Antenne auf dem Kopf hat", freut sich die Hebammenschülerin. Haha, wie witzig. Geholfen hat es nichts, ein Dammschnitt muss gemacht werden. Blut, Fruchtwasser und Darminhalt fließen, der Kopf des Kindes kommt immer weiter heraus. Pflopp, schon ist es da! Ein kleiner Junge, der Marco heißen soll.

Habashi saugt die Atemwege frei, worauf Klein-Marco sofort kräftig zu brüllen beginnt. Die Hebamme zwingt den leicht überfordert aussehenden Vater noch dazu, die Nabelschnur durchzuschneiden, dann machen Habashi und ich die Fliege. Insgesamt war ich vielleicht zehn Minuten lang im Kreissaal. Im Vorzimmer laufen geschäftig 16- oder 17-jährige Hebammenschülerinnen herum, für die das alles schon ganz selbstverständlich ist.

Ich suche Miriam und erzähle ihr alle Details, sie lacht verständnisvoll und meint, wenn man selbst in der Situation sei, würde man das alles ganz anders wahrnehmen. Wir gehen zum Blutabnehmen, natürlich klappt es bei mir mit doppelt so stark wie sonst zitternden Fingern nicht. Eine vier Jahre jüngere Frau als ich liegt schon seit einigen Wochen im Einzelzimmer auf der Privatstation, wegen Placenta praevia. Viermal versuche ich es, denn ihre Venen sehen so schön aus, aber nichts zu machen: Immer wieder gleiten sie mir unter den Fingern weg. Das sind wohl die berühmt-berüchtigten Rollvenen, vor denen Achmed mich immer gewarnt hat. Zum Glück ist die Patientin hart im Nehmen und beschwert sich nicht.

 

Keine Butterflys

Katharina sitzt im Ärztezimmer der Wochenstation und telefoniert mit ihrer Mutter. Zum x-ten Mal erzählt sie die Geschichte von ihrem Zungenbändchen, das der böse Zahnarzt durchgeschnitten hat und das jetzt so weh tut. Schwester Marina – Typ: feuerspeiender Drachen – kommt rein und beschwert sich, dass ich beim Blutabnehmen Butterflies verwende, denn die seien viel zu teuer und ich solle nicht so faul sein und mit Nadeln stechen. Katharina sagt kein Wort dazu. Als ich sie frage, ob die Butterflies tatsächlich so teuer sind, meint sie arrogant: "Ja, tatsächlich". Blöde Schnecke, wüte ich in Gedanken. Genau wie Silke von Onko II kann Katharina sich anscheinend auch nicht mehr an die Zeit erinnern, als sie selbst noch kleiner Famulant war.

Außerdem: Wenn ich bei jeder Frau zuerst mit der Nadel steche und dann doch bei 50 Prozent einen Butterfly nehmen muss, kostet das noch viel mehr und die Patientin hat nur unnötige Schmerzen. Die Schwestern von der privaten Wochenstation sind zum Glück viel netter, und als ich bei ihnen um einen Butterfly bitte, stopfen sie mir gleich die Taschen damit voll.

Die Geräuschkulisse auf der Kinderstation ist gewöhnungsbedürftig

Von Katharina und der Wochenstation habe ich die Schnauze voll, und so gehe ich in die Kinderstation nebenan. AiPlerin Anne sieht genauso sanft und lieb aus, wie man sich Kinderärztinnen klischeehaft vorstellt, aber genau das kann ich jetzt brauchen. Sie macht mit mir einen Ultraschall durch die Fontanelle bei einem ein Tage alten Jungen. Danach gehen wir in ein kleines Zimmer mit zehn gleichzeitig Zeter und Mordio schreienden Neugeborenen. Anne zeigt mir die U2-Untersuchung, ich gucke mir die Babys – in allen Hautfarben und Größen vorhanden – an. Doch schon nach ein paar Minuten in diesem Zimmer halte ich die Geräuschkulisse nicht mehr länger aus und fliehe. Also, Kinderarzt werde ich ganz bestimmt nicht. Miriam meint, einen Kaiserschnitt würde es heute sicher nicht mehr geben. So mache ich mich schon um halb drei auf den Heimweg und schlafe im Zug natürlich wieder ein.

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